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Full text of "Gesammelte patristische Untersuchungen"

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Ankündigung. 



Der durch seine kirchengesohiolitliohen Forschungen, 
insbesondere auf dem Gebiete der Patristik, seit Jahren 
bekannte Verfasser bietet in vorliegendem Werke eine Samm- 
lung seiner inhaltlich bemerkenswerthesten Untersuchungen. 
Theils sind es Entdeckungen bisher verschollen gewesener 
oder unbeachtet gebliebener Urkunden und Schriftwerke, 
theils die Erkenntniss neuer Beziehungen innerhalb des 
schon bekannten, durch den Fleiss und die für solche 
Zwecke, reichlicher fliessenden Mittel der Vorfahren uns 
zugänglich gemachten Schriftthums, wodurch der Verfasser 
bisher die geschichtliche Erkenntniss des christlichen Alter- 
thums gefördert hat. Besonders aber hat die Durchforschung 
zahlreicher, unter falschen Verfassernamen überlieferter 
Werke jener Jahrhunderte überraschende Ergebnisse zu 
Tage gefördert. Schriften, welche den Forschern bis in 
die Neuzeit als feste, sichere Marksteine der Entwickelung 
des Glaubens der Kirche und der christlichen Wissenschaft 
galten, haben vor einer genauer prüfenden Untersuchung 
nicht Stand gehalten ; sie haben sich vielmehr als Fälschungen 
erwiesen. Dem Verfasser war es vergönnt, gerade auf diesem 
Gebiete eine Reihe wichtiger Entdeckungen zu machen. 
Er legt einige derselben in gründlicher Verbesserung, zum 
Theil in beträchtlicher Umarbeitung und Erweiterung bezw. 
Kürzung, hiermit seinen Fachgenossen vor. 



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GESAiMMELTE 



PATRISTISCHE UNTERSUCHUNGEN. 




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Ankündigung, 



Der durch seine kirchengeschiolitiichen Forschungen, 
insbesondere auf dem Gebiete der Patristik, seifc Jahren 
bekannte Verfasser bietet in vorliegendem Werke eine Samm- 
lung seiner inhaltlich bemerkenswerthesten Untersuchungen. 
Theils sind es Entdeckungen bisher verschollen gewesener 
oder unbeachtet gebliebener Urkunden und Schriftwerke, 
theils die Erkenntniss neuer Beziehungen innerhalb des 
schon bekannten, durch den Fleiss und die für solche 
Zwecke, reichlicher fliessenden Mittel der Vorfahren uns 
zugänglich gemachten Schriftthums, wodurch der Verfasser 
bisher die geschichtliche Erkenntniss des christlichen Alter- 
thums gefördert hat. Besonders aber hat die Durchforschung 
zahlreicher, unter falschen Verfassernamen überlieferter 
Werke jener Jahrhunderte überraschende Ergebnisse zu 
Tage gefördert. Schriften, welche den Forschern bis in 
die Neuzeit als feste, sichere Marksteine der Entwickelung 
des Glaubens der Kirche und der christlichen Wissenschaft 
galten, haben vor einer genauer prüfenden Untersuchung 
nicht Stand gehalten; sie haben sich vielmehr als Fälschungen 
erwiesen. Dem Verfasser war es vergönnt, gerade auf diesem 
Gebiete eine Reihe wichtiger Entdeckungen zu machen. 
Er legt einige derselben in gründlicher Verbesserung, zum 
Theil in beträchtlicher Umarbeitung und Erweiterung bezw. 
Kürzung, hiermit seinen Fachgenossen vor. 



GESAMMELTE 



PATMSTI8CHE UNTERSUCHUNGEN. 



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GESAMMELTE 





VON 



Dr. JOHANNES DRASEKE 

OBERLEHBER AM GYMNASIUM ZU WANDSBECK. 



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ALTONA UND LEIPZIG. 

VERLAG VON A. C. RBHER. 

1889. 



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DEM 

UNERMÜDLICHEN FORSCHER AUF DEM GEBIETE 

DES URCHRISTLICHEN SCHRIFTTHUMS UND 

DER KIRCHENGESCHICHTE 



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HERRN 

D. ADOLF HILGENFELD 

GKOSSHEBZOaLICH SÄCHSISCHEM KIBCHENRATH UND PROFESSOR DER THEOLOGIE 

AN DER UNIVERSITÄT ZU JENA 



IN VORZÜGLICHER HOCHACHTUNG 



ZUGEEIGNET. 






Vorwort. 



Dass wir von einer wirklichen Geschichte des 
Schriftthums der alten christlichen Kirche noch ziemlich 
weit entfernt sind, ist eine unter den Forschem auf 
diesem Gebiete ganz allgemein feststehende Thatsache. 
Soviel auch schon von ausgezeichneten Gelehrten der 
vorangegangenen Jahrhunderte erkundet und geleistet 
worden ist, dennoch stecken wir zumeist auch heute 
noch in den Vorarbeiten. Niemand aber wird leugnen 
können, dass die patristische Wissenschaft, unbekümmert 
um allen Streit und Hader der theologischen Parteien 
und nur ihrer hohen Aufgabe, die "Wahrheit auf ihrem 
Gebiete zu erforschen, hingegeben, in den letzten Jahr- 
zehnten recht erhebliche Fortschritte gemacht hat, so 
dass sie schon jetzt auf eine ganz stattliche Reihe er- 
freulicher Ergebnisse hinweisen kann. Theils sind es Ent- 
deckungen bisher verschollen gewesener oder unbeachtet 
gebliebener Urkunden und Schriftwerke, theils die Er- 
kenntniss neuer Beziehungen innerhalb des schon be- 
kannten, durch den Fleiss und die für solche Zwecke 
reichlicher fliessenden Mittel der Vorfahren uns zugäng- 
lich gemachten Schriftthums, welche den wissenschaft- 
lichen Eifer der Forscher erweckt und angefeuert haben. 



VIII Vorwort. 

« 

Besonders aber hat die Durchforschung zahlreicher, 
• unter falschen Verfassernamen uns überlieferter Werke 
des christlichen Alterthums überraschende Ergebnisse 
zu Tage gefördert. Schriften, welche, manchmal im 
Mittelpunkte, öfters aber mehr abseits an den Grenzen 
der Theilnahme ihrer christlichen Zeitgenossen stehend, 
den Forschem bisher als feste, sichere Marksteine der 
Entwickelung des Glaubens der Kirche und der christ- 
lichen Wissenschaft galten, haben vor einer genauer 
prüfenden und in die Tiefe dringenden Untersuchung 
nicht Stand gehalten. Sie haben sich vielmehr als 
Fälschungen erwiesen. Und zwar sind diese Fälschungen 
theils solche, die freilich nicht als Werke derjenigen 
Zeugen der Wahrheit gelten durften, deren berühmter 
Name von unkundiger Hand ihnen als Geleitsbrief bei- 
gegeben war, wohl aber dem Zeitalter des angeblichen 
Verfassers in weiterem Sinne angehören können; theils 
dürfen wir jene Werke als solche bezeichnen, deren 
Urheber mit voller Absicht den Namen eines gefeierten 
Mannes der früheren Zeit wählten, um diesen auch zu 
späteren Geschlechtern über Dinge, welche voll und 
ganz eben deren ausschliessliche Theilnahme erfüllten, 
mit Nachdruck reden zu lassen, oder um unter dem 
falschen Namen Schriften eines grossen Lehrers, dessen 
Glaubensstandpunkt und weitschauender, in die Tiefen 
der Erkenntniss ^ dringender Blick den Späteren aus 
diesem oder jenem Grunde verdächtig oder verwerflich 
erschien, unbeanstandet in die christliche Kirche einzu- 
führen und derselben zu erhalten. Ich brauche da, um 
aus der Fülle des Stoffes bloss das Wichtigste zu nen- 
nen, nur hinzuweisen auf die zahlreichen unter des 
Blutzeugen Justinus Namen umlaufenden Werke, sowie 
auf die fälschlich dem Gregorios Thaumaturgos, Atha- 



Vorwort. IX 

nasios, Julius und Felix von Rom, Theodoretos, Ky- 
rillos von Alexandria u. A. beigelegten Schriften, um 
daran die Erinnerung zu knüpfen, dass gerade auf 
•diesem Gebiete es auch mir vergönnt war, eine Reihe 
wichtiger Entdeckungen zu machen und den Fachge- 
nossen mitzutheilen. Der Eürchenlehrer Ap ollin a- 
rios von Laodicea ist es in erster Linie, den ich 
aus dem Dunkel der Vergangenheit und den Trjimmern 
ihrer schriftstellerischen Ueberlieferung zu neuem Leben 
erweckt habe. Hoffentlich gelingt es mir in Bälde 
meine Forschungen über dieses bedeutendsten Kirchen- 
lehrers des vierten Jahrhunderts Leben und Schriften 
zusammenzufassen und nebst einer vollständigen Samm- 
lung seiner uns erhaltenen dogmatischen Schriften 
sowie der Bruchstücke aus denselben (die auf Erklärung 
der h. Schrift bezüglichen ausgeschlossen) zu veröffent- 
lichen. Zuvor erlaube ich mir, von der Ueberzeugung 
durchdrungen, welche zuert Hase (Kirchengeschichte I, 
Vorwort S. VH) aussprach, dass wir einer Zeit entge- 
gengehen, „in der man die Kirchengeschichte zur all- 
gemeinen höhern Bildung rechnen wird'^, den Theologen 
aller Eichtungen und Berufsarten und allen, welche 
sonst dem Schriftthum der alten Kirche warme Theil- 
nahme entgegenbringen — ich denke hauptsächlich an 
Philologen und Geschichtsforscher sowie an Freunde 
der Geschichte im weiteren Sinne — , hiermit eine 
Sammlung meiner patristischen Untersuchungen vorzu- 
legen, welche theils in Hilgenfeld's „Zeitschrift für 
wissenschaftliche Theologie", theils in Luthardt's „Zeit- 
schrift, für kirchliche Wissenschaft und kirchliches 
Leben", theils in Lipsius' „Jahrbüchern für protestan- 
tische Theologie" und in den „Theologischen Studien 
imd Kritiken" veröffentlicht sind, hier aber in gründ- 



X ' Vorwort. 

licher, auch sprachliclier, Durclisiclit und Verbesserangy 
zum Theil in beträchtlicher Umarbeitung und Erweite- 
rung bezw. Kürzung erscheinen. Sie alle behandeln 
irgend eine beachtenswerthe oder wichtige Frage des 
altchristlichen Schriftthums, und es wird meine Aufgabe 
sein, Zweck und Ziel jeder einzelnen der folgenden 
Untersuchungen an dieser Stelle kurz zu umschreiben 
und zu kennzeichnen, damit Jeder, der diese Abhand- 
lungen zur Hand nimmt, von vornherein weiss, was er 
in denselben -zu erwarten hat. 

Die erste Untersuchung befasst sich mit einer 
Schrift wider die Manichäer, welche, obwohl als eine 
durch äussere Umstände in Titus' von Bostra berühmtes 
Werk gegen die Manichäer hineingerathene Einschal- 
tung durch P. de Lagarde's Scharfsinn schon seit 1858 
erkannt und öffentlich bezeichnet, den Forschem auf 
dem Gebiete des Manichäismus dennoch ein ganzes 
Menschenalter hindurch unbekannt geblieben ist. Es 
ist nicht meine Schuld, dass ich diese höchst verwun- 
derliche Thatsache habe an's Licht ziehen müssen. 
P. de Lagarde, der wohl berechtigt sein mag, auch 
sonst über Vernachlässigung bezw. Nichtbeachtung 
seiner wissenschaftlichen Ergebnisse Klage zu führen, 
hat die Sache schärfer gefasst, wie aus seinen in den 
Göttingischen gelehrten Anzeigen (Stück 22 vom 20. 
Oct. 1888, S. 82) gethanen Aeusserungen erhellt. Als 
Verfasser glaube ich Georgios von Laodicea mit 
Sicherheit ermittelt zu haben. — In der zweiten 
Untersuchung über die Dionysios- Frage werden die 
unwissenschaftlichen Unterstellungen zweier neueren 
Gelehrten, Ilarion Kanakis und E. Foss zurückgewiesen 
und Franz Hipler's grundlegende Forschungen über 
Dionysios von Ehinokolura nach allen Rieh- 



Vorwort. XI 

tungen hin gestützt und vertlieidigt. Sodann habe icli 
den, wie ich glaube, nicht vergeblichen Versuch ge- 
macht, über Hipler's Ergebnisse hinaus weiter vorzu- 
dringen und auf deutlich hervortretende Beziehungen 
des Aegypters Dionysios zu Apollinarios von Laodicea 
und seinen Schülern aufmerksam gemacht. Hierbei 
drängte sich mir die Ueberzeugung auf, dass die unter 
Hippolytos' Namen überlieferten Bruchstücke IleQi 
^€oloy£ag xal caQxcoasoog von Niemand anders als Dio- 
nysios von Rhinokolura herrührten und dessen uns nur 
inhaltlich bekannten „Theologischen Grundlinien" zu- 
zuweisen seien, ein Ergebniss, welches für die weitere 
Gestaltung der Dionysios-Forschung von Wichtigkeit 
sein dürfte. — Nicht minder bringt auch die dritte 
Untersuchung eine ähnliche patristische Aufklärung, 
wie die zweite. Sie dreht sich um die ehrwürdige 
Gestalt des treuesten Freundes des Laodiceners Apolli- 
narios, Vitalios von Antiochia, dessen Begegnung 
mit Epiphanios nach des letzteren Bericht geschildert 
wird. Hauptsächlich aber werden Gregorios' von Na- 
zianz über Vitalios und sein Glaubensbekenntniss in 
seinem zweiten Briefe an Kledonios gemachte Aeusse- 
rungen genauer geprüft und aus äusseren wie inneren 
Gründen der Nachweis erbracht, dass jenes von Gre- 
gorios gemeinte Glaubensbekenntniss uns in der falsch- 
lich unter Gregorios' des Wunderthäters überlieferten 
Schrift KsipdXaia nsQt nC(Si:€w<; dcoösxa heute noch vor- 
liegt, eine Thatsache, durch welche wiederum mehrere 
bisher nicht genügend klar erkannte Beziehungen von 
Schriftstellern jener Zeit in erwünschter Weise aufge- 
hellt werden. — Die vierte Untersuchung enthält den 
Beweis, dass die im Jahre 1880 von Victor Ryssel als 
eine bisher unbekannte Schrift Gregorios' des Wunder- 



XII Vorwort. 

thäters aus dem Syrischen veröffentlichte Schrift „An 
Philagrios über die Wesensgleichheit" , auf deren grie- 
chische Urschrift ich sofort damalö als eine längst be- 
kannte und zwar unter den Werken des Nazianzeners 
überlieferte hinzuweisen mir erlauben durfte, thatsäch- 
lich von Grregorios von Nazianz verfasst ist und 
die Aufschrift trägt: IlQog Evdyqiov fiovaxov tisqI x^eoTfjrog. 
Zum Schluss habe ich einige Bemerkungen über gewisse 
Beziehungen innerhalb der zweiten von Eyssel aus dem 
Syrischen übersetzten Schrift „An Theopompos über 
die Leidensfähigkeit und Leidensunfähigkeit Gottes" 
gemacht. — Durch genauere Untersuchung über die 
unter Athanasios' Namen überlieferten Schriften wider 
ApoUinarios von Laodicea werden in der fünften 
Abhandlung zwei Gegner des ApoUinarios nach- 
gewiesen. Der Beweis umfasst drei Hauptstücke, ein- 
mal, dass beide Schriften nicht von einem und demselben 
Verfasser herrühren, sodann, dass sie nicht von Atha- 
nasios geschrieben sein können und endlich, dass beide 
aus Alexandria, vielleicht von Didymos und dessen 
Schüler Ambrosios stammen. — In der sechsten Unter- 
suchung endlich habe ich zum ersten Male den Versuch 
gemacht, den durch M. Haupt's erstmalige Veröffent- 
lichung des griechischen Wortlauts der „Vita Porphyxii 
episcopi Gazensis" von Marcus Diaconus (Berlin 1874) 
uns zugänglich gewordenen reichen kirchengeschicht- 
lichen Stoff zu gestalten. Es kam darauf an, über die 
Eigenart der Berichterstattung des Marcus sowie über 
die Bedeutung seiner Schrift ein Urtheil zu gewinnen 
und damit zugleich von den religiongeschichtlich so 
wichtigen Thatsachen, deren Zeuge Marcus war, näm- 
lich dem Kampfe und Siege des Christenthums in Gaza, 
ein anschauliches Bild zu entwerfen. 



Vorwort. XIII 

Soviel im Allgemeinen über Ziel und Zweck der 
hier vereinigten TJntersucliungen , deren kurzgefasste 
Ueberschriften nunmehr keiner besonderen Entschul- 
digung bedürfen werden. Mögen die Abhandlungen 
auch in dieser Form und Fassung im Grossen und 
Ganzen die Zustimmung der Fachgenossen finden, welche 
ihnen zumeist schon bei ihrem ersten Erscheinen zu 
Theil wurde. Ueber die meiner Arbeit anhaftenden 
Mängel täusche ich mich selbst am wenigsten. Darum 
erinnere ich wohlmeinende Beurtheiler derselben an 
des Dichters Wort: 

Si quid novisti rectius istis, 
Candidus'imperti: si non, his utere mecum. 

Wandsbeck, den 7. August 1889. 



Dr. Johannes Dräseke. 



Inhalt. 

Seite 

I. Georgios von Laodicea 1 

n. Dionysios von ßhinokolura 25 

III. Vitalios von Antiochia 78 

rV. Gregorios von Nazianz .... - 103 

V. Zwei Gegner des ApoUinarios 169 

VI. Marcus Diaconus 208 



I. 



Georgios von Laodicea, 



Im Jahre 1859 gab P. A. de La gar de aus einer 
der Hamburger Stadtbibliothek angebörigen Handschrift^ 
die eine Abschrift der schon von Turrianus 1604 
benutzten Vaticanischen ist, das berühmte Werk des 
Titus von Bostra gegen die Manichäer — so weit 
es erhalten — von Neuem heraus^), nachdem es auf 
Grund derselben Abschrift Basnage 1725 in Antwerpen 
zum ersten Male veröffentlicht hatte. Was die beiden 
Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts nicht gesehen, 
fand La gar de durch Vergleichung mit der im Jahre 
411 gefertigten, von ihm gleichfalls im Jahre 1859 
herausgegebenen syrischen Uebersetzung der Schrift. 
Demzufolge enthielt nämlich die Urhandschrift offenbar 
mehrere Schriften wider die Manichäer von verschiedenen 
Verfassern, dieselbe gerieth durch irgend welche äussere 
Umstände ausser Zusammenhang, und das Unglück 
wollte, dass bei Zusammenfügung der einzelnen Theile 
nunmehr von ungeschickter Hand ganze fortlaufende 
Blattlagen an verkehrter Stelle wieder eingefügt wurden. 
Mit Rücksicht auf diese von ihm klar erkannten That- 
sachen verwies Lagarde alles dasjenige,^] was, ohne dass 



^) Tili Bostreni quae ex opere contra Manichaeos edito in 
codice Hamburgensi servata sunt graece e recognitione Pauli Antonii 
de Lagarde. Berolini 1859. 

Dräseke, Ges. patrist. Untersnch. J- 



2 Georgios von Laodicea. 

sicli der geringste Absatz oder eine Andeutung ßtnde, 
dass hier etwas Fremdes folgt, in der Hamburger (und 
Vaticanischen) Handschrift nach dem Worte aiiSvag (in 
seiner Ausgabe S. 11, 4) von S. 42 — 99 steht, in den 
dem echten "Werke des Titus angefügten Anhang, der 
von S. 69 — 103 läuft und ein ganz stattliches Buch 
bildet, von welchem La gar de sich der Hoffnung hin- 
gab. Jedermann werde jetzt einsehen, dass alles dies 
nicht von Titus herrühre. In der That hat der hoch- 
verdiente Forscher mit jener geschickten Auslösung der 
WissBnschaft ein neues, fast vollständiges Werk 
eines bisher unbekannten Schriftstellers ge- 
schenkt. Seine Schuld ist es nicht, wenn die von ihm 
entdeckte und mit nicht missverständlichen Worten her- 
vorgehobene Thatsache bis auf diesen Tag, d. h. also 
nahezu ein Menschenalter, so viel ich wenigstens habe 
ermitteln können, nicht beachtet worden ist. 

Zum Erweis dieser Behauptung führe ich nur ein 
Beispiel an, das, wie ich hoffe, als vollgenügend ange- 
sehen werden wird. La gar de unterzeichnete die nach 
Vollendung des Drucks abgefasste Vorrede zu seinem 
Titus Bostrenus am 5. April 1858; das Werk selbst wird 
daher, nach Buchhändlergebrauch mit der Jahreszahl 
1859 versehen, im Herbst 1858 zur Ausgabe gelangt 
sein. Li dem Aufsatze über Titus von Bostra jedoch, 
welchen H. Schmidt 1862 im XVI. Bande der Eeal- 
encyklopädie für prot. Theologie (S. 177 — 180) erscheinen 
liess, hat dieser von Lagarde's Veröffentlichung noch 
keine Kenntniss genommen. Er giebt daselbst die Grund- 
gedanken der Schrift nach der Ausgabe Basnage' s. So 
kommt es denn, dass, wenn er Titus' Beweisverfahren 
einerseits davon ausgehen lässt, „dass ihrem Begriff nach 
zwei dqxaC undenkbar seien I, 5 — 10", andrerseits von 
ihm sagt, es suche zu zeigen, „dass der Manichäismus 
faktisch gar nicht in der Lage ist, das böse Princip für 
sich zu fixiren, ohne irgendwie wieder etwas Gutes zu 
setzen": er die letztere Behauptung eben einem Ge- 
dankenzusammenhange entnimmt, der dem Titus gar 
nicht angehört, sondern dem unbekannten Streiter wider 



Georgios von Laodicea. 3 

den Maniciläisinus, bei welchem sich die dort gemeinten 
Ausführungen S. 74, 8 — 75, 16 finden. Doch es soll 
Schmidt aus der erstmaligen, durch Nichtbeachtung 
der Ausgabe Lagarde's verursachten mangelhaften 
Kennzeichnung des Beweisverfahrens des Titus noch 
kein so erheblicher Vorwurf gemacht werden, obwohl 
es bei den dargelegten Verhältnissen immerhin einiger- 
massen wunderbar bleibt, dass demselben die Titus- 
Ausgabe nicht zu Gesicht gekommen, oder, wenn doch, 
bei etwa sehr frühzeitig schon zu weit vorgeschrittenem 
Druck des XVI. Bandes der Realencyklopädie, ihre Be- 
nutzung nicht mehr möglich gewesen sein sollte. Anders 
hegt die Sache dagegen bei dem umgearbeiteten Aufsatz 
über Titus von Bostra, den derselbe Verfasser im 
Jahre 1885 für den XV. Band der zweiten Auflage der 
Realencyklopädie lieferte (S. 694 — 696). Schmidt er- 
wähnt daselbst Lagarde's Ausgabe vom Jahre 1859, 
kümmert sich aber um dessen wichtige, in dem Vorwort 
niedergelegte Entdeckung und die eigenartige Bedeutung 
des Anhangs S. 69 ff. so wenig, dass er diesen einfach 
als einen Bestandtheil des dritten Buches angesehen zu 
haben scheint. Das erhellt deutlich aus der Inhalts- 
übersicht, die er giebt. „Was wir" — sagt er — „vom 
dritten Buch übrig haben, ist der Polemik gegen die 
manichäische Entgegensetzung der alt- und neutesta- 
mientlichen Offenbarung gewidmet. Freilich betont diese 
Polemik die Einheit von A. und N. T. in einem Masse, 
dass die von dem Herrn selbst, wenigstens nach der 
Eec. Luc. 9, 55 hervorgehobene Unterscheidung von 
dem Eliasgeist ganz vergessen wird (bei de Lagarde 
S. 95 f.)." Gerade der erste Satz bezieht sich nicht auf 
die wenigen vom Anfange des dritten Buches erhaltenen 
Seiten 66 — 69, sondern ersichtlich auf die Seiten 93, 
23 bis 102, woselbst der unbekannte Verfasser den Nach- 
weis von der Gleichartigkeit und Uebereinstimmung des 
Gesetzes und des Evangeliums liefert. Somit würde 
auch dieser zweite Aufsatz Schmidt 's in wichtigen 
Stücken unzutreffend sein. 

Sehen wir uns darum die uns von Lagarde neu 



4 Georgios von Laodicea. 

gescheiikte Schrift ein wenig genauer an, und zwar zu- 
nächst, was ihren äusseren Bestand betrifft. Dieselbe 
ist, wie ich schon bemerkte, fast vollständig erhalten. 
Den Anfang freilich haben wir nicht, er mag wenige 
Blätter gefüllt haben, die möglicher Weise bei der oben 
erwähnten Neufassung der Urhandschrift irgendwo in 
den verlorenen Theilen des Titus ihren Platz gefunden 
haben. Dasselbe Geschick scheint auch einem und dem 
anderen Blatte innerhalb der Schrift zugestossen zu 
sein, wo durch die Annahme einer einfachen Blattver- 
setzung nicht völlig zu helfen ist. Klar ist z. B., dass 
S. 79, 37 ff. sich eng an S. 78, 19 anschliesst, auch dass 
S. 79, 2—37 zu S. 76, 29 ff. und S. 77 gehört; aber für 
die philosophischen Erörterungen S. 78, 19 — 79, 2 will 
sich in dem Erhaltenen keine recht schickliche Anschluss- 
stelle finden. Wenn wir diesen Sachverhalt gebührend 
berücksichtigen und darauf hin das Ganze übersehen^ 
so zeigt die Schrift durchweg einen wohlgeordneten 
Zusammenhang. Der Schluss ist mit des Verfassers 
Erklärung (S. 102, 39): did tovto xal ^(lelg €ig anavTa 
Xoyov avToov xarioprsg iiif noXv fi^xog 7taq(iaxci>ii€v tw Xoyw. 
liiXQi TOVToov (fTcofJsv, öid toSp okfycov xal TU aXka VTioöe^avreg 
xal did TcSv nqoXeyix^tVTijiiV tov eXsyxov xaTa(Sx€vd(Savr€g — 
und der daran sich anschliessenden begeisterten Lob- 
preisung Jesu Christi (S. 103, 11 — 16) so deutlich ge- 
kennzeichnet, dass an demselben wohl nur wenige Zeilen 
fehlen können. 

Gehen wir sodann die Schrift des Unbekannten acht- 
sam durch, um von ihrem Inhalt eine möglichst genaue 
Vorstellung zu gewinnen. Der verstümmelte Anfang 
versetzt uns in die Behandlung der Lehre von den 
Dämonen. Die Dämonen, sagt der Verfasser (S. 69, 
30), sind nicht von Hause aus böse, sondern sind es 
vorsätzlich geworden, sie sind nicht böse ihrer Natur 
nach, nicht mit Unwissenheit behaftet, nicht Nacht und 
Finsterniss ihrem Wesen nach. Dieser Satz soll geprüft 
werden. Dass jene gegnerischen Bezeichnungen, führt 
der Verfasser aus, in sich widerspruchsvoll sind, zeigen 
Schriftstellen, wo die Dämonen den Herrn sehr genau 



Georgios von Laodicea. 5 

keimen. Diese Gabe der Unterscheidung zeigt das Vor- 
herrschen der Ueberlegung, des Willens. Selbst wenn 
wir Irrthum annehmen wollten, das logische Vermögen 
des Geistes bliebe davon unberührt. So bitten sie den 
Herrn, sie nicht in den Abgrund fahren zu lassen. Ent- 
stammten sie dem Abgrunde, so würden sie nicht vor 
Heimischem und Verwandtem fliehen, ihre Bitte ist Be- 
weis, dass sie keinen natürlichen Zusammenhang mit 
dem Orte der Qual und Pein haben. Nichts Seiendes 
schädigt sich selbst, die Schädigung geht immer von 
etwas Anderem aus. Das zeigt das Verhalten von Feuer, 
Wasser und Luft (S. 70). Wenn aber der Abgrund ein 
Ort der Pein ist, die Dämonen aber gequält werden, so 
werden sie nicht mehr von einem Gleichartigen gefol- 
tert, sondern als Andere von etwas Anderem, das nicht 
mehr dieser Natur,. nicht mehr dieses Wesens ist. Denn 
anderen Wesens zeigte sich der Abgrund. Und dass 
die Dämonen anderer Art und anderen Wesens als der 
Abgrund sind, darüber ist genug gesagt {xal oxv fiiv 
ol da^(Aov€g Iriqov yivovg xal irigag ovüCag TtaQcc r^v 
aßvaaov, ixavd rd slgrui^va. S. 71, 4). Ist so dieser Ab- 
grund zwar ein Ort der Qual und der Peinigung, so ist 
er doch weder ewig, noch ungeschaffen, sondern später 
geworden, spät einmal zu einer Stätte der mittelst 
Qualen und Peinigung herbeizuführenden Heilung und 
Besserung für die Sünder gemacht worden. Aus der 
Thatsache nun, dass der Abgrund ein Ort der Qual und 
der Peinigung, dass die Dämonen gepeinigt werden und 
mit einem Wesen begabt sind, das den Schmerz der 
Folter wohl empfindet, folgt, dass sie nicht ungeschaffen, 
nicht ewig, nicht anfangslos, nicht von sich selbst sind, 
als leidensunfähige Wesen (S. 70, 48 — 71, 34). 

Wenn aber die Dämonen den Herrn anflehen, so 
folgt ferner (S, 71, 35), dass sie Empfindung haben und 
wissen, was sie sind, und dass sie leidensfähig sind, und 
dass er, der sie aufspürt, der Herr und König ist. Ä'«* 
Tavra tccqI öatfiovcov xaT€(Sx€Vci<fafji€V, — bemerkt der Ver- 
fasser zur äusseren Eechtfertigung dieser seiner ganzen 
Ausführungen S. 72, 5 — iva fArjdi 6 tisqI daifiovoav dgyy 



6 Georgios von Laodicea. 

Xoyog. Zu weiterer Begründung fügt er noch den Satz 
hinzu: Die Natur ist sich selbst gleich und enthält 
keinen Zwiespalt mit sich selbst. Das beweist das Feuer. 
Und wenn es von den Dämonen heisst : ^Er gehet hin 
und nimmt sieben Geister zu sich, die ärger sind, denn 
er selbst", so ist damit ein Unterschied innerhalb des 
Bösen angezeigt, der Zeugniss ablegt für freien Willen 
und Vorsatz, nicht für die Natur (dia^oQccg iv novriqCa 
evQifTxofi^Vfjg xal rrjq dia^ogag fiaqrvQovtyfjg rrj jtQoaiQiasi 
xat fi^ Tfj (pvdsi). Damit schliesst die Erörterung über 
die Dämonen (S. 72, 17). 

Sodann wendet sich der Verfasser zur Widerlegung 
der. Lehre vom unerschaffenen Bösen. Es handelt 
sich um die Sätze: Der Herrscher des Bösen und der 
gute Gott, räunüich völlig von einander getrennt, jeder 
sein eigenes Reich in der seiner Natur entsprechenden 
Weise beherrschend und mit einander kämpfend. Nur 
das allgemeine Gepräge der Lehre will der Verfasser 
angeben {tov ydq xaqaxTrJQa fiovov xsxCvrixa xal ovx etg 
TiXti-S-og xaraß^ßfjxa tcov fjjUQ^VQiwv, rd yuQ (tvyyev^ nSv 
Xeyofi^voov ^lyT^cr«* o dvayivwdxfov xal Ix tovtoov inl xd 
ofioia xal ddsXcpd y(^(OQ^(t€i dvayvootffiaTa), Er tritt darauf 
in die Erörterung einzelner Sätze ein ^fielg di ^iqs 
xaTa(Sx€vd(i(x)ii€V rov ixe^vwv Xoyov, rd dayfiava ixsCvoov 
naqa-d-i^svov. S. 72, 35 — 37). 

Der Satan, heisst es, war böse, Gott aber gut. Sie 
waren zwei Wurzeln, aus denen Früchte hervorgingen, 
wie sie ihrer Natur entsprachen. In diesem Zusammen- 
hange greift der Verfasser die Frage nach der Natur 
der Apostel auf {rCvog xaqnol ol dnoaToXoi; S. 73, 14). Sie 
sind offenbar nicht wie Früchte aus der Wurzel hervor- 
gegangen, sondern sind Erzeugnisse und Bildungen des 
Schöpfers, nicht gleichen Wesens mit diesem, wohl aber 
mit Willen ausgerüstet, wie denn der Heiland gerade 
auf diesen in verschiedenen Aussprüchen („Wenn mir 
Jemand nachfolgen will", „willst du vollkommen werden", 
„willst du gesund werden") besonderen Nachdruck legt 
(S. 73, 30 — 37). Auch in geringfügig erscheinenden 
Punkten, meint der Verfasser, soll man die Prüfung 



Georgios von Laodicea. 7 

niclit unterlassen; das eigene Schweigen würde die Greg- 
ner zu verhängnissvoller Kühnheit veranlassen {aronov 
dl xal Tfjv Tt€Qt TcSv fpavXoTdronv xaTaXtTtsZv Xoyov xat t^v 
TC€Qt TcSv a/ojf^ö'TW^ xul ixdeöifjTTjfi^vwg dva(STq€(p6vT(xiv naga- 
Xmslv t^ixaiSiVf fj^fJTTcog ^ '^ficov (ficoTt^ dnovoiav xccXeTKjorccT'^v 
uVTolg xaracxsvdari. S. 74, 5 — 8). 

So verleumden die Manichäer Nebukadnezar und 
Pharao unablässig als Ausbunde aller Schlechtigkeit. 
Das widerspricht aber der Ueb erlief erung, welche von 
mancherlei Gütern^ derselben, Empfindungen, sinnlichem 
Auffassen, Eeue und Anrufen der Götter meldet. Dem- 
zufolge muss, so schliesst der Verfasser, der Satan, aus 
Tugend und Bosheit gemischt, gemischte Früchte bringen, 
oder derartige Früchte können nicht vom Teufel stam- 
men. Diese Mischung von Gutem und Bösem Weist er 
zunächst an dem Verhalten Pharao's nach (S. 74, 23 
bis 34), sodann an Nebukadnezar (S. 74, 34 — 75, 16). 
Aber auch dem gegnerischen Einwände: „Kein Mensch 
ist eine Frucht des Teufels, die Dämonen allein sind 
Abkömmlinge desselben" (S. 75, 20) — tritt der Verfasser 
entgegen. 

Das Böse erscheint vielmehr nicht als unerschaffen, 
nicht als ohne Anfang oder Ende, es ist nichts "Wesen- 
haftes, sondern Krankhaftes und Zufälliges (S. 75, 31). 
Und dass der Teufel selbst das, was er ist, in Folge 
von Fall und Untergang ist, indem das Fallen und Gleiten 
Zeugniss ablegt für das allmähliche Entschwinden eines 
vorher verliehenen Guten, bezeugt der Prophet Jesaias 
mit seinem Ausspruch (Kap. 14, 12): „Wie ward aus dem 
Himmel Verstössen der Glanzstern (o i(aay)6Qog, Lucifer), 
der da frühe aufleuchtet", indem er diesen Zustand 
desselben als den der Verbannung, den früheren aber 
als göttlichen und hellglänzenden kennt (S. 75, 38) ; — 
bezeugt auch der Heiland, der im Evangelium spricht: 
„Ich sehe den Satanas wie einen Blitz vom Himmel 
fallen" {iöov oqw sagt der Verfasser, unsere Ausgaben 
dagegen nach handschriftlicher Ueberlieferung i^ewQovv). 
Offenbar kann nicht das eine Mal von einem Fall, das 
andere Mal von einer Ausstossung geredet werden. Beide 



g Georgios von Laodicea. 

Stellen deuten auf ein früheres Stehen, frühere Macht, 
früheren Besitz und Ueberfluss (S. 76, 29). 

Eng an die Lehre vom Bösen schliesst sich der mani- 
chäische Satz, zu dessen Widerlegung der Verfasser nun- 
mehr übergeht: „Das Böse, vordringend, sich ausbreitend 
und dem Lichte sich nähernd, raubte etwas von dem Lichte 
und verschlang es" (S. 76, 30); ein Satz, der auf Seite 79 
eine noch genauere Ausführung erfährt und vielleicht 
in letzterer Fassung und Behandlung ursprünglich voran- 
stand. "Wenn nämlich, sagt der Verfasser, das Böse 
raubte, das Licht aber geraubt wurde und also beim 
Geraubtwerden sich leidend verhielt und leidensfähig 
war, so ist manichäischer Lehre zufolge Gott dem Leiden 
ausgesetzt; leidlos aber der Satanas, jener fähig zu 
leiden, dieser Leiden zuzufügen, ein Satz, dessen Wider- 
sinnigkeit S. 77, 1 — 15 erwiesen wird. Diesem Nach- 
weis wird S. 77, 18 ff. eine weitere Begründung hinzu- 
gefügt. Wie kam ee, fragt der Verfasser, dass Gott den 
Raub des Lichtes gestattete (S. 77, 25)? Warum hinderte 
er nicht den Versuch? Warum bewahrte er nicht das 
Seine? Warum verschmähte er es, nach dem Eaube 
Fürsorge für das Geraubte zu treffen ? Wenn er es zuliess, 
dass das in das Böse gerathene Licht das Böse um- 
wandelte, als ob das Böse einer Wandlung fähig wäre, 
dann ist das Böse nicht mehr etwas Natürliches, das 
im Stande ist, sich zu verändern. Wenn er aber wusste, 
dass es sich nicht veränderte und dass es sich nicht 
umgestalten konnte, warum liess er das Gute vergeblich 
Strafe erleiden, dem Bösen aber keinen Gewinn zu 
Theil werden? Es ist eben widersinnig, dass Gott um 
der Veränderung des Seinigen willen wandelbar, der 
Grundstoff aber nicht wandelbar sein soll (S. 77, 30 — 39). 

Den breitesten Raum nimmt in unserer Schrift 
endhch die Widerlegung der manichäischen Entgegen- 
setzung von Gesetz und Evangelium ein, über 
welche ich mich hier kürzer fassen kann, da aus ihr 
im weiteren Verlauf dieser Untersuchung noch besonders 
bezeichnende Stellen hervorzuheben Veranlassung sein 
wird. Auf die manichäischen Erdichtungen aller Art, 



GeorgioB von Laodicea. 9 

ihre Eiesenkämpfe und dergl. einzugehen, verzichtet 
der Verfasser, um nicht zu weitläufig zu werden (IVa 
noXXi^v av(ST€CX(afi€V ofiiXCav, rag nqoßoXdq avTwv, rag 
fidxaq, Tciq iivd-oTtoitag ixsCvaq xai ytyavrofiax^ag (TicoTTcSvTsg. 
S. 78, 1. 2), er tritt ihrem Tadel von Q-esetz und Pro- 
pheten, der von ihnen willkürlich vorgenommenen Ver- 
stümmelung der Evangelien kräftig entgegen (S. 78, 5 tf.). 
Besonders wichtig und eingehend ist der Nachweis, dass 
das Gesetz nicht bloss jegliche Gestalt des Bösen hemmte 
und beseitigte, auch nicht das Geringste übersehend. 
Alles ahndend (S. 88, 20 — 91, 30), sondern auch Leiter 
und Wegweiser zu jeglicher Tugend ist (S. 91, 31—93, 22), 
eine Ausführung, an welche sich sodann der Nachweis 
von der Gleichartigkeit und Uebereinstimmung des Ge- 
setzes und des Evangeliums schliesst (S. 93, 23 — 102), 
die nach dem Verfasser eine solche ist, dass er ohne 
Weiteres sagt (S. 95, 1 — 4): idov (ydo) oaa tcsqI naTQÖg 
iv vofjLM, Tavra xat Iv Tolg svayyeXCoig xeivai. o<Ta neql vlot\ 
ravTa iv ccfi^ar^Qoig eiQfjrai. oaa tisqI TTvevfiarog dyCov, 
ravTa iv dfiy)OT^Qoig evQslv öi^vrjfTofis&a. 

Dies der wesentliche Inhalt der Schrift, an deren 
Schlüsse, wie dies auch innerhalb derselben mehrfach 
geschieht, der Verfasser ausdrücklich erklärt, dass er 
sich weise Beschränkung auferlegt habe (S. 102, 39 ff.) : 
dtd TOVTO xat ^fielg slg cinavTa Xoyov avreSv xazio VTsg fir 
TtoXv fi^xog 71 aQd(Sx(»)^€V tm Xoyco. fi^XQ'^ tovtcov arcofiev, 
6id Tcov oXCydnv xal rd aXXa vnoös^^avreg xal did tcSv tiqo- 
XexS'iv'Ciav rov eXeyxov xaTaüxevdaavrsg. 

Sollte es nicht möglich sein, die Herkunft dieser 
in mehr als einer Hinsicht beachtenswerthen Schrift 
nicht bloss im Allgemeinen, sondern womöglich auch 
den Verfasser zu ermitteln? Achten wir, ehe wir 
noch die üeberlieferung befragen, auf einige Aeusser- 
lichkeiten. 

Unter den hier zum Vergleich in Betracht kommen- 
den Werken des christlichen Alterthums werden sich, 
von dem früher schreibenden Alexandriner Clemens 
abgesehen, nicht gerade viele finden, in denen der 
äussere Einfluss der Philosophie, im Besonderen 



10 Georgios von Laodicea. 

vielleicht der stoischen, in Sprache und Stoffeinthei- 
lung so deutlich zu Tage tritt, wie in der vorliegenden 
Schrift. — War in den die Gestaltung der Sittlichkeit 
behandelnden Schriften der Stoiker jener prahlerische, 
unersättliche Bettler Iros, den der heimkehrende Odys- 
seus unerkannt im Zweikampf so furchtbar zu Boden 
streckt, dann ihn übör die Schwelle hinausstösst „hin- 
weg von der Pfort', am Fusse gefasst, bis zum Vorhof, 
und zu dem Thore der HaU'" (Odyss. XVm, 1—107), 
eine so stehende PersönKchkeit , ein so ausgeprägtes 
Urbild geworden, dass der Verfasser unserer Schrift sich 
desselben ohne Weiteres als Beispiel bedienen, den aus 
dem Himmel gestossenen Teufel einfach als ^Igog cSv xat 
exmwTog, o ndXai TtoXkifv TtsQiovd^av txiov (S. 76, 14) be- 
zeichnen, von eben demselben im Vorhergehenden, wenn 
er unter die Ausgestossenen gerechnet werde, die Fol- 
gerung aussprechen konnte: ov Tt^vrjg ^v, ovx ^Iqoq ^v 
TtoTS, 6t€ noXXiiv TieQiovüCav slx^v, dXXd did zivd vocov 
(ST^QfjaiV ixe^vfjg r^g nsQiovaCag VTtoinslvag iv nemwxoct 
xQCvsTat (S. 76, 6—8)? 

Viel deutlicher und bestimmender aber tritt philo- 
sophischer, und ich meine insbesondere stoischer, Ein- 
fluss in der Behandlung des alttestamentlichen 
Gesetzes hervor. In der Vertheidigung desselben ge- 
gen die Unterstellungen der Manichäer sagt der Ver- 
fasser (S. 88, 20 ff.) : oTi da xal näv eldog xaxiaq dvslks 
xdi ovdk ^v fioQiov naQsldsv, dXX' iTie^^X^e, näv €löog 
xaxCag dvaiQcSv xal dvaxomwv, d^Xov ix tcSv tisqI T^g 
xaxCag oQoav, TSüödQwv eldcov ovtoov r^g xaxCag, d^QoCvvfjg 
xal dxoXaaCag xal dsiXCag xal ddixCag. Und dieser 
Eintheilung entspricht dann die Ausführung im Folgen- 
den. Daher heisst es S. 89, 15: xal rd ovo eVdfj Trjg 
xax£ag dvriQfjxoog, dfpQoavvi^v re xal dstXCav, avvaiQsl xal 
T^v dxoXaaCav, Beachtenswerth für die zum Zwecke 
schneidiger Beweisführung hergestellte innige Verbin- 
dung solcher äusseren Gesichtspunkte der Eintheilung 
mit den vorliegenden sittlich-religiösen Fragen ist die 
an die Erwähnung der ddixCa S. 90, 6 ff. geknüpfte Er- 
örterung: €i ydq — sagt der Verfasser — ro ra Ixiqov 



Georgios von Laodicea. H 

Xaßelv xat ßCa Xaßelv xat äxovrog Xaßelv ddixCa iürC^ xal 
To Xaßovra rd It^qov ^ frcc^gatg didovai ij dfXcoTcog xarada- 
7tav^(fai' €l86g Ictiv dd^xCag, aöixog i(mv o ttjv rifii^v tov 
'd-sov dcpaigdopf ^vXoig di xal öaCfioatv aVTi^v dTtodiöovg xat 
xaraöaTtavoSv ttjv T&jjfjv xal dcfwrsvo fisvog tv rfj dtavoCa. 
Diese Seite der ddixCa ist dem Verfasser offenbar die 
wichtigere, er unterscheidet aber noch eine andere, ^ eig 
dv-d-Qwnovg TiXif^^iXsta (S. 90, 20) xal slg ovo diaiQ€lrai' ^ 
dÖLxCa, fügt er ergänzend noch einmal hinzu, sXg rs t'^v 
€ig S-eov ayvoiav xal t'^v eig dvd-qdnovg TiX^fi/j^^Xsiav. 
Diese philosophische Viertheilung ist dem Verfasser für 
seine Behandlung der xaxCa^ welcher das Gesetz überall 
streng entgegentritt, ersichthch von besonderem Werthe 
gewesen. Die Annahme, dass er sie für seinen Zweck 
eigens erfunden, ist besonders im Hinblick auf die Be- 
handlung der Kehrseite, ort (o vofiog) xal näv eldog 
dger^g vfpriYst'cai xal iifjyelTai' (S. 91, 31), durchaus nicht 
wahrscheinlich; er wird sie vorgefunden haben. 

Für letzteren Zweck folgt nun eine besonders schöne, 
lichtvolle Ausführung, welche in geschickter Weise an 
die seit Pia ton zwar fast zum Gemeingut gewordenen, 
von den Stoikern aber fort und fort mit besonderem 
Nachdruck behandelten vier Haupttugenden geknüpft 
ist. TsrraQcov yaQ ovdtöv tcov dgercov, — hebt der Verfasser 
S. 91, 39, an — cpQovriaswg (fotxpQof^vvfjg dvögs Cag xal 
dixaiodvvfjg^ okat nagd reo vofjo) (paCrowai^ al dgeraC. 
öid TovTo — fährt er fort — o ßovXofievog elvai (StßfQoav 
ex€& rd fia'd'fifjhaTa. o (Snevdonv elvai tpQovifxog, rdg d(poQfjdg 
TOV vofiov kaßdvy dQi<fT€V€i tv TM TtQay/jaTt^. o ßovXo fjisvog 
elvatr dvdqslog dXetcp^ad'co Talg TiaQayyskCaig. o (fnovöd^wv 
dtxaioiSvvfjg aipat^S'ai to (fTd'&fitov Trjg dtxaiotfvvrjg xQa- 
T€frto xal ovöiv äviaov ngd^s^j CTad-fja) dixaioavvfjg t« 
ndvTa TtQaTTtöv. Und so folgen denn Beispiele und Mah- 
nungen, zur fQovfjaig S. 92, 7 — 11, zur am^Qoavvfi 
S. 92, 11—27, zur dvögeCa S. 92, 27—93, 6, zur övxat^ 
oavvfj S. 93, 7 — 22. Auch für diese Stelle werden wir 
nicht fehlgehen, wenn wir an die von alexandrinischen 
Lehrern ihren grossen philosophischen Vorgängern ent- 
lehnten Lehrformen denken. Ja man könnte hier viel- 



12 Georgios von Laodicea. 

leicht geradezu auf Didymos' Einfluss und Vorbild 
hinweisen. Dieser nämlich braucht die vier Haupt- 
tugenden in seiner Schrift gegen die Manichäer in 
ganz ähnlicher Weise ^), wenn er (Kap. X) sich so aus- 
spricht: ^Eariv yaQ €td7j xat y^vfj xal räv 7tQoa^Q€vtx(Sv 
VTtuQxovTWV. Xiyofiev yovv sl'dfj (SnovdaCov slvai, dCxai^ov 
ccofpQova ^Qovifiop [dvÖQ€tov — sicherlich hier nur 
aus Versehen ausgefallen]. iTtei yccQ iy aQSTfj y^vog^ €lg 
sVdf] fieQi^ofi^vfj , €ig dixaiodvvfjv C(d<pQO(Svvriv xal tcc 
XoiTcäy dvdyxfj top tov yivovg iierixoPTa, artovdaiov ovva^ 
wfSavel yivog elvai twv fj^erexovToov toSv xut eldog dqevwv' 
(üfSavTwg xal r^g ircKfr'^ [Jtfjg yivovg ovV^yg, ygafifiartx^g 
povaix^g xal twv XoittcSv, tov TtaQopofia^ofisvov dno 
TOV yipovg iTTK^T^fiopa^ yipog slpai^ toSp TtaQopo^ia^oiiip&iP 
dno tcSp Tilg ^^^ö'^^A^^S s^StSv (pafisv. Von anderen zahl- 
reichen Berührungspunkten unserer Schrift mit der des 
Didymos erwähne ich nur die nahe Verwandtschaft 
des vorher bei der Inhaltsübersicht wiedergegebenen 
Gedankengehalts von S. 70 mit den "Worten des Didymos 
(a. a. 0. S. 1088): To dy^ptjTOP ovx eavip oqsxtixop ipd-oqäg 
Tipog ovdi ye qid-aqrixop' to 6i ye xaxov oqsxTtxop ipS-oqäg' 
TO aQa xaxop ovx dy^PfjTOP. 

Wenn schon aus der ganzen dialektisch gewandten 
Schreibweise im Allgemeinen nur ein günstiger Eück- 
schluss auf den Verfasser gemacht werden kann, so 
verräth sich in der kunstvollen Heranziehung und Ver- 
flechtung philosophischer Sätze, wie sie besonders in 
den angeführten Stellen — ich verweise hier auch noch 
auf die schöne Ausführung über die Seele und ihr 
Verhältniss zum Körper (S.99, 26—100, 25) — un- 
mittelbar zu Tage trat, ein philosophisch gründlich ge- 
schulter Schriftsteller, auf dessen weiteren geistigen 
Gesichtskreis endlich auch das auf S. 99, 23 beiläufig 
hindurchblitzende Wort: ovdi ydq ex ts ^vS^fiov xal dqqvd" 
[iCag iiCa yCpecai^ dq^iopCa ovt€ ix at^coTtijg xal XaXidg iiCa 
yCpsTai avdTaaig — ein vortheilhaftes Licht wirft. 

Was folgt aus den mitgetheilten Eigenthümlich- 



*) Migne, Patrol. Graec. Bd. XXXIX, S. 1097. 



Georgios von Laodicea. 13 

keiten des uns vorliegenden Werkes für seine Herkunft? 
Ich denke, die hohe Wahrscheinlichkeit, dass es 
von einem in Alexandria gebildeten Manne ver- 
fasst ist. Wir hören, bis zu welchem Grade in christ- 
lichen alexandrinischen Kreisen die tiefe Bildung des 
Alterthums durch unausgesetzte Beschäftigung der dort 
wirkenden Lehrer mit den Dichtem und Philosophen 
des hellenischen Volkes fort und fort G-estalt und Leben 
gewann. Wir wissen, wie insbesondere die Vorsteher 
der berühmten Katechetenschule zu Alexandria, unter 
ihnen in hervorragender Weise Origenes, alle Zweige 
der philosophischen Wissenschaften gründlich durch- 
forschten und beherrschten und ihren Schülern vertraut 
machten; wie unter ebendenselben ein Clemens, des 
Stoikers und Christen Pantänos ausgezeichneter Nach- 
folger, hauptsächlich in seinem „Pädagogen '^ von stoischer 
Weisheit sich abhängig zeigt*); wie endlich Didy mos, 
der treue geistige Schüler des Origenes, insonderheit in 
seinen Büchern über die Dreieinigkeit nicht bloss in 
den hellenischen Dichtern Homeros, Pindaros, Sophokles 
U.A., soüdem auch in den philosophischen Schriften 
des Piaton, Aristoteles und Porphyrios umfangreiche 
Belesenheit bekundet. 

Legen nun auch die aus unserer Schrift gegen die 
Manichäer mitgetheilten Beobachtungen und Ueber- 
einstimmungen hinsichtlich der Verwerthung philo- 
sophischer, insbesondere stoischer Gesichtspunkte uns 
die Vermuthung nahe, an einen alexandrinischen Ver- 
fasser zu denken, so ist doch die Auswahl unter denen, 
welche gegen die Manichäer geschrieben haben, wiederum 
einigermassen schwierig. Dass gerade in Aegypten in 
der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts die Manichäer 
sich stark verbreiteten, können wir aus Hieronymus 
(Epist. 82 ad Theophil.) und Palladios (Hist. Laus, 
c. 54) erschliessen; war ja doch zu Didymos' Zeit ein 
Manichäer, Namens Sebastianos, an welchen mehrere 



*) Vgl. Wendland, Quaestiones Musonianae. De Musonio Stoica 
Clementis Alexandrini aliorumque auctore. Berolini 1886. 



14 Georgios von Laodicea. 

Briefe des Libanios gerichtet sind, sogar Dux Aegypti. 
Um so dringender hatten gerade Männer aus Alexandria, 
dem geistigen Vorort des ganzen Morgenlandes, Ver- 
anlassung, dieser das Christenthum am ernstlichsten 
bedrohenden religiösen Richtung nachdrückhch ent- 
gegenzutreten. 

Eine Uebersicht über diejenigen, welche' vor ihnen 
den Manichäismus bekämpften, geben zu zwei Malen 
Männer, welche sich selbst zu gleichem Kampfe an- 
schickten, es sind Epiphanios und Heraklianos von 
Chalcedon. Der Zeit nach zwischen ihnen steht als 
ein schriftstellerische Thatsachen einfach geschichtlich 
verzeichnender Berichterstatter Hieronymus, der sich 
aber über die Streiter wider die Manichäer ziemlich 
mangelhaft unterrichtet zeigt. 

Epiphanios zählt im 21. Kapitel seiner im Jahre 
376 geschriebenen LXVI. Häresie {Kard MavixccCfav) seine 
Vorgänger auf, es sind Bischof Archelaos, Origenes 
{(aq dxi^xoa), Eusebios von Cäsarea, Eusebios von 
Emesa, Serapion von Thmuis, Athanasios von 
Alexandria, Georgios von Laodicea, Apollinarios 
von Laodicea, Titus und viele Andere, xa* ttoXXoIc 
Tcop xar^ avTov (d. h. JV/ai^f/a/ov) eiQfjxoTaDV, letzterer 
Zusatz ganz sicher eine nichtssagende, inhaltsleere 
Redensart. 

Ueber Epiphanios hinaus führt noch Bischof 
Heraklianos von Chalcedon, der nach Photios 
(Cod. 85) ein Werk von 20 Büchern gegen die Manichäer 
schrieb. Die Zeit freilich dieses von Photios sehr ge- 
rühmten Streiters kennen wir nicht, da sein Bericht 
mit den "Worten schliesst: ^v d^ ovvog o x^soasßiararoc 
*^HQaxk€iavog xavd rovg ;f^ovoi;s, worauf dann die nähere 
Bestimmung der Zeit in vier dem Cod. Venet. S. Marci 
450 fehlenden Zeilen verloren gegangen ist. Heraklianos 
nannte in seiner Einleitung als seine Vorläufer Hege- 
monios, der des Archelaos Verhandlungen mit 
Manichäos aufschrieb, Titus, Georgios von Lao- 
dicea, Serapion von Thmuis und Diodoros, der 
in 25 Büchern gegen die Manichäer zu Felde zog. Aus 



Georß^os von Laodicea. 15 

dem Umstände, dass er über Diodoros gerade genauere 
Mittheilungen maclite, u. A. bemerkte, was er schon bei 
Titus hervorgehoben, dass Diodoros in den ersten sieben 
Büchern gar nicht Manichäos selbst, wie er vermeinte, 
sondern dessen Schüler Addas bekämpft habe, scheint 
mir geschlossen werden zu dürfen, dass er zu Diodoros, 
der 394 starb, zeitlich etwa in demselben Verhältniss 
gestanden hat, wie Epiphanios zu seinem an letzter 
Stelle genannten, etwa 15 Jahre früher schreibenden 
Vorgänger Titus von Bostra, so dass wir Heraklianos 
vielleicht dem Anfang des 5. Jahrhunderts zuweisen 
könnten. 

Von den hier durch Epiphanios und HerakUanos 
namhaft gemachten Bestreiten! des Manichäismus kennt 
Hieronymus nur Serapion von Thmuis (Vir. ill. 
XCIX) und Titus von Bostra (Vir. ill. CII); Theo- 
dor e t o s dagegen zählt als solche nur die vier : Eusebios 
den Phöniker, d. h. von Emesa, den Arianer Greprgios 
von Laodicea, Titus von Bostra und Diodoros 
von Tarsus auf*). 

"Wenn wir die Mittheilungen dieser vier Männer, 
von deren keinem merkwürdigerweise des Didymos 
von Alexandria Schrift wider die Manichäer genannt 
wird, einer genaueren Prüfung unterziehen, um unter 
den von ihnen erwähnten SchriftsteUem den Verfasser 
unseres bisher unbeachtet gebUebenen Werkes gegen 
die Manichäer zu ermitteln, so ist auf den ersten Blick 
klar, dass von Hegemonios und Archelaos gar keine 
Rede sein kann, eben so wenig aber auch von Origenes, 
der, wie schon Petau in seiner Anmerkung zu der 
angeführten Stelle des Epiphanios richtig bemerkte^), 
ungefähr 20 Jahre vor dem Bekanntwerden des Mani- 
chäismus in der morgenländischen Kirche starb. Nicht 
minder müssen wir von Eusebios von Cäsarea ab- 
sehen. In seiner Kirchengeschichte (VII, 31) erwähnt 

*) Theodore t. Haeret. fabul. compend. I, 26. 

*) Petavii Animädvers. in Epiph. Panar. p. 638, o. in Din- 
dorf's Ausgabe V, S. 205, in eh 1 er 's Corp. haereseol. III, 
S. CCXXXV. 



16 Georgios von Laodicea. 

er die Manichäer nur sehr oberflächlich. Hat er aber, 
wie Petau (a. a. 0. S. 205) der Epiphanios-Stelle zufolge 
annehmen zu müssen glaubte, dieselben in einer beson- 
deren Schrift bekämpft, so kann das unter keinen Um- 
ständen die uns vorliegende sein; Sprache und Schreib- 
weise verbieten dies unbedingt. Der gleiche Grund 
spricht gegen Athanasios und Apollinarios, wie 
jeder Sprachkenner ohne weiteres wird einräumen müssen. 

Es bleiben somit nur die drei Männer Eusebios 
vonEmesa, Georgios von Laodicea^) und S er apion 
von Thmuis, die letzteren beiden geborene Alexan- 
driner, der erstere wenigstens zeitweilig in Alexandria 
der Beschäftigung mit der Philosophie obliegend (Socrat. 
n, 9; Sozom. III, 6). Alle drei werden wegen ihrer 
Bildung und Beredtsamkeit gerühmt. Wie steht es aber 
mit der Möglichkeit, einen von ihnen als Verfasser der 
vorliegenden Schrift gegen die Manichäer in Anspruch 
zu nehmen? 

Serapion zunächst, den treuen, bewährten Freund 
des Athanasios, werden wir als Verfasser derselben 
durchaus preisgeben müssen, weil in ihr trotz mannig- 
fach sich bietender Gelegenheit auch nicht ein einziges 
jener bekannten dogmatischen Schlagwörter, vor allen 
des ofjioovaiog, wofür Athanasios und mit ihm sein Sera- 
pion ihr Leben lang gestritten, sich findet, an welchen 
ein Rechtgläubiger des 4. Jahrhunderts, wie Serapion, 
als Verfasser mit unbedingter Sicherheit würde zu er- 
kennen sein müssen. Die beiden anderen Männer haben 
in ihrem Leben in innigstem, auch durch Leiden be- 
währtem Freundschaftsverhältniss gestanden, ja Georgios 
hat dem im Jahre 360 gestorbenen Freunde ein schrift- 
stellerisches Denkmal in seiner Lebensbeschreibung ge- 
stiftet, welche den Kirchengeschichtschreibem Sokrates 
und Sozomenos als Quelle vorlag. Sollte schliesslich 
einer von ihnen beiden der Verfasser der vorliegenden 
Schrift sein? 



®) Philostorgios bezeichnet ihn (VIII, 17) als UXf^aydQtvg 
ufv 10 yivog xal loüy ix (ftkoGO(f>iag oQfuafjUvüiv, xijg &€ xard XvqCuv 
yiaodtxficcg tTitGTaimv. 



Georgios von Laodicea. 17 

Eusebios von Emesa galt') „bei seinen Zeitge- 
nossen als ein vir elegantis et rhetorici ingenii {Xiyeiv 
xQdrttfTog)^ und gewiss mit vollem Reclite, wie wir uns 
selbst aus den beiden Fragmenten bei Theodoret (Dialog. 
m, S. 36 — 41) überzeugen können. Welche dialektische 
Schärfe in der Entwickelung der Gedanken zeigt sich 
da! Wie überraschend und schlagend ist seine Beweis- 
führung! Wie versteht er die Kunst, durch versinn- 
Uchende Beispiele zu überzeugen! Ueberall ist die Rede 
anschaulich und lebendig, bewegt sich rasch fort in 
kurzen Sätzen und^ Gegensätzen und hält den Zuhörer 
oder Leser durch häufige Fragen in beständiger Auf- 
merksamkeit und Spannung. Dies ist der rednerische 
Charakter des Eusebius von Emisa, welcher die beiden 
Fragmente, und ebenso die beiden Schriften" — zwei 
in lateinischer Uebersetzung überlieferte Bücher „vom 
Glauben'^, deren Abfassung durch Eusebios von Emesa 
Thilo überzeugend bewiesen — „auszeichnet, und zwar 
nicht bloss in einzelnen Stellen, sondern von Anfang 
bis zu Ende** (a. a. O. S. 71). Diese Schilderung der 
schriftstellerischen Eigenart des Emeseners passt fast 
ganz genau auch auf die vorliegende Schrift gegen 
die Manichäer und würde zu dem Schlüsse verleiten 
können, dass, da uns Eusebios soweit genau bekannt 
ist, dass ein Vergleich möglich ist, Georgios von 
Laodiqea dagegen nicht, erst er er für den Verfasser 
der Schrift zu halten sei, wenn nicht eine wichtige Ein- 
schränkung jenes Urtheils hinzugefügt werden müsste. 
„Wie Eusebius," — sagt nämlich Thilo a. a. 0. S. 72 — 
„das Vorbild des Diodor von Tarsus und des Chryso- 
stomus, einer einfachen, strenger logischen und mehr 
historischen Auslegung der heiligen Schrift sich be- 
fleissigte: so suchte er auch die Glaubenslehre möglichst 
einfach und schriftmässig zu behandeln zur verständigen 
Erkenntniss und praktischen Aneignung. Daher war 

') Ich lasse hier einfach Thilo für mich reden, dessen schnei- 
diges Sendschreiben an Augusti „lieber die Schriften des Eusebius 
von Alexandrien und des Eusebius von Emesa*^ (Halle 1832) inhaltlich 
auch heute noch nicht überholt ist. 

Driseke, Ges. patrist. Untersuch. ^ 



18 Georgios von Laodicea. 

er der Anwendung fremdartiger speculativer Formeln 
in der Dogmatik abgeneigt und nicht minder der my- 
stischen Versinnlichung der G-otteserkenntniss, und be- 
mühte sich, Sinnliches und üebersinnliches, Menschliches 
und Göttliches, besonders in der Vorstellung und Lehre 
von der Person Christi, zu unterscheiden und ausein- 
anderzuhalten. Aus dem entgegengesetzten Verfahren 
schien ihm alle Verwirrung und aller Streit hervorzu- 
gehen, welcher seiner friedliebenden kirchlichen Gesin- 
nung so sehr zuwider war.'^ Hier nun zeigt sich der 
Unterschied von dem Verfasser der Schrift gegen 
die Manichäer. In letzterer treffen wir in beträchtlichem 
Umfange Verwendung und Zuhülfenahme philosophischer 
Weisheit, überall philosophisch begründete Forschung. 
Eusebios dagegen sagt (S. 11)*): „Confitere ea, quae de 
patre et filio scripta sunt, et noli curiosus ea, quae non 
sunt scripta, requirere. — Utinam autem solum lege- 
remus! utinam solis scripturis contenti essemus!'^ — 
(S. 18) „Quae ergo debent quaeri? quae invenimus in 
scripturis posita: quae autem in scripturis non invenimus, 
non quaeramus." Und mit Bezug auf das Göttliche 
und Menschliche in Christo (S. 7): „In principio autem 
erat deus apud deum: nam et cum apud nos, deus 
nobiscum Emmanuel. Non alius apud patrem, alius 
autem nobiscum et alius erat; manens siquidem in figura 
dei constitutus istam nostram figuram servi accepit. 
Non ab illa recedens istam honoravit : non ab illa exiens 
nos salvavit: non reliquit pastorem et accepit ovem." 
Bei diesem ausschliesslichen Gewichtlegen auf die Schrift 
von Seiten des Eusebios werden wir annehmen dürfen, 
dass sein Werk gegen die- Manichäer im Wesent- 
lichen Schriftbeweis gewesen ist. Und dieser Ge- 
sichtspunkt sowohl wie die zuletzt von S. 7 seines ersten 
Buchs vom Glauben mitgetheilte Anschauung treffen 
auf unsere Schrift nicht zu. Im Gegentheil stossen wir 
dort auf Aussagen von Christus, wie o IXBvd-eQödrriq, 6 



^ Betreffs des gemeinten Fundortes verweise ich auf die ange- 
führte Schrift Thilo 's S. 64, Anm. 2. 



Georgios von Laodicea. 19 

TQonaiovxo^y o svsQysTixog, o diad-iasi xqovcov,o iXsvd'eqCav 
Tri elaoddo (jLVfj(Sv€v6fi€Vog, 6 afjta tw siaßaXelv i^oix^^cov tuq 
dfiagtCaq, o iv ttJ eltSodu) ti^p qnXCav riyV nqoq top nariga 
dnodiöovg, o TtaQU^^Q^fia t^ sifSodoi Tri lavrov TQonaia .... 
(S. 103, 12 ff.), die von schriftmässiger Bestimmtheit 
möglichst weit entfernt sind und in dieser Zusammen- 
stellung schwerlich je in der Schrift eines rechtgläubigen 
Kirchenlehrers ihre Stelle finden konnten. Aber es 
finden sich noch bestimmter ausgeprägte Wendungen. 
Dahin rechne ich zunächst diejenigen, welche, ohne 
dass jemals das Wesen Jesu Christi, der fast überall 
nur o awtriQ genannt wird, genauer und tiefer bezeich- 
nende Stellen angezogen werden, an der menschlichen 
Aussenseite haften. So sagt der Verfasser S. 102, 20 ff. : 
ßoäaiv al T(Sv TZQu^eoav dvvdfieig oTt^ (S(S^a elxsv o acoTrJQ 
xal (XcSfia xhvfiTop xal (^cSfia l^oQsas did ra ^^iTSQa, t6 
ofjLowp Xomop ^7jT€iy ijx€& (5f' "^l^äg o ixeCpov noirjT'^g xal 
t(Sp "^fiev^Qcop TtoirjTi^g. el ydg btsqop tjp, ovx dp nsQi It^qüop 
ixsCpov TCQopoiccp iTtoisiTo, €1 06 TttTtoCriTai V7to 'd'eov, ns- 
TioCriTat dk vtcIq i^ficop, vjtiQ tcSp idCoop inoislTo. ipa ydg 
ra Vdia lavTov (fcodri, ^xsipo inoCi^as, Tri IxsCpov non^aet 
ndpToav t(ISp IdCtap Tijp eksvx^sQ^ap iQyaad^spog. Insbe- 
sondere aber gehört hierher S. 83, 35 ff.: el öe o fiopo- 
Y^pifg fjbip ToiovTog, ov TOiovTog d^ 6 TtaTfjQ, ovx^Tt^ ofioiog 
i^ ofioCov yeyippriTaiy ovx^ti sIxwp tov ysyevpfjxoTog, ovx^ti 
jyXaqaxT'^Q^^ ovx^ti „dnavyaafia^U ovx^ti „6 ßXinodP top 
vlop ßXinet TOP TVfiT^Qa^', sl'ys /itiy oaa e/€* o vlog i%8t 6 
naTfiQ — und S. 93, 39: vlog ypiqüiog, ofioiog tm yayepprj- 
xoTi. Klingt hier nicht der seit der dritten antioche- 
nischen Kirchenversammlung vom Jahre 344, besonders 
durch, die Verhandlungen am Ausgang der fünfziger 
Jahre unter dem Einfiuss und der Zustimmung des 
Kaisers Constantius immer mehr zu allgemeinerer An- 
erkennung gelangende Ausdruck, jeneshalbarianische 
o^ioiog xuTd ndpTa deutlich hindurch, mit welchem 
ja die anderen sinnverwandten Schriftausdrücke gar 
wohl zusammenstimmen? 

Wir werden daher an einen arianisch gesinnten 
Verfasser denken müssen, und als solchen bietet sich 



20 Georgios von Laodicea. 

uns nur Q-eorgios von Laodicea dar. Ihn glaube ich 
nach sorgfältiger Prüfung derUeberlieferung mit höchster 
Wahrscheinlichkeit als den Verfasser der Schrift 
gegen die Manichäer bezeichnen zu dürfen. Eine 
andere Möglichkeit wenigstens scheint mir nicht vor- 
handen zu sein. Nur Weniges aus der bewegten Lebens- 
geschichte des Mannes möge hier eingeschaltet werden. 
In Alexandria geboren und dort — selbstverständlich 
auch durch den gefeiertsten Lehrer der damaligen Zeit, 
den blinden Didymos — philosophisch gründUch ge- 
bildet, war er in späteren Jahren ebendaselbst Presbyter 
gewesen, mit dem Kirchenbanne belegt und abgesetzt 
worden. Er hatte sich dann nach Antiochia gewandt, 
um hier wieder aufgenommen zu werden. Aber Bischof 
Eustathios, der fein gebildete Platoniker und wissen- 
schaftHche Gegner des Origenes«), ein wackerer Be- 
streiter der Arianer, weigerte sich dessen. So zog sich 
Georgios nach Arethusa in Syrien zurück. Hier muss 
er die Aufnahme erreicht haben, denn Constantinus 
nennt ihn in einem 332 an fünf in Antiochia versam- 
melte Bischöfe gerichteten Schreiben^®) einen Presbyter 
von Arethusa, indem er ihn, offenbar als nach dem 
Herzen der Eusebianer besonders würdig, zum Bischof 
von Antiochia vorschlägt. Nachdem Eustathios im 
Jahre 331 vertrieben war, nahmen ihn die Arianer zwar 
unter die Geistlichkeit von Antiochia auf, machten ihn 
aber nicht zum Bischof daselbst, sondern nach des 
Theodotos Tode zu Laodicea. Athanasios kannte ihn 
sehr genau; er nennt Georgios den bösesten aller Arianer. 
Wenn man bedenkt, dass Georgios von Alexandria von 
Bischof Alexandres zum Presbyter gemacht, wegen 
seiner Hinneigung zu Areios aber von ihm abgesetzt 
war, und dass der alexandrinische BiscTiof, der 328 
starb, seit Jahren in allem seinem Reden und Handeln 



^) Eine neue, handliche Ausgabe seiner Schrift „De engastri- 
mytho contra Origenem" verdanken wir Albert Jahn (Texte und 
Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur von 
0. V. Gebhardt und A. Harnack, Bd. II, H. 4, Leipzig 1886). 

1«) Euseb. Vita Constantini III, 62. 



Georgios von Laodicea. 21 

ausschliesslich durch die gewaltige Persönlichkeit des 
Athanasios bestimmt und geleitet wurde; so werden 
wir es verstehen, wie begierig der mittelbar durch 
Athanasios Gemassregelte die Gelegenheit ergriff, sich 
als Bisch-of von Laodicea an dem Verhassten in der 
Person des Apollinarios, mit welchem Athanasios im 
Jahre 346 bei seiner Rückkehr aus der Verbannung in 
Laodicea innige Freundschaft geschlossen, zu rächen: 
Verhältnisse und Thatsachen, auf die hier näher ein- 
zugehen keine Veranlassung vorliegt. Ueber des Georgios 
Stellung im Kampfe der Glaubensmeinungen während 
jener Jahrzehnte kann gar kein Zweifel sein. Wir 
finden ihn auf der Seite der Halbarianer als einen 
Freund des Basileios von Ancyra, und brauchen sein 
Auftreten sowie auch sein Schwanken auf einigen der 
Kirchenversammlungen jener traurigen Zeiten nicht ein- 
gehender zu verfolgen. Zum urkundlichen Erweis seiner 
Gesinnung und Vergleich derselben mit den vorher mit- 
getheilten Stellen aus der Schrift gegen die Manichäer 
genügt ein Hinweis auf die von ihm in Gemeinschaft 
mit Basileios von Ancyra im Namen ihrer Gesinnungs- 
genossen im Jahre 358 verfasste dogmatische Denk- 
schrift {TcSv nsQlBaaCketov xal FeciQyiov 6 vTtofivfjfiaTi'CfAoc 
bei Epiphanios Haer. LXXTTT, 12 — 22). Da heisst es 
deutlich (S. 861, Kap. 13): ^'Ofio&ov ovv voovfiev tov 
vlov tS TtazQl xard Tidvra, und ebenso am Ende 
der S. 863, Kap. 17. Ln Schlusssatze endlich dieser 
wichtigen Denkschrift werden aUe jene die Zeit be- 
wegenden Schlagworte noch einmal zusammengefasat 
und die für des Georgios von Laodicea Stellung so 
bezeichnenden Anschauungen unmissverständlich dar- 
gelegt. ^EQovfAsv ovv — so sagen die beiden Parteiführer 
— TTQog Tovg vvv alQ€Ttxovg ori ^Yfistg lygaipare ofio&ov 
xard fiavk^Civ, dvofioiov xut^ ovaCav. Ji>o ^fielg dvTf- 
yQatpafiev, oti ofioiog ov xard fi^fifja^v ^ovov, dXXd xal 
xar^ ovfSCav. ^E7t€&d'^ toCvvv jiQiOToi vfislg ovcCag iftvi^a-S-fire, 
XiyovTsg dv6fio$ov xav^ ovaCav, xal 6td tovvo anavöd^sTe 
aQ^-^vai To ovofia r^g ova^ag, iva xard ßovi.fj(fiv ofioiov 
elvai fiovov liyoive tov vlov, sl dXfj-d-dSg avvTCd'€(Sd'€ xard 



22 Georgios von Laodicea. 

ndvta ofjoiov top vlov rm naTqC, ävaS-siiarCcaTs Tovq dia- 
(poQccv Xfyovrag ofioioTtjTog, xal yQüixpars ovTcog oti Ef T*g 
fii^ xaTcc Ttdvra Xiyot ofioiov tov vlov tm nar^C, cSg vlov 
naxQC, dXXd xard fiiv ßovXriüiv X^yoi ofioiov, xard di Tfjv 
ovüCav dvo^ioiov, dvdd-siia iWo). Kai fierd Tavra ei ßov- 
Xovrai ovtsCac ovo^iaTog ficfivijüS'ai, xal dd-erovtft^ xal rdg 
lavrdSv VTToyQa^dg, ovcCag navTa^ov iivrniovevfSavTsgf xal 
rd T(Sv Ttar^Qwv ofAoXoys^Toodav, fi'^ (lovov xard ti^v ßovXrjfftv, 
dXXd xard to slva^, xal xard ro vipeürdvai, xal xard ro 
vndgxsiVy xard jtdvra xaS-dna^ ofioiov elvat tov vlov 
narqC, wg vlov nargC, xa-d'cSg al &€iai X^yovdt yqafpaC. 

Fragen wir schliesslich noch nach der Zeit, in 
welcher etwa Greorgios seine Schrift gegen die Manichäer 
verfasste, so könnte man ans der Thatsache, dass Hera- 
klianos des Georgios Werk nach dem des Titus an- 
führt und von ihm bemerkt: roTg avrotg axsdov olg o 
TCTog xard r^g ddsßsCag xsxqthi^vov ini^xeiQriiiaüi, auf den 
Gedanken kommen, Georgios habe später als Titus ge- 
schrieben und wohl gar dessen Werk benutzt. Ich 
glaube dies aber in Abrede stellen zu müssen. Aller- 
dings ist Heraklianos' Bemerkung auf Georgios durch- 
aus zutreffend; dies liegt aber wesentlich in der Sache 
selbst und in den philosophischen Vorbedingungen und 
Voraussetzungen, von denen aus beide Männer die Be- 
kämpfung der Gegner unternahmen. Das, was uns in 
der Hamburger Handschrift als Inhalt des uns nicht 
erhaltenen dritten und vierten Buches des Titus ange- 
geben wird^^), ist ungefähr dasselbe, was Georgios in 
der grösseren zweiten Hälfte seines Werkes behandelt. 

") Titus Bostrenus ed. Lagarde, Praef. p. IV: 'O rgCrog 
vnkg TOV vofAov xal Ttav 7iQ0(f'fjT(3v noidtrai "koyov w? na^ tov ^sov 
nda^g r^s nakaiccg dia&^xijg do&fiatjg xal (dg ovdey rdiv avTod-i tu- 
TiQayfjiivoiv tf xal kfkfyfxivwv evkoyoy nra xaifiyoQCav ^** tov nonj- 
accyrog re xal kaki^aceyrog, (6g xal avvtadd ticcvtcc rij xaw^ (fut^fixt], (og 
^flfff IvTfv^fv dvdyxfiv flyat ff&vr^Qav rwd xal IvavrCav kqxV^ ^^ ^*^ 
vnovoeTy, 6 rira^Tog i^aiQH xal njy xaivfjv (fiaS-ijXfjv T^g ixftp(ov xccra 
d-fov ßkaOi^rifuag, (6g ovd'f ngog icvTtjv 7iainfk(äg ix^vnay rivd xoivtavCav 
xal (6g ficirriv txßid^ovrai fj^gt] y( nya ravTtjg nqog üv<naGi>v T^g avrdip 
dtffßfiag xal (6g »? xccra rov (^idßokov vno&taig ovtffp avioTg avva^Qftat 
TiQog a kiyovat xard S-fov. 



Georgios Ton Laodicea. 23 

Epiphaniös, der nocli Zeitgenosse jener Männer war, 
hat offenbar die richtige zeitliche Aufeinanderfolge 
ihrer Schriften wider die Manichäer verzeichnet, wenn 
er Georgios von Laodicea voranstellt, an diesen 
Apollinarios von Laodicea schliesst und ihm erst 
Titus von Bostra folgen lässt, von welchem auch 
Schmidt mit Recht annimmt, er habe seine Schrift 
„wohl erst nach dem- Zusammenstoss mit Julian ver- 
fasst" (a. a. 0. S. 695). Auch dass das Werk in der der 
Vatikanischen Abschrift zu Grunde liegenden Urhand- 
schrift in den Anfang der Bücher des Titus, nicht aber 
in irgend einen späteren Theil derselben irrthümlich 
eingeschoben . wurde, könnte als ein mitbestimmender 
Grund dafür geltend gemacht werden, dass dasselbe 
ursprünglich voranstand, Titus und vielleicht, wie La- 
garde vermuthete, noch andere Schriften gegen die 
Manichäer folgten, xiiese sämiatlich also höchst wahr- 
scheinlich in richtiger zeitlicher Aufeinanderfolge ge- 
sammelt waren. — Wir werden etwa an das Ende 
der fünfziger Jahre des 4. Jahrhunderts als Ab- 
fassungszeit der Schrift zu denken haben. Diesem 
Werke Hess dann Georgios, wie ich schon erwähnte, 
im Jahre 360 das Leben seines Freundes Eusebios 
von Emesa folgen, womit seine schriftstellerischen 
Leistungen, soweit uns heute darüber noch überhaupt 
ein Urtheil, möglich ist^^), geschlossen gewesen zu sein 

^*) Einen Brief des Georgios vom Jahre 358 theilt uns 
Sozomenos (IV, 13) noch mit, in welchem derselbe dazu auffordert, 
dem Treiben des Eudoxios, eines Anhängers des Aetios, entgegen zu 
treten. Dieser nämlich und Eunomios bildeten damals — um einen 
Ausdruck Hase 's (Kirchengesch. S. 127) zu gebrauchen — „nach der 
Behauptung, dass sich das Göttliche so klar erkennen lasse als das 
Menschliche, die Annahme des Arius mit scharfer Dialektik dahin 
aus, dass alle göttliche Wesenheit als ein Ungezeugtes in Christo 
verleugnet wurde {avofAOiog, UpofM^oi)^. Das kleine Schreiben, ge- 
drungen und treffend, möge hier eine Stelle finden: KvQio&g rtfiKo- 
mroig Max€doviü) Bccaikfit^ KfXQoniw Evyfpito Ffiagiog iv xvQtta ^aiQfiy, 
T6 \4fTiov vicvayi>ov aj^fdtp nov ncccccy xccKikfji^f^ Trjv l4vnoj(f(oy' rovg 
yccQ 7i(tQ vyXv cen/naCofiipovg fMtd-rjTctg tov dtvacjyvfiov IdtrCov ndvrag 
X((Tttkaß(6r Evdo^i'Og, dg xkfjgixovg ngoßakkiTai , iy roig ^dk&cra Tfn- 
fiij^fyoig ^^o)y roy atQfJtxoy U^noy. xc(Takc(ßiTf ovy Ttjy rijkixav-njy 7i6^''^> 



24 Qeorgios von Laodicea. 

scheinen. Im Anfang der sechziger Jahre, besonders 
seit den feindseligen Massnahmen des Kaisers Jnlianus 
gegen die Christen, trat dann Apollinarios von 
Laodicea gegen Porphyrios, Manichäos, Eunomios und 
den gefürohteten Abtrünnigen selbst auf den Kampf- 
platz, Apollinarios, dessen glänzende Leistungen als 
Schriftsteller, nach des Philostorgios Zeugniss, die 
aller Zeitgenossen weit übertrafen und in den Schatten 
stellten. Wir dürfen es als ein glückliches Geschick 
ansehen, dass es durch Lagarde's Scharfsinn vns er- 
möglicht worden ist, die bedeutende Schrift eines hoch- 
gebildeten Zeitgenossen und Widersachers des Apolli- 
narios von Laodicea aus dem Dunkel unverdienter 
Vergessenheit wieder an das Licht gezogen und in neue, 
hellere Beleuchtung gerückt zu haben. 



/j,ij Tio vavayCi^ (tvTijg xcd i^ olxovfjiiyri naQuavQ^* xctl fis ravTov yiVOfAtvot, 
oaovg xal yfviad-cu iy/MQti,- nagd ttav äkkiov knicxoTnav vnoyQfafdg 
dnamiaccTC Tva ds ^Airiov ixßdktj T^g ^AyrM^^imv ixxkrjaictg Evöo^tog, 
xal Tovg avTov jucc&fjrdg ovrug, TTQo/f&giGO^iyrag dg xavovag, ixxoxl'fj' 
37 idr inifuiyu (xfm 'Atriov dyo/xoiov xakcjy xcd rovg tovto Tokuwvrccg 
kfyfty Ttay fiij k&yoyxMy TiQOJificjy, ot/trcu v/jJy, (og (^d-ciaag ^i^fjy, Thtog 
37 "Ayrio/iCDy. 



II. 



Dionysios von Rhinokolura. 



Es giebt innerhalb des altcbristliolien Sohriftthums 
eine ganze Reihe von Fragen, die eigentlich niemals 
völlig zur Ruhe, d. h. zu einer allseitig befriedigenden 
Erledigung und einem allseitig anerkannten Abschluss 
kommen. Was den Vätern und G-rossvätem vielfach 
als unumstösslich feststehende Thatsache galt, ist durch 
die Zweifelsucht unserer Tage längst wieder umge- 
stossen und anders gefasst worden. Ich erinnere an 
die verwirrende Mannigfaltigkeit der Ansichten über 
das neutestamentliche Schriftthum, die Entwickelungs- 
geschichte des ältesten Christenthums, die Parteien des 
apostolischen Zeitalters, die Nachrichten des Papias, die 
Muthmassungen und Aufstellungen über die älteste 
Verfassung, wie sie besonders die Untersuchung der 
plötzlich aufgetauchten „Lehre der zwölf Apostel" in 
überraschender Fülle zu Tage gefördert hat, über die 
Apologeten, die Ketzergeschichte, und wie die Fragen 
alle heissen: heiss tobt bislang fast um sie alle der 
Streit der Gelehrten. Freilich soll nicht verkannt werden, 
dass durch neue Entdeckungen und Veröffentlichungen 
von Schriften mancherlei Art, durch sorgfältigere Er- 
forschung des schon früher Bekannten, durch Auf- 
deckung mancher versteckter Beziehungen innerhalb 
dieses imif angreichen Sohriftthums sowiö genaue Nach- 
^ Weisungen der schriftstellerischen Abhängigkeit manches 
ob seiner Selbstständigkeit xmd Eigenart früher hoch- 



26 Dionysios von Rhinokolura. 

4 

geschätzten Kirchenlelirers sichtbare Fortschritte auf 
diesem Gebiete gemacht sind; nicht minder, dass der 
Streit der Meinungen vielfach zu einer gewissen An- 
näherung, bezw. gegenseitigen Anerkennung der bisher 
hitzig mit einander Hadernden geführt hat, und dass 
somit die geschichtliche Wahrheit wirklich und wahr- 
haft vorwärts schreitet und zu immer unbefangenerer 
Anerkennung durchdringt. Dagegen sind auf jenem 
G-ebiete thatsächlich Fragen vorhanden, die das Unglück 
haben, dass sie gewissermassen immer wieder von vom 
angegriffen werden müssen, weil der Wust des Vor- 
urtheils, das Ansehen einer Jahrhunderte lang irrege- 
geleiteten Ueberlieferung zu gross ist, als dass selbst 
dem tapfersten und umsichtigsten Streiter der Sieg 
über jene für jeglichen Schriftthums Untersuchung und 
Beurtheilung verhängnissvollen Mächte sofort gelingen 
sollte. Ich wüsste kaum irgend eine Streitfrage dieser 
Art zu nennen, auf die mein Hinweis vollkommener 
passte, als die, welche seit Alters über den mit des 
Dionysios Namen versehenen Schriften schwebt. 

Gründlich aufgeräumt mit den alten Vorurtheilen 
und den gänzlich unwissenschaftlichen Unterstellungen 
der Früheren hat Franz Hipler in seinem 1861 zu 
Eegensburg erschienenen „Dionysius der Areopagite", 
höchst scharfsinnigen und die gesammten Bedenken der 
Alten bis auf Engelhardt^) umfassend erledigenden 
„Untersuchungen über Echtheit und Glaubwürdigkeit 
der unter diesem Namen vorhandenen Schriften". Er 
hat durch eine unbefangene, vorurtheilsfreie Prüfung 
aller einschlägigen Stellen der Schriften des Dionysios 
— „denn den Namen Dionysios können wir unserm 
Autor wohl nicht verweigern, da er selbst sich so nennt, 
und wir keinen Grund haben, an seiner Glaubwürdig- 
keit zu zweifeln" (a. a. 0. S. 110) — gezeigt, dass derselbe, 
weit entfernt von der Absicht, für einen Schüler und 



^) J. G. V. Engelhardt, Die angeblichen Schriften des Areo- 
pagiten Dionysius, übersetzt und mit Abhandlungen begleitet. Zwei 
Theile. Sulzbach 1823, 



Dionysios von Rhinokolura. 27 

Zeitgenossen der Apostel gehalten zu werden, vielmehr 
auf ganz bestimmte Ereignisse des 4. Jahrhunderts klar 
und deutlich Bezug nimmt. Er konnte in dem Bewusst- 
sein, durch den Erweis der Glaubwürdigkeit des Schrift- 
stellers endlich einmal einen sicheren Q-rund gelegt zu 
haben, die Erwartung aussprechen, dass auf demselben 
nunmehr „weitere Untersuchungen freudig und zu- 
trauensvoll und hoffentlich mit besserem Erfolge als 
bisher fortbauen können und werden". „Finden sich 
doch," — sagt er in dem Rückblick auf die von ihm 
gewonnenen Ergebnisse S. 108 — - „weit entfernt, dass 
der Verfasser irgend etwas, was seine Person betrifft, 
verdecken, verkehren oder entstellen sollte, über seine 
Zeit, seinen Wirkungskreis, seine Verhältnisse so viele 
und so klare Andeutungen in seinen Schriften, dass 
man daraus sein Leben mindestens ebenso genau und 
sicher reconstruiren kann, als dies bei den meisten an- 
deren älteren Kirchenschriftstellern möglich war. Des- 
gleichen lässt sich auch trotz des Verlustes mehrerer 
nicht unwichtiger Schriften, bei der eigenthümlichen 
Art seines Vortrages, sein theologisches System wenig- 
stens in seinen Hauptpunkten vollständig genug dar- 
stellen, um ein richtiges Urtheil darüber zu ermöglichen, 
und für die Geschichte seiner Werke und ihres Ein- 
flusses auf die theologischen Wissenschaften bis auf 
unsere Tage hinab ist das Material fast überreich. Aus 
dem Kampfe des Neuplatonismus mit dem Christen- 
thume hervorgegangen, haben sie zu dessen Beendigung 
nicht wenig beigetragen, begannen aber bei dem stets 
wachsenden Ansehen ihresVerfassers bald in den Streitig- 
keiten über das christologische Dogma eine wichtige 
Stelle einzunehmen und wurden in den monotheletischen, 
monophysitischen, ja schon in den nestorianischen 
Streitigkeiten von beiden Theilen mit höchster Ehr- 
furcht behandelt. Diese Ehrfurcht steigerte sich noch 
in dem darauf folgenden Bilderstreit und in dem Kampfe 
um den Ausgang des heiligen Geistes, erreichte aber 
ihren Höhepunkt im christlichen Mittelalter." 

Trotz der lichtvollen und durch die Wucht ihrer 



28 Dionysios von Hhinokolura. 

Gründe so überzeugenden Untersuchungen Hipler's 
hat es nun aber nicht an Forschern gefehlt, auf welche 
dieselben durchaus keinen nachhaltigen Eindruck ge- 
macht haben ^). Engelhardt's dickleibiges Werk mit 
seinen mancherlei dankenswerthen Beigaben scheint es 
denselben angethan zu haben. Ich meine den Hellenen 
Ilarion Kanakis und den Protestanten E. Foss. 
Ersterer scheint sich mit Hip 1er 's Untersuchungen nur 
sehr oberflächlich befasst zu haben. Er betrachtet „das 
Unternehmen Hipler's als misslungen, einmal, weil 
der areopagitische Autor wohl nicht im anderen Sinne 
den Brief an den Evangelisten Johannes und wieder 
im anderen die Briefe an Timotheus, Titus u. s. w. 
gerichtet haben kann, sondern um* das minder Sichere 
hier aus dem Sicheren zu erklären, müssen wir an- 
nehmen, dass er auch unter den anderen Namen aposto- 
lische Männer meint; sodann weil die von Hipl er selbst 
anerkannte Gleichheit des Stiles und Geistes, folglich 
auch der Autorschaft aller Schriften die Auffassungen 
als gleichberechtigt erscheinen lässt, dass entweder alle 
fingirt sein oder alle realen Lebensverhältnissen ent- 
sprechen müssen; drittens endlich, weil, auch ange- 
nommen, wie Hipler will, der Verfasser hätte in einem 



^) ,,Das8 Dionysius Areopagfita nicht über das 5. Jahrhundert 
hinaufzurücken und die Lehre des Proclus als die Quelle zu be- 
trachten ist, aus der jener geschöpft hat,'* meint mit der Berufung 
auf Engelhardt auch Johannes Deutsch in seiner Dissertation 
„Krit. Darstellung der Gotteslehre des Thomas von Aquino" (Leipzig 
1870), S. 6, Anm. Hinsichtlich der von mir im Folgenden gegebenen 
Ausführungen über die für die klare Erfassung der Entstehungsver- 
hältnisse der dionysischen Schriften so wichtigen Personen erlaube 
ich mir ausdrücklich zu bemerken, dass ich meine über Hipler 
hinausgehenden Ergebnisse völlig unabhängig von anderen Forschern 
gefunden habe. Erst nach Vollendung dieser meiner Arbeit war es 
mir möglich, Moll er 's Aufsatz über Dionysius Areopagita in der 
2. Aufl. der Real-Encyklopädie von Hei'zog und Plitt, Bd. III. (Leipzig 
1878) S. 616 flf. einzusehen und daraus einmal zu meiner Freude zu 
erfahren, dass Möller die Ergebnisse der Untersuchungen Hipler 's 
unumwunden anerkennt, sodann, dass vor mir schon E. Böhmer in 
einer mir nicht zugänglichen Zeitschrift ähnliche Ansichten über 
einige der hier in Frage kommenden Personen geäussert hat. 



Dionysios von Rhinokolura. 29 

Theile seiner Schriften eine Fiction angewandt, im an- 
deren der Wahrheit gemäss geschrieben, er nichtsdesto- 
weniger als ein des Betruges fähiger und schuldiger 
Fälscher zu betrachten sein wird, insofern es hier nicht 
auf den an sich gleichgültigen Umfang, sondern viel- 
mehr auf die Thatsache des Betruges ankommt"^). 

Kanakis legte seiner Abhandlung einfach 
Engelhardt zu Grunde. Seine Untersuchung ent- 
behrt aber des gründlichen geschichtlichen Unterbaues, 
sie ergeht sich deshalb zumeist in's Blaue. Denn er 
verlegt wunderbarer Weise die Entstehung der diony- 
sischen Schriften in die Zeit des Plutarchos und somit 
nach Philon um die Zeit des ersten Aufblühens der 
älteren athenisch-theologischen Schule um die Wende 
des ersten christlichen Jahrhunderts und bemüht 
sich, den Verfasser derselben durch die Darlegung seines 
Systems als einen von denjenigen Männern zu erweisen, 
„die in der Greschichte der Philosophie, ihrem Charakter 
nach, als pythagoreisirende und eklektische Platoniker, 
ihrer geschichtlichen Stellung und Bedeutung nach aber 
als Vorläufer des Neuplatonismus bekannt sind" (S. 33). — 
Befremdlich ist es nun aber zu sehen, dass auch Foss, 
ein sonst so besonnener Greschichtsforscher, wesentlich, 
wie es scheint, durch Engelhardt bestimmt, es fertig 
bringt, über Hipler's Dionysios-Untersuchungen den 
Stab zu brechen. Die Art, wie dies geschieht, ist ent- 
schieden bedauerlich und erfordert eine Zurückweisung, 
damit nicht auch andere auf den Gedanken kommen, 
die Untersuchungen eines katholischen Gelehrten, die 
in ihrem Zweck und Ziel mit denen Neuerer, etwa 
über Kyrillos von Alexandria und Theodoretos von 
Cyrus, durchaus nicht auf eine Linie gestellt werden 
dürfen, so kurzer Hand bei Seite zu schieben und so 
zu thun, als ob alle jene gewissenhafte wissenschaft- 
liche Forschung im Grunde genommen völlig über- 
flüssig sei. 

R. Foss veröffentlichte in dem Jahresberichte des 

^)Ilarion Kanakis, Dionysius der Areopagite nach seinem 
Charakter als Philosoph dargestellt (Leipzig 1881), S. 4. 



30 Dionysios von Bhinokolura. 

Luisenstädtisclieii Eealgymnasiums zu Berlin 1886 (Progr. 
Nr. 92) eine Abhandlung ^Ueber den Abt Hilduin 
von St. Denis und Dionysius Areopagita". Den 
ersten Abschnitt: „Der Abt Hilduin von St. Denis '^ 
(S. 3 — 11) lasse ich völlig unangetastet, da erkenne 
ich des Geschichtsforschers Ergebnisse bereitwillig an; 
ich habe es mit dem zweiten Abschnitt: „Dionysius 
Areopagita" (S. 11 — 21) zu thun, und zwar mit 
dessen erster Hälfte (S. 11 — 17). 

Handeln wir zunächst über die Firage nach der 
Abfassungszeit der Schriften des Dionysios. 
Foss beginnt an der Hand Engelhardt's (S. 14) mit 
dem Hinweis auf die Thatsache, „dass um die Mitte 
des 6. Jahrhunderts zu Justinians Zeit zuerst von den 
Severianischen Ketzern in einer Unterredung mit Katho- 
liken diese Schriften angeführt seien" (S. 13), während 
Hypatios, der Sprecher der Katholiken, ihre Echtheit 
nicht anerkannte. „Wenn wir also" — fährt er fort — 
„daraus schliessen dürfen, dass sie in jener Zeit ersst 
aufgekommen und bekannt geworden sind, so liegt 
wohl auch der Schluss nahe, dass sie damals 
erst entstanden seien. Und das stimmt wunderbar 
mit den Zeitverhältnissen." Das ist doch ein wunder- 
licher G-rund, der, allgemein angewendet, wie sich leicht 
zeigen lässt, zu den verkehrtesten Schlussfolgerungen 
führen müsste. 

In der lateinischen Uebersetzung nämlich des von 
Innocentius von Maronia in Thracien, einem der 
rechtgläubigen Theilnehmer an dem 533 zu Konstan- 
tinopel mit den Monophysiten (Severianern) abgehaltenen 
Gespräche herrührenden Berichtes heisst es: „Contra- 
dicentes (Severiani) dixerunt: — beato Cyrillo et beato 
Athanasio, Alexandrinae civitatis episcopis, Feiice etiam et 
lulio, Eomanae ecclesiae, Gregorio quin etiam mirabilium 
factore et Dionysio Areopagita unam naturam Dei verbi 
decernentibus post unitionem, nos omnes transgressi 
illi (die Bischöfe der Kirchenversammlung zu Chalcedon), 
post unitionem praesumpserunt duas naturas praedicare" 
(Coleti V, 912). Mit demselben Grunde, wie Foss von den 



Dionysios von Ehinokolura. 31 

Schriften des Dionysios, dessen Name ihm als Maske 
gilt, behauptet, ihre Abfassung falle in diese Zeit, d. h. 
um die Mitte des 6. Jahrhunderts, könnte er dies auch 
von den anderen bei jenem Gespräche angerufenen 
Q-ewährsmännern behaupten. Denn dass die Namen 
des Athanasios, Felix und Julius von Eom sowie 
des Gregorios Thaumaturgos in den Aufschriften der 
gemeinten Schriftwerke gefälscht seien, hob schon 
Hypatios hervor. "Wir würden aber gröblich fehl- 
greifen, wenn wir ihnen deswegen, weil sie jetzt gerade 
besonders ■ hervortreten, theil weise jetzt überhaupt erst 
auftauchen, sämmtlich das 6. Jahrhundert als Ent- 
stehungszeit zuweisen wollten, da wir heute genau 
wissen, dass alle jene Schriften der zweiten 
Hälfte des 4. Jahrhunderts angehören und 
Apollinarios von Laodicea zum Verfasser 
haben. Könnte man hier nicht schon, in Rücksicht 
auf die angeführten, ganz ähnlichen geschichtlichen 
Verhältnisse, fragen, warum sollten nicht auch die zu- 
letzt von den Severianern für ihre Ansicht angerufenen 
Schriften des Dionysios gleich den vorherge- 
henden dem 4. Jahrhundert angehören? Schon 
die Gleichförmigkeit der beiden Fälle scheint von vorn- 
herein für dieses Sachverhältniss zu sprechen. Jedenfalls 
ist «chon hier der Boden sicherer, als bei Foss' Hinweis 
auf das wunderbare Zusammenstimmen der Entstehung 
der dionysischen Schriften im 6. Jahrhundert mit den 
Zeitverhältnissen. Der aus der durch Justinianus ver- 
fügten Aufhebung der Philosophenschule von Athen 
gefolgerte Sachverhalt ist eben nichts weiter als eine 
Annahme, mit deren Begründung es bedenklich hapert. 
Besonders erscheint der Schluss haltlos und fragwürdig, 
dass man damals gerade „ein Bedürfniss gefühlt hat, 
die Erkenntnisse der griechischen Philosophie mit den 
Lehren des Ghristenthums in harmonische Verbindung 
zu bringen, sie so zu retten und dem Christenthume 
zugleich zu dienen" (S, 13). EndHch ist es einfach 
nicht wahr, dass seit dieser Zeit „keine bedeutenden 
Kirchenväter hervorgetreten" sind. 



32 Dionysios von Bhinokolura. 

Doch halten wir uns nicht bei den Vorfragen auf. 
Foss giebt selbstverständlich den Apostelschüler Dio- 
nysios als Verfasser der in Brcde stehenden Schriften 
auf. Auch das Ergebniss der ersten Untersuchung 
Hipler's („Dionysios als Schüler des Paulus und Mit- 
schüler des Timotheus"), welches derselbe (a. a.O. S. 38) 
dahin zusammenfasst: „Der Verfasser ist kein Betrüger 
und Fälscher, er will nicht für einen Apostelschüler, 
wenigstens nicht für einen Jünger Pauli oder gar für 
den ersten Bischof von Athen gelten" — lässt er sich 
noch gefallen, bei der zweiten („Dionysios als Gefahrte 
des Petrus und Jacobus auf einer Wallfahrt nach Jeru- 
salem" S. 39 ff.) wird ihm die Sache viel bedenklicher. 

Er behandelt zunächst im Anschluss an Hipler 
die Stelle De divinis nominibus III, 2. Ich lasse 
dieselbe in ihrem Wortlaut folgen, nicht um, wie Foss 
(S. 14), „dadurch eine Probe von dem Stil des Autors 
zu geben", noch um, wie ebenderselbe höchst über- 
flüssiger Weise thut, des Scotus Erigena lateinische 
und Engelhardt's deutsche Uebersetzung hinzuzu- 
fügen (S. 14 und 15), sondern um durch klaren Ein- 
blick in den Zusammenhang und durch einfache, mittelst 
gesperrten Drucks bewirkte Hervorhebung der er- 
klärungsbedürftigen Ausdrücke dieser Stelle das philo- 
logische Verfahren Hipler's deutlicher hervortreten 
zu lassen. 

KaCxoL xal rovro i^filv imreT'^ Qi^rai XCav Ififji^eXcSg, coffre 
Toig avTw TW -d-sCm xaS'fjyefiovi i^IeQo^iw) xar^ ex^apoiv 
dirjvxQivi]fiivotg fifjö^ dlcog lyxexetQtix^vat tcot^ ngog rarro- 
XoyCav eig Tfjv avr^v tov TtQOTeS-ivTog avrS koyCav diaüä- 
ffjütv' insl xal TtaQ* avrolg roig ^soXrimoig ^fidSv laQaQxccig 
{^vCxa xal fjfJieig, wg old-d'a, xal avrog xal noXXol tcSv hgcSv 
^ficSv ddeX^tSv inl t^v -d-eCav tov ^coaQx^xov xal xheo- 
doxov (TiofiaTog avrsXfjXv'd'afiev — TtaQ^v di xal 6 
ddeX^O'd'Sog ^Idxcaßog xal IHtQog, iy xoQV^aCa xal 
TtQBtsßvrarri rwv d-soXoymv dxQOTfjg — eha idoxsi^ 
fisrd rriv S-sCav vfiv^f^ai rovg IsQaQx^^ anavtag, cSg 
exaütog rjv Ixavog, ti^v dTieiQoövvafiov dyaS'OTrira T^g 
d'€aQxt'X^9 dod-svsCag) navTcov ixQdrei fierd rovg -d'eoXoyovg, 



Dionysios von Ehinokolura. 33 

a>$ olaS-a, reSv ai^Xcov 1€Qo}iv(StcSv , oXoq ixöjjfitöv, oXog 
i^i<}Tccfi€Vog lavTov xal Tfjv TVQog vd vfxvovfisva xoivoavCav 
7id(S%aiV xal Ttgog ndvTvav fhv i^xovito xal Icogäro xal 
iyiyvci(Sx€ro S-soXririTog slvai, S-slog v^voXoyog xQivofAevog. 
Kai rC av (Soi TteQl xäv ixsl S'eokoyfj^^vrwv Xfyoifjti. 

„Aus dieser Stelle" — sagt Foss S. 15 — „scheint 
hervorzugehen, dass Dionysius behauptet, er habe mit 
Petrus und Jacobus eine Wallfahrt nach Jerusalem ge- 
macht." Gewiss, das scheint nicht bloss so, sondern 
Dionysios sagt es ganz unzweideutig aus. Dass an die 
Apostelzeit nicht zu denken, hat Hipler gegen die 
gesammte Zeugenwolke der alten Ausleger erwiesen; 
ihrer zwiespältigen Deutung des Zweckes der Wallfahrt 
glaubte auch Foss soweit Gewicht beilegen zu müssen, 
dass er der Erklärung der Worte ^(öaQxixop xal x^eodoxov 
adSfia näher trat. Die Beziehung derselben auf den 
Leib der Maria, welche die ältesten griechischen Aus- 
leger in die Worte legten, ebenso wie Abt Hilduin's 
und späterer abendländischer Theologen Erklärung von 
dem Leibe Christi, lehnt Foss mit ausdrücklicher Zu- 
stimmung zu Hipler 's Beweisführung als unmöglich 
ab. Was denn nun jene Worte wirklich zu bedeuten 
haben, darüber äussert sich Foss nicht weiter, als dass 
er im Anschluss an die erwähnte Ablehnung mit Bezug 
auf Hipler einfach fortfährt: „Um nun aber den Autor 
als jeder Täuschung fern hinzustellen, gebraucht er 
alle Künste einer sehr bedenklichen Interpretation." 
Wer einen wissenschaftlichen Gegner so kennzeichnet, 
hat die Pflicht, den Beweis für seine Behauptung zu 
erbringen. An diesem lässt es Foss aber durchaus 
fehlen, über das ^wa^/^xoV xal x^sodoxov (sä^a schweigt 
er sich vollständig aus. 

Sehen wir zu, ob ,,alle Künste einer sehr bedenk- 
lichen Interpretation'^ wirklich von Hipler verwendet 
sind. Foss scheint mir den betreffenden Abschnitt 
der hierher gehörigen Beweisführung Hipler 's sehr 
oberflächlich gelesen zu haben. Um Hilduin's, des ihm 
so wohl bekannten Abtes, willen hätte er hier doch 
genauer zusehen sollen. Gerade der von Hilduin in 

DrAseke, Ges. patrist. Untersuch. ^ 



34 Dionysios von Rhinokolura. 

seinem Werke „Areopagitica" gebrauchte Ausdruck hat 
Hipler thatsächlich auf die richtige Spur zur Er- 
klärung der angefochtenen Stelle geführt. Dieser Aus- 
druck nöthigt zunächst zu dem Schlüsse, dass wir es 
mit einer Textverderbniss zu thun haben. Gesetzt 
nun a.ber auch, dass in den nahezu hundert griechischen 
Handschriften der Werke des Dionysios, von denen 
bis jetzt trotz der vielen Ausgaben nicht mehr als neun 
verglichen sind, kein Zeugniss für die erschlossene 
Verderbniss sich finden sollte, so zeugt für dieselbe 
doch eben Hilduin, dessen Aeusserung älter ist als 
irgend eine der bis jetzt bekannten griechischen Hand- 
schriften. In seinem auf Wunsch Ludwig's des Frommen 
836 verfassten, schon genannten Werke sagt er von 
dem Buche über die göttlichen Namen : „In quo ostendit 
se apud sanctam civitätem penes sepulcrum lesu vitäe 
principis (^coaQxtxov) . . . audisse disputationem.'* Wir 
werden von vornherein annehmen dürfen, dass Hilduin 
nicht willkürlich auf diese Darstellung gerieth, sondern 
dass dieselbe durch den Wortlaut der ihm vorliegenden 
griechischen Handschrift bedingt war. „Es war dieser 
aber das berühmte, jetzt leider auch verlorene Manu- 
script, das Kaiser Michael, der Stammler, dem König 
Ludwig im Jabre 827 durch die Gesandten überreichen 
liess, die am fränkischen Hofe um Hülfe gegen die 
Muhamedaner bitten sollten, also gewiss eine sehr 
sorgfaltige und nach den besten Exemplaren gefertigte 
Handschrift, deren Lesarten daher für unsere Stelle 
von grösster Wichtigkeit sind. Welches war nun die 
Lesart dieses kostbaren Manuscripts, das den Hilduin 
zu einer so abweichenden Erklärung veranlasste?" Wie 
Hipler streng philologisch zeigt, muss Hilduin ai^- 
fiaroi; statt aw^aroq gelesen haben. Und das hier 
arj^ia vorschnell und unberechtigt in der Bedeutung 
„Grabmal**, sepulcrum gefasst worden ist, sollte 
kein Philologe beanstanden. Die Beiwörter ^coagxixov 
und x^fodoxov weisen auf eine andere, allgemeine Be- 
deutung, nämlich „Zeichen**, signum, d. h. das 
Kreuzeszeichen, für welches die Beiwörter „leben- 



Dionysios von Rhinokolura. 35 

gebend*^ und „gottaufnehmeiid" in ganz besonderem 
Sinne passend gewählt sind, letzteres übrigens, wie 
Hipler sehr überzeugend bemerkt (S. 72), ,,in der 
armenischen Liturgie, die bekanntjicli eine Tochter der 
altalexandrinischen ist, geradezu als charakteristisches 
Beiwort des heiligen Kreuzes, und es ist mehr als 
wahrscheinlich, dass dies nur eine Uebersetzung des 

griechischen iS^focJo^oe ist." 

Wo sind hier irgendwie „alle Künste einer sehr be- 
denklichen Interpretation '^ zu verspüren? Ich bekenne 
mich zu einer solchen Auffassung unfähig. Mir erscheint 
aUes streng wissenschaftlich, im Besonderen allen 
ErCgeln der philologischen Auslegungskunst entsprechend. 
Ebenso sehe ich auch Hipler' s Behandlung des viel- 
umstrittenen, in demselben Zusammenhange vorkom- 
menden ddsl^oS-eog an, Nach Foss (S. 16) „versucht 
er nachzuweisen, dass die Uebersetzung von ddskfo^sog 
nicht richtig und somit von einem Bruder Christi an 
dieser Stelle keine Rede sei. Hier sei ein beliebig an- 
derer Jacobus gemeint und ebenso sei der hier ge- 
nannte Petrus nicht der Apostel. Er hat ein ähnliches 
Kunststück schon einmal in seiner Arbeit versucht". Diese 
letztere Aeusserung fordert wiederum zum Widerspruch 
heraus. Worin besteht denn nun Hipler 's „Kunststück"? 

Er weist in strenger Uebereinstimmung mit dei^ 
Wortbildungsgesetzen der griechischen Sprache darauf 
hin, dass das Wort ddektpoS^sog für die Bezeichnung 
„Bruder Gottes" eine sprachlich unmögliche Bildung 
sei, und dass Dionysios, den von ihm sonst gebrauchten 
mit S-eog gebildeten Zusammensetzungen entsprechend, 
(d-foxQiarog, d-sonagdSoroQ, ^^ODVVfifa, \)'€o<So^Ca, S-eoyovoc, 
xß-soTidrayQ), vielmehr d-eadsXtpoq gesagt haben müsste. 
Mit Recht wirft er (S. 62) die Frage auf: „Würden 
wohl Maximus, Johannes von Damascus, G-ermanus von 
Konstantinopel, Theodoros von Studium, die Bewunderer 
und Erklärer der dionysischen Schriften, es unterlassen 
haben, den so sehr bequemen Ausdruck Adelphotheos 
zu acceptiren und gelegentlich anzuwenden, wenn sie 
ihn in denselben gefunden hätten, und würde man 

3* 



36 Dionysios von Ehinokolura. 

nicht nach dieser späterhin klassisch gewordenen Stelle 
den bischöflichen Sitz von Jerusalem „den adelpho- 
theischen" genannt haben, während er in der That 
niemals so heisst, sondern immer aJs der „theadelphische 
Stuhl" bezeichnet wird?" Das Wort ist also, daran 
kann philologisch nicht gezweifelt werden, nicht 
weniger verderbt wie das zuvor erwähnte adSfjia. 
Und die Besserung, die Hipler vorschlägt, ist ebenso 
einfach wie einleuchtend. In der alten griechischen 
Majuskelschrift kann AJEA(D02 mit Hinzufügung ei- 
nes einzigen kleinen Striches im O, also AJEA(D&2, 
auch ddeX^oS^eog gelesen werden, unsere älteste Wiener 
Majuskelhandschrift bietet aber klar und deutlich die, 
Lesart ddsl^og. "*) Es entstand jene sprachlich unmög- 
liche Zusammensetzung natürlich unter dem wunder- 
lichen Bestreben, Dionysios durchaus zu einem Zeit- 
genossen der Apostel zu machen, hier also den Jacobus 
als Bruder Jesu festzustellen, während wir so nur ein- 
fach an einen — sei es leiblichen oder ganz allgemein 
christlichen — Bruder des Petrus zu denken haben. 
Auch zeigt Hipler überzeugend, dass der mit ^ xoqv- 
fpaCa xal TCQstsßvrdrri rcSv S-sokSycov dxQorfjg ausgezeichnete 
andere Theilnehmer der Wallfahrt nach Jerusalem, 
Petrus, eben durch jenes Beiwort, dem Sprachge- 
brauche des 4. und 5. Jahrhunderts gemäss, als Erz- 
bischof und geehrtester der bei jener G-elegenheit in 
Jerusalem anwesenden Theologen (Bischöfe) gekenn- 
zeichnet werde, während dieselbe Bezeichnung, auf 
den Apostel Petrus a;iigewendet, der nur einmal (Epist. V, 
3, 5), und zwar dort sachlich und sprachlich gerecht- 
fertigt, o TfSv fiaS-fjTcSv xoQv^aloq fisrd r^g ofiovayovg 
dsxddog genannt wird, keinen vercünftigen Sinn gebe. 
Unter den von Hipler vorgeschlagenen Möglichkeiten, 
diesen Petrus zu ermitteln, scheint mir die Vermuthung, 
es sei mit Petrus des Damasus Zeitgenosse, der Nach- 
folger des Athanasios auf dem erzbischöf- 



*) Hipler im Kaulen 'sehen Kirchenlexikon (Freiburg 1884) 
m, S. 1790. 



Dionysios von Ehinokolura, 37 

liehen Stuhle von Alexandria gemeint, die nächst- 
liegende und ansprechendste zu sein. Die von Dio- 
nysios zu seiner Kennzeichnung gebrauchten Worte 
entsprechen nicht bloss den von Sokrates verwendeten, 
welcher (IV, 30) den Petrus ävöga svXaßij xal ikkoyifiov 
nennt, sondern vielleicht mehr noch der Schilderung 
des Theodoretos, der von ihm (IV, 20) berichtet: 
Tcov ydg ^Aß-avaaCov avfifier^axsv Idgcorcov xal IvdfjfAovvT^ 
T€ xal djioöfi^ovvTi (Tvv^v xal Tovg navToöanovq ovv ixeCvco 

XiVÖVVOVg VTtifA€V€. 

Aber die Verderbniss der Stelle führt, wie mir 
scheint, auf eine noch einfachere Erklärung, als sie 
Hipler gegeben. Ich behaupte, die "Worte "läxooßog 
xal sind da erst in den Zusammenhang eingeschwärzt 
worden, als ein späterer Leser oder Abschreiber, der 
durchaus auf jene apostolischen Beziehungen aus war, 
das ursprüngliche ddek^og aov verkehrt las und darin 
das sprachwidrige ddslipod^eog entdeckte. Das konnte 
natürlich auf Petrus nicht passen, und so gerieth 
Jacobus in den überlieferten Wortlaut. 

Wie die handschriftliche Ueberlieferung des Dio- 
nysios nun einmal beschaffen, so konnte Hipler wohl 
von der Vergeblichkeit der Hoffnung sprechen, für 
seine zuvor mitgetheilte Vermuthung durch eine ab- 
weichende Lesart in einer griechischen Handschrift 
eine äussere Unterstützung zu erhalten. Höchstens in 
den 1839 von Tattam für das britische Museum er- 
worbenen Handschriften, „welche eine syrische Ueber- 
setzung der dionysischen Schriften aus dem 5. oder 
6. Jahrhundert enthalten", liesse sich, meint er, eine 
Spur des seiner Ansicht nach ursprünglichen Wortlautes 
erwarten. Wie steht es mit diesen Uebersetzungen ? 
Hat sie Jemand daraufhin schon einmal untersucht? 
Ich bezweifle es, denn dergleichen Fortschritte der 
philologischen Wissenschaft pflegen sich äusserst lang- 
sam zu vollziehen. Ich nehme daher keinen Anstand, 
Hipler 's 1861 ausgesprochene Bitte auch jetzt noch 
einmal zu wiederholen: „Möchten doch diese Zeilen . . . 
einem der vielen deutschen Orientalisten Anlass geben, 



38 Dionysios von Khinokolura. 

die syrischen Uebersetzungen des Dionysios entweder voll- 
ständig oder doch in ihren wichtigsten Theilen zu veröffent- 
lichen und damit eine so wichtige Quelle zur Berichtigung 
des bisher so vernachlässigten dionysischen Textes zu 
eröffnen/' Doch zurück zu unserer angefochtenen Stelle. 
naQfjv dl xat o ddsX^oq üov IliTQoq würde der 
Wortlaut derselben jetzt sein. Für die Angemessenheit 
desselben sprechen mehrere Umstände. Zunächst würde 
man doch, wenn wirklich zwei Männer ursprünglich 
genannt werden sollten, die Form naQrjaav erwarten. 
Ferner ist die Einschaltung ihrer äusseren Form nach 
eine derartige, dass sie eine rein beiläufige Bemerkung 
zu der Erwähnung der zahlreich damals mit Hierotheos 
zur Kreuzesschau in Jerusalem anwesenden Theologen 
hinzubringt, welche des Empfängers der Schrift beson- 
dere Theilnahme zu erregen geeignet war. Gerichtet 
ist die Schrift aber an den Presbyter Timotheos, 
den Dionysios die Zeile zuvor erst angeredet hat (ofg 
ola&a), an dessen Mitwissenschaft betreffs der erwähnten 
Thatsachen sich wendend. Dass wir diesen Timotheos 
in unterägyptischen, im Besonderen wohl alexandri- 
nischen Kreisen zu suchen haben, kann kaum einem 
Zweifel unterliegen. Nun erfahren wir aber aus So- 
krates (IV, 37), dass Athanasios' Nachfolger, der 
Erzbischof Petrus von Alexandria, an den wir zuvor 
schon glaubten denken zu müssen, einen Bruder 
Namens Timotheos hatte, welcher bei dessen frühem, 
schon 380 eingetretenen Tode ihm auf dem erzbischöf- 
lichen Stuhle folgte.^) Wenn dieser Timotheos der 
Empfänger der Schrift war, so konnte die von Dio- 
nysios gemachte Einschaltung mit der Erwähnung des 
Petrus nur für den Bruder wichtig sein, zumal da ja 
nicht des Petrus, sondern des Hierotheos rednerisch 
bedeutende Leistungen bei Gelegenheit ihrer gemein- 
samen Anwesenheit in Jerusalem hervorgehoben werden 
sollen. Für diesen Timotheos spricht, wie mir scheint, 



^) So erat. IV, 37: Jltr^og c)« okiyov imßiovg /()6yoy rdivm, 
diadoj^oy xaruktTKay Tt/uod-foy ddhki^ov huvrov. 



Dionysios von Bhinokolura. 39 

auch ein anderer Umstand. Derselbe muss, Sozo- 
menos' Nachrichten zufolge (VI, "29), mit den her- 
vorragendsten Mönchen und Einsiedlern jener 
Zeit, unter denen wir ja auch Dionysios unbe- 
dingt zu suchen haben -7- Böhmer und Nolte ver- 
muthen in ihm den von Sozomenos VI, 31 genannten 
Dionysios von Rhinokolura, og ngog ßoQsav r^g 
Tiokecog To ^qovtkst'^qiov el^e — besonders genau be- 
kannt gewesen sein. Er schrieb nämlich nicht bloss 
das Leben des in der Thebais weilenden Einsiedlers 
Apollos, sondern auch das zahlreicher anderer, von 
Sozomenos vorher . VI, 28 erwähnter Einsiedler, xat 
alhov doxffjwv fiovaxdov. Unter ihnen wird im Folgenden 
z. ß. auch ein Dorotheos genannt, einen Freund 
welches Namens Dionysios gleichfalls mehrfach erwähnt. 
Wenn P. E. Lucius in seiner Abhandlung über 
„Die Quellen der älteren Geschichte des ägyptischen 
Mönchthums" (Ztschr. f. Kirchengesch. VII, 163 ff.) 
für die von ihm aufgespürte Grundschrift des Sozo- 
menos, Rufinus und Palladios noch über das Jahr 395, 
das Todesjahr des Theodosius hinausgeht, so scheint 
mir das einzig um Eufinus' und Palladios' willen 
noch nicht nothwendig. Die Ruhe und der Friede 
unter den Mönchen und ihre ungestörte Beschäftigung 
mit den Schriften des Origenes können doch auch für 
ein ganzes Jahrzehnt früher als ebenso sicher fest- 
stehende Kennzeichen angesehen werden, wie etwa 
kurz vor dem Ausbruche der origenistischen Streitig- 
keiten in Aegypten. Den Timotheos, Erzbischof von 
Alexandria, mit Hinweis auf jene erste, doch keines- 
wegs so besonders zuverlässig überlieförte Thatsache 
als Verfasser der Grundschrift gegen Sozomenos' 
ausdrückliche Angabe einfach zu beseitigen und seine 
Erwähnung auf eine unbesonnene Schlussfolgerung des 
Sozomenos zurückzuführen (a. a. 0. S. 188), ist meiner 
Meinung nach nicht zulässig. Wie weit überhaupt des 
Timotheos Antheil an jener vermutheten Grundschrift 
geht, das dürfte nach dem eben erwähnten Ausdrucke 
des Sozomenos VI, 29 schwer zu sagen sein. Lucius 



40 Dionysios von Khinokolura. 

lässt (S. 177) Sozomenos VI, 28 in einer ersten Gruppe 
„die Mönclie der Thebais^* zusammenfassen. Bei ge- 
nauerem Zusehen stimmt diese Bezeictmung aber durch- 
aus nicht bei allen vierzehn Mönchen. Schon der erste, 
Johannes, wird so wenig seinem Aufenthaltsorte nach 
bezeichnet, dass wir ihn auch in Unterägypten suchen 
könnten, ebenso den, zweiten, Or, der erst im Greisen- 
jalter auf göttliches Geheiss seinen bisherigen, nicht 
näher angegebenen Wohnsitz verhess und nach der 
Thebais wanderte. Aehnlich steht es mit Helles und 
Elias, bei denen wir gleichfalls über die Thebais hinaus- 
gewiesen sind. Auch noch der letzte Mönch der vierten 
Gruppe (VI, 30), und zwar des jüngeren Geschlechts 
(a. a. 0. S. 181), Euagrios, der Freund und Diakon .des 
Gregorios von Nazianz in Konstantinopel, reicht über 
diejenige Zeit hinaus, welche Timotheos von Alexandria 
in dem von Sozomenos angeführten Werke umspannt 
haben könnte. Dieser starb im Jahre 385, und Eua- 
grios finden wir schon kurz nach 381 in Aegypten. — 
Ich muss mich in diesem Zusammenhange auf die vor- 
stehenden kurzen Andeutungen beschränken. Sie dürften 
wenigstens daran erinnern, dass in Lucius' so blen- 
dender Beweisführung doch noch Stellen vorhanden 
sind, welche der genaueren Feststellung und Begrün- 
dung bedürftig erscheinen. — 

„Mit diesen beiden Freunden'^ (d. h. Jacobus und 
Petrus) — so findet sich Foss (S. 16) schliesslich mit 
diesem Theile der Untersuchungen Hipler's ab — 
„habe nun Dionysios einer Feier am Grabe Christi, und 
zwar nicht zur Apostelzeit, beigewohnt. In höchst zu- 
gespitzten und allzu feinen Beweisführungen sucht er 
das aus der fraglichen Stelle herauszulesen. Wenn wir 
nun auch zugeben, dass seit Konstantin solche Wall- 
fahrten zum Grabe Christi oft vorgekommen sind, so 
können wir ihm in diesen «einen Annahmen doch nicht 
beistimmen." Wunderbar, die Wallfahrten zum Grabe 
Christi seit Constantinus giebt Foss zu, trotzdem will 
er Hipler in „seinen Annahmen" nicht beistimmen. 
Und doch nimmt derselbe hier nichts an, liest auch 



Dionysios von Bhinokolura. 41 

nicht das Geringste aus der Stelle heraus, sondern thut 
einfach das, was jeder verständige Philologe mit dem 
richtig hergestellten Wortlaut des Schriftstellers thun 
mnss: er legt ihn sinn- und sachgemäss aus. Hipler 
weist auf Eusebios' Bericht über die feierliche 
Einweihung der Grabeskirche im Jahre 336 hin, die 
gewissermassen das Vorbild für alle ähnlichen Feier- 
lichkeiten in und ausser Jerusalem wurde (S. 68 ff.), und 
zeigt, wie genau des Dionysios Wortlaut dem von 
Eusebios Berichteten entspreche. Man muss sich ab- 
sichtlich gegen die Wahrheit verschliessen oder wenig 
bewandert in derartigen Untersuchungen sein, wenn 
man den Muth hat, seine voll und ganz beweiskräftigen 
Nebeneinanderstellungen aus Eusebios und aus des zeitge- 
nössischen Kyrillos Mittheilungen über die Verehrung 
des h. Kreuzes für ,, höchst zugespitzte und allzufeine 
Beweisführungen^' zu erklären. Ausser den angeführten 
Kirchenvätern hätte sich Hipler auch auf des Diaconus 
Marcus „Leben des Porphyrios, Bischofs von Gaza", 
berufen können. Da erfahren wir, dass Porphyrios, der 
395 zum Bischof von Gaza gewählt wurde, kurz vorher 
von Bischof Praylios von Jerusalem zum Presbyter 
geweiht und zum Hüter des hochgeehrten Kreuzesholzes 
bestellt war^), das in goldenem Schreine verwahrt 
wurde"'). Bei der Einweihung der von ihm in Gaza 
auf der Stätte des alten Marneion mit Unterstützung 
der Kaiserin Eudoxia erbauten Kirche ging es nach 
Marcus' Bericht ganz ähnlich zu, wie 336 in Je- 
rusalem^). Sollte der hier gebrauchte Ausdruck des um 



®) Marc. Leb. d. Porph. K. 10, S. 176, 20: rijy Tiagaffvkax^v tov 

nUlOV '$,vk0V TOV ÜTiCVQOV iuiTliGTfVCfV CWTÜi, 

'') Marc. Leb. d. Porph. K. 14,* S. 178, 12 ff.: mvTcc ftncHy 
t:joQfv&ij, xdytü df Gvy ccvno , xcei TTQoaxvyijaayTfg tovq ccyiovg Tonovg 
x(d TOV TijbHQv GTavqov X((l Tiokkd (v^€Cfi(yog xcd daxgvaag ^&tjx(y iv tm 
XQvaüi yXütacoxoiMO tov Tt/ntoy xai ^(aonoiov GTavQoy xcd aGffaktadiufvog 
khfjlS-fv, Xtti (cTifk&wy TiQog TOV fiKXccQtov ÜQiivhov TOV tiCcxonov nciQi" 
diaxfv avTW Tag xlftg xcd kaßtov (u/ijv fiiTcc nccQct&icaog i^^k^fv, 

8) Marc. Leb. d. Porph. K. 92, S. 211, 4 ff.: tniTikfafv ds o 
oGtfOTccTog JIoQffvgtog tcc tyxcdvut t^ V!^^9i^ ^i7 ccvciüTctcCina tov dyiov 
Ticca^cc TiokvTfktög , fiij (^(tacifxfvog dctmcvfjg, clkkct avvcc^ccg vicevTccg Tovg 



42 Dionysios von ßhinokolura. 

420 schreibenden Marcus, des langjährigen Freundes 
des Porphyrios, der einst um das Jahr 385 volle fünf 
Jahre bei den Vätern der Sketischen Wüste gewesen^ 
xal Tjv -d-^daaüx^-ai dyyeXixovg /o^ovc ov fjovov iv Ttj dxo- 
Xovx)'Ca T^ IxxXriüiaüxixri, dXXd xal . . . vielleicht eine Er- 
innerung an bekannte Ausführungen des Dionysios 
in seiner -Himmlischen Hierarchie^* sein? — Doch ich 

7/ 

habe kein "Wort mehr zu verlieren über jene Kirch- 
weihe vom Jahre 336 und den bei derselben gespen- 
deten rednerischen Gaben der hervorragendsten geist- 
lichen Theilnehmer. Ich schliesse die Zurückweisung 
der auf diesen Theil der Untersuchungen Hipler's be- 
züglichen Bemängelungen Foss' mit Hipler^s Worten 
(S. 73): „Wenn nun schon bei jener Tempelweihe Reden 
auf das Kreuz vorkommen, um wie viel mehr dann bei 
einer speciell zu diesem Zwecke unternommenen Wall- 
fahrt, wie die war, von der unser Autor berichtet? 
Auch hier hielten nach beendeter Besichtigung und 
Verehrung des heiligen Kreuzes die anwesenden Bischöfe 
Eeden auf die unbegrenzt mächtige Güte Christi, der 
unsere Schwachheiten auf sich nahm und am Kreuze 
für das Heil der Welt starb; und unter diesen Eeden 
war die des Hierotheos, nach dem Urtheile der an- 
wesenden Theologen und ihres Hauptes und Führers, 
des Pabriarchen Petrus, vor denen aller andern Hiero- 
mysten ausgezeichnet. Eine andere Erklärung unserer 
Stelle scheint hienach, besonders in Rücksicht auf die 
aus den Kirchenhistorikern beigebrachten Parallelen, 
kaum mehr möglich und der richtige Sinn derselben 
hoffentlich für immer festgestellt. Wenn aber die Unter- 
suchung über diese kurze Stelle vielleicht etwas zu 
lang ausgefallen ist, so ist zu bedenken, dass es hier 
galt, eine durch tausendjährige Tradition und ehrwürdige 



fÄOva^ovg lag ovofxuKC ^tkia ufi* akkvoy €vkaß(oy xkfjQixtoy xcd kttixtäv 
xal tniaxontoy inoiijafv (vifQoavyfjp mg ndaag tjfjtQng tov dytov nacj^ct, ' 
xai ^v -d-fdaccad-ca ccyy&kixovg /oQovg ov fAovoy tr rij ccxokovO-i\< rjj ixxkrj- 
GKtßTixjy dkkd xal tv Talg ui^atg [fvcD/tatg Eberhard]» ijyixa iytroyro. 
ov uoyov yd() ijy iq TQdnfCa aiaS-rjfriq, dkkd xal nyfvuanxij' juird yd^ t6 
oil'oy ikiyfTo i/jak^og xal ^frd t6 noua vuvog. 



Dionysios von Ehinokolura. 43 

Autoritäten getragene Exegese als unhaltbar nachzu- 
weisen und dadurch zugleich die einzige Stelle der vier 
grösseren "Werke unseres Autors, die für seine Gleich- 
zeitigkeit mit den Aposteln sprechen könnte, in ihrem 
wahren Zusammenhange aufzuzeigen. Hienach giebt 
sie, weit entfernt, einen Beweis für unredliche, be- 
trügerische Absichten des Verfassers zu bilden, vielmehr 
deutlich genug von seiner Offenheit und Unbefangenheit 
das klarste Zeugniss, wie denn auch schon der Umstand, 
dass sie in seinen sämmtlichen grösseren Schriften die 
einzige ist, die den Charakter des Verfassers verdächtigen 
könnte, die Richtigkeit unserer oben ausgesprochenen 
Behauptung von der Wahrheitsliebe und Glaubwürdig- 
keit des Autors nicht wenig bestätigt." 

In Betreff der Ausstellungen Foss' gegen die Ergeb- 
nisse der dritten Untersuchung Hipler's („Dionysios 
in seinem Briefwechsel, insbesondere mit Johannes und 
Polykarpos" S. 74 — 107) können wir uns kürzer fassen. 
Die Haltlosigkeit jener tritt hier noch viel überzeugen- 
der hervor. 

Nach Foss (S. 16) „sucht Hipler im dritten Ab- 
schnitte seines Werkes den Vorwurf der Unzuverlässig- 
keit zurückzuweisen, den man dem Dionysios aus einem 
andern Grunde gemacht hat. Der Areopagite nämlich 
zählt an mehreren Stellen seine Werke auf, von denen 
uns einige bekannt, sieben dagegen ganz unbekannt 
sind, obwohl er ihre Titel nennt. Da man schon in 
sehr früher Zeit diese sieben nicht mehr hatte, so ist 
die Annahme entstanden, dass der Autor diese Bücher 
nie geschrieben und ihre Titel nur aus Prahlerei ge- 
nannt habe. Hipler will nun einige Spuren gefunden 
haben, aus denen hervorgeht, dass Schriftsteller diese 
Werke gelesen, doch ist ihm der Beweis nicht gelungen. 
Auf diesen seinen Nachweis giebt er aber selbst nicht 
viel, sondern ruft uns vielmehr in's Gedächtniss zurück, 
dass doch auch andere bedeutende Schriften verloren 
seien und man somit jene Verdächtigung gegen den 
Autor nicht recht vorbringen dürfe Allerdings ist ein 
zwingender Beweis gegen des Dionysios Glaubwürdig- 



44 Dionysios von Bhinokolura. 

keit auch hieraus nicht zu entnehmen." Auch hier 
wieder sehen wir Foss bis zu einem gewissen Grade 
den Ergebnissen Hipler's Anerkennung aussprechen; 
dagegen ist auch nicht ein Schatten von Beweis er- 
bracht, ja nicht einmal versucht, dass „ihm der Beweis 
nicht gelungen", dass deutliche Spuren von den übrigen, 
von Dionysios verfassten und in ihrem, vollständigen 
Zusammenhange nicht mehr erhaltenen Schriften noch 
vorhanden sind. Wie kann Foss behaupten, Hipler 
gebe auf diesen seinen Nachweis selbst nicht viel, wenn 
derselbe mit Recht daran erinnert (S. 52) , „wie diese 
Schriften gleich den „theologischen Grrundlinien" des 
Clemens von Alexandrien und des von Athanasios so 
hoch geschätzten Theognostos, gleich der Schrift „über 
die Seele", die Dionysios von Alexandrien ebenfalls 
einem Mitpresbyter Timotheos widmete, gleich den 
Bibelcommentaren des Origenes und Didymos und un- 
zähliger Anderer, schon frühe und für immer verloren 
gehen konnten?" Ich behaupte im Gegentheil, Hipler's 
Nachweis, dass die den Schluss der dionysischen Schriften 
bildenden zehn Briefe augenscheinlich, wenigstens in 
ihrer ersten Hälfte, nichts weiter als zu dogmatischen 
Zwecken gesammelte Auszüge aus den grösseren, uns 
nicht erhaltenen Schriften des Dionysios sind, ist vor- 
züglich gelungen, und ich bescheide mich, um nicht 
Eulen nach Athen zu tragen, auf die lichtvollen, durch- 
aus überzeugenden Ausführungen Hipler's (a. a. 0. 
S. 80 ff.) einfach zu verweisen. 

Im Besonderen bemängelt Foss wieder Hipler's 
Bemühungen um den siebenten Brief. Derselbe ist 
an den Hierarchen, d. h. Bischof, oder vielmehr, wie 
wir nach der von Bandini beschriebenen Florentiner 
Handschrift werden lesen müssen, an den Presbyter 
Polykarpos gerichtet. Unter den schiefen Gesichts- 
winkel der Hineintragung von apostolischen Anklängen 
und Erinnerungen fallen natürlich wieder die wie eine 
ererbte Krankheit durch die Erklärungen der Ausleger 
bis in unsere Tage fortgeschleppten Beziehungen auf 
den Bischof von Smyma, Lassen wir das Geschwätz 



Dionysios von ßhinokolura. 45 

darüber auf sich beruhen. "Wichtiger sind die aus dem 
Inhalte des Briefes erhobenen Bedenken. Die hier in 
Betracht kommende Stelle lautet (Epist. VII, 2) : Eine 
de avTM (d. h. dem Philosophen ApoUophanes, dem 
früheren Freunde des Dionysios)* rf Xfyeig tvsqI Trjq ij' 
TW (fcoTrjQCcp dTaVQM YeyovvCaq IxXeCxpetaq; dfigiovigco yccQ 
Tors xard ""HXiovnoXiv a^ia naQovri re xal (!vv€(TtoSt€ nccQa- 
do^cog TM "^XCm ti^v aeXi^vfiv ifin^TtToviTav icoQcSfiev — ov 
yccQ i^v (Svv 6 6 ov xaiQog — avS-Cg ts avT^v and t^c 
ivccTfjg (OQag oixQ'' '^V^ ioTt^Qag elg t6 tov- tjXCov öidfJieTQor 
V7t€Q(pvcog dvTixaTaüTaüav. Idvdfivriüov 6i ti xal eTegov 
avTov' olde ydg oti xal T'^v efJTtTcodip avTriv i^ dvaToXoov 
liaQdxafisv dg^afji^vfjv xal iii%Qt tov fjkiaxov niqaTog IX- 
S-ovüav, elTa dvanodCdadav xal avx^-ig ovx ix tov avzov 
xal rriv efiTtTcofTiv xal ttjv dvaxdd-aQtSiv, dXX* ix tov xaTa 
öidfieTQov ivavTCov yeyevfUJ^vfjv. TocfavTa icTi tov totb 
xatQov T« vneQtpvrj xal fnorm Xqkstm tm navaiTCo^ dvvaTa. 
TW noiovvTi fjsydXa xal H^adyia, wv ovx eüTi^v dgi-ß-fioj;. 
Foss theilt hier wieder unnöthiger Weise des Scotus 
Erigena lateinische und Engelhardt's deutsche 
Uebersetzung mit, wie es scheint, zu keinem anderen 
Zwecke, als um diese beiden Gewährsmänner, zu denen 
noch Abt Hilduin sich gesellt, in ihren Uebertra- 
gungen des Ausdrucks avvodov xaiQo g gegen H i p 1 e r 
in's Feld zu führen, der einfach, auf unanfechtbare 
Kunde gestützt, im Gegensatz zu dem mangelhaften 
Wissen der Früheren, die fraglichen Worte als den Kunst- 
ausdruck für die Neumondszeit erweist. Schwieriger 
war die Stelle tC Xfyeig tvsqI Trjg iv tw (^(jOTfjQfo) CTavQw ysyo- 
vvCag ixXeCipswg. Wie urtheilt Foss darüber? „Um 
diese unbequeme Stelle" — sagt er S. 17 — : „quid dicis 
de ipsa in salutari cruce facta eclipsi? zu entkräften, 
macht Hipler grosse Kraftanstrengungen, indem er 
durch künstlichste Interpretation Alles so erklärt, als 
wenn gar nicht von der Sonnenfinstemiss gesprochen 
wird, die bei der Kreuzigung Christi eingetreten ist, 
sondern von einer viel späteren. S. 80 ff. Man muss 
die Belesenheit und Gelehrsamkeit des Schriftstellers 
bewundern, wird aber gestehen müssen, dass er zu viel 



46 Dionysios w)n KLinokolura. 

beweisen will und darum nichts erreicht/ Wir stehen 
hier wieder vor demselben Verfahren Foss', welches ich 
zuvor schon gekennzeichnet habe. Was er „künstlichste 
Interpretation" nennt, erscheint mir bei Hipler als 
philologisch äusserst sorgfältige, auf die sichersten ge- 
schichtlichen Thatsachen gestützte Auslegung. Selbst- 
verständlich handelt es sich wieder nicht um einen 
Himmelsvorgang bei der Kreuzigung Christi, sondern 
um eine Lichterscheinung des 4. Jahrhunderts, 
über die uns die genauesten, von verschiedenen Seiten 
stammenden Berichte zu Gebote stehen. Und auch 
hier wieder kommt uns die handschriftliche Ueberlie- 
ferung in erwünschter Weise zu Hülfe. Die älteste, 
dem neunten Jahrhundert angehörige Pariser Hand- 
schrift liest nämlich an jener oben mitgetheilten Stelle 
in deutlichen Majuskeln ^xldfiipecog statt des später all- 
gemein gewordenen fxXeCxpeoac;. ^) „Man versetze sich 
überdies" — so schliesst Hipler seinen glänzenden 
Nachweis S. 100 — „einmal in die Lage der ersten Leser 
unseres Briefes und der übrigen dionysischen Schriften, 
die doch am Ende des 5. Jahrhunderts schon commentirt 
wurden, also im Anfange desselben jedenfalls geschrie- 
ten waren.» Ebenso wie sie bei Lesung der früher be- 
sprochenen Stelle über die Theia sofort an die wört- 
lich übereinstimmenden Berichte über die Kreuzfahrten 
zum heiligen Lande bei Eusebios, Sozomenos, Paulinus 
und Anderen denken mussten, trotz Petrus und Ja- 
cobus, oder vielleicht noch mehr wegen derselben, so 
mussten sie sich bei diesem Briefe nothwendig an das 
Schreiben CyrilVs, an Gregor's Rede, an die gleichzeitig 
erscheinenden Geschichtswerke von Sozomenos und 
Sokrates und vielmehr noch an die überall lebendige,- 
von Mund zu Mund sich fortpflanzende Tradition von 
dem Lichtkreuze am Himmel — zu dessen Urbild auf 
Erden Dionysios, wie er selbst sagt, gewallfahrtet war — 
erinnern: ja sie konnten gar nicht einmal auf den Ge- 



^) Hipler im Kaulen 'sehen Kirchenlexikon (Freiburg 1884) 
HI, S. 1790. 



Dionysios von Ehinokolura. 47 

danken kommen, das hier von keinem andern Kreuze, 
etwa von dem auf Grolgatha, die Rede sei, weil kein 
einziges Wort, im Context an dieses letztere mahnte, 
keiner von den hier erwähnten Umständen beim Tode 
Christi eingetreten war, und alles bis auf die erfolgten 
Bekehrungen und die Beziehung auf Christus als den 
Urheber dieses Bildes nur auf das zum mindesten in 
ganz Syrien allgemein beobachtete Himmelskreuz zutraf." 
Eine Schwierigkeit endlich bietet noch der zehnte 
Brief. „Auch hier'' — meint Foss — „löst Hipler 
durchaus nicht alle Zweifel.*' Das ist auch auf diesem 
von anderweitiger Ueberlieferung so überaus spärlich 
beleuchteten Gebiete eigentlich zu viel verlangt. Die 
Handschriften bieten freilich die Ueberschrift : „An 
den Theologen Johannes, den Apostel und 
Evangelisten in seiner Verbannung auf der 
Insel Patmos''. Dass dieselbe nicht ursprünglich ist, 
sondern der Vermuthung eines Späteren Ausdruck giebt, 
darauf weist Hipler (S. 104) mit Recht hin. Gleich- 
wohl legt Hipler in seiner Darstellung auf diese philo- 
logisch durchaus unbedenkliche Auskunft kein beson- 
deres Gewicht, er hält auch hier die handschriftliche 
Ueberlieferung streng fest und nimmt auf Grund der 
Formel 'des Schlussabsatzes: „Und ich bin allerdings 
glaubwürdig" an, der Brief sei nichts als eine rhetorische 
Uebung des Verfassers, „der vielleicht auf diese seinem 
poetischen und philosophischen Geiste nicht unange- 
messene Weise seiner Liebe und Verehrung gegen den 
Lieblingsjünger des Herrn und das Ideal aller Mystiker 
einen Ausdruck verleihen wollte" (S. 105). Wichtiger 
erscheint mir das, was er in der Anmerkung zu S. 104 
ausspricht: ,,Der Handschriftenkatalog der Synodal- 
bibliothek von Moskau (Moskau 1776) führt nach Auf- 
zählung der dionysischen Codices unter Nr. 38 eine 
Handschrift auf, welche die Briefe des Abtes Doro- 
theos enthält. Matthäi , der Herausgeber des Katalogs, 
setzt sie in's 12. Jahrhundert und theilt daraus Folgen- 
des mit: „Auf fol. 4a liest man: j&^wr^o'f«; toi äyCov 
J(M)Qo&(ov TiQoq TOP ii^yav BaQCavovfiop xal top avTov 



48 Dionysios von Bhinokolura. 

fia^fjT'^v ^liüdvvTiv TOP imxXrj'd'lvTa nQo^i^Tfjv did to 
dioQanxov. OvTog 6 /jtaxccQioc JooQod-eog.^' — Hier hätten 
wir in dem Schüler des grossen Barsanuphios einen 
Propheten Johannes, der mit dem Evangelisten 
durchaus nicht identisch ist. Näher noch liegt eine 
andere Vermuthung. Dionysios nennt neben Paulus 
niemals den Johannes, sondern stets den Hierotheos 
seinen Lehrer, und zwar redet er von ihm mit denselben 
Worten und Ausdrücken, mit denen auch der Empfänger 
dieses zehnten Briefes angeredet wird. Beide werden 
als innig geliebte Lehrer und Freunde unsers Verfassers 
bezeichnet, Beide als ausgezeichnete Lehrer der Theo- 
logie mit der Sonne verghchen, Beide als in einem 
höhern ekstatischen Liebesverkehr mit Gott stehend 
dargestellt, — sollte da die Vermuthung zu kühn sein, 
Niemand anders als Hierotheos sei der in un- 
serem Briefe Angeredete? Es ist dabei nicht ein- 
mal nöthig, an eine Veränderung des Wortes Hierotheos 
in Johannes zu denken,' obwohl sie nicht unmöglich ist; 
konnte nicht etwa Johannes ebenso der eigentliche 
Name des Hierotheos sein, wie er es der des Chryso- 
stomos war, der schon bei Lebzeiten diesen letzteren 
Beinamen erhielt?" — Einer anderen Ansicht über 
Hierotheos giebt Hipler in einem späteren Aufsatz 
über ebendenselben in dem mehrfach erwähnten Kaulen - 
sehen Kirchenlexikon Ausdruck. Er weist dort darauf 
hin, dass der Name Hierotheos die griechische Ueber- 
setzung des altägyptischen Papnute (Paphnutios) sei 
und spricht die Vermuthung aus, dass er diesen Namen 
erst nach der Taufe erhielt, während sein früherer 
Name uns möglicher Weise in der syrischen und kop- 
tischen Uebersetzung der von ihm erhaltenen Bruch- 
stücke überliefert sei, wo er als Herennios bezw. 
Irenaios vorkomme. „Bekanntlich", fährt Hipler fort, 
„tragen diesen Namen mehrere neuplatonische Philo- 
sophen, insbesondere auch der Verfasser der zuerst von 
von A. M ai im Jahre 1857 herausgegeben ^E^^yi^(T€&g 
€lg rd fiSTcc rd ipvcixd (Class. auct. IV, 513 — 593). Diese 
merkwürdige Schrift erscheint im ganzen Bereiche der 



Dionysios von Ehinokolura. 49 

neuplatonischen Literatur als die einzige, deren philo- 
sophische Terminologie mit der des Hierotheos und 
Dionysios bi$ in die kleinsten Nuancen vollkommen 
übereinstimmt." Doch welche Bewandtniss es auch mit 
diesen letzteren Vermuthungen und Hinweisungen ha- 
ben möge, denen nachzugehen, besonders was jenes 
Werk des Herennios betrifft, eine dankbare Aufgabe 
für einen unserer auch philosophisch gelehrten Philo- 
logen sein würde: jener von Hipler in der angeführten 
Stelle betretene Weg scheint mir der bei weitem rich- 
tigere zu sein, um dem Inhalt des Briefes gerecht zu 
werden. Wenn wir dort von einem Dorotheos hören, 
so denken wir unwillkürlich an jenen in der Nähe des 
Mareotischen Sees als Einsiedler lebenden Dorotheos 
aus Theben, von dem uns Sozomenos VI, 28 nähere 
Nachrichten giebt. Ihn mit dem Empfänger des fünften 
Briefes unseres Dionysios gleichzusetzen, dürfte, was 
äussere und innere Gründe anbelangt, ebenso wenig 
verwehrt sein, wie etwa in dem Hierarchen (Bisichof) 
Titus, dem Empfänger des neunten Briefes, Bischof 
Titus von Bostra, den bekannten Bestreiter der 
Manichäer zu sehen. Mehr noch wissen wir von dem 
in jener handschriftlichen Bemerkung erwähnten Jo- 
hannes. Nach Sozomenos' Ausdruck (VI, 29) zu 
schliessen, gehört er mit zu denjenigen Männern, deren 
Leben jener Timotheos, seit 380 Bischof von Alexandria, 
geschrieben, in welchem wir den Mann glaubten er- 
kennen zu dürfen, an welchen Dionysios seine uns er- 
haltenen Hauptschriften gerichtet. Johannes steht 
bei Sozomenos (VI, 28) voran, und dieser sagt von 
ihm: w ro fiiXkov xal äXXoiq äöfjkov 6 xJf^sog IdriXwdsv 
ovx "^TTOV ij Totg äkkotg ndXat nQo^i^Ta$g' xal ÖcSqov sdooxsi^ 
läfS&at Tovg dvidroig Ttd^eüi xal voüoiq xdfivovTag. Die 
letztere Fähigkeit wird an einem anderen Johannes 
(VI, 29) in einer Weise gerühmt, die es fast nahe legt, 
an denselben vorher erwähnten Johannes zu denken, 
dessen Aufenthaltsort dort nicht angegeben wird. Nach 
der zweiten Stelle lebte derselbe in der Nähe von 
Diolkos, nicht fem dem Meere und war Presbyter, 

D r ä 8 e k e , Ges. patrist. Untersuch. 4: 



50 Dionysios von Kbinokolura. 

ebenso wie Piammon, welche Beide den damals berühm- 
testen Klöstern vorstanden. Sollte nicht jene Angabe 
der Moskauer Handschrift, die den Dorotheos mit 
dem Propheten Johannes in so nahe Verbindung 
rückt, es gleichfalls empfehlen, die beiden Nachrichten 
des Sozomenos (VI, 28 und 29) auf einen und denselben 
Johannes zu beziehen, nämlich auf den, der in Unter- 
ägypten, also in Dorotheos' Nähe wirkte? 

Aber was machen wir mit dem im Briefe erwähnten 
Patmos? Hipler war geneigt (S. 104), dasselbe als 
späteres Einschiebsel preiszugeben. Ich glaube, dass 
dies nicht einmal nöthig ist. Aus dem Briefe erhellt, 
dass Johannes, von Ungerechten vertrieben, von den 
Seinen getrennt ist, körperliche Leiden zu erdulden 
hat, und dass Dionysios auf baldige Wiedervereinigung 
mit ihm hofft. Ich denke dabei an die zur Zeit des 
Kaisers Valens unter dem arianischen Bischof Lucius, 
der den Petrus aus Alexandria verjagt hatte, besonders 
über die rechtgläubigen Bischöfe und Mönche herein- 
gebrochene Verfolgung, von der uns das von Theo- 
dore tos (IV, 22) seinem wesentlichsten Bestände nach 
mitgetheilte Schreiben des Petrus eine klare Anschauung 
giebt. Nach dem gleichfalls sehr genau unterrichteten 
Sozomenos (VI, 20) wurden u. A. die Mönche bei 
Nacht überfallen und nach einer von Sümpfen umge- 
benen ägyptischen Insel geschleppt {^Ig AlyvnTCav Tivd 
vfjaov vno kifivcov xvxXov/j^^rrjv). Der Ausdruck weist 
uns geradezu vom Nil weg. Wie wäre es, wenn wir 
an Pithom dächten, das an dem oberhalb von Bubastis 
vom Nil sich abzweigenden Kanal gelegen, in seiner 
Nähe nicht bloss einen kleinen See hatte, der, wie 
Ebers uns mittheilt, ^^) früher grösser war als heute, 
sondern auch zahlreiche „lachenartige Teiche, die wäh- 
rend der Ueberschwemmungszeit nicht unbeträchtliche. 
Wassermengen aufnahmen", zwischen denen die sonst 
verbindenden Landstrecken als Inseln hervorragen. Da 
hätten wir das von Herodotqs (11, 158) ■ erwähnte 



ij 



) Ebers, Durch Gosen zum Sinai, S. 497. 



Dionysios von Rhinokolura. 51 

ndrovfiog, aus dem durch emfache Streichung des ov 
ein Späterer, jenen einmal beliebten biblischen Be- 
ziehungen zu Q-ef allen, ebenso leicht ITaTfiog machen 
konnte, wie umgekehrt aus Sopater (Brief 6) aus dem- 
selben G-runde durch Zusatz einer Silbe Sosipater 
(Rom. 16, 21) geworden ist. 

Was mit Asia anzufangen, ist vielleicht nicht 
so einfach zu sagen. Da Sozomenos' Ausdruck ge- 
rade bei Andeutung des Wirkungskreises des Johannes 
uns erlaubt, über Diolkos hinauszugehen und die Küsten- 
gegend weiter nach Osten zu — am östlichsten lag 
Rhinokolura, wohin Böhmer und Nolte unsern 
Dionysios versetzen — mit einzubeziehen, so könnte 
man bei Asia um der zuvor erwähnten Zusammen- 
hänge willen etwa an eine Verstümmelung aus Cäsium 
denken, das zwischen Pelusium und Rhinokolura lag. — 
Doch das sind Alles Vermuthungen, für die heutzutage 
einen zwingenden Beweis zu führen unmöglich ist, und in- 
sofern müssen wir uns Foss' Einwand gefallen lassen, dass 
hier „durchauö nicht alle Zweifel" gelöst werden. Es kam 
nur darauf an, die Möglichkeit aufzuzeigen, jenen letzten, 
zehnten Brief nicht anders zu erklären, als die vorher- 
gehenden mit ihren Beziehungen auf Personen und Erleb- 
nisse, welche den Verfasser und seine Freunde angehen. 
Und das, meine ich, habe ich über H i p 1 e r hinaus gethan. 

Nach dem von Foss in der ganzen Frage Hip- 
1er 's Untersuchungen gegenüber eingenommenen Stand- 
punkte darf es uns nicht verwundern, wenn er dem 
letzterwähnten Tadel Hipler's das Schlussurtheil an- 
fügt (S. 17): „Ebenso wenig überzeugend ist das, was 
er in der Beilage über die Fragmente aus den verlorenen 
Schriften des Dionysius zu dem Zwecke beibringt, um da- 
durch die Glaubwürdigkeit des Autors zu bekräftigen. Was 
immer Hipler anführen mag, so viel steht fest, dass 
der Autor nicht vollständig zu retten ist. Wer auch 
jene Schriften verfasst hat, er hat dabei eine pia fraus 
verübt, wie der Verfasser der pseudoisidorischen Decre- 
talen es gethan." 

Es kann nicht meine Absicht sein, auf die von 

4* 



52 Dionysios von Rhinokolura. 

Hipler sorgfältig gesammelten und in ihrer Echtheit 
nachgewiesenen Bruchstücke aus den für uns 
heute verlorenen Schriften des Dionysios 
einzugehen. Ich greife nur ein Beispiel heraus. Hip,- 
1er weist (S. 81) darauf hin, „dass schon am Ende des 
vorigen Jahrhunderts der Augustinereremit Giorgi aus 
koptischen Handschriften des 5. Jahrhunderts einige frei- 
lich bisher wenig beachtete Fragmente aus den 
„göttlichen Hymnen" des Dionysios veröflfent- 
licht hat, gegen derenEchtheit ein Zweifel kaum auf- 
kommen kann". Er hebt ferner aus einer 380 gehaltenen 
Rede des Gregorios von Nazianz (Orat. XXVHI) 
eine Stelle hervor, die folgendermassen lautet : Ovro) fiiv 
ovv rd ayia t(Sv dyCtav, d xal Toig ^sQatplfi (SvyxaXvnrbTai xal 
do^d^sTcci TQialv dyiaa/Aolg hiq fi(av avvtovüi^ xvQ^oTfjTa xa& 
d-eoTfjTa. "O xal aXXm ttvi rdov ngo i^fidov 7i6(pikoa6(prjTai xdX- 
hcfrd TS xal vipfjXoTaTa. Dionysios sagt nun aber in der 
„Himmlischen Hierarchie" VII, 4 : Tavrag di rdg vTTtQTdrag 
rdSv vnsQovqavCoDV vodov (d. h. ^^qa^pC^i) VfJbVoXoyCag ijörj (ilv 
Iv Tolg ntQl T(Sv ^€^cov VfiVMV cög icpixTov avsTirv^afiev 
xal siQTjTai' TihQl tovtcov iv ixeCvoig (ag xad^ "^f^dg IxavcSg. 
Wenn nun ein alter Gregorios-Erklärer und auch Ni- 
ke t a s der Aeltere bei jenem äXXog ng tcSv tiqo ^fiwv 
an Athanasios denken, bei diesem aber nichts über die 
Gesänge der Engel sich findet, was die Bezeichnung 
xaXki(Si:d T€ xal vipTjXoraTa verdiente, so wird Hipler 
doch wohl Hecht behalten müssen, wenn er Gre- 
gorios' Ausdruck auf den hohen und kühnen 
Stil des Dionysios in seinem Werke über 
die göttlichen Hymnen bezieht. 

Besonders beachtenswerth ist auch eine Aeusserung 
des Hieronymus, die er in einer unter den Augen 
seines hochverehrten Lehrers Gregorios von Nazianz 
im Jahre 381 verfassten Abhandlung über die Seraphim 
niederschrieb. „Quidam Graecorum" — sagt Hiero- 
nymus — „in scripturis apprime eruditis Seraphim 
virtutes quasdam in coelis esse exposuit, quae ante 
tribunal Dei assistentes laudent cum et in diversa mi- 
nisteria mittantur maximeque ad eos, qui purgatione 



Dionysios von Hhinokolura. 53 

indigent et ob pristina peccata aliaque ex parte suppli- 
ciis purgari merentur." „Kaum kann man" — bemerkt 
Hipler hierzu S. 125 — „mit weniger Worten etwas 
unsern Autor mehr Charakterisirendes herausheben, als 
die Lehre von der gegenseitigen Reinigung und Er- 
leuchtung der Engel, und es ist daher wahrscheinlich, 
dass Hieronymus durch Gregor, d^r damals sein Lehrer 
war, auf die griechische Schrift des hochfliegenden 
Philosophen aufmerksam gemacht worden war, dessen 
Gedanken er selbst zuweilen in seinen Predigten be- 
nützte. Beiden aber, dem Lehrer und dem Schüler, 
scheint der Name des damals vielleicht noch lebenden 
Verfassers unbekannt gewesen zu sein, und so erklärt 
es sich wohl auch am leichtesten, weshalb Hieronymus 
in seinem um 392 verfassten Katalog der berühmten 
christlichen Schriftsteller nirgendwo auch nur die leiseste 
Andeutung giebt, wer der Verfasser und welches der 
Titel jenes Buches sei, dem er seine damaligen An- 
sichten über die Engel entlehnte.'^ 

Auch Albert Jahn macht auf des Nazianzeners 
Uebereinstimmung mit Dionysios aufmerksam. In der 
Vorrede zu seinem „Methodius Platonizans" (Halis 
Saxonum MDCCCLXV) führt er S. XII Elias' von 
Kreta, des bedeutendsten Gregorios-Erklärers, Ansicht 
an, wonach derselbe Anschauungen und Wendungen 
des Nazianzeners auf die Benutzung der Schriften des 
Areopagiten Dionysios zurückführen zu müssen glaubte. 
„Quod cum ita se habeat", — sagt Jahn — „aut 
Gregorius ex Pseudo-Dionysio, aut hie ex illo, aut de- 
nique uterque ex Plotino hausit. Est autem per se 
veri similius, Gregorium Nazianzenum theologiae my- 
sticae sententias, hie illic sparsas, a Pseudo-Dionysio 
mutuatum esse, quam hunc, qui theologiam mysticam 
ex professo docuit, ex illo profecisse. Quo posito, ne- 
cesse est, Pseudo-Dionysius Gregorium Nazianzenum 
aetate aliquantum antecesserit et priori dimidio saecuK 
IV. adscribatur." Die letztere Vermuthung erscheint 
mir nach den bisher gewonnenen Ergebnissen nicht an- 
nehmbar, wir werden mit viel grösserer Wahrschein- 



54 Dionysios von ßhinokolura. 

lichkeit bis in das letzte Viertel des 4. Jahrhunderts 
hinabgehen dürfen. 

Noch ein anderer Umstand verdient hervorgehoben 
zu werden. Des Dionysios Schriften wurden, wie ich 
zu Anfang erwähnte, in jenem Eeligionsgespräch zu 
Konstantinopel 533 von Monophysiten als beweiskräf- 
tige Zeugen aD gerufen. Da erscheinen sie auf einer 
Linie mit Schriften des Athanasios, Julius und 
Felix, und Gregorios Thaumaturgos, von 
welchen es jetzt feststeht, dass deren Namen gefälscht 
sind, während die Schriften selbst sämmtlich Apolli- 
narios von Laodicea zugehören. Auf diese Nach- 
barschaft ist noch nicht genauer geachtet worden. 
Sollte sie nicht auf weitere persönliche oder auch 
Gedankenverbindungen hinweisen? Zwar Stilling- 
fleet' s Vermuthung, welche Fabricius (Bibl. Gi*. 
Vin, 59) zustimmend mittheilt, dass Dionysios, der 
Schüler des Apollinarios, für denselben zu halten sei, 
wie der Verfasser der in Rede stehenden Schriften, 
und dass Timotheos, der gleichfalls Schüler des 
Apollinarios war, jener Presbyter sei, dem Dionysios 
die vier uns erhaltenen Schriften gewidmet, wird man 
heutzutage nicht mehr für zutreffend halten können. 
Insbesondere wissen wir, dass der Apollinarist 
Timotheos später Bischof von Berytus war und 
eine Kirchengeschichte schrieb, welche, wie es scheint, 
hauptsächlich zur Verherrlichung des Apollinarios ver- 
fasst, sämmtliche von seinem Meister an die berühmte- 
sten Männer der Zeit und von diesen an ihn gerichteten 
Briefe enthielt. ^^) Wir glaubten bei Timotheos an 
den Alexandrinischen Bischof, den Nachfolger 
seines Bruders Petrus denken zu müssen. Aber so 
ganz ohne Verbindung mit Apollinarios' Lehren und 
Schülern scheinen die Freunde unseres Dionysios und 
dieser selbst nicht gewesen zu sein. Von Timotheos 
erfahren wir ^^), dass er 381 den Philosophen Maximus, 

^^) Leont. Contra Nestor, et Eutych. lib. IIL c. 40 bei Mai, 
Spicileg. Kom. X, zweite Hälfte, S. 22 ff. 
"j Theodoret. Eist. eccl. V, 8. 



Dionysios von Bhinokolura. 55 

einen Gesinnungsgenossen des Apollinarios von Lao- 
dicea zum Nachfolger des Grregorios von Nazianz auf 
dem erzbiscliöfliclien Stuhle von Konstantinopel weihte, 
der jedoch nicht anerkannt wurde. Dass Apolli- 
narios' Lehren in Aegypten zahlreiche Anhänger 
fanden, ist bekannt und nicht minder, dass er lebhafte 
briefliche Verbindungen dorthin unterhielt. Er stand 
mit Athanasios, mit welchem er seit 346 befreundet 
war, in Briefwechsel. Er richtete an dessen Freund 
und Gesinnungsgenossen Serapi on, den Bischof von 
Thmuis, ein Schreiben, von welchem uns Leontios 
zwei sehr beachtenswerthe Bruchstücke aufbehalten 
hat*^), nicht minder auch an Petrus, den als des 
Athanasios zuvor vielerwähnten Nachfolger anzusehen 
wir gerade um der Umgebung willen, in welcher das 
mehrfach überlieferte Briefbruchstück (Mai, Script, vet. 
nov. coli. VII, S. 16a und S. 302) sich findet, kein Be- 
denken zu tragen brauchen. Er trat im Jahre 377 mit 
den nach Diocäsarea (Sepphoris) in Palästina verbannten 
elf ägyptischen Bischöfen in briefliche Verbin- 
dung, indem er ihnen zuerst ein längeres, seine Lehren 
von der Fleischwerdung des Logos ausführlich dar- 
legendes Schreiben zugehen liess, sodann, als die Ae- 
gypter, vielleicht schon mit der durch Apollinarios' 
Lehre in Palästina hervorgerufenen Beunruhigung der 
Gemüther bekannt und deswegen in ihrem Urtheil und 
in ihrer Stimmung gegen Apollinarios eingenommen, 
nicht antworteten, einen zweiten kürzeren Brief an sie 
sandte, sich auf seine Uebereinstimmung mit dem 
seligen Athanasios berufend. Warum soll der Dio- 
nysios, an welchen Apollinarios mindestens zwei 
Briefe schrieb, nicht derselbe mit dem Verfasser unserer 
vielangefochtenen Schriften sein, indem er zwar gewiss 
nicht Schüler, wie Stillingfleet meinte, wohl aber 
Freund des Apollinarios war? Beginnt doch 
der erste (bei Leontios a. a. 0. S. 29): ^Efiot xal tpi- 
XCaq vnox^eaiq ^ svaißsia xat ex^Q^^ ovöefiCa ngoyyaatg 



'^ Leont. Adv. fraud. Apoll, bei Mai, Spicil. Rom. X, S. 129. 



56 Dionysios von Rhinokolura. 

TiQog Tovg €V(Siß8iav (pvXaTTovraq. Apollinarios verwahrt 
sich da gegen gewisse ihm gemachte Unterstellungen 
und beruft sich auf das, was er immer durch Schriften 
bezeugt: ort dl rjfjlv ovöftc Indysiv övvarai ravra rd 
xard Tivcov Xfyofisva, 6^ kor icfriv l^ cor dsl yeyQd^afiev, 
ovT€ r^v üdqxa tov (fcor^Qog i^ ovqavov XiyovTsc, ovts 
6^oov(Siov TW ^£w Tfiv cdgxa, xa&^ o iati (^dg^ xal ov -d-eog, 
S-eog öl xaS-^ odov elg ev TtQoacoTTov TJvwTai Tri ^^oTfjTi. 

Ich gehe aber noch einen Schritt weiter. Schon 
als ich mich in meiner Untersuchung über „Beron und 
Pseudo-Hippolytos'' (Ztschr. für wiss. Theol. XXIX, 
S. 291—318) mit Fock's^^) Ansicht über die unter 
Hippolytos' Namen überlieferten Bruchstücke IJegl x^eo- 
XoyCag xal aaQxwaetag ^^) auseinandersetzte, wies ich 
darauf hin, dass die in denselben gelegentlich erwähnten 
Gegner (BiJqcov ydq rig ^isd'^ Iriqwv nvwv S. 61, 15; 62, 7) 
unter den Anhängern des Apollinarios zu suchen sein 
dürften. Gerade um der Behandlung und Verwendung 
willen, welche in den Bruchstücken der Begriff der 
Iv^Qysia erfährt, machte ich im Gegensatz zu F o c k , 
der (a. a. 0. S. 557) daraus gerade auf eine weit spätere 
Zeit, die der monotheletischen Streitigkeiten geschlossen 
sehen wollte, auf den Laodicener Apollinarios 
und seine Schule*^) aufmerksam, innerhalb deren 



**) Fock, Beron und Pseudo-Hippolytus. Ein kritischer Bei- 
trag zur Geschichte der Christologie (Tilgen 's Zeitschr. f. d. hist. 
Theol. XVII. 1847. Heft IV). 

^*) Hippolyti Romani quae feruntur omnia Graece e recogn. Pauli 
Antonii de Lagarde (Berlin 1858), S. 57— 63. 

^®) Dass schon Paulus von Samosata den Begriff der iriQ/fta 
in der Begründung seiner theologischen Ansichten, soweit wir aus 
den von ihm uns erhaltenen spärlichen Bruchstücken ersehen können, 
verwendete, ist für die vorliegende Frage von keinem Belang. Denn 
wenn er nach Aufstellung des allgemeinen Satzes, dass zwischen zwei 
Personen nur Einheit der Gesinnung und der Willensrichtung möglich 
ist {(tl didffOQOi' (fvaftg xccl m diatfOQCc ngociona l^va xal ^ovov fycjGsmg 
^/ovat TQonov Tiijv xard S^ikrjGirV avfJLßaatVj i^ i^g i^ xard tviQyuay tni 
Tüjy ovTcjg avfißißttGd-ivTVüp akkiqkotg dv€u^ctivtjni> fxovdg)^ Jesum durch 
die Unveränderlichkeit seiner Gesinnung und seines Willens Gott 
ähnlich und mit ihm Eins geworden sein lässt [cwi^i^^rj nß ^^fio, 
fiiav xccl Tfjy ccvTfjv viQog avrov ßovkfjaiy xat iyfgy&iay neig Ttüy dya&toy 



Dionysios von Rhinokolura. 57 

Tl. a. gerade auch die Fragen und Aufgaben gestellt 
und behandelt worden sind, von denen wir die uns 
erhaltenen Bruchstücke der Schrift gegen ßeron erfüllt 
sehen. Gerade diese Beziehungen scheinen mir wichtig 
und bedeutungsvoll zu sein, so dass es sich der Mühe 
verlohnt, ihnen in diesem Zusammenhange weiter nach- 
zugehen. 

Es ist besonders ApoUinarios' Schüler Julianus, 
der sich mit jenen an den Begriff der IviQyeta ge- 
knüpften Fragen eingehender befasst zu haben scheint. 
In den Q-edankenkreis des Laodiceners führen uns die 
Bruchstücke einer von ihm an Julianus gerichteten 
Schrift ein, welche uns im Anfang zu der dem Pres- 
byter Anastasios zugeschriebenen „Patrum doctrina de 
Verbi incamatione'* erhalten worden sind ^''). Diese 
lauten : 

[L^ TtöXXivaQCov AaodixeCac tx tov ttqoc ^1 ovXiavov 
Tov iavTov fiax^fjTijv Xoyov.] JaxTvXvi yAAjpovo'* nfrQav ol 



TiQoxonaTg ta/t]X(6g) und von seiner ihm durch den Vater verliehenen 
Ausrüstung mit Macht- und Wunderthaten sagt, dass er in diesen 
seine stetige Willensrichtung auf Gott bekundete (*5 (6y — d. h. 
&ccvfidT(ay — uiccy S^f(p xcd itjy avnjy nqog Tjj ^fk^a(& iyfQyfiay ^/(oy 
xrk.): so sind das noch wesentlich andere Gesichtspunkte als wie die- 
jenigen, welche in dem Folgenden aus den dort hervorgehobenen 
Stellen sich ergeben (vgl. Harnack's „Monarchianismu^' in der 
Herzog-PlitVschen Real-Encyklopadie X, S. 196 ff.). Andererseits ist 
es nicht zu verwundem, dass der besonders aristotelisch geschulte 
Antiochener Theodore s, ApoUinarios' bedeutendster jüngerer 
Gegner, ebenso wie dieser sich dieses aristotelischen Begriffes im Zu- 
sammenhange der Entwickelung christologischer Ansichten bediente. 
Gerade er zeugt für den hervorragendeh Gebrauch des Wortes im 
apoUinaristischen Lager, ja er erscheint durch seine Gegner unmittelbar 
darauf geführt. Doch wird man auf Theodoros' Gebrauch des 
Wortes iyt^yfta in diesem Zusammenhange aus dem Grunde kein 
besonderes Gewicht legen dürfen, weil er die apollinaristische Ver- 
wendung desselben ganz entschieden verwirft: wobei jedoch nicht zu 
übersehen ist, dass dies in einer anderen Gedankenverbindung statt- 
findet, als es in den vorliegenden Bruchstücken des Pseudo-Hippolytos 
sowohl wie des ApoUinarios und seiner Sghüler der Fall ist. Vgl. 
H. Kihn, Theodor von Mopsuestia und Junilius Africanus als Exe- 
geten (Freiburg 1880), S. 190 und 191. 

^^) Mai, Scriptor. vet. nova coli. VII, S. 70a. 



58 Dionysios von Bhinokolura. 

dvo poag int XQiCtov doyfiar^^ovTsgf x^elov ^fjfjil xal dv&QO)- 
Ttivov' €1 yccQ nag vovg avToxQdtiOQ larl Idixw -d^eX^ (jicert' 
xavd ^v(JiV xivovfi€Vog, dövvaTov i&riv Ivl xdt tA avTw 
vnox€ifA^vo} dvo rovg rdvarrCa -d-iXovrag dXXi^Xoig (Svvvn- 
aQxeiv, IxaxiQov t6 x^eXrj&iv lavrw xa-d-^ oQfj/rjv avroxCvfjTov 
IvsQyovvTog. [Tov avTov ix tov avrov Xoyov.] Ovd^ tovto 
avviöslv fidw^-d-fidav, xaCvoi nädiv ov xara^avig, oti o (jiv 
'd'€iog vovg avTox^VfjTog iüri xal TavTox^vfjTog' aTQenrog ydq' 
di dv-d-Qiinivog avrox^vfjTog ^liv, ov TavToxCvfjTog dt 
TQsmog ydg. xal ori neq dtginTf/) vä Tgenrog ov ^fyvvrcu 
vovg- elg Ivog vnoxeifi^vov cvCTatSiv, Cxad^ad-riaerai ydg rolg 
TüSv i^ €ov icTi di€Xx6fi€Vog ivavxCoig 'd-eXijfiatJi' di ijv 
ahCav ^fisig eva tov XqhHov 6fj,okoyovfA€V, xal ^Cav oig 
tvog avrov ti^v T€ ^ViSiv xal t^v x^iXfjaiv xal r^v iv^gysiav 
nQoaxvvovfiev, -d-avfiaciv ofiov xal nax^iq^iaci aoo^ovaav. 
[^Ex TOV avTov Xoyov.] Ol ydq XfyovTsg eva tov Xqkstov 
xal dvo y>v(f€tg avTov voegdg avTorsXslg xaTfjyoQovvT€g, ovx 
XiSaüiV avTov üaQxa yevofisvov Xoyov xal fis^vavTa t^$ 
(pvcix^g avTov fiovddog ivTog, ix^iqovTsg avTov elg dvo- 
fioCovg (pvüstg xal ivsQysCag TSfivofievov. — Hierher gehört 
auch das, wie die eine Ueberlieferung meldet^®), eiuer 
syllogistischen Schrift des Apollinarios entstammende, 
an zwei anderen Stellen ^^) jedoch als dem wider den 
Antiochener Diodoros gerichteten Werke desselben 
entnommen bezeichnete und hier mit geringen Ab- 
weichungen verzeichnete Bruchstück: ^ÖQyavov xal t6 
xivovv, iiCav ni^ivxsv dnoTsXslv ivigysiav' ov 6^ [iCa ^ iviq- 
yeia, fiCa xal iy ovaCa' iiCa äga ovdCa yiyovsv tov Xoyov 
xal TOV oQydvov. 

Niemand wird bei aufmerksamem Lesen dieser 
Bruchstücke, die ich , wie auch die folgenden , . um in 
dieser Frage volle Klarheit zu schaffen, aus Mai 's 
immerhin schwer zugänglichem Werke in diesen Zu- 
sammenhang versetzen zu müssen geglaubt habe, in 



^^) Leont. adv. fraudes Apollinaristarum bei Mai, Spicil. 
Roman. X, 2. Hälfte, S. 145. 

") Patrum doctr. de Verbi incam. bei Mai, Script, vet. nova 
coli. VII, S. 20 b und in lustinian. imperat. c. Monophys. ebenda- 
selbst S. 302 (ix Ttav x(tm Jiodoi^ov koyiov S. 301 a. E.). 



Dionysios von Ehinokolura. 59 

Abrede stellen können, dass die darin ausgesprochenen 
Gedanken, besonders in ihrer Anwendung auf ^^Ifjag 
und iviQY€ia in Christus sich mit den in der Schrift 
gegen Beron behandelten auf das engste berühren. 
Julianus scheint diese Gedanken seines Meisters weiter 
verfolgt zu haben, wie aus dem Bruchstück eines Schrei- 
bens an seinen Mitschüler Polemon (oder Polemios) 
hervorgeht (a. a. 0. S. 70^): 

^I ovXi avov fiar^fjTov ^AnoXXivccQCov TtQoq noXifiwva 
CVfifiaS-fjTi^v.] ^Ex Xivrjr^xov xat dxiv^rov, ivcQyfjTtxov t€ 
xat na-d'fjTixov rov XQiOtov elvai fiCav ovaCav xal <pvaiv 
cvvd-sTov, IvC TS xoi fiovov xivovfj'^Vfjv x^eXi^fiari, xal fim 
IvegysCa rd ts -d-av^ara nsnoifjxivai xal rd ndd-rj, /jovog 
xal TiQüOTog Ttarfjg ^AnoXXivdQiog l^^fy^aro, ro xexQVfi- 
fiivov ndai xara(pWTC(Sac ^vdrriQiov, cog k'v xal fiovov ovtsCag 
fiovddir Tifj,i^(Sag xal ^vcemg, xal rovg xo^ixpCa Xoycov avvo 
diaiQovvrag dXXorvQCovg r^g Iv avrm xsxQVfjbfi^vrjg üoifCag 
dnodsC^ag. 

Polemon (Polemios) hat diese Fragen mit Julianus 
noch weiter verhandelt, das zeigen (a. a. 0. S. 70^) Bruch- 
stücke eines Briefes an denselben: 

\^Ex rrlg IloX^fioovog jiQog ^I ovXiapov imatoX^g.] 
Ol TOP ^Ax^-avdüiov Inl yvo)ff€t' S-av^dtSavTsg, BaiSiXsCov re 
xal FQriYOQCov svyXwTrCa xad^Tidovsüd-ivreg zw rrfg öiaiQi- 
Gswg xaT€7i6'd-fj(Sap '^dü^ari üvv IxeCvotg, rov eva XqiGtov 
rjYovv Tfjv üvvTS'd'slfSav (Saqxl fiCav tov Xoyov ^vdiv 6vo 
fpv(S€ig ix€iv voeqdg avToxivi^Tovg, xal ovo 'd-sXriCsig xal 
Toaavrag IveQysCag dTtoffjvdfisvoir' fj.^ ßxon'^iSavreg oti. iy 
li(a ^v(^ig, ovdinoTs ydg öiffvi^gf ovrs dvddi xararifireTat 
■S-eXfifidrcdv TXQog dvofiofovg ivsQyrjTixdg ix^cQOfiivfj xivri' 
aetg' dXV slneQ slg 1(Stiv o tov -S'Sov Xoyog, iiCa ndvTaog 
avTov cSg Ivog, xal iy ^vaig xal iy -d-iXfjatg xal ^ij toSv S-av- 
fidrtöv TS xal nad-rnidriov IvsQyfjTix^ xaS-itStrixs x^vfjaig. 
[Tov avTov ix TTig avr^g.] -^EXa&fV ydq avrovg ot& neq 
Ivovfi^vfj dvdg ov [livst övdg' sl Si fi^rsi dvdg, Ix ävddog 
avrolg o XQiütog lürai^ dvdg, oneQ dvorjrov' el öi xal 
S-eXfifidrcov dvddi fieQ^^srat xal IvsQyeiäv, fri dvorjToreQov' 
T^$ ydg TcSv ipvceodv dvdöog ovürig vosgäg, l^ dvdyxrjg xal S'sXfj- 
fidrav avT^ (Swsiaa'^d'riasTai övdg' ov ydg Icri vovg dS-eX^g. 



60 Dionysios von Rhinokolura. 

Dass in diesen Bniclistücken aus Schriften von 
Schülern des ApoUinarios x^iXfjfia und IviQyeta nicht 
bloss zufällig und beiläufig genannt werden, sondern 
dass die Antheilnahme der schreibenden Männer um 
beide Begrifi'e sich als etwas sehr Wesentliches dreht, 
wird man nicht in Abrede stellen können. Ich ver- 
muthe daher, dass Beron in apollinaristischen 
Kreisen zu suchen ist und glaube dafür noch Fol- 
gendes anführen zu können. 

Vergegenwärtigen wir uns an dieser Stelle kurz 
Beron's Lehre, so wie sie sein Gegner im fünften 
Bruchstück (Lagarde, S. 61, 15 ff.), mit der im Anhang 
zu dieser Untersuchung nachgewiesenen, nothwendigen 
Aenderung in Zeile 19, uns vorführt: Btiqwv yccg nq 
evayxoq fis-d-^ ItiQoov tivcSv t'^v BaXsvrCvov fpavraaCav 
dfpivTsq, %€CQovb xaxw xaTSTcdgi^aav, k^yovreg Tfjv fiiv 
nQoGXri^x)'€l(Sav tm Xoyo) adgxa ysv^o&ai ravrovQyov t^ 
S'eoTfjTi did Ti^v TtQoakfjipi'V, Ti^v -d-eoTfira 8k yeriü-d-at rav- 
TOTta-d-ri Tri ^ccQ^'' ^*« Tfjv evooaiv, tQOTf^v ofiov xai ipvQüiv 
xal (SvyxvfSi'V xal ri^v slg dXXriXovc d fj^tpoT^QMV fJsraßoX^p 
öoY^axC^ovTsq. 

In diesen Worten findet Fock eine Schwierigkeit, 
die nach meiner Meinung von ihm durchaus nicht ge- 
nügend erledigt wird. „Eigenthümlich", sagt er S. 560, 
„und dem gewöhnlichen Monotheletismus nicht zu vin- 
diciren ist jedenfalls die Bestimmung, dass die Gott- 
heit durch die x^vcocig (ich lese evwaig) mit dem Fleische 
TavTOTiad^i^g geworden sei." Wenn nun- Fock hervor- 
bebt, dass weder Monotheleten noch Monophysiten der 
Gottheit eine wirkliche Betheiligung am Leiden bei- 
gelegt haben, letztere aber von Beron augenscheinlich 
gelehrt wird, so genügt zur Erklärung dieser auffälligen 
Thatsache nicht die Behauptung, dass Beron den 
Muth hatte, „die Einheit des Göttlichen und Mensch- 
lichen, welche der Monotheletismus nur für die active 
Seite, die Energie in Anspruch nahm, auch auf die 
passive Kehrseite derselben, das Pathos auszudehnen, 
und dadurch dem Doketismus, dessen sich auch der 
Monotheletismus wie der Monophysitismus in jener 



Dionysios von Ehinokolura. 61 

einseitigen Fassung nicht erwehren konnte, entgegen- 
zutreten." Da uns bei dieser Annahme Fock's alle 
und jede schriftlichen Bindeglieder fehlen, welche uns 
Beron's eigenthümliche Fassung der Lehre vom Leiden 
der Gottheit irgendwie näher zu bringen oder zu ver- 
mitteln vermöchten, so wird, nach meinem Dafürhalten, 
unsere geschichtliche Erkenntniss der Lehrzusammen- 
hänge nicht gefördert, wenn wir uns mit ihm ent- 
schliessen, in Beron nichts Anderes zu sehen, als „den 
Uebergang aus dem Monophysitismus in den Mono- 
theletismus, welcher einerseits zwar die Duplicität der 
Naturen anerkennt, andererseits aber die Einheit des 
Göttlichen und Menschlichen in die Sphäre der Energie 
hinüber zuretten sucht" (S. 562). Der Versuch, die 
letztere Absicht zu verwirklichen, weist vielmehr auf 
Anhänger des Apollinarios hin, die mit ihrem 
Meister sämmtlich auf dem Nicänum standen, ein 
Sachverhältniss , das von Fock mit vollem Rechte so- 
wohl von Beron als seinem Gegner S. 529 und a. ä. St. 
besonders nachgewiesen und ausgesagt wird. Und nach 
meiner Meinung haben wir Beron eben in apoUina- 
ristischen Kreisen zu suchen. 

Auch der im 5. Bruchstücke (S. 61, 16) erwähnte 
Valentinus bedarf der Besprechung. Ich meine, 
wir müssen an den Apollinaristen Valentinus denken. 
Schon Fock hat (S. 562) nach dem Vorgange von 
K i m m e 1 ^®) auf A e g y p t e n als das wahrscheinliche 
Vaterland und den Ort, wo Beron aufgetreten, hinge- 
wiesen. Wenn ich auch der von Fock erschlossenen 
Verbindung Beron's mit den in Aegypten sich zeigenden 
Anfangen der monotheletischen Bewegung nach den 
von mir vorgebrachten Bedenken allerdings keine Be- 
achtung mehr glaube schenken zu dürfen, so hoffe ich 
Kimm el 's Hinweis auf Aegypten als das wahrschein- 
üche Vaterland Beron's durch die Bemerkung stützen 
zu können, dass auch der Apollinarist Valentinus 



"^) Kimmel, De Hippolyti vita et scriptis. lenae 1839. § 22 
bis 27, S. 56—74:. 



ß2 Dionysios von Ehinokolura. 

nacli seiner eigenen Ausdrucksweise ^^) als in A e g y p t e n 
wirkend zu denken ist. Nocli 455 waren, nach Kaiser 
Marcianus' Ausdruck ^^), Bürger und Einwohner von 
Alexandria so stark von Apollinarios' Gift durch- 
tränkt, dass jener es für nöthig erachtete, frühere 
Gesetzesbestimmungen gegen diese Ketzer von Neuem 
einzuschärfen. Ja wenn wenigstens über 100 Jahre 
später der Presbyter Timotheos zu Konstantinopel 
in seiner Schrift Jlsgt dia^ogäg rdSv nQoasQxofiivoov rrj 
evayeatdTri ^ficSv nCarsv ^^), nachdem er unter anderen 
Irrlehren die des alten Ketzerhauptes Valentinus nach 
guten Quellen aufgezählt, ganz zum Schluss dieses 
Abschnittes die sonst, soviel ich weiss, nirgends sich 
findende, auffallende Bemerkung macht: ovroq 6t Ba- 
Xevrlvoq InCaxonoq y^yovev Alyvmov, so liegt es sehr 
nahe, hier eine Verwechselung oder eine dunkle Er- 
innerung des Schreibers an den einst in Aegypten 
in hervorragender Weise als Lehrer thätig gewesenen 
Apollinaristen Valentinus, der immerhin ebenso 
wie sein apollinaristischer Gegner Timotheos von Be- 
rytus Bischof gewesen sein kann, anzunehmen. Der- 
selbe war jedenfalls ein sehr bedeutender Schüler des 
Apollinarios. An die Anführung eines bekannten, 
mehrfach überlieferten Wortes des Apollinarios aus 
dessen christologischer Hauptschrift schliesst Eulogios 
von Alexandria (gest. 607, nach Caspari 608) bei 
Photios (Biblioth. c. 230. Bekk. S. 273a, 40 ff.) die 
Worte : 11^ ov xovq ox€Tovg Ttjq dvatfsßs^ag ol fier^ ixelvov 
viQVCavTo. av öi fJboi^ xal top dqxaioTeQov oQa ßogßoQov, 
OvakevTlvog yccQ xard Xil^i^v ovrco X^yei' „TdSv FaXikaCmv 
.Ini XQiffTov ÖVD (pv(S€tg ksyovTcov Ttkazvv xaxax^o^sv y/k(ora' 

*') In seiner Streitschrift wider Timotheos von Berytus und 
dessen Anhänger (Leont. adv. fraud. Apoll, bei Mai, Spie. Rom. 
X (2), S. 137): xccl 6 /nctxctQiog df lAd-avaatog, 6 ccyiiaTcnog inioxonog 
jj/ucüpf tktyfv iog i^ ^dtov uyaifaytyrag Tovg TokfLiijoayTceg itiiHv öfnoovGioy 
70 ix MaqCag adifia lij ^fortjTi, 

**) „Sacra contra Haereticos", Coleti IV^ 1831 ff. 

^^) Gewöhnlich angeführt als „De receptione haereticorum", in 
Cotelier's Monum. eccles. graec. III, S. 377 ff. Die oben angezogene 
Stelle findet sich S. 381. 



Dionysios von Rhinokolura. 63 

i^/i€lg yccQ Tov oqutov xal dogarov (iCav sIpm r^v y)va&v 
ifafiiv/' Den Zusammenhang, welchen Hilgenfeld^*) 
zwischen diesem von ihm für ein echtes Wort des 
Gnostikers Valentinus gehaltenen Bruchstück mit dem 
bei Clem. Alex. Strom. III, 7, 59 S. 538 aufbehaltenen 
zu erkennen glaubt, vermag ich nicht einzusehen, ins- 
besondere erscheint mir die von ihm gegebene Er- 
klärung des Wortes „Galiläer", da sie die uns zu Ge- 
bote stehende Ueberlieferung nicht ausreichend berück- 
sichtigt, eine nicht genügende. Eulogios meint, wie 
der Uebergang zeigt, offenbar den alten Valentinus; 
dass jedoch hier ebenso wie in der kurz zuvor ange- 
führten Stelle des Presbyters Timotheos eine Ver- 
wechselung vorliegt und nur an Apollinarios' gleich- 
namigen Schüler gedacht werden kann, lehrt einmal 
der Inhalt des angeführten Ausspruchs selbst, den ich 
trotz Hilgenfeld's Widerspruch ^^) für durchaus 
übereinstimmend mit dem im Folgenden aus Valen- 
tinus' Schrift wider Timotheos angeführten Sätzen 
halte; sodann aber dürfte auch der mit Bezug auf die 
rechtgläubigen Christen gebrauchte Ausdruck „Galiläer" 
auf den Apollinaristen Valentinus hinweisen. 
Denn erst von Kaiser Julianus stammt, soviel ich 
weiss, — von dem ganz vereinzelten Falle bei Epiktetos 
(IV, 7, 6 ed. Schweighäuser, Vol. I, 618) abgesehen, — 
die Bezeichnung der Christen als „Galiläer", in welcher 
dieselben, wie uns Gregorios von Nazianz (Orat. III, 
p. 79 D ; p. 81 A — B) bezeugt, nichts als Hohn und 
Spott von Seiten des Kaisers sahen. Wenn Mücke 
in seinem „Flavius Claudius Julianus" (11, S. 76) die 
der Anwendung der Benennung „GaUläer" statt „Chri- 
sten" zu Grunde liegende, gehässige Absicht des kaiser- 
lichen Schriftstellers leugnete und sich zum Beweise 
auf Apostelgesch. 1, 11 berief, so hat Eode^®) mit 



**) Zeitschr. f. wissenschaftl. Theol. XXVI. 1883. S. 3ü7. 

'°) a. a. 0. S. 512 und in seiner „Ketzergeschichte des Urchristen- 
thums« (Leipzig 1884), S. 302 und 303. 

^) Eode, Geschichte der Eeaction Kaiser Julian' s gegen die 
christliche Kirche (Jena 1877), S. 51, Anm. 8. 



64 Dionysios von Rhlnokolura. 

ßecht die Anziehung der letzteren Stelle als ungeeignet 
verworfen und auf die Unmöglichkeit hingewiesen, 
„den Nachweis zu führen, dass die späteren Christen 
sich selbst Graliläer nannten oder von andern so nennen 
Hessen". Nur in der „Greschichte des h. Cyprianus und 
und der h. Justina" und im „Martyrium des h. Bischofs 
Cyprianus und der h. Jungfrau Justina" begegnen wir 
der Bezeichnung „Graliläer" statt „Christen". In beiden 
Schriften ist nach Zahn diese Benennung schon aus 
einer älteren Erzählung herübergenommen, die eben 
aus dem angegebenen Gründe, wie Zahn mit Recht 
hervorhebt ^''), nicht vor der Regierung des Kaisers 
Julianus entstanden sein kann, während äie uns jetzt 
vorliegende, dem Grregorios von Nazianz 379 noch nicht 
bekannte Fortbildung der Sage geraume Zeit nach 363, 
gegen Ende des 4. Jahrhunderts entstanden ist. Wenn 
später Theodoretos (um 430) an drei Stellen seiner 
Schrift ^EkXfjvixdSv S-eganevrix^ Ttad-fKidrcov gleichfalls 
sich des Wortes „Galiläer" für „Christen" bedient, so 
thut er dies im bewussten Gregensatz zu Julianus, wie 
auch'C. J. Neumannin seinen Prolegg. zu luliani imp. 
libr. c. Christ, quae supersunt (Leipzig 1880), S. 91 hervor- 
hebt. Höchst wahrscheiAlich hat der ausserhalb der recht- 
gläubigen Kirche stehende» Apollinarist Valen- 
tinus jenen von dem abtrünnigen Kaiser ausschliess- 
lich und zwar in wegwerfendem Sinne gebrauchten 
Namen „Graliläer" diesem entlehnt und auf seine recht- 
gläubigen Gegner in der Lehre anzuwenden kein Be- 
denken getragen. Er lag mit seinem apollinaristischen 
Genossen Timotheos, Bischof von Berytus, und 
dessen Anhängern wegen Abweichungen in der Lehre 
im Streit, von dem wir durch die von Leontios in 



^^) Zahn, Cyprian von Antiochien und die deutsche Faustsage 
(Erlangen 1882), S. 105, Anm. 4: „Der Spottname dient als KriterAum 
nicht blos bei der Frage, ob etwas von Julian geschrieben sei (cf. 
Neumann, Jul. c. Christ, p. 18), sondern auch bei der anderen, ob 
etwas der Zeit JuUan's angehört (vgl. Kellner, Hellenismus und 
Christenthum, S. 328, in Bezug auf die pseudolucianische Schrift 
Philopatris)." 



Dionysios von Rhinokolura. 65 

seiner Schrift „Wider die Betrügereien der Apollina- 
risten" aufbehaltenen Schriftstücke noch eine hinläng- 
lich klare Vorstellung gewinnen. Diesen Streit mit 
allen Einzelheiten wiederzugeben, würde hier zu weit 
führen, es kommt nur darauf an, zu zeigen, 
wie Beron's Lehre mit jenem Valentinus in 
Verbindung zu bringen ist. 

Wie mir scheint, sind die Mittelglieder, welche zu 
Beron's Lehre führten, aus diesem Streite im apoUina- 
ristischen Lager' noch hinreichend deutlich erkennbar. 
Valentinus war Schüler des ApoUinarios und theilte 
dessen christologische Ueberzeugungen. Insbesondere 
berief er in seiner von Leontios uns erhaltenen Streit- 
schrift wider Timotheos sich auf des gefeierten Meisters 
Ansicht, wonach dieser (S. 137) ßXaa^i^fiovg xat ^lariw- 
d€iq iyyQdy)cog dnsxdXsüsv zovq kfyovTag o^oovüiov to (fwfja 
Tov xvqCov TTJ x^eoTfjTi. Er schärfte seinen Gegnern 
(a. a. 0. S. lä4) nachdrücklich ein: njäS-sre ovv, « ani- 
(jToi, ort evcoaig ov% o^oov<Stov' el öi ofioovdiov, ov% evwüig' 
oTi fifjdiv avTo lavrm ivovrai ^ (SvvdnTerai, dXX' btsqov 
It^qoi, to ivovfievov ^ t6 üvvamofisvov, o iürt Xoyog S-sot 
aaQxl (Svvdipag latrvov' xal tovto 1(5ti to Xeyo^evov to 
d-fiCov svayyeXiOTov „o Xoyog ad^^ ly^vsTo xal iaxi^vcoasv 
iv ^filv'\ TO ipoox^ijvat aagxl i^i^pvxo^ tov Xoyov. Der 
Schwerpunkt für den damaligen Streit scheint in den 
folgenden Ausführungen des Valentinus zu liegen: to 
de cwfia, o iipoQriasv o xvgiog, ovx dtöiov ovöi ddwfiaTov 
ytyovev ix Ti^g Ivoiaevag' Sid tovto ovx ofioovCi^ov t^ uQQiq- 
rw xal d(TcofidTO) ovcCcc 6 öi xvQtog d'l'öiog, xal tcqo (Tag- 
xog ofjboovGiog tw naTQC, xal (i€Td üaqxog 6 avTog ofioov- 
Giog TW TiaTQC ovx "^v fj (TdQ^ oiioovüiog, GToXrj ydq xal 
neQißoXaiov, xal TtgoxdXvfifia fJiVdTi^QCov xqvtitoii^vov nqoa- 
sCkrj^ev xal VTtig dvS-QooTtcov nqoarivsyxev, xal did TavT^g 
dv^QcoTtoig iTtscpdvfj. Hier liegt offenbar Doketismus 
vor, und wenn des Apollinaristen Valentinus Ge- 
sammtanschauung von dem Gegner Beron's als tpavTa- 
aia bezeichnet wird, so ist dieser Ausdruck ein über- 
aus gelinder, wie denn überhaupt die Gegnerschaft in 
den erhaltenen Bruchstücken sich als eine sehr ruhige, 

DrAseke, Ges. patrist. Untersuch. «> 



6(3 Dionysios von Rhinokolura. 

rein sachliclie erweist. Es wird von B e r o n und seinen 
Anhängern berichtet, dass, nachdem sie Valentinus' 
Wahnvorstellungen verlassen, x^Cqovi^ xaxS xaTfTidQfjaav. 
Hat Beron sich nun etwa zu den von Timotheos und 
seinen Schülern vertretenen Ansichten bekannt, oV* Ttj 
ivwüei Tri ^Q^Q '^ov -d-eov Xoyov S-sokoyovfi^vfj xal rc3 'd'fiS 
ofioovtfiog ofioXoyovfi^VTj fj tov xvqCov (SaQ^ rrj <pv(f€i fi^pst^ 
dvd-QfanCvri xal i^fiiv ofioovffiog, oder oti oSg Xoyog ■d'€ov 
ofiooviTiog ^ (fccQ^, oder dass der Leib (ro adSfjta) des 
Herrn sei oiioovciov Ttj dnaxyel S-soTfiTi öid t'^v evcodiv? 
So würde er alsdann über diese Sätze hinausgegangen 
und in scharfer Folgerichtigkeit aus ihnen den weiteren 
Schluss gezogen haben, zu welchem in den im Vorher- 
gehenden genügend gekennzeichneten Verhandlungen 
innerhalb der apollinaristischen Schule alle Voraus- 
setzungen gegeben waren (Lag. S. 61, 17 ff.), ti^v filv 
nQoaXfj(pS'€i(Jav TM Xoyco (sdqxa ysvitsd-av TavTovgyov Tfj 
-d-eoTfiTi did Tijv nqoüXfixptv, Trjv x^eoTfjTa di yevi(sS'air 
TavTona^fj Tri caQxl dtd t^v evaxftv. 

Sollten wir nicht im Stande sein, schon hier den 
Zeitpunkt, dem jene Streitigkeiten zumeist innerhalb 
der Schule des ApoUinarios zuzuweisen sind, mit 
einiger Sicherheit zu bestimmen? Ich meine, das von 
Leontios aufbehaltene, der, wie zuvor erwähnt, von 
ihm mitgetheilten Schrift des Apollinaristen Valentinus 
eingefügte Bekenntniss, das ApoUinarios mit 
seinen Anhängern auf einer zu Laodicea oder 
Antiochia abgehaltenen Sonderversammlung als eine 
Art apoUinaristisches Gesammtbekenntniss C^Tiolhva- 
Qiog xal ol avv ifiol Tade ^Qovovfiev neql r^g S-eCag aaQxco- 
(Tfcog) veröffentlichte, leitet uns auf den richtigen Weg. 
Der Eingang desselben lautet also : ^dgxa ofioovaiov Ttj 
^fier^Qa (faQxl nqoasCXritpsv dno r^g MaqCag o tov d-soi 
^cöv Xoyog xa^' kvcociv t^v TiQog -d-eoTfjTa ix Tfjg TtQiaTfjg 
avXXi^ipfcog T^g iv Tri ^ccQ^^vtn, xal ovTcog ävd-qoanog y^yo- 
V€V' oTi üaQ^ xal jtvsvfid IdTiv 6 äv-S^Qwnog xaTa tov 
dnoüToXov. xal tovto tüTi ro yev^ts&at adqxa tov Xoyov, 
To ivmS'^vat, nqog adgxa cSg t6 dv&QWTretov nvev^a, xa- 
XelTat ydg xal 6 xad-^ "^f^dg dv^QooTrog adg^. Hier ist 



Dionysios von Khinokolara. g7 

der Zeitpunkt ziemlich genau zu ermitteln; wir be- 
finden uns mit jenem Bekenntniss unmittelbar in den 
Nachwirkungen der von dem heimgekehrten Athanasios 
362 nach Alexandria berufenen Kirchenversammlung. 
Nach Epiphanios' Bericht traten hier unter andern 
auch Schüler oder Anhänger des Apollinarios mit der 
Behauptung hervor, ofioovaiov t6 aoSfia tov Xq^ütov t^ 
-d-soTTjTi, Jene Irrlehrer wurden damals von den 
Rechtgläubigen einmüthig zurückgewiesen. ^®) ,,Auch 
Schriften", filhrt Epiphanios a. a. 0. fort, ^sind ver- 
fasst, von denen dem Athanasios Abschriften geschickt 
wurden, so dass er sich genöthigt sah, einen Brief 
wider die, welche solche Dinge vorbrachten, zu schrei- 
ben, den er mit drohenden "Worten an den ehrwürdigen 
Bischof Epiktetos sandte, da er es für angemessen 
hielt, durch ihn den Unruhestiftern zu antworten." 
In seinem Briefe an Epiktetos wird nun von Athana- 
sios jene Lehre im Besonderen widerlegt, und es ist 
wichtig, darauf zu achten, dass Apollinarios diesen 
Brief gekannt und in dem schon zuvor erwähnten 
Schreiben an Serapion ausdrücklich Athanasios' Wider- 
legung gebilligt hat, insbesondere auch, dass er die 
Lehre, welche das Fleisch Christi gleichen Wesens mit 
Gott heisse, eine wahnsinnige nennt. ^^) Jedenfalls war 
es somit bei jener Sonderversammlung Apollinarios' 
Hauptzweck, vor Allem jener Beschuldigung betreffs 
der Lehre von der Person Jesu Christi entgegenzutreten. 



^ Epiphan. Haer. LXXVII, 2 (Bind. IH, 1, S. 457, 15): cf*' 
ovg dydyxfi yhyovf ahvo^ov avyxQo-njO'^va& xal dva^(fAariaa& rovg toi- 
ovrovg. Wie Voigt (Die Lehre des Athanasius von Alexandrien, 
S. 308) richtig erläatert, kann nnr die Versammlung zu Alexandria 
gemeint sein. Athanasios' Brief an Epiktetos schliesst sich nach Epi- 
phanios' Bericht unmittelbar an , so dass - es mir nicht nothwendig 
erscheint, den Brief mit den Benedictinern (Basil. Opera Vol. III, 
p. CLXIV, Cap. 36, 6) um das Jahr 369 oder mit Montfaucon 
(Vita Athanasii p. LXXXXIQ) um 371 anzusetzen. 

**) Bei Leontios a. a. O. S. 129: Ttjy de tmtnolrjv dfcnorov 
fiou (d. h. des Athanasios), Ttjy dg Koq^vd-oy ccTioGraleTaay OffodQa cerif- 
dt^ttfxfd-ft' Ttav dt ilnovnov ofMovaiov ^«w rijy auQXu nokktjy fiayiay 
xuityy(OjLi(y, 

5* 



Q^ Dionysios von Rhinokolura. 

„dass sie lehrten, nicht nur, dass Christus bloss aus 
dem göttlichen nvsvfia und Fleisch bestehe, was wirk- 
lich ihre Lehre war, sondern auch, dass sein Fleisch 
nicht von Maria und dem menschlichen gleich, sondern 
ungeschaffener Natur und wesensgleich mit Gott, und 
die Gottheit daher leidensfähig sei, Lehren, die damals 
von Manchen, deren Verhältniss zu ApoUinarios und 
seiner Schule unklar ist, ausgesprochen wui'den. Da- 
neben beabsichtigten die Versammelten wohl auch, die 
Gemeinschaft dieser Irrlehrer, gegen welche die beiden 
Bekenntnisse" — ausser dem erwähnten das an dem- 
selben Orte überlieferte, völlig gleichartige des Bischofs 
Jobios — „gerichtet sind, abzulehnen." ^°) 

Lidem wir diese geschichtlichen Thatsachen im 
Auge behalten, wenden wir uns wieder zu den 
Trümmern jener Schrift, die fälschlich Hippolytos' 
Namen trägt. Wiederholte Durchforschung der Bruch- 
stücke wie aller einschlägigen geschichtlichen Umstände 
haben mich auf die Vermuthung geführt, dass in 
jenen Bruchstücken uns Reste der „Theo- 
logischen Grundlinien" des Dionysios vor- 
liegen. 

In des Dionysios „Mystischer Theologie" er- 
fahren wir nämlich den wesentlichen Inhalt jener 
uns sonst nicht erhaltenen Schrift: „In den theolo- 
gischen Grundlinien habe ich" — sagt Dionysios 
Kap. 3 — „das der bejahenden Theologie Zustehende 
auseinandergesetzt und gezeigt, wie es zu verstehen 
sei, dass man die göttliche und gute Natur einig und 
dass man sie dreieinig nenne. Es wurde darin über 
die Vaterschaft und Sohnschaft in Gott gesprochen, 
und der Sinn der göttlichen Benennung des Geistes 



^^) C. P. Caspari in seiner Abhandlung „Ueber die Kccra luhQog 
ntaiig und die Bekenntnisse in ihr", Alte und neue Quellen zur Ge- 
schichte des Taufsymbols und der Glaubensre^el (Christiania 1879), 
S. 92. Vgl. besonders den Schluss des Gesammtbekenntnisses : i4m- 
^f/Lia ovv 6 /LLij ktyojv ix Ttjg MccQtag rrjv a(i(JX(c, xal tijg (txrtcrov (fvüftog 
kiytay avrrjv xccl o^oovaiov Tta ^fM' dkkct xcd 6 k4ymv jtjv S-fOTtjTcc mc/hif- 
njy Xttl fc| avrijg td ndd-fi tu ifjv/ixd. 



Dionysios von Rhinokolura. 69 

aufgeschlossen, dann gezeigt, wie aus dem immateri- 
ellen und theillosen G-uten die herzinnigen Lichter der 
Güte aufgestrahlt und in ihm und in sich selbst gegen- 
seitig in dem Aufkeimen des mitewigen Beharrens, 
ohne aus sich herauszugehen, blieben; dann wie der 
überwesentliche Jesus in die* wahrhafte menschliche 
Natur eingegangen zur Wesenheit wird und was sonst 
in der heiligen Schrift von solchen theologischen Be- 
lehrungen enthalten ist.'^ Hipler selbst fasste diesen 
Inhalt a. a. 0. S. 75 unter der Angabe zusammen: „Die 
theologischen Grundlinien. — Die Lehre von 
der Trinität und Incarnation enthaltend." Genau 
dem entsprechend lautet die Ueberschrift jener Bruch- 
stücke: IleQl 'd'SoXoy (aq xat dagxoi cf€ cog. Ja der 
Zusatz xard aroix^''^^ Xoyoc könnte in Dio- 
nysios' Worten (a. a. 0.) seine Erklärung finden : „Die 
theologischen. Grundlinien und die Erklärung 
der göttlichen Namen musste gedrängter zusammen- 
gefasst werden als die symbolische Theologie." Schon 
Fock hatte auf des Verfassers jener Bruchstücke 
„Neigung zu überschwenglichen Prädikaten des Gött- 
lichen" hingewiesen, in denen sich jedenfalls eine 
spätere Zeit kund gebe, „wie sie dem Pseudo-Areo- 
pagiten das Dasein gab". Die Zeit des Dionysios 
haben wir jetzt sicher ermittelt. Nun wollen wir 
aber auch keinen Anstand nehmen zu erklären, 
dass Sprache und Darstellung der falschlich Hippo- 
lytos beigelegten Bruchstücke, vor Allem die Ei- 
genartigkeit der Darstellung, das schul- 
mässige Haften und Verweilen bei gewissen allgemeinen 
dogmatischen Begriffen, der Gebrauch zusammen- 
gesetzter, selten vorkommender oder auch bis jetzt 
nicht weiter nachweisbarer Worte, und eine gewisse 
Bedseligkeit, Breite und Schwerfälligkeit der Beweis- 
führung, mit den echten Schriften des Dionysios so 
vollkommen übereinstimmen, dass kein Sprachkenner bei 
sorgfaltiger Vergleichung und Beachtung der unverkenn- 
baren Eigenart daran zweifeln wird, dassDionysiosund 
Niemand anders der Verfasser derselben ist. 



70 Dionysios von Khinokolura. 

Wenn man fragen sollte, wie es zu erklären, dass 
gerade Hippolytos' Name in die Ueberschrifb 
jener Bruchstücke gekommen, so dürfte es natürlich 
schwer sein, eine voll befriedigende Antwort zu geben. 
Es genügt vielleicht, nur auf eine Möglichkeit auf- 
merksam zu machen. Wie Hipler sehr wahrschein- 
lich gemacht hat, sind die vier ersten Briefe 
des Dionysios nichts weiter als Aujszüge 
aus dessen „Theologischen Grundlinien", 
welche die Briefform, wie leicht zu erkennen, mit Un- 
recht tragen. Sehr wohl aber hat sich mit dieser 
Form — sie sind an den Therapeuten (Subdiakon) 
Ca jus gerichtet — die Kunde von der Thatsache er- 
halten, dass die „Theologischen Grundlinien" 
jenem Cajus gewidmet waren. Sollte hier etwa 
die betreffs des 10. Buches des ^EXeyxoq xard naatav 
alq^aswv von Hippolytos, des gesondert und unter 
der Aufschrift Aaßvqivd^oq von Theoretos' Tagen 
an bis auf Photios namenlos umgetriebenen, so oft 
und viel erörterte Cajus -Annahme hineinspielen, so 
zwar, dass etwa der Presbyter und Apocrisiarius 
Anastasios (gest. 666), dem wir die Bruchstücke 
verdanken, aus eigener Vermuthung um der in der 
Ueberschrift sich findenden Erwähnung des zeitge- 
nössischen Cajus willen gerade Hippolytos als 
Verfasser setzte? 

Alles Andere erklärt sich, wie mir scheint, ziem- 
lich leicht und einfach. Die Beziehungen auf 
Apollinarios und seine Anhänger, die ich 
nachgewiesen, scheinen mir für die Erklärung das 
Wichtigste heranzubringen. Das aristotelische 
Gepräge der Bruchstücke, besonders des ersten, 
findet in der Vertrautheit des Verfassers mit den Ge- 
danken und der wissenschaftlichen Sprache des P 1 o - 
tinos hinlänglich seine Erklärung. Auch die Anfangs- 
worte der erhaltenen Bruchstücke könnten für eine 
Besonderheit der Schreibweise des Diony- 
sios zeugen. . Derselbe nimmt nämlich in seinen uns 
erhaltenen Schriften auf die sachlich unmittelbar vor- 



Dionysios von Rhinokolura. 71 

« 

hergelienden mehrfach Bezug, so z. B. im Eingänge 
der „von den Namen Gottes" auf die „Theologischen 
Grundlinien", in der von „der kirchlichen Hierarohie" 
I, 2 auf die „von der himmlischen Hierarchie". Die 
Worte nun ix tov . . . 7t€Qt •d'eokoyCaq xal (SaQxdaevoq xard 
aTotx^lov Xoyov, ov ^ ^QX^ ffCcyiog Syiog ayiog xvQ^og 2a' 
ßatod-^* dciy^T(f) ^(avfj ßotavra ^sga^lfi top -d-eov do^d- 
^ovaiv — sehen, besonders wenn wir die zuvor mitge- 
theilten Stellen des Gregorios, Dionysios uüd Hiero- 
nymus hier genau vergleichen, ganz so aus, als ob der 
Verfasser damit auf seine Schrift „über die göttlichen 
Hymnen" Bezug nähme, die sehr wohl den „Theolo- 
gischen Grundlinien" voraufgegangen sein kann ^^). 
Beron's milde Behandlung endlich von Seiten 
seines Gegners glaubte ich früher durch die Annahme, 
Theodotos von Antiochia sei etwa der Verfasser 
der Bruchstücke, am besten erklärt. Bei Fock's An- 
sicht, die Schrift gehöre in die Anfänge der monothe- 
letischen Streitigkeiten, würde ein Umstand durchaus 
unerklärt bleiben, das ist der ruhige, völlig leiden- 
schaftslose Ton, in welchem der Verfasser von 
gegnerischen Ansichten im Allgemeinen (vgl. Lag. 
S. 58, 25 : d3iX* ovx «e t**'^^ y>aai) sowohl als von seinem 
Gegner Beron im Besonderen redet (vgl. Lag. S. 61, 
15 ff. B^Qcov ydg rig ivayxog fi€\f* Ixiqwv tipoSv r^r 
BaXsviCvov ^avradCav d^^VTsg, ;f«^^ov* xaxio xarendQ^cav, 
desgl. S. 62, 7. 22; S. 63, 20). Ein Mann, der in jene 
unerquicklichen Streitigkeiten verwickelt war und in 
sie einzugreifen sich berufen fühlte, würde unbedingt 
bei der Erwähnung seiner Gegner etwas von dem oft 
so unheiligen Eifer seiner Zeitgenossen gezeigt haben, 
worin ja diese bekanntlich, in stetig zunehmender 
Steigerung, fast Unglaubliches geleistet haben. "Wir 
würden mit einer gewissen Sicherheit erwarten dürfen, 
Valentinus als „gottlosen" oder „gottverhassten L-r- 
lehrer" gebrandmarkt, Berbn selbst mindestens mit 



^^) Hipler a. a. 0. Ö. 76 weist der Schrift „von den göttlichen 
Hymnen" ohne zwingende Gründe eine andere Stelle an. 



72 Dionysios von Rhinokolura. 

„gottlos'^ bezeichnet zu sehen. Aber nichts von alle- 
dem ist der Fall, es ist nur von Valentinus' Wahn- 
vorstellungen die Rede, von Beron und seinen An- 
hängern wird nur ein beinahe bedauernder Ausdruck 
gebraucht, seine Ansichten werden sonst nur, mit ein- 
facher Nennung seines Namens, zurückgewiesen. Jene 
auffallende Thatsache wird nun aber, wie mir scheint, 
zu einer durchaus einleuchtenden, ja sie ist jeglichen 
Anstosses entkleidet, wenn Dionysios es war, welcher 
die milden, auf Beron's Irrthum bezüglichen Worte 
schrieb, derselbe Dionysios, welcher seinem Freunde 
Sopater im sechsten Briefe betreffs der besten Art 
wissenschaftlichen Streites den schönen Rath 

fab: „Folgst du mir, so machst du es so: Du stehst 
avon ab, gegen andere zu sprechen, sprichst aber so 
für die Wahrheit, dass, was du sagst, durchaus un- 
widerleglich ist."' 

Ich bin am Ende. Möchte ein Schimmer und 
Nachklang jener Worte des Dionysios von sachkun- 
digen Beurtheilern auch an diesen meinen Darlegungen 
befunden werden! Und möchten die unbegründeten 
Zweifel und Verdächtigungen, unter welchen, wie auch 
die neuesten Versuche von Kanakis und Foss zur 
Genüge beweisen, die wissenschaftliche Erkenntniss 
und Würdigung der Schriften des Dionysios leider so 
lange und schwer gelitten, endlich einmal vor dem 
Lichte ernster Forschung und gewissenhafter, um- 
sichtiger Prüfung in die verdiente Dunkelheit zurück- 
sinken ! 



Anhang. 



Der überlieferte Wortlaut der im Vorstehenden von 
mir ihrem wahren Verfasser zurückgegebenen Bruch-* 
stücke bedarf, so wie er uns in P. de Lagarde's schöner 
Hippolytos- Ausgabe S. 57 — 63 vorliegt, einiger Verbesse- 
rungen, die mir durchaus nothwendig erscheinen. 

Schon die überlieferte Ueberschrift Kard B^Qcovog 
xal ^'Hltxog toSv alQevixäv bietet Schwierigkeiten. Nach 
Pitra's^^) Zeugniss haben die Handschriften des 
Nikephoros, in dessen Schrift wider die Bilderstürmer 
die Aufschrift des fälschlich Hippolytos zugeschriebenen 
Werkes und ein Theil des ersten Bruchstücks (Lagarde 
S. 58, 5 — 17) angeführt ist, ^'Hhxog und "^Hkixovog, nicht 
aber "^HXixCwvogy wie es in der auch in die Migne'sche 
Ausgabe*^) übergangenen Bemerkung vonFabricius 
und auch bei Kimmel^*) heisst. Nach letzterem, der 
die beiden Namen mit Recht für ägyptische erklärt 
und zum Vergleich auf Hierax und Korakion (Euseb. 
Hist. eccl. Vni, 24) verweist, denen noch die Namen 
des Alexandriners Theon, des Progymnasmatikers, und 
Heron's, des berühmten Mathematikers, sowie Apion's, 
des Grammatikers aus Oasis, zugesellt werden könnten, 
ist eine Aenderung, von der überhaupt nur bei dem 
zweiten Namen die Rede war, nicht von Nöthen. Die 
Form ""HXixovog zunächst sieht stark nach Verbesserung 
oder Vermuthung eines Schreibers aus, der mit seiner 
vielleicht etwas verwischten Vorlage nichts Rechtes 
anzufangen wusste. Das erkannte schon Fabricius, 



^*) 8picilegium Solesmense I. S. 347. 

»«) Patrologiae Graecae T. X. S. 829, 830, Anm. 19. 

**) Kimmel, De Hippolyti vita et scriptis. lenae, 1839. S, 57. 



74 Dionysios von Bhinokolura. 

indem er mit Tilgung des folgenden tcSv vor algcTixoSv 
sehr einfach i^ltxicoTÖSv vorschlug. Die wahrscheinlich von 
dem Presbyter und Apocrisiarius Anastasios mit Rück- 
sicht auf einen Theil des Inhalts der Schrift gefasste 
Aufschrift, welche einen Zusatz zu der ursprünglichen 
JIsqI -d-eoXoyCaq xal üaQxoitfseog xard üTo^xelov Xoyoq bildet, 
lautet zunächst KATABHPnN02KAIHAIKinTnNAI- 
PETIKSIN, woraus durch geringes Versehen H^/ITO^Ti^iV 
wurde. 

Für Fabricius' Vermuthung spricht ausser 
dieser paläographisch so nahe liegenden Möglichkeit 
der Umstand, dass an zwei Stellen (S. 62, 7 und S. 63, 
20) Beron allein und nur einmal im fünften Bruchstück 
(S. 61, 15) BfiQoav iyoiQ) ng fvayxog (isd^ IriQoav tipcov ti^v 
BaXavTCvov ^avTaaCav dtpivTsg erwähnt werden. Warum 
ist hier Helix nicht genannt, wo man doch seinen 
Namen, wenn anders er wirklich ein Gesinnungsge- 
nosse Beron's war, unbedingt erwarten müsste, während 
in einem ganz ähnlichen Falle z. B. der Apollinarist 
Valentinus in seiner kleinen Schrift gegen die Apolli- 
naristen Timotheos und Polemios ^^) diese seine beiden 
Gegner stets (S. 133, 134, 137) zusammen genannt und 
fort und fort von ihnen in der zweiten Person der 
Mehrzahl geredet hat? Ich meine, Anastasios ist an 
des Helix Namen vollständig unschuldig, derselbe ist- 
nichts weiter als ein Versehen des Abschreibers. 

Aber auch in dem Texte der Bruchstücke 
selbst ist hinsichtlich des überlieferten "Wortlautes nicht 
Alles in Ordnung, ein Umstand, der sicherlich bisher 
dazu beigetragen hat, das Verständniss der überaus 
tiefsinnigen, so trefflich philosophisch begründeten Ge- 
danken der Schrift, in ihrer etwas wortreichen und 
schwerfalligen Fassung zu erschweren. Ich halte es 
nämlich für sehr fraglich, ob in allen Stellen 
der Bruchstücke von der xivoacig die Rede 
ist. , Zur Stütze dieser Ansicht glaube ich Folgendes 
anführen zu können. 



•'*^) In Leontios' Streitschrift „Adversus fraudes ApoUinaristarum" 
bei Mai, Spicilegium Romanum, X, zweite Hälfte. S. 133—138. 



Dionysios von Bhinokolura. 75 

Die von Sirmond gewählte Lesart d&d t^v x^- 
va>a&v (Lag. S. 58, 17) muss unbedingt der von dem 
Cod. Eeg. und dem Cod. Colbert. des Nikephoros und 
von Anastasios bezeugten d^d Trjv evvaaiv weichen. Es 
handelt sich hier, wie schon Basnage richtig sah, 
um die Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen 
in Christus, von der es nach wenigen Zeüen S. 59, 
2 — 4 heisst : SQQf^Tog Tiq xal aQQfiTcrog sig fiCav vnotnaüiv 
dfi^oriQwv yiyovev evmfSig, nacav navtog y€VVi]Tov Jiav 
TfkcSg diag)€vyov(Ta yvcS(f&r. 

Ganz ebenso liegt die Sache S. 61, 18 ff. Hand- 
schriftliches Zeugniss steht uns hier nicht zur Seite, 
wie an jener ersten Stelle. Wohl aber liegt es sehr 
nahe, Schreibversehen oder schlechte Schfeibgewohn- 
heit anzunehmen. Blass berichtet ^^) von dem Schrei- 
ber derjenigen Handschrift der Leichenrede des Hype- 
reides, von welcher H. Stobart 1856 Bruchstücke aus 
Aegypten mitbrachte, dass er die Endbuchstaben N 
un(i 2 häufig ausliess, und somit TOT fui T0Y2, TO 
für TON, TH für THN, H für HN schrieb, ETOI2 für 
ENTOI2, umgekehrt aber auch HN für TEN und H2 
für TH2. Bei ähnlicher Beschaffenheit des Schreibers 
würden wir in unserem Falle entweder J I ATHEN Q2IN 
erwarten, woraus JIAKENS22IN wurde, oder JIAHNE- 
Nn^IN, woraus JIAKENQ^IN wurde. Das Nächst- 
liegende scheint mir paläographisch das Erstere zu 
sein, so zwar, dass, besonders wenn die Schrift etwas 
eng war und die Querlinien der Buchstaben T und fl, 
wie dies Blass (a. a. O. S. VHI) von den Buchstaben 
rTnHE& in den Harris'schen und Arden sehen Bruch- 
stücken des Hypereides berichtet, zu dem nächsten 
Buchstaben herübergezogen waren, durch letzteren 
Umstand eine Buchstabenverknüpfung herbeigeführt 
wurde, welche die Schrift stellenweise entschieden 
schwer leserlich machte und zu Missverständnissen An- 
lass gab. Wenn die Meinung Beron's und seiner Ge- 



••) Hyperidis orationes FV. Lipsiae, Teubner 1869. Praef. 

s. xvm. 



76 Dionysios von Bhinokolura. 

sinnungsgenossen im fünften Bruchstück (Lag. S. 61, 
17 ff.) dahin angegeben wird: XiyovTeq tijv fiiv nQoaltjfp' 
S-eldav T(A koyo) aägxa ysy^dd-ai ravrovQyov rij -d-eoTfirt 
8td rfiv nQoaXfjipiv, t^v -O-soTfjTa da yev^tf^ai raiTona-d-ij 
Tfj aaQxl did x^vooaiVy so erwarten wir, da im unmittel- 
baren Anschluss die Worte folgen tqott^v oiiov xal 
(pVQ(Si^v xal (Svyyvdiv xal rriv elq dXXriXovc dfi^tytiqijov fisxa- 
ßoXijV doyiicad^ovrec, nothwendig nicht bloss statt xivta- 
(Siv das durch den Zusammenhang bedingte und allein 
zutreffende svoaaiv, sondern auch, entsprechend dem 
8vd T^v TtQoaXrjXpiVy das Wort mit dem Artikel rifv. Wie 
leicht konnte der mit dem dogmatischen Begriff der 
xiv(joai(; vielleicht besonders vertraute theologische Ab- 
schreiber, möglicherweise Anastasios selbst, die eben 
nach Lagarde mitgetheilte Lesart niederschreiben, wenn 
er in seiner Vorlage, JI ATHEN n:SlN oder JIAHNE- 
NSI2IN fand. Ist nun die Verwechselung der eng an- 
einandergerückten Buchstaben TH oder HN mit K sehr 
leicht erklärlich, so nicht minder die von N mit K. 
Eine solche ist ohne Frage anzunehmen in den auf die 
letzte Stelle unmittelbar Bezug nehmenden weiteren 
Ausführungen: xal el y^yove xeviad'siaa rfj aagxl 
TavTOTtaS'ijg rj •d'SOTfjg, d^Xov ort xal (fvdsi (jdQ^ (is^^ oatav 
(pvaixdSg yvooQC^sax^ai iiifvxe adqlS:. In der Vorlage stand 
rErONENENS20EI2A, woraus der flüchtige oder besser 
wissen wollende Schreiber rErONEKENQGEI^A machte. 
Die Stelle lautet nun im Zusammenhange: xal el yi- 
yovsv ivmd'SltSa z^ (taQxl TavTOTtaS'ijg fj -d'sor^g, d^kov 
oTi xal ^vaei^ cfdQ^ fieS'^ oacov tpv<Si,xäq yviOQ^^eüS^ai ni^vxs 
(XaßJ. Sie entspricht so nunmehr genau jener zuvor 
mitgetheilten Stelle des ersten Bruchstücks (Lag. S. 59, 
2 — 4), in welcher evooaig ohne jedes Schwanken der 
Ueberlieferung bezeugt ist. 

Um derselben sachlichen, durch Rücksichtnahme 
auf Schreibeigenthümlichkeiten gestützten Gründe willen, 
welche für die zuerst besprochene Stelle massgebend 
sind, muss es wahrscheinlich auch im zweiten Bruch- 
stück (Lag. S. 59, 11 ff.) heissen: xav^ avt^v afjta r^v 
acöT^Qiov (SaQxmaw rtlg iöCac x^eorfjvog iiinoiriaag rij CaQxl 



Dionysios von Rhinokolura. 77 

Ti]V iv^Qysiav, ov TTSQiyQacpojj^vrjv avrrj did t^v tvwaiv 
statt did r^V xivcoaiv, und ebendaselbst Z. 20: T^'r 
VTi^Q jjfKßv inKSTwüaTo ev(jo(Siv x^soTfjTog, -d-avfiaöi xal 
aaQxog 7tad"fi^aGi (pvcfixcSg ßeßaiovfj^vrjv statt x^vcoaiv , 
wobei vielleicht noch eine tiefere Verderbniss des 
Textes in dem merkwürdigen iniarwaaTo stecken dürfte, 
das weder in Anastasios' Uebersetzung „exinanitio- 
nem pro nobis indicavit divinitatis, miraculis et 
camis passionibus naturaliter roboratam" noch durch 
Baunius' Verbesserung ^probavit, persuasit" verständ- 
lich wird. 

In der Reihe der scharf unterschiedenen und mehr- 
fach gegenüber gestellten Begriffe würden somit die 
der TtQo aXfjipig und der evcoaig von besonderer Wich- 
tigkeit sein. Auch Fock hebt a. a. 0. S. 560 diese 
beiden hervor, während er sonst, dem überlieferten 
Texte folgend, von nQ6ai.rjifjig und x^vcoaig redet. 

Zum Schluss möge noch bemerkt werden, dass, 
wie schon Fock (a. a. 0. S. 509, Anmerk. 30) richtig 
sah, das gleichfalls unter Hippolytos' Namen über- 
lieferte Bruchstück 145 (bei P. de Lagarde S. 206): 
^EviQysia fvcfix^ij t^^ vosQag i(m ipvxijg iy xard fpvciv 
avT^g avToxCvriTog xal nQoiTfj övvafiig ijyovv o deixCpfjrog 
Xoyog (pvdixwg avv^g 7ifjya^6fi€vog höchst wahrscheinlich 
ein Bestandtheil derselben Schrift des Dionysios 
von Rhinokolura ist, welche die im Vorstehenden 
behandelten Bruchstücke zugehören. 



III. 



Vitalios von Antiochia. 



Als eifrigster Freund und Anhänger des ApoUinarios 
von Laodicea ist in den siebziger Jahren des vierten 
Jahrhunderts der Antiochener Vitalios bekannt. Sozo- 
menos (VI, 25) nennt ihn einen Presbyter unter der 
Geistlichkeit des Meletios, einen Mann, der wegen ernsten 
Wandels, strenger Lehre und grosser Sorgfalt in der 
Leitung der Gemeinde beim Volke hohe Verehrung 
genoss. Aus unbekannten Gründen trennte sich VitaHos 
von Meletios,. schloss sich Vitalios an und stellte sich 
an die Spitze der antiochenischen Anhänger desselben, 
dessen Zahl sich durch die Wirksamkeit des allgemein 
verehrten Mannes erheblich mehrte. Es klingt wenig 
wahrscheinlich, wenn Sozomenos die Hinneigung Vitalios' 
zu Apollinarios und seine aufrichtige, durch die That 
bewährte Freundschaft mit diesem auf gekränkten Ehr- 
geiz des frommen Presbyters zurückführt, der durch 
seinen Amtsgenossen Flavianus, den späteren Bischof 
von Antiochia, an dem üblichen Verkehr mit seinem 
Bischof gehindert worden sei. Apollinarios hat in der 
Folge, wohl damals gerade, ^) den Freund zum Bischof 
geweiht. Als solchen bezeichnet ihn um das Jahr 376 



^) Denselben, von mir übrigens schon in anderen Abhandlungen 
zu Apollinarios genauer bezeichneten Zeitpunkt hält auch ftade 
fest in seinem „üamasus, Bischof von Kom" (Freiburg 1882), S. 111. 



Vitalios von Antiochia. 79 

Epiphanios, der uns den Anfang des apollinaristischen 
Streites zunächst in Antiochia und die Stellung des 
Vitalios innerhalb der Bewegung in seiner LXXVII. 
Häresie, die inhaltlich übrigens sich fast ausschliesslich 
auf mündlich über Apollinarios und seine Lehre Erfah- 
renes stützt, anschaulich schildert. 

„Einigen unserer Gesinnungsgenossen nämlich", sagt 
er, „die sich in hoher Stellung befinden und von uns 
und allen Rechtgläubigen mit Lobsprüchen stets fast 
vergöttert werden, hat es gefallen, den Geist von der 
menschlichen Erscheinung Christi zu trennen und zu 
behaupten, dass, als Christus unser Herr in die Welt 
kam. Fleisch und Seele annahm, nicht aber Geist, d. h. 
einen vollkommenen Menschen." (1.) „Der ehrwürdige 
und sowohl uns wie dem seligen Vater Athanasios und 
allen Rechtgläubigen stets theuere Greis Apollinarios 
von Laodicea hat zuerst diese Lehre erdacht und ver- 
breitet. Anfangs, als wir durch einige seiner Schüler 
davon erfuhren, w'oUten wir es nicht glauben, dass ein 
solcher Mann diese Lehre in Umlauf setze, und warte- 
ten auf genauere Kunde. Denn wir dachten, dass die 
Schüler die tiefen Gedanken* eines so gelehrten und 
einsichtsvollen Mannes und Lehrers nicht verständen 
und sich selbst etwas aussännen, was er garnicht ge- 
lehrt habe." (2.) Darauf theilt denn Epiphanios eine 
Reihe von Ansichten mit, die allerdings nur entfernt 
an spätere Sätze des Apollinarios erinnern, Sätze, die auf 
der von Athanasios 362 berufenen Kirchenversammlung 
zu Alexandria unter Zustimmung von Abgeordneten 
des Apollinarios sowie brieflich von diesem selbst ver- 
worfen, und von Athanasios besonders in seinem, von 
Epiphanios an jener Stelle (3 — 13) mitgetheilten, Briefe 
an Epiktetos zurückgewiesen wurden. Es machte Epi- 
phanios offenbar grossen Schmerz, über Neuerungen in 
der Lehre zu hören, die den auch von ihm hochver- 
ehrten Apollinarios zum Urheber hatten ; auch an Basi- 
leios hat er sich im Jahre 376 um Auskunft betreffs 
der ihm so befremdlichen Erscheinung gewandt. Li seiner 
Darlegung der apollinaristischen Lehre spricht er wieder- 



80 Vitalios von Antiochia. 

holt den Wunsch und die Erwartung aus, die Leser 
möchten doch einsehen, dass er nicht aus Missgunst 
oder Hass gegen den Mann zur Feder gegriffen habe 
(Kap. 19, S. 1013). Er versichert, ehe er diesen Theil 
seines Werkes niederschrieb, oftmals mit sich zu Rathe 
gegangen zu sein, damit niemand glaube, er habe sich 
in feindseliger Absicht wider ihn erhoben. „In meinem 
Schwanken aber", bekennt er, „ob ich lieber nicht schrei- 
ben sollte, ward ich von der Wahrheit selbst gedrungen, 
keinen von denen zu übergehen, die etwas wider den 
Glauben ersonnen haben, so dass auch später fromme 
Leser erkennen werden, dass mein Werk nicht welt- 
licher Eifersucht entsprang. Denn vielmehr würde uns 
der Mann (Apollinarios) in weltlicher Wissenschaft und 
in der Liebe die höchste Förderung gewähren, wenn 
anders er in Uebereinstimmung mit der heiligen Kirche 
Gottes in allen Stücken mit allen Frieden halten und 
nichts Fremdes einführen wollte. Ob nun von ihm 
selbst oder seinen Schülern die Lehre anders aufgefasst 
und ausgelegt und unter solchem Schein und Verwände 
verkündigt wird, vermag ich nicht zu sagen." 

Epiphanios hat darnach Schriften von Apollinarios, 
vor allen seine christologische Hauptschrift, den „Er- 
weis der göttlichen Fleischwerdung nach dem 
Bilde des Menschen" {l^uodet^tc negl T^g d-eCaq 
aaQxcof^ecog ir^g xad'^ o^oCiadiv dv-d-Qwnov) ^ um dessen 
Sonderlehren demnächst der Kampf in weiteren Kreisen 
auf das erbittertste entbrannte, nicht vor Augen ge- 
habt. Seinen Argwohn, es trotz der mannigfach 
widersprechenden Gerüchte und Verschiedenheiten der 
Auslegung und Begründung der Lehrsätze mit einer 
ketzerischen Lehrbildung zu thun zu haben, hat er 
durch die Erfahrungen bestätigt gesehen, die er bei 
einem in der Zeit zwischen den Jahren 373 und 379 
fallenden Besuche in Antiochia selbst gemacht hat. 

„Als ich nämlich zu Antiochia war," sagt er Kap. 21, 
„traf ich mit den Hauptvertretern jener Richtung zu- 
sammen. Unter ihnen befand sich auch der Bischof 
Vitalios, ein sehr frommer Mann. Diesem legte ich es 



Vitalios von Antiochia. 81 

dringend ans Herz, doch dem Glauben der heiligen 
Kirche zuzustimmen und den Wortstreit fahren zu lassen. 
Vitalios aber sagte: Was ist denn streitig zwischen 
nns ? Er hatte nämlich einen Zwist mit einem ehrbaren 
und trefflichen Manne, dem Bischof Paulinus, und 
Paulinus mit genanntem Vitalios, der von mir herbei- 
gerufen wurde. Beide wünschte ich miteinander zu 
versöhnen; denn beide meinten den rechten Glauben 
zu verkündigen, und doch war jeder mit dem andern 
aus einem gewissen Grunde entzweit. Vitalios warf 
dem Paulinus Sabellianismus vor. ^) Deswegen enthielt 
ich mich Paulinus gegenüber vollkommener Glaubens- 
gemeinschaft, bis er mich durch ein schriftliches Glau- 
bensbekenntniss eines Besseren belehrte." Dieses von 
Paulinus einst Athanasios zu seiner Rechtfertigung vor- 
gelegte Glaubensbekenntniss theilt Epiphanios (Kap. 22) 
mit, um, durch dasselbe betreffs des Paulinus vollständig 
beruhigt, nunmehr sich mit Vitalios zu befassen. „Ich 
sagte nun", berichtet er weiter (Kap. 23), „zum Bruder 
Vitalios und seinen Anhängern: „Was behauptet ihr 
denn? Ist etwas streitig zwischen euch, 30 legt doch 
den Zwist bei". Er aber sprach : „Jene mögen reden". 
Da erfolgte nun die Beschuldigung, Vitalios lehre, 
Christus sei nicht ein vollkommener Mensch gewesen. 
Dieser aber antwortete sofort: „Gewiss, wir bekennen, 
dass Christus einen vollkommenen Menschen ange- 



*) Der Vorwurf des Sabellianismus begegnet in jenen Jahren 
des Streites sehr häufig. Insbesondere ist er gegen Apollinarios 
selbst erhoben worden. Im Jahre 377 klagt Basileios (Br.'265) 
nicht bloss über die Sendlinge des Apollinarios in rechtgläubigen Ge- 
meinden, sondern auch über seine Schriften. „Sind nicht seine Reden 
über Gott", sagt er, „voll von frevelhaften Sätzen der alten Gott- 
losigkeit des Thoren Sabellios, die jetzt von ihm wiederholt in seinen 
Schriften erneuert worden ist?" Apollinarios hat sich zu mehreren 
Malen und nachdrücklichst gegen diese Unterstellung verwahrt, am 
besten und klarsteh vielleicht in seiner Kccm fit'()og m'artg (Lagarde's 
Ausgabe im Anhange zu seinem Titus Bostrenus, S. 106, 17 ff. mit 
Caspari's Bemerkungen in seinen „Alten und neuen Quellen zur 
Geschichte -des Taufsymbols und der Glaubensregel'* (Christiania 1879), 
S. 110, 111, Anm. 67). Gleichwohl hat diese letztere Ausführung den 

Dräseke, Ges. patrist. Untersuch. b 



82 Vitalios von Antiochia. 

nommen". Diese Behauptung erregte der Zuhörer Ver- 
wunderung und erfüllte sie mit Freude. Da ich aber 
die geheimen Gedanken jener, die unsere Brüder in 
Verwirrung setzten, genau kannte, so hielt ich an mit 
genauerem Fragen: „Bekennst du, dass Christus in 
eigentlichem Sinne Fleisch angenommen hat?'^ Er be- 
kräftigte dies mit einem Ja. „Von Maria, der heiligen 
Jungfrau, ohne Mannessamen und durch den heiligen 
Geist P'^ Auch dies gab er zu. „Hat der göttliche 
Logos, der Sohn Gottes, bei seinem Kommen im eigent- 
lichen Sinne das Fleisch aus der Jungfrau angenommen?" 
Er bejahte dies mit Nachdruck. Schon freute ich mich; 
denn ich hatte von einigen der vorerwähnten Schüler, 
die zu mir nach Cypern gekommen waren, gehört, man 
lehre, das Fleisch Christi stamme durchaus nicht von 
Maria. Als aber der fromme VitaHos bekannte, unser Herr 
Jesus Christus habe das Fleisch aus Maria angenommen, 
da fragte ich ihn wiederum, ob er auch eine Seele an- 
genommen? In gleicher "Weise stimmte er auch diesem 
nachdrücklichst zu; man dürfe nichts anderes behaupten, 
sondern müsse in allen Stücken die Wahrheit reden." 
„So bekannte also Vitalios (Kap. 24), Christus habe 
eine menschliche Seele angenommen; denn er be- 
hauptete: „Gewiss, Christus war ein vollkommener 
Mensch". Nachdem ich somit nach Seele und Fleisch 
geforscht, da erst richtete ich die Frage an ihn: „Hat 
Christus Geist gehabt?" Das stellte er sofort in Abrede. 
Auf meine Frage nun : „Wie behauptest du denn, dass 
er ein vollkommener Mensch war?" enthüllte er seine 



Antiocliener Thepdoretos, der Apollinarios' Kccm /utQog nim&s genau 
kannte, nicht überzeugt. Er wiederholt die Beschuldigung des Sabellia- 
nisraus, indem er (Haeret. fab. comp. 1. IV in Schulze 's Ausg. Bd. IV, 
S. 362) über Apollinarios u. a. folgendermassen urtheilt: *V inoirg 
loCvvv Tirtkiy ovtog cvyyQdfjLf.iaGi> lag imv vnoGTuGftav <fvyf/(fy idtottjTag, 
xal TCiVTo dtdQccxfy tnl lijg jQKtdog, otkq tnl i^g oixovofjiCag trokfAtjafy, 
od-iv xal 737V lov 2aßfkki>avtafiov xccrtjyoQuey idt^aro, accQXOj&tjyai re 
lov d^ioy tifjjGf koyov, (Tioficc xcel ^f>v/ijy ttyfi>kij(f6Ta, ov jrjy koyi^xrjy, 
dkkd Ttjy äkoyoy, rjy (fvrix^y ^yovy Cc^Ttxijy rtytg oyo^udCovair' roy df 
yovy (ckko ti> ticcqcc Tijy ^'V/ijy &7yai> kiyoiy, ovx Hf/ijfffy €ey(i>kvjf^&ai>, dkk' 
dQxiacci Tijy ^fi'cty ifvaty flg ro nkrjQcUffcet tov vov itjy ^Qtkcy. 



Vitalios von Antiochia. gS 

innersten Gedanken, indem er sprach: „Die vollkommene 
Menschheit behaupten wir mir insofern, als wir die 
Gottheit an die Stelle des Geistes setzen und Fleisch 
und Seele damit verbinden, so dass der vollkommene 
Mensch aus Fleisch, Seele und Gottheit, an Stelle des 
Geistes, besteht". 

An die Ergebnisse dieser wichtigsten, mit Anhängern 
des Vitalios sodann noch fortgesetzten Unterredung 
knüpft Epiphanios seine Widerlegung des ApoUinaris- 
mus, nicht ohne zuvor sein Entsetzen und tiefes Be- 
dauern zu äussern, dass keiner der Alten jemals der- 
artiges behauptet (Kap. 25), kein Prophet, kein Apostel, 
kein Evangelist, kein Schriftausleger bis auf diese seine 
Zeit, wo ein so grundgelehrter Mann eine so sophistische 
Lehre aufbrachte, Apollinarios, der, mit ungewöhnlichen 
Kenntnissen ausgerüstet, hochgebildet in hellenischer 
Wissenschaft, umfassend geschult in der Dialektik und 
Philosophie, durch seine ganze Lebensführung ehrwürdig 
und allen Eechtgläubigen bis auf diese seine neue 
Lehre in erster Linie theuer war, ja der sogar in die 
Verbannung ging, weil er den Arianern nicht zustimmen 
wollte. „Und was soll ich noch reden?" — so schliesst 
Epiphanios diese seine für Apollinarios so ehrenvollen 
Äusserungen — j,gi^oss ist meine Trauer und Leid 
meines Lebens Los ; denn der Teufel pflegt uns stets 
zu kränken, wie ich schon so oft gesagt habe." 

Aber das peinliche Verhör, welches Vitalios vor 
Epiphanios zu bestehen hatte, ist nicht der einzige 
Vorgang aus seinem Leben, über welchen uns genauere 
Nachrichten vorliegen. Schon vorher ist er in der 
Lage gewesen, von seinem Glauben Zeugniss abzulegen, 
und zwar schriftlich dem römischen Bischof Damasus. 
Wir erfahren darüber einiges aus Gregorios' von 
Nazianz zweitem Briefe an Kledonios. Wodurch 
Damasus veranlasst wurde, von Vitalios eine Art Glau- 
bensbekenntniss zu verlangen, ist nicht mehr genau er- 
sichtlich, doch scheint die schwieriger werdende Stellung 
des Vitalios in Antiochia neben Meletios und Paulinus 
im Anfang der siebziger Jahre für jenen der äussere 

6* 



,g4 Vitalios von Antiochia 

Grund gewesen zu sein, sicli nach Eom zu wenden 
und die Anerkennung des Damasus sowie die Kirchen- 
gemeinschaffc mit der römisclien Gemeinde zu suchen.^) 
Gregorios hatte in seinem wahrscheinlich bald nach 
der Rückkehr in die Heimat im Anfange der achtziger 
Jahre an den Presbyter Kledonios gerichteten Schreiben 
die Lehren des Apollinarios auf Grund der ihm damals, 
wie es scheint, allein bekannt gewordenen^) Schriften 
'des Laodiceners „Von der Dreieinigkeit" und „Er- 
weis der göttlichen Fleischwerdung nach dem 
Bilde des Menschen'^ bekämpft und zurückgewiesen. 
Mehrere Jahre später sah er sich veranlasst, an den- 
:selben Mann in gleicher Angelegenheit einen zweiten 
Brief zu senden, nicht deshalb^ weil, wie Benoit. be- 
hauptet, ^) die Apollinaristen Gregorios wegen eines 
An Vitalios gerichteten freundschaftlichen Schreibens 
als einen der Ihrigen in Anspruch nahmen, sondern, 
wie er selbst erklärt, damit man ihm nicht zum Vor- 
wurf mache, er habe früher des geliebten Vitalios 
Glaubensbekenntniss, das er, aufgefordert vom seligen 
Damasus, Bischof von Eom, schriftlich einreichte, ge- 
bilHgt, während er es jetzt verwerfe.^) Gregorios' 
Mittheilungen an Kledonios beziehen sich auf dieses 



3) Rade, a. a. 0. S. 99. 

*) Vgl. meine Abhandlung „Apollinarios von Laodiceä, der 
"Verfasser der echten Bestandtheile der pseudojustinischen Schrift 
^Exd^iüt? mOTfcog tjioi, tkqI TQtädog'^ in der „Zeitschrift für Kirchen- 
geschichte" VI, 531. 532. 

*) Benoit, S. Gregoire de Nazianze (Paris, Poussielgue freres. 
2. Aufl. 1884) II, 221: Eetenu par la maladie dans sa terre d'Arianze, 
n'ayant aucun moyen pour combattre les maux qui desolaient l'Eglise 
qu'il avait autrefois gouvernee, saint Gregoire, cedant, k regret, . au 
desir de plusieurs eveques, ses amis, avait resolu . . de garder le 
silence: mais il apprit bientot que les apoUinaristes abusaient de ce 
silence pour soutenir que Gregoire pensait comme eux. Ils pretendaient 
le prouver par une lettre amicale que le saint avait ecrite autrefois 
ä Vital, un de leurs coryphees. 

•®) Greg. Naz. Epist. ad Cled. II, 2: Tr« ds /n^ xaTtjyoQdiaiy 
^^v (6g dyccTiijTov Ovirakiov nioriy, jJV ancuTtjO-flg vno rov fiaxagtov 
-JccjLiäoov jov rrjg ''Pto/nijg intaxonov (yyqw^ov knididuixff nqoTfgov fAfv 
'dnod^f^ofjiivmVf pvv de clvaivofjiivtiiv, xai tkqI toviov ßQtt/icc dtjkaato/Li&y. 



• Vitalios von Antiochia. ^ 85- 

Glaubensbekenntniss des Vitalios, dieses hat er vor 
Augen, dessen einzelne Aeusserungen weist er jetzt 
zurück. Klagend über die fleischliclie Auslegungsweise 
der Anhänger des Vitalios lässt Grregorios, ersichtlich 
beiläufig, folgende Bemerkung einfliessen (4): „Daher 
stammt bei ihnen ihr zweites Judenthum, ihre tausend- 
jährige läppische Lust im Paradiese und etwa auch 
ihre Lehre von dem immer wiederkehrenden Kreislaufe 
der Dinge, in welchem wir uns befinden" {xal (^x^äov 
To rd avrd ndXtv Inl roTg avrotg dvaXafjßdvsiv ^^ag?)'. 
Eine weitere Ausführung in dieser Richtung findet 
sich bei Gregorios nicht, auch unter den so zahlreichen 
Bruchstücken des ApoUinarios ist nichts vorhanden, 
was mit diesen Gedanken sich berührte. Gregorios'^ 
Kenntniss scheint einzig aus einem Briefe seines Freun- 
des Basileios an die Abendländer vom Jahre 377 (Brief 
263) geflossen, wo dieser auf Grund einer ihm vor- 
liegenden Schrift des ApoUinarios über die Auferstehung 
Folgendes mittheilt; „Auch die Lehre von der Auf- 
erstehung ist von ihm mythisch dargestellt, oder viel- 
mehr jüdisch. Er behauptet da, wir müssten wieder 
zum gesetzlichen Gottesdienst zurückkehren, müssten 
uns wieder beschneiden lassen, den Sabbat feiern, un& 
von Speisen enthalten, Gott Opfer darbringen und in 
Jerusalem beim Tempel anbeten, kurz aus Christen 
Juden werden". Lediglich auf dasselbe laufen Epipha- 
nios' nach Hörensagen gemeldete Nachrichten hinaus.'') 
Unter den mancherlei Gründen, die es ermöglichten,, 
dass so zahlreiche Werke des ApoUinarios für echte 
Schriften derjenigen Männer gehalten werden konnten, 
mit deren Namen Anhänger des Laodiceners sie früh- 
zeitig versahen, um sie nach der Verurtheilung ihre& 
Meisters der Kirche zu erhalten, ist besonders auch der 



^) Epiphan. Haer. LXXVII, 37: "Akkoi, de t(f>aaav rov ytqovr« 
dQijyJyai' ot& tv ifj nQtotij (IpciaraGfi ^tkioyTatTfjQtda tivd iniTfkovfifr, 
Toig (cvTotg bfÄTioKtitvofjifvoi onoioig xcel rvy, (og xal vo^ov y,ai akkcc 
ffvkciTToyrfg, xal ndvT€i itjg ^()iJGfü)g lijg l^ tm xog/luo, yd/uov is xal 
TifQnofxrjg xai növ cckkiop fiiti^ovifg, ontq ov ndvv ntQi cevTov nentcrtV" 
xafify. tog dt Jtvtg difßfßanoünvio, tovto ttff^ffccy (cvToy eiQtjxtpai, 



^6 Vitalios von Antiochia. 

anzuführen, dass man ihre Aeusserungen im rechtgläu- 
bigen Sinne verstand und auslegte, oder auch wohl 
mit dem Alter und dem Ansehen des Zeugen der "Wahr^ 
heit, dessen Name sie deckte, sei es Justinus' des 
Märtyrers oder Grregorios' des Wunderthäters, 
entschuldigte- Für ersteres Verfahren, das als allge- 
meiner üblich und auch bei den Schriften anderer 
Kirchenlehrer gehandhabt angesehen werden muss, legt 
schon Gregorios von Nazianz Zeugniss ab, und zwar 
betreffs des Glaubensbekenntnisses des Vitalios. Wenn 
die von Vitalios angeführten Schriftstellen, so ungefähr 
lässt er sich aus, richtig ausgelegt, mit frommer Ge- 
sinnung wohl vereinbar sind, verkehrt gedeutet Gott- 
loses enthalten, „warum soll es wunderbar sein", fragt 
*er, „wenn auch Vitalios' Worte wir zwar, von unserem 
Willen also geleitet, in frommem Sinne verstanden, 
andere dagegen auf den eigentlichen Gedanken des 
von ihm Geschriebenen zornig und erbittert sind?" Für 
sein eigenes Verhalten beruft er sich auf das ganz 
gleiche des Damasus von Kom. „Aus diesem Grunde", 
fährt er fort, ^hat auch Damasus, wie mir scheint, 
später eines Besseren belehrt und zugleich davon in 
Kenntniss gesetzt, dass sie bei ihren früheren Aus- 
legungen beharrten, sie aus der kirchlichen Gemein- 
schaft ausgeschlossen und das Büchlein vom Glauben 
(to yQfifjfiareiop r^q n^aTscog) mit kirchlichem Fluche ver- 
nichtet, besonders ungehalten gerade über ihren Betrug, 
den er infolge seiner Offenheit hatte erfahren müssen". 
Ueber diese Verurtheilung des Vitalios durch 
Damasus sind wir hinlänglich genau unterrichtet. Es 
fragt sich nur, für welche Gelegenheit wir uns ent- 
scheiden sollen. Mit in erster Linie kommt hier, wie 
mir scheint, Theodoretos in Betracht, der, wie ich 
schon in anderem Zusammenhange hervorzuheben Ver- 
anlassung hatte, ^) sich über antiochenische Angelegen- 



®J Vgl. meinen Aufsatz über „Apollinarios von Laodicea'*. in 
der Zeitschrift für kirchl. AVissenschaft und kirchl. Leben, Jahrg. 1887, 
S. 511. Derselben Ansicht ist auch Rade, a. a. 0. S. 121, Anm. 



Vitalios von Aütiochia. 87 

heiten genauer und besser unterrichtet zeigt als etwa 
Sokrates und Sozomenos. Derselbe theilt uns (V, 11) 
ein Gl-laubensbekenntniss(*'0/ioAo;'/aT^? xa^olix^g nfarscog) 
des Damasus mit, welches dieser in der Form eines 
Sendschreibens, nach Valesius im Jahre 382, an 
Paulinus von Antiochia richtete, als dieser sich in 
Thessalonike befand. Die Schwierigkeit, welche in der 
Erklärung des Umstandes liegt, wie Paulinus von Anti- 
ochia nach Macedonien gekommen, sieht Valesius 
durch Baronius beseitigt, der zum Jahre 382 ausführt, 
dass Paulinus zusammen mit Epiphanios und Hiero- 
nymus zu der in diesem Jahre in Rom abgehaltenen 
Kirchenversammlung gekommen sei; Damasus habe 
dann, als Paulinus Rom wieder verlassen und mit 
Ascholios, welcher gleichfalls dort gewesen, zu Thessa- 
lonike weilte, dahin sein Sendschreiben an jenen ge- 
richtet, wohl nicht lange nach der Kirchenversammlung. 
Diese Darstellung des Sachverhalts scheint zunächst 
mit der Anordnung des geschichtlichen Stoffes bei 
Theodoretos zu stimmen, der das Sendschreiben des 
römischen Bischofs unmittelbar nach dem Bericht über 
die Kirchenversammlung zu Konstantinopel vom Jahre 
381 folgen lässt. In demselben werden u. a. Lehren, 
welche unzweifelhaft apoUinaristisch sind, nachdrücklich 
zurückgewiesen. Und wenn nun in Verbindung mit 
diesen, zwar nicht bei Theodoretos, wohl aber in der 
lateinischen Urschrift, ^) wie sie doch wohl aus guter 
römischer Ueberlieferung stammend, nach Valesius' 
Angabe, die nachzuprüfen ich nicht in der Lage bin, 
die Sammlungen der Concilienverhandlungen, Baronius' 
Annalen und Lukas Holstein's römische Sammlung mit 
der Aufschrift „Dilectissimo fratri Paulino Damasus" 
uns bieten, Vitalios' Name ausdrücklich genannt 

®) Den Widerspruch zwischen diesem nach Valesius' ausdrück- 
lichen Augaben gefassten Satze und Rade 's Ausführungen (a. a, 0. 
S. 131), wonach wir „das Stück nicht mehr im Original*' besitzen 
sollen, da allen Handschriften und Ausgaben der von Theodoretos 
(V, 11) gebotene griechische Text zu Grunde liege, „während das 
Original, wie damals schon alle päpstlichen Decrete, lateinisch abge- 
fasst war", vermag ich nicht zu lösen. 



88 Vitalios von Antiochia. 

wird, so liegt es nahe, in jenem Schriftstücke eben die- 
jenige Verurtheilung des Vitalios und seiner Anhänger 
zu sehen, von welcher Gregorios redet. Dagegen lassen 
es nun aber Eade's sorgfältige Untersuchungen über 
die Zeit und die von Theodoretos (V, 11) überlieferte 
Ueberschrift jenes merkwürdigen Schriftstücks, das nach 
ihm (S. 133), weil an Paulinüs gerichtet, welcher der 
Kirchenversammlung zu Rom 382 persönlich beiwohnte, 
vielmehr dem römischen Concil des Jahres 381 zuzu- 
schreiben ist, höchst bedenklich erscheinen, in der 
Ueberschrift „ein festes Datum zu suchen"; sie legen 
uns die Pflicht auf, „der Nachricht nicht mehr Sicher- 
heit zuzuschreiben, als ihr gebührt, und keinerlei Schlüsse 
auf sie zu bauen" (S. 132). Dies scheint mir um so 
nöthiger zu sein, da, was Eade nicht beachtet zu haben 
scheint, in der Ueberschrift die Worte og iyivero tv 
QeaaakovCxYi in dem von Valesius benutzten Cod. Reg. 
des J. Pinus überhaupt fehlen, und da nicht bloss in 
dieser Handschrift die Ueberschrift {ImaToXri rijq xux^o- 
kix^g Ti^arecog, ijv tTi^aTeiXe Jdiiaaog ngog üavXlvov InCG- 
xoTiov iv rfj MaxsdovCa) nicht im zusammenhängenden 
Text der Schrift, sondern nur am Rande sich findet, 
vielmehr ebenso auch im Cod. Bodl. (A), aus dem elften 
Jahrhundert, wonach Thomas Gaisford, ausser einem 
bisher nicht benutzten, aus dem zehnten Jahrhun- 
dert stammenden Cod. Bodh '(B), seine schöne Aus- 
gabe der Kirchengeschichte des Theodoretos (Oxford 
1854) veranstaltete, hier in der Fassung: ""OiioloyCa r^g 
yMx}'ohx^g Tt^avscog, ijv o nd^cag Jd^adog aTteaTeiXsv nqog 
tTiCaxoTiov Ilaviuvov tv rfj MaxtöovCa, og iy^vtro tv Oeaca- 
lovCxri (a. a. 0. S. 418; vgl. S. 119 der Anmerkungen). 
AV eiche Bewandtniss es aber auch immer mit jenem 
Stücke der Ueberlieferung haben möge, die Thatsache, 
auf die es hier allein ankommt, steht auch ohne jenes 
immerhin doch anfechtbare Zeugniss durchaus fest. 
Durch briefliche Äusserungen des Damasus, die noch 
der ersten Hälfte der siebziger Jahre angehören, ist es 
uns hinreichend bezeugt, dass er schon im Augenblicke 
der Abreise des Vitalios von Rom Argwohn wider ihn 



Vitalios von Antiochia. 89 

und sein Bekenntniss zu schöpfen begann, dass er die 
Grelegenlieit des gerade nach Antiochia abgehenden 
Pre&byters Petronius benutzte, um Bischof Paulinus 
seine Bedenken mitzutheüen, dass er endlich in einem 
dritten uns erhaltenen, an Paulinus gerichteten Glau- 
benszeugnisse sich über Vitalios näher ausspricht und 
ihn und seines Meisters Lehre, ohne dessen Namen zu 
nennen, kurz und bündig mit den Worten verurtheilt: 
„Wenn aber jemand sagt, dass das Wort anstatt des 
menschlichen Geistes im Fleische des Herrn wohnt", — 
dies gerade hatte Vitalios in seinem Bekenntniss ver- 
schwiegen — „den verdammt die katholische Kirche, Wie 
auch diejenigen, die im Erlöser zwei Söhne bekennen, den 
einen vor, den anderen nach der Fleischwerdung und 
nicht denselben Sohn Gottes vorher und nachher.'' ^°) 
Wenn Gregorios von Nazianz an der zuerst er- 
wähnten Stelle des zweiten Briefes an Kledonios^ 
Damasus durch das Beiwort fiaxccQiog als nicht mehr 
unter den Lebenden weilend, bezeichnet, Damasus aber 
nach sicherer Ueberlieferung am 11. December des Jah- 
res 384 starb, so hat Gregorios den Brief jedenfalls 
nach 384 geschrieben. Eine genauere Zeitbestimmung 
ist misslich, auch wenn wir Gregorios' eigene Worte 
(Kap. 6): „Jetzt vor 30 Jahren nahm der Glaube seinen 
Anfang, nachdem ungefähr 400 Jahre verflossen, seit- 
dem Christus erschien", zu Hülfe rufen. Denn von 
diesen beiden Zeitangaben passt die zweite natürlich 
auf alle jene Jahre von der Rückkehr Gregorios' aus 
Konstantinopel 381 bis zu seinem Tode 390; die erstere 
dagegen will sich nicht recht festlegen lassen. Dreissig 
Jahre von dem bisher gewonnenen Zeitpunkt rückwärts 
gerechnet, lassen uns auf keine Thatsache stossen, 
die als der „Anfang des Glaubens" bezeichnet werden 
könnte. Versucht freilich könnte man sein, etwa an 
das Jahr 356 zu denken, in welches Hase jenes Gesetz 
verlegt, das für jedes Opfer die Todesstrafe aussprach; 

*^) „Damit wird", sagt Rade, a. a. 0. S. 100, „eine Irrlehre abge- 
wiesen, die, überhaupt von Niemandem geglaubt und vorgetragen, von 
den Apollinaristen als die Consequenz der Gegenlehre hingestellt wurde." 



90 Vitalios VOR Antiochia. 

„doch wissen wir'^, fügt derselbe (Kirchengeschichte I, 
446) hinzu, „nichts von der Vollziehung". "Wie steht 
es aber überhaupt mit diesem Gesetze? Dasselbe ist 
mit dem Namen des Constantius versehen und nicht 
sowohl durch seine Kürze als durch seinen unerhörten 
Inhalt auffallend. Gibbon sagt (IV, 113) mit Recht 
von ihm, „man hätte glauben sollen, dass es jede Noth- 
wendigkeit künftiger Verbote überflüssig machen würde". 
Es lautet nämlich also: „Es ist unser Wille, dass 
in allen Plätzen und Städten die Tempel unverzüglich 
geschlossen und sorgfältig bewacht werden, damit nie- 
mand die Macht zu freveln habe. Auch ist es unser 
"Wille, dass sich alle unsere Unterthanen der Opfer ent- 
halten. Sollte sich jemand einer solchen That schuldig 
machen, so treffe ihn das Schwert der Gerechtigkeit, 
und nach seiner Hiprichtung werde sein Eigenthum 
zum öffentlichen Nutzen eingezogen. Wir bedrohen 
mit denselben Strafen alle Statthalter der Provinzen, 
wenn sie es vernachlässigen, die Verbrecher zu be- 
strafen".^^) Schon Gibbon wies darauf hin, dass die 
Zeitrechnung „einigen Widerspruch in dem Datum 
dieses ausschweifenden Gesetzes entdeckt" hat. Wir 
werden darum auch auf das Jahr 353, welches ich im 
Anschluss an Weingarten bei anderer Gelegenheit^^) 
für dieses Gesetz annehmen zu müssen glaubte^ kein 
Gewicht legen dürfen. Es würde sich in unseren Zu- 
sammenhang durchaus nicht schicken, da wir durch 
Erwähnung des Damasus als eines Gestorbenen mit dem 
Beginn unseres Kechnungsansatzes für die von Gregorios 
erwähnten dreissig Jahre sicher über das Jahr 384 
hinausgewiesen sind. Mit Zustimmung theilt Gibbon 
(a. a. 0. S. 113. Anm. 4) de la Bastie's (Mem. de 
l'acad. XV, 98) Vermuthung über jenes viel angefochtene 
Gesetz mit, der da meint, „dass dies der blosse Ent- 
wurf eines Gesetzes, die Hauptpunkte eines beabsich- 
tigten Ediktes waren, die man in den scriniis memoriae 



") Codex Theodosianus lib. XVI. tit. X. leg. 4. 

^^) „Jahrbücher für protestantische Theologie" X, 674. 



Vitalios von Antiochia. 91 

unter den Papieren des Constantius fand und nachher 
als würdiges Muster in den theodosianischen Codex 
einschaltete". Gibbon's eigener Meinung zufolge 
sprechen die stärksten Gründe dafür, „dass dieses furcht- 
bare Edikt entweder abgefasst und nicht kundgemacht, 
oder kundgemacht und nicht vollzogen wurde". Damit 
ist uns eigentlich jeder Boden entzogen, Gregorios' 
Rückweis auf dreissig Jahre, als den Zeitpunkt, „wo 
der Glaube seinen Anfang nahm" (7/ nCaviq iJQ^avo), mit 
diesem Gesetze, ja vielleicht überhaupt mit irgend einem 
besonderen Gesetze des Constantius in Verbindung zu 
bringen. Wir werden eine allgemeine Thatsache suchen 
müssen, auf die Gregorios' Worte ungezwungen bezogen 
zu werden gestatten. Aus diesem Grunde dürfte es viel- 
leicht rathsam sein, durch eine leichte Aenderung des 
überlieferten Wortlautes Abhülfe zu schaffen. Sollte 
nicht das Zahlzeichen für 30 (rQidxovTa) A durch Ver- 
wischen eines einzigen Striches aus dem für 50 {ttsvti^' 
xovra) N entstanden sein, so dass'wir damit etwa auf 
337, das Todesjahr des Constantinus, oder vielleicht 
schon auf 335, das Jahr der Eeichstheilung, geführt 
würden? Mit diesem Zeitpunkte begannen dessen Söhne 
zu regieren, durch deren strengeres, thatkräftiges Ein- 
schreiten gegen das Heidenthum - und hier kann mit 
Fug gerade an Constantius' gewaltsame Massregeln 
gegen das Heidenthum erinnert werden — ja eigentUch 
das Schwinden des Heidenthums und damit der ge- 
sicherte Besitzstand des Christenthums — mit Gregorios 
zu reden, ^der Glaube" — seinen Anfang nahm. Ins- 
besondere hat er wohl an Constantius gedacht, den er 
trotz seines Arianismus in seiner ersten Rede gegen 
JuHanus mit den höchsten Lobsprüchen überhäuft, mag 
er immerhin zu anderer Zeit weniger günstig über ihn 
geurtheilt haben. ^^) Demzufolge würde Gregorios' zwei- 
ter Brief an Kledonios im Jahre 387 oder 385 geschrie- 
ben sein. Ob diese in dem Briefe selbst enthaltenen 
Zeitbestimmungen sonst schon genauer geprüft worden 



13 



') Benoit, S. Gregoire de Nazianze II, 172. 173. 



92 Vitftlios von Antiochia. 

sind, vermag ick nicht zu sagen; Ulimann sowoKl vrie 
Benoit, welche in neuerer Zeit zuletzt Grregorios' 
Leben beschrieben, haben diese Frage jedenfalls nicht 
berührt. ^^) 

Achten wir nunmehr auf die Angaben, die Gregorios 
aus der ihm vorliegenden Schrift, dem Glaubensbe- 
kenntniss des Vitalios (jiCar^q Kap. 2, yQafifJtccreiov 
Tfjg Ti^arecog Kap. 5) macht. Ganz im allgemeinen sagt 
er von diesem ursprünglich dem Bischof Damasus zu 
Rom eingehändigten Werke aus, es sei so gefasst ge- 
wesen, dass sowohl er selbst wie auch Damasus, sicher 
mit bestimmt durch die ehrwürdige und Vertrauen er- 
heischende Persönlichkeit seines Urhebers, es in durch- 
aus rechtgläubigem Sinne verstanden und erst später 
durch die von Vitalios und seinen Anhängern beliebte 
Auslegung und Anwendung der darin angezogenen 
Schriftstellen dahinter kamen, dass Vitalios' Lehren 
wie die seines Meisters ApoUinarios mit denen der 
rechtgläubigen Kirche nicht vereinbar seien. Das Ge- 
präge der Schrift wird also dasselbe gewesen seiQ, wie 
das von verschiedenen kleineren des ApoUinarios. Konn- 
ten von letzteren, um nur weniges anzuführen, das einem 
Briefe an Kaiser Jovianus vom Jahre 363 entnommene 
Glaub ensbekenntniss (IIsqI t^$ (jaQxcoascag tov x^eov 
Xoyov) unter Athanasios' Namen, die Kard fi^Qog 7t(<STi<; 
als ein Werk des Gregorios Thaumaturgos lange 
Zeit unbeanstandet umlaufen und gelesen werden, weil 
ApoUinarios' Lehren nicht so stark und so bestimmt 
darin hervortraten, dass sie nicht leicht hätten über- 
sehen oder durch wohlwollende Auslegung oder Um- 
deutung mit rechtgläubigen Lehren ohne besondere 
Schwierigkeit hätten in Uebereinstimmung versetzt 
werden können: so werden wir dies auch von Vitalios', 
als eines hervorragenden Freundes des Laodiceners, 
Glaubensbekenntnisse annehmen dürfen, ähnUch so, 
wie der unter dem Namen des Julius überlieferte Brief 



") Ullmann, „Gregorius von Nazianz" (2. Aufl. Gotlia 1867), 
S. 279. Benoit, a. a. 0. II, 226—228. 



• Vitalios von Antiocbia. 93 

an Prosdokios^^) noch zu Leontios' Zeit nach Aus- 
weis vieler Handschriften als ein "Werk des Timotheos 
von Berytus bekannt war (ßJTig ovdä ^lovXCov iaxC, dXka 
Tt^iod-iov, 00 <; eüTiv dno noXXoov dvnyQä^cov xaTafiaS-slv). 
Durch diese Thatsachen, besonders auch die letzte, sowie 
die im Hinblick auf sie von Caspari^®) ausgesprochene 
Möglichkeit, dass auch noch eine oder die andere der 
zahlreichen von Apollinaristen in den Aufschriften ge- 
fälschten Schriften nicht von ApoUinarios, sondern von 
einem seiner Schüler verfasst sei, zu weiterem Vorgehen 
in dieser Richtung ermuthigt, glaube ich mit einiger 
Zuversicht die Vermuthung oder "die Hoffnung aus- 
sprechen zu können, das uns die Schrift unter den 
zahlreichen, absichtlich mit falschen Verfasser- 
namen überlieferten dogmatischen Werken des 
christlichen Alterthums noch erhalten ist. Es 
käme darauf an, sie zu suchen. 

"Wenn wir die von Gregorios aus Vitalios' Schrift 
angeführten Lehren und. Schriftstellen durchmustern, 
so begegnen uns natürlich verschiedene, die uns aus 
ApoUinarios' Schriften schon wohlbekannt sind. Ihren 
Spuren anderswohin zu folgen, dürfte daher wenig Aus- 
sicht auf Erfolg versprechen. Dagegen scheint mir eine 
Stelle hei Gregorios eine deutliche und wirksame Hand- 
.habe zu bieten, von der Gebrauch zu machen vielleicht 
sich lohnen dürfte. Gregorios klagt (Kap. 4), dass die 
Gegner den Begriff der Menschwerdung (ivavS-QcoTtTjaig) 
verdunkelten oder entstellten, indem sie das Mensch- 
werden nicht auf das menschliche Wesen bezögen, das 
der Herr selbst annahm, „sondern indem sie behaupten 
und lehren, er verkehrte und ging mit den Menschen 
um, und zu jenem Schriftwort ihre Zuflucht nehmen, 
das da sagt: »Danach ward er auf Erden gesehen 
und wandelte unter den Menschen«" (fjazd tovto 
inl rtjq y^g (ay)^fj xal rolg dvx^QciTVoig (!vP€(^TQdy)fj — tr 
roZg dvS'Qüinotg avvapsaTQafTj Tischendorf 's LXX-Ausg.). 

") Im Anhange zu Lagarde's Titas Bostrenus S. 116— 118. 
*®) Caspari, „Alte und neue Quellen zur Geschichte des Tauf- 
«ymbols und der Glaubensregel" (Christiania 1879), S. 119, Anm. 84. 



94 Vitalios von Antiochia. • 

Die hier angeführte Stelle aus dem Buche Baruch (3,38), 
auf welche also Vitalios ganz besonders sich bezog, 
kommt meines Wissens in den sämmtlichen uns erhal- 
tenen Schriften — soweit sie bis jetzt sich allgemeiner 
Anerkennung erfreuen — und Bruchstücken von Schrif- 
ten des ApoUinarios nicht vor. Dagegen findet sich 
gerade diese Schriftstelle zweimal in derselben 
Weise, wie Gregorios angiebt, in einer gleich 
ApoUinarios' Kard fi^Qog TtCaTiq unter Gregorios' 
des Wunderthäters Namen überlieferten Schrift 
verwendet, deren wohl nach der späteren Fassung 
eines Abschreibers ' gestaltete Ueberschrift {Kstpakaia 
7T€qI TtftfTscog öoüÖ€xa, iv olg xal (xva^€fiaTi(^fiog xslTai xal 
iQlxriVBCa ixdcfTcp VTCOT^raxrai, xavcc alqsTixäv xal ^lovdaCwv) 
als ursprüngliche Aufschrift IIsqI nCatstag anzunehmen 
durchaus gestattet. 

Diese Schrift ist auch sonst schon als gut 
apollinaristisch erkannt worden. Und da die 
Annahme, Apollinarios selbst sei etwa der Verfasser, 
bei dem Mangel jeglichen Zeugnisses für ihn sowie 
jeglicher auf ihn hinweisenden Anführung aus derselben, 
ausgeschlossen ist, die Verwendung des gefeierten Na- 
mens des Pontiscben Gregorios aber unbedingt an eine 
absichtliche Fälschung aus apoUinaristischen Kreisen, 
und zwar zu Gunsten irgend eines hervorragenden 
Schülers oder Freundes des Apollinarios zu denken 
nöthigt, so werden wir nicht fehlgehen, wenn wir den 
von dem alten gelehrten Lequien ausgesprochenen 
Muthmassungen weiter nachgehen, bezw. sie zu stützen 
und stärker zu begründen uns bemühen. Gallandi, 
der sich auch betreffs der Ansichten über die Katd ^liQog 
nCaxig auf Lequien beruft, führt die auf die genannte 
Schrift bezüglichen Ausführungen desselben ihrem Wort- 
laut nach an. ^'') Demzufolge hat schon Lequien das 
apoUinaristische Gepräge der Schrift klar erkannt, auf 
die Zweideutigkeit in den Schrift auslegungen der Apolli- 



^') Gallandi in Migne's Patrol. Graec. X, 970, daselbst der 
Hinweis auf Lequien's Dissertatio II. Damasc. § 3, p. II und § 9, 
p. XXXVII. 



Vitalios voii Antiochia. 95 

naristen hingewiesen und in diesem Zusammenhange 
bereits auf das von Gregorios von Nazianz behandelte 
Bekenntniss des Vitalios aufmerksam gemacht. 

Von negieren Forschern hat besonders V. Eyssel 
in seinem „Gregorius Thaumaturgus" die Frage nach 
der Herkunft der fraglichen Schrift berührt. „Leo 
Allatius'^, sagt er (a.a.O. S. 43), „behauptet zwar, 
die Ansicht Bellarmin^s, der die zwölf Kapitel für 
unecht erklärt, sei zu beanstanden; denn Suidas meine 
die zwölf Kapitel, wenn er von einer Schrift des Gregor 
unter dem Titel negt aaQxwaecog xal TtCarswq loyog spricht, 
was daraus hervorgehe, dass es in der alten Sammlung 
von Autoritäten heisst, die Kapitel seien genommen 
ix Tov 7t€Ql (TaQxcoaswg xal nCi^rsonq Xoyov iv t^ iQ^irfveCa 
Tov dsvTtQov dvad-e^ana^ov'j wonach Leo annimmt, negl 
aaQX(a(f€(i)g sei der ursprüngliche Titel, und erst später 
habe man wegen der Eintheilung in Kapitel den jetzt 
üblichen Titel gebraucht. Aber Fabricius (Bibl. gr. 
Vol. Vn, p. 255) sagt mit Eecht : obgleich einzelne 
Anathematismen von Apollinaris, dem Verfasser der 
xard fitQog nCarig, kommen könnten (z. B. Kap. 3 und 8), 
so sei doch, da die Anathematismen augenscheinlich 
von einer Hand sind, die Autorschaft des Apollinaris 
geradezu unmöglich. Denn es werden nicht bloss die 
Hauptsätze des Nestorius und Eutyches verworfen, 
sondern Kap. 10 und besonders 11 wenden sich aus- 
drücklich auch gegen die Lehre des Apollinaris." 

WerthvoU ist in diesen Bemerkungen zunächst 
die Nachricht, dass Suidas in der zweiten Hälfte des 
10. Jahrhunderts die Schrift unter der Aufschrift üegl 
üaqxdastog xal nCaTstag koyog gekannt hat, von den 12 
Kapiteln u. s. w. ist bei ihm also noch keine B<ede. Die 
erste Bezeichnung dürfte zur näheren inhaltlichen Kenn- 
zeichnung der zweiten in derselben Weise erst durch 
spätere Leser oder Abschreiber hinzugekommen sein, 
wie dies bei einer ganzen Reihe von anderen Buch- 
aufschriften christlicher Kirchenlehrer thatsächlich der 
Fall gewesen ist, und eines Nachweises nicht bedarf. 
Wenn dagegen Fabricius die Abfassung der, wie er 



96 Vitalios von Antiochia. 

richtig gesehen, von einer Hand herrührenden Schrift 
durch Apollinarios deshalb für eine Unmöglichkeit er- 
klärt, weil nicht bloss Hauptsätze des Nestorios und 
Eutyches verworfen werden, sondern Kap. 10 und 11 
sich sogar ausdrücklich gegen Apollinarios wenden, so 
schiesst er damit unbedingt über das Ziel hinaus. Dass 
in den voraufgehenden Kapiteln Lehren vorgetragen 
werden, die sich genau mit denen des Apollinarios 
decken, inhaltlich sowohl wie in der Form, wird bei 
dem heutigen Stande der Kunde von Apollinarios und 
seinen uns aufbehaltenen schriftlichen Aeusserungen 
kein Einsichtiger in Abrede stellen können. Daher ist 
es der wirklichen Sachlage nicht entsprechend, wenn 
behauptet worden ist, es sei „in den früheren Kapiteln 
auch nur der nestorianischen Ansicht, dass man zwei 
Personen in Christo anerkennen müsse, widersprochen 
worden, ohne dass damit die apoUinaristische Lehre 
vorgetragen werden" solle. Dass ein hervorragender 
Lehrer der syrischen Kirche die Schrift verfasst 
hat, dürfte auch aus dem Umstände geschlossen werden, 
dass sie sammt den unzweifelhaft echten Werken des 
Apollinarios frühzeitig in's Syrische übersetzt worden 
ist. „Bruchstücke aus einer syrischen Uebersetzung 
hat de Lagarde in seinen Analecta Syriaca S. 65 — 67 
veröffentlicht, und zwar ein grösseres S. 65, 23 bis 66, 
18, welches alle 12 Kapitel enthält, aber in umgekehrter 
Reihenfolge, und ein kleineres S. 66, 27 — 67, 5: eine 
Uebersetzung der »Erläuterungen« zu den ersten beiden 
Kapiteln." ^®) Auf die Umkehr in der Reihenfolge der 
Kapitel in der syrischen Uebersetzung ist meines Er- 
achtens kein besonderes Gewicht zu legen. Es kommt, 
da im übrigen Vollständigkeit in der Uebersetzung 
herrscht, wesentlich auf die Sache an ; die Untersuchung 
der Form, d. h. der etwaigen äusseren Umstände, welche 
die Umkehrung der Kapitel veranlassten, ist von unter- 
geordneter Bedeutung. Doch kommen wir auf den 
zuvor erwähnten Haupteinwarid zurück. 



18 



) Kyssel, a. a. 0. S.42. 



Vitalios von Antiochia. 97 

"Was stellt denn eigentlich in den beiden genannten 
Kapiteln? Im zehnten sagt der Verfasser: „Wenn 
jemand behauptet, Christus habe nur theilweise mensch- 
liches "Wesen angenommen, und nicht bekennt, dass 
er in allen Stücken sich uns ähnlich gemacht habe, 
ausgenommen die Sünde, der sei verflucht {dvdx^sfßa 
fcrrft))".^^) Die sich daran schliessende Erklärung besagt: 
„Wie aber möphte jemand behaupten, Christus sei nur 
theilweise Mensch geworden, da doch der Herr selbst 
sagt: „Ich lasse mein Leben, auf dass ich es wieder- 
nehme'' (Joh. 10, 17), und „Mein Fleisch ist wahre 
Speise, und mein Blut ist wahrer Trank" (Joh. 6, 54)?" 
Dass dies nicht genau ebenso ApoUinarios gesagt haben 
könnte, bedarf meines Erachtens keines Beweises. 
Ebenso wenig scheint mir dies nöthig hinsichtlich des 
11. Kapitels und seiner Erklärung. Da heisst es: 
„Wenn jemand den Leib des Herrn unbeseelt nennt, 
oder ihm den Geist abspricht und nicht bekennt, dass 
er, einer und derselbe, in jeder Hinsicht ein voll- 
kommener Mensch sei, der sei verflucht. Wie aber 
möchte jemand behaupten, des Herrn Leib sei unbeseelt 
und ohne Geist? Denn Erschütterung, Betrübniss und 
Angst sind weder Beweis und Zeichen unbeseelten 
Fleisches, noch vernunftloser Seele, noch unveränder- 



*®) So, glaube ich, wird am Schlüsse aller Kapitel zu schreiben 
sein, da die Wendung durchaus formelhaft ist und in dem Synodal- 
schteiben (^O^uoloyCa niaifuDg) des Damasus bei Theodoretos Y, 11 
genau ebenso und noch öfter wiederkehrt. Das im 7. 9. 10. 11. 12. Kapitel 
überlieferte ((yu&fjLKtTiC^a&M, welches im 1. 2. 3. 4. 5. 6. 8. Kapitel neben 
(ivdS-fua *ö7a> als abweichende Lesart verzeichnet wird, ist offenbar 
aus letzterem entstanden. Auch die Kapiteleintheilung mit Hinzu- 
fügung der Zahlen zu dem zwölfmal sich wiederholenden Et ng Uyfi> 
ist in dieser kleinen Schrift sicherlich ebenso wenig ursprünglich wie 
in anderen ähnlichen Fällen. Ich verweise Beispiels halber — sie liegt 
mir zunächst zur Hand — auf eine freilich viel spätere, aber deswegen 
gerade, wie mir scheint, um so beweiskräftigere Schrift, nämlich auf 
des Patriarchen Gennadios Glaubensbekenntniss vom Jahre 1453. 
Wie Otto, der Herausgeber desselben (Wien 1864), bemerkt, fehlen 
in der besten von ihm zu. Grunde gelegten Wiener Handschritt die 
Eapitalangaben («' ß' y bis *«' ), aber das elfmal gebrauchte JIi,(nivouhv 
ist mit rother Tinte geschrieben (a. a. 0. S. 22). 

Dräseke Ges. patrist. Untersuch. < 



98 Vitalios von Antiochia. 

lieber Gottheit, noch blossen Scheines, auch nicht ein 
menschlicher Hinfälligkeit anhaftender Mangel, viel- 
mehr wollte der Logos an sich selbst den Beweis 
menschlicher Schwachheiten erbringen, indem er leidens- 
fähiges Wesen an sich nahm, wie geschrieben steht: 
„Er nahm unsere Schwachheiten auf sich und trug 
unsere Krankheiten'^ (Jes. 53, 4). Denn Erschütterung, 
Betrübniss und Angst sind krankhafte Zustände der Seele; 
Ermüdung aber und Schlaf und Verwundung des Körpers 
sind Schwächezustände des Fleisches." Für dieses Kapitel 
aber, scheint mir, liegt gerade in Gregorios^ Worten 
ein deutlicher Anklang und eine auffallende Bestätigung 
vor. Er vergleicht Vitalios und seine Anhänger (II, 2) 
mit den Manichäern, die vor ihren Erwählten {ixXsmoC, 
electi) ^®) ganz anders reden wie vor den schlichten 
Zuhörern (auditores). So macht es Vitalios und seine 
Eingeweihten (/avöT«*). „Wenn sie aber," fährt er fort, 
„durch die gewöhnlichen Aussprüche über die Mensch- 
werdung, welche die Schrift bietet, widerlegt und in die 
Enge getrieben werden, so bringen sie allerdings fromme 
Worte vor, betreffs des Sinnes aber treiben sie Fälschung, 
indem sie zwar nicht einen unbeseelten oder unver- 
nünftigen oder geistlosen oder unvollkommenen Menschen 
bekennen, an die Stelle der Seele aber und der Ver- 
nunft und des Geistes gerade die Gottheit treten lassen." 
Diese Worte scheinen mir nur durch Rückbeziehung 
auf das ausgehobene 11. Kapitel der Schrift IIsqI 7t^(fT€cog 
lebendig gedeutet und als in der Darstellung des Gre- 
gorios berechtigt erwiesen werden zu können. Und damit, 
meine ich, ist wirklich ein starkes Zeugniss für die 
Abfassung dieser Schrift durch Vitalios gewonnen. 
Insbesondere aber weist, wie ich zuvor schon her- 
vorhob, die von Gregorios aus der ihm vorliegenden 
Schrift des Vitalios ausdrücklich angemerkte Ver- 
wendung der Baruch-Stelle (3, 38) darauf hin, dass 
die uns unter Gregorios' des Wunderthäters Namen über- 
lieferte Schrift Il€Qi n((!T€cog eben das von Vitalios dem 



20 



) Augustin. Dehaere8.XLVI(inOehler'8 Corpus haeres. 1, 207). 



Vitalios von Antiochia. 99" 

römischen Bischof Damasus vorgelegte Glaubensbekennt- 
niss ist. An hervorragender Stelle in der Begründung — 
und daher Gregorios' Tadel stammend — sagt der Verfasser 
(Kap. 12): „Wenn es darum auch (in der Schrift) heisst: 
„Er ward erschüttert im Geist, er betrübte sich in 
seiner Seele, er ward an seinem Leibe verwundet,'* so 
bedient sie sich damit einmal der Bezeichnungen für 
die Schwachheiten, wie sie unserem menschlichen Zu- 
stande entsprechen, andererseits will sie damit zeigen^ 
dass er als Mensch in der Welt geboren wurde und 
„unter den Menschen wandelte" in Aehnlichkeit 
unser, ausgenommen die Sünde". Ja er kommt, zum 
Schlüsse noch einmal auf dieselbe Stelle zurück, wenn 
er dazu auffordert und mahnt, zu glauben, „dass der 
Sohn Gottes Mensch wurde nach der Schrift, und dass 
er „auf der Erde gesehen ward und unter den 
Menschen wandelte" nach der Schrift, in Aehnlich- 
keit unser, ausgenommen die Sünde" — worauf sich 
dann die Aussagen über Tod, Auferstehung, Himmel- 
fahrt, Sitzen zur Rechten des Vaters und Wiederkunft 
zum Gericht schliessen. 

Wenn die im Vorhergehenden dargelegten engen, 
um ihrer Besonderheiten willen durchaus auffallenden 
Beziehungen zwischen Gregorios' zweitem Briefe an 
Kledonios und dem fälschlich Gregorios dem Wunder- 
thäter beigelegten Werke ^^) zu dem Ergebniss führten, 
dass letzteres die Schrift sei, welche Gregorios von 
Nazianz vor Augen hatte, nämlich des Vitalios 
Glaubensbekenntniss, so wird dies Ergebniss noch 
durch Thatsachen allgemeineren Gepräges nicht un- 
wesentlich gestützt. 

Das Bekenntniss des Vitalios war nach Gregorios' 



*^) Schwächere Anklänge mögen unberücksichtigt bleiben. Ich 
schweige darum z. B. davon, dass Gregorios gleich im 1. Kapitel die 
Frage, um die es sich handelt, als eine nt^i r^g d^siag ipav^Qwmjafojg 
fiTovy GaQX(6a((og bezeichnet, und dass fast derselbe Ausdruck sich im 
1. Kapitel des Glaubensbekenntnisses findet, wo der Verfasser den 
ungeschaffenen göttlichen Logos ix r^g xTt(nrjg avS^Q(07i6Tt]Tog rijy 
attQxmctv x(d tt^v ivavd-Q(anrjai^v inidfi^diLKyoy nennt u. s. w. 

7* 



100 Vitalios von Antiochia. 

Zeugniss ein solches, dass es ihm selbst und, wie er 
bekennt, auch Bischof Damasus bei wohlwollender Aus- 
legung durchaus rechtgläubige Lehren zu enthalten 
schien. Dieselbe Eigenschaft zeigen die zwölf Kapitel 
der vorliegenden Schrift, deren wichtigste gerade auch 
daraufhin im Zusammenhange dieses Nachweises aus- 
gehoben worden sind. Und an Wohlwollen hat man 
es dem von Epiphanios und dem Nazianzener und 
vielen anderen Rechtgläubigen hochverehrten, ehrwür- 
digen Vitalios gegenüber durchaus nicht fehlen lassen, 
bis man diejenigen Lehrbesonderheiten schärfer erkannte, 
welche durch allgemein auch sonst gebräuchliche, frei- 
lich in anderem Sinne gedeutete Schriftstellen gedeckt 
wurden. Dem friedfertigen, frommen Wesen, welches 
von den Zeitgenossen an Vitalios gerühmt wird, ent- 
sprechen endlich ganz besonders die Schlussausführungen 
der Schrift. Ist der Schluss selbst durch die vorher 
schon erwähnten, die christlichen Heilsthatsachen und 
des Verfassers Glauben an sie bündig zusammenfassen- 
den Aussagen kräftig gestaltet, so klingt sein eigent- 
liches Herzensanliegen, die Sehnsucht nach friedlicher 
Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse kurz zuvor in 
die schöne Ermahnung aus: „Ob dieser Gnade wollen 
wir den Vater preisen, der seinen eingeborenen Sohn 
für das Leben der Welt dahingab. Preisen wollen wir 
den heiligen Geist, der in uns wirkt und uns lebendig 
macht, der uns die Gnadengaben beut zur Gemeinschaft 
mit Gott, und nicht wollen wir uns nutzlos um des 
Evangeliums Wort mühen mit nüchternem Gerede, in- 
dem wir endlosen Untersuchungen und Wortstreitig- 
keiten rings um uns Raum geben und dadurch das 
schlichte und so gerade Wort des Glaubens höckerig 
und rauh machen, sondern wir wollen vielmehr das 
Werk des Glaubens treiben, den Frieden lieben, die 
Eintracht bewähren, die Einigkeit im Geist bewahren, 
und wollen die Liebe pflegen, an welcher Gott Wohl- 
gefallen hat". 

Das sind Worte eines wahrhaft christlichen, fried- 
liebenden Geistes, der das Bedürfniss fühlt, die grossen 



Vitalios voD Antiochia. 101 

einigenden Thatsachen der christlichen Lehre in den 
Vordergrund zu stellen und zugleich durch die Art 
und Weise, wie er von seinem Glauben Zeugniss ab- 
legt, Missverständnissen und Verdächtigungen entgegen- 
treten möchte. Und in dieser Lage befand sich ja 
Vitalios. Sicherlich wird derselbe in der Folge durch 
des strenggläubigen, aber beschränkten Ketzerrichters 
Epiphanios Glaubensprüfung und die mit ihm gepfloge- 
nen Verhandlungen, welche bis zu den damals die 
christliche Kirche störenden und verwirrenden Lehrbe- 
sonderheiten des Apollinarios hindurchgedrungen waren, 
sich beunruhigt und in der friedlichen Verbreitung der 
von ihm als reinsten Ausdruck der christlichen Wahr- 
heit erkannten Lehre seines geistesgewaltigen Freundes 
sich gestört und gehemmt gefühlt haben. Die zuvor 
schon berührte Frage, wann Vitalios und sein Glaubens- 
bekenntniss von Damasus verurtheilt worden sei, ist in 
der That — es sei das hier noch einmal betont — von 
untergeordneter Bedeutung. In seines Freundes Ge- 
schick hineingezogen, hat er gleich diesem auch die 
von Damasus und römischen Synoden ausgehenden 
Verurtheilungen der Lehre desselben über sich ergehen 
lassen müssen. Das war im Besonderen auf der Synode 
vom Jahre 377 der Fall, von welcher, wie Rade (a. a. 0. 
S. 113 ff.) nachgewiesen, das den Apollinarismus ver- 
werfende und widerlegende Bruchstück „Illud sanemira- 
mur" uns erhalten ist. Nicht minder legte das römische 
Concil vom Jahre 382 Zeugniss gegen Apollinarios und 
seine Anhänger ab. Sollte nicht — diese Frage drängt 
sich hier auf — die nöthige Klarheit über die dog- 
matische Bedeutung und Tragweite des Apollinarismus^ 
an der es in Rom im Anfange der ganzen Bewegung 
entschieden gefehlt hat, gerade mit auf den Mann zu- 
rückgeführt werden dürfen, der in Ermittelung des 
eigenthümlich apollinaristischen Lehrbestandes schon 
vorher mit Erfolg thätig gewesen war, ich meine Epi- 
phanios, der ja mit Hieronymus im Jahre 382 zu 
Damasus nach Rom kam und dem Concil beiwohnte? 
Ist es nicht mehr als wahrscheinlich, dass der gestrenge 



102 Vitalios von Antiochia. 

Ketzerricliter nicht versäumt haben wird, von seinen 
im persönlichen Verkehr mit dem ehrwürdigen Vitalios 
gewonnenen Erfahrungen und seinen vergeblichen Ver- 
suchen, ihn für die rechtgläubige Auffassung der Glau- 
benslehre, so wie er sie als unwandelbaren Besitz der 
Kirche glaubte schützen und vertheidigen zu müssen, 
zurückzugewinnen, dem römischen Bischof Mittheilung 
zu machen und bei ihm das u. A. auch durch Basileios' 
Schreiben an die Abendländer (Brief 263) vom Jarhre 
377 hervorgerufene ungünstige Urtheil über Apollinarios 
und seine Lehre, das sicherlich auch durch anderweitige 
mündliche und schriftliche Nachrichten über die da- 
durch in der Kirche des Morgenlandes verursachte 
Beunruhigung der Geister an Berechtigung und Ver- 
tiefung zugenommen, nach Kräften zu verstärken, so 
dass Damasus, nunmehr sicherlich von seinem ehemals 
so günstigen Vorurtheil für Vitalios gründlich geheilt, 
im Jahre 382 sich veranlasst sah, den Apollinarismus 
abermals als ketzerisch zu verurtheilen? Mit diesem 
Hinweis auf die Stellung und Bedeutung des Epipha- 
nios in dieser Friedens- und Streitfrage sind wir zum 
Anfang dieser Untersuchung zurückgekehrt, in die uns 
Epiphanios mit seinem Berichte eingeführt hatte. 

Ich hoffe durch meine Darlegungen das über dem 
fälschlich mit Gregorios' des Wunderthäters Namen 
versehene Glaubensbekenntniss bis auf diesen Tag 
lastende Dunkel in dem Grade gelichtet zu haben, dass 
vorurtheilsfreie Beurtheiler dem Ergebniss meiner Un- 
tersuchung ihre Zustimmung nicht versagen und fortan 
mit mir in jenem Glaubensbekenntniss diejenige 
Schrift des Vitalios von Antiochia erblicken 
und anerkennen werden, welche Gregorios von 
Nazianz in der zweiten Hälfte der achtziger 
Jahre in erster Linie bestimmte, ein zweites 
Schreiben an Kledonios zu richten, das mit dem 
ersten vereint frühzeitig gleicher Ehre in der christ- 
lichen Kirche theilhafbig geworden ist. 



IV. 



Gregorios von Nazianz. 



Die folgende Untersuchung ist veranlasst durch 
das Erscheinen von Victor Eyssel's „Gregorius 
Thaumaturgus'* (Leipzig 1880). In diesem Werke ver- 
öffentlichte derselbe die „Uebersetzung zweier bisher 
unbekannter Schriften Gregor's aus dem Syrischen" : 
„An Philagrius über die Wesensgleichheit" (S. 65 — 70) 
und „An Theopompus über die Leidensfähigkeit und 
Leidensunfähigkeit Gottes" (S. 71 — 99). Nachdem ich 
in einem kleinen, meiner Schrift über den „Brief an 
Diognetos" (Leipzig, J. A. Barth 1881) u. a. angehängtem 
Aufsatze (Zu Victor Ryssel's „Gregorius Thaumaturgus" 
S. 200 — 207) nachgewiesen, dass Ryssel's Annahme, 
mit der Veröffentlichung seiner deutschen Uebersetzung 
der Schrift „An Philagrios über die Wesens- 
gleichheit" den Kirchen- und Dogmengeschichts- 
forschern einen in der griechischen Urschrift verloren 
gegangenen, werthvoUen Schatz des christlichen Alter- 
thums neu geschenkt zu haben, eine irrige war, dass 
vielmehr der aufs beste überlieferte griechische Wort- 
laut der Schrift unter den Werken des Gregorios 
von Nazianz mit dem Titel Ugog EvdyQiov fio- 
vaxov nsql ^eoTi^rog Idyog noch vorhanden und 
bekannt ist, dass somit die syrische Uebersetzung für 
uns nicht den von Eyssel ihr beigemessenen Werth 
besitzt und der scharfsinnige Beweis desselben, wonach 



104 Gregor ios von Xaziauz. 

Gregorios von Neocäsarea als Verfasser der 
Schrift anzusehen sei, mindestens einer sorgfältigen 
Durchsicht bedarf: kann es nur darauf ankommen, die 
Frage nach der Abfassung der Schrift noch einmal 
genau zu prüfen, so zwar, dass möglichst eine end- 
gültige Antwort gesucht werde auf die Frage, ob der 
Neocäsarienser oder, wie die handschriftliche Ue,ber- 
lieferung, wenn auch nicht einhellig, angiebt, der 
Nazianzener die Schrift geschrieben. Es liegt in der 
Natur der Sache, dass wir nicht von der syrischen 
Uebersetzung, sondern von der griechischen Urschrift 
den Ausgang unserer Untersuchung nehmen, „Denn 
so lange der Inhalt, einer Schrift," sagt Eyssel in 
seinem „Gregorius Thaumaturgus" S. 11, „der Ueber- 
schrift nicht widerspricht, hat der, welchen sie als 
Verfasser bezeichnet, auch das erste Recht, als der 
wahre Verfasser zu gelten, indem alsdann kein Grund 
vorhanden ist, an ihrer Richtigkeit zu zweifeln." Und 
da die Ueberlieferung des griechischen Wortlauts uns 
unmittelbar auf Gregorios von Nazianz verweist, wird 
zunächst unsere Aufgabe darin bestehen müssen, durch 
sorgfältige Untersuchung der Schrift selbst und durch 
Vergleichung ihres Lehrgehaltes einerseits mit den un- 
zweifelhaft echten Werken des Nazianzeners, anderer- 
seits mit den den Erweis der Urheberschaft des Gre- 
gorios von Neocäsarea bezweckenden Ausführungen 
Ryssel's festzustellen, ob sie, nach dem Zeugniss der, 
soweit ich darüber urtheilen kann, überwiegenden 
Menge .der Handschriften, für ein echtes Werk jenes 
grossen Kirchenlehrers des vierten Jahrhunderts zu 
halten ist, oder ob etwa Eyssel mit seinem Nachweis 
der Abfassung durch Gregorios von Neocäsarea doch 
im Wesentlichen das Richtige getroffen hat. 

Fragen wir zunächst: Wie steht es mit der äusseren 
Bezeugung der Schrift? Es ist bekannt, dass der 
ausgezeichnete Erklärer des Gregorios von Nazianz, 
Elias von Kreta, ^) mindestens neunzehn Reden des 

^) Auf Leunklavius gestützt, habe ich Elias von Kreta in meiner 
Abhandlung „Quaestionum Nazianzenarum specimen'^ (Wandsbeck, 



Gregorios von Nazianz. 105 

Nazianzeners erläutert hat. Aucli Niketas Akomi- 
natos, nacli seiner phrygisclien Vaterstadt Chonä — 
das alte Kolossä — gewöhnlich Niketas Choniates 
genannt, der Zeuge .jenes furchtbaren Geschickes, 
welches über Konstantinopel durch die Lateiner im 
Jahre 1204 .hereinbrach, und in seinen 21 Büchern 
Xqopix^q difjyi^ C€wg Fortsetzer des Zonaras von 1118 bis 
1206, schrieb zum Theil sehr umfangreiche Commentare 
zu den Reden des Gregorios, u. A. auch zur LI. und 
LH. ^) Letztere beiden Aoyot^ also, grössere theologische 
Abhandlungen, in Briefform an den Presbyter Kledonios 
gerichtet (Edit. Basil. or. XLIX. und L), erläuterte Ni- 
ketas noch, während von ihm sowohl als von seinem 
grossen Vorgänger Elias der weniger umfangreiche 
XLV. koyog an den Mönch Euagrios (Edit. Basil. or. 
XXXVII) und der noch kleinere XL VI. an Bischof 
Nektarios von Konstantinopel (Edit. Basil. or. XLV) 
nicht erklärt worden sind. Aus dieser Thatsache nun 
etwa schliessen zu wollen, Elias und Niketas hätten 
den ).6yog Ttgog Evdyqiov überhaupt nicht gekannt oder 
für unecht gehalten, zumal in den oder in einer der 

Fr. Puvogel, 1876. Progr.-No. 237), S. II, Anm. 2 zwischen den Jahren 
823 und 960 ansetzen zu dürfen geglaubt. Am sorgfältigsten scheint 
mir der um die Patristik hochverdiente Albert Jahn die Zeitfrage 
erwogen zu haben, wenn er in der Praefatio seiner Ausgabe von 
„Eliae metropolitae Cretae commentarii in S. Gregorii Nazianzeni 
orationes XIX" (Paris 1858) schreibt: „Quum Elias post Constantinum 
Porphyrogenitum Cretae metropolita exstiterit, necesse est, post Nice- 
phori quoque Phocae tempora vixerit. Qui quum Cretam insulam 
A. C. 961 recuperasset, essetque religio Christiana, pro ea militante 
Nicone monacho, iUic restaurata, tum demum sedes metropolitana 
denuo erigi potuit. Quam quidem Elias illis temporibus tenuisse cen- 
sendus est, quum Saraceni, antequam expeditionibus sacris retunde- 
rentur, novis viribus aucti, imperii Byzantini fines rursus invaserunt. 
Ibi tum verisimile est (nam historica eins rei documenta desideramus) 
Cretam iterum ab illis infestatam, Eliam autem sede pulsum et epis- 
copum in partibus infidelium esse factum. Itaque a vero haud magno- 
pere aberrabimus, si Eliam medio saeculo XI, id est sub initium 
imperii Comnenorum, vixisse statuerimus." 

*) Ich führe Gregorios nach der Kölner Ausgabe vom Jahre 1690 
an, daneben habe ich die lateinische Ausgabe von Johannes Leunklavius, 
Basel 1571, benutzt. 



106 Gregorios von Nazianz. 

von Henricus Savilius und nach ihm von Montacutius 
benutzten Handschriften .sich bei dieser Schrift die 
Bemerkung finde: ^Idrfov ort xarä rivag o Xoyoq ovrog 
dfi^ißdXXeTai, würde durchaus verfehlt sein. "Wichtig 
ist, was schon der gelehrte Uebersetzer des Gregorios 
von Nazianz, Johannes Leunklavius, im Jahre 1571 
über den Umfang der unzweifelhaft für echt zu halten- 
den schriftstellerischen Hinterlassenschaft des Gregorios 
und den Sprachgebrauch des Wortes Xoyog auf Grund 
der Angaben des Elias von Kreta geurtheilt hat. 
^Statim ab initio prooemii sui" — sagt er in dem 
Vorwort seiner zu Basel herausgegebenen lateinischen 
Uebersetzung des Gregorios — „tradit Elias ab Nazi- 
anzeno tantum orationes sive commentationes (nam vox 
Xoyoq generatim a veteribus usurpatur de quovis scripto 
atque tractatu) numero LH esse publicatas, quas inter 
et epistolae certae referri debeant, cuius generis illae 
sunt, quas ad Nectarium, Evagrium, Cledonium per- 
scripsit". Die Merd^QatSig eig tov ^ExxXriifiaüri^v 2oXo- 
fücüvrog beliess Johannes Leunklavius in der Samm- 
lung, weil Elias sie in leichiT erklärbarem Irrthume 
wohl für ein Werk des Gregorios von Nazianz gehalten : 
„quod si maxime verum sit," fügt er hinzu, „mirum 
nemini videri debet, quando vix mortuo Gregorio titulus 
orationis in Heronem mutatus fuit, ut Hieronymus 
Gregorii coaetaneus monet." An Stelle der elenden 
2riiiaaCa slg tov ^le^sx^'^X sodann gelang es ihm, aus 
der von ihm benutzten Handschrift der Werke des 
Gregorios, welche nach der in ihr sich findenden Unter- 
schrift Qeov To ddoQov xal novog Xcovidrov und anderen 
für die Zeitbestimmung wichtigen Merkmalen, welche 
aufzuzählen hier zu weit führen würde, von dem zuvor 
genannten Niketas dem Choniaten geschrieben worden 
ist, die Eede Elg rovg (idQvvgag (In honorem martyrum) 
als XX. einzufügen (Edit. Basil. p. 394). Auch Jacobus 
Billius gab diese 1583 in eigener lateinischer Ueber- 
setzung heraus, welche sich in der Kölner Ausgabe 
von 1690 (Vol. I. p. 725) als oratio XLVHL findet. Den 
griechischen Wortlaut veröffentlichte nach einer Hand- 



Gregorios von Nazianz. 107 

Schrift der Bibliotheca Palatina zuerst Montacutiiis, 
nach ihm mit Hülfe eines zweiten Cod. Palat. Georg 
Linglesheim, in der Kölner Ausgabe von 1690 ist er 
im Anhang zum ersten Bande an erster Stelle abge- 
druckt. Leunklavius behauptete die Echtheit besonders 
auf Grund des Stils und der Schreibweise, Montacutius 
sah in dem Erhaltenen nichts Vollständiges, sondern 
nur das Bruchstück einer Rede, während Nicolaus Faber 
die Schrift im Hinblick auf die Erwähnung der Isebel 
und des Naboth, deren Namen Johannes Chrysostomos 
so oft im Munde führte, wenn er gegen die arglistige 
Kaiserin Eudoxia eiferte, für das Bruchstück irgend 
einer Rede dieses gefeierten Redners erklärte. Als 
drittes nicht in die Sammlung der Schriften des Nazi- 
anzeners gehöriges Werk bezeichnet Leunklavius einen 
Aoyoq TtaQatvsTixog TVQog TtaQd'ivovq, welcher, wie aus 
der mitgetheilten Probe erhellt, zu den Gedichten ge- 
hört, unter denen er sich denn auch in der Kölner 
Ausgabe Vol. II. p. 299 findet. Der Irrthum ist wahr- 
scheinlich durch die Doppeldeutigkeit des Wertet Xoyoq 
verschuldet. „Nam ea (vox)" — wiederholt er — „non 
orationem tantum significat, uti iam antea quoque mo- 
nuimus, sed in genere quamvis commentationem atque 
scriptum: quo ipso fit, ut Elias noster Gregorii poemata 
koyovg ififiiTQovg vocet. Hoc modo quibusdam resectis 
et oratiöne de martyribus restituta, quinquaginta et 
duos Nazianzeni tractatus habemus, quem illorum 
esse numerum integrum Elias memoriae prodidit. Qua- 
propter heic quidem quod amplius desideremus nihil est.'* 
Wie weit über diesen Punkt, d. h. den äusseren 
Umfang der Werke des Nazianzeners etwa die syrische 
Ueberlieferung genauere Auskunft zu geben vermag, 
kann ich nicht sagen, da mir die dazu nöthigen Kennt- 
nisse abgehen: die Syriologen werden, wenn sie dieser 
Frage näher treten wollten, jedenfalls dazu im Stande 
sein. Assemanus giebt in seinen Anmerkungen zu 
des Patriarchen von Soba (Nisibis) und Armenien 
Ebedjesu (gest. 1318, nicht 1381, wie Nestle in seiner 
Gramm. Syr. p. 29 hat, vgl. Assem. Bibl. Vatic. III, 



108 Gregorios von Nazianz. 

p. 325, Anm. l) „Catalogus libroriim omnium ecclesiasti- 
corum" wenigstens sehr schätzbare Nachweisungen, die 
aber erst genauer geprüft und weiter verfolgt und ver- 
vollständigt werden müssten, ehe sie als Zeugniss für 
oder gegen des Elias von Kreta bestimmte Angabe 
von 52 Reden des Nazianzeners verwendet werden 
könnten. Nach der von Assemanus mitgetheilten Ueber- 
lieferung des Gregorius Barhebraeus (gest. 1286) 
gab es bei den Syrern zwei Uebersetzungen der Werke 
des Nazianzeners; die der Nestorianer umfasste, wie 
auch Ebedjesu (a. a. 0. S. 24) anführt, fünf Bände, die 
andere üebersetzung, in zwei Bänden, enthielt 47 Reden 
und 31 Briefe. Von Jacobus von Edessa (gest. 708) 
berichtet Assemanus, er zähle in den zwei Theilen der 
Werke des Gregorios 95 Reden und schliesse an diese 
die Briefe des Basileios und Gregorios. Assemanus 
selbst sah im syrischen Marienkloster der sketischen 
Wüste drei vortreffliche syrische Pergamenthand- 
schriften, die erstere im Jahre 845, die zweite im Jahre 
790 geschrieben, die dritte ohne bestimmte Zeitangabe. 
Die beiden ersteren enthielten den ersten Theil der 
Werke des Nazianzeners, nämlich 30 Reden, die dritte 
den zweiten Theil mit 12 Reden und 30 Briefen, und 
zwar vom 66. bis 96. Wenn unter den von dem 
ägyptischen Presbyter Abulbarcatus (Lib. de divin. 
offic. cap. 7. num. 3) aus einer um das Jahr 1230 ge- 
schriebenen arabischen Handschrift angeführten 20 Reden 
des Gregorios von Nazianz (einschl. der Vita desselben 
vom Presbyter Gregorios) die beiden Briefe an Kle- 
donios als XVI. und XVII. Werk genannt werden, 
welche, wie zuvor erwähnt, in der Baseler Ausgabe als 
XLIX. und L., in der Kölner Ausgabe als LI. und 
LII. Rede gezählt werden, während der von Abulbar- 
catus nicht angeführte Aoyoq nqoq Eväygiov fiovaxov in 
jener als orat. XXXVII., in dieser als orat. XLV. sich 
findet: so nehme ich so lange keinen Anstand, das 
letztere Werk mit unter den, wenigstens von Gregorius 
Barhebraeus genannten, 47 Reden der syrischen Üeber- 
setzung zu denken, als die von Assemanus dargelegten 



Gregorios von Nazianz. ]QB 

Verhältnisse, d. h. die syrischen Uebersetzungen der 
Werke des Nazianzeners nicht genauer bekannt sind 
wie bisher. WerthvoUer noch sind die Angaben, welche 
derselbe Assemanns im ersten Bande seiner „Biblio- 
theca Vaticana" über griechische, in der Vaticanischen 
Bibliothek befindliche und, wie ich vermuthe, bis jetzt 
nicht ausgenutzte Handschriften von Werken des Gre- 
gorios von Nazianz macht. In dem am Schlüsse des 
Bandes befindlichen „Index codicum mss. quos Clemens 
XI. Pont. Max. bibliothecae Vaticanae addixit" werden 
von S. 598 an die griechischen Handschriften des 
Maroniten Abraham Massad verzeichnet, und da 
findet sich unsere Schrift an Euagrios auf S. 601 unter 
Nr. X also: „Grregorii Theologi de Spiritu sancto. 
Ad Eubulum, quomodo Filius et Verbum ex Patre 
generetur. Ad Evagrium monachum, de Sancta 
Trinitate. In eos, qui incarnationem Dei Verbi blas- 
phemant. Sententiae metricae. Carmina in ludices" — 
und ebenso auf S. 602 unter Nr. XI: „Gregorii Theo- 
logi Ad Evagrium." 

Mag nun auch immerhin, wie ich aus RysseTs 
Bemerkungen (Jahrb. f. prot. Theol. VII. S. 569) erfahre, 
als Verfasser der Schrift ausserdem in der einen Hand- 
schrift Basileios, in einer andern Gregorios von 
Nyssa genannt sein, ein bei Schriftwerken des Alter- 
thums durchaus ja nicht ungewöhnliches Schwanken 
der Ueb erlief erung, welche in diesem Falle — und das 
erscheint mir sehr wichtig — ' doch immer auf das 
letzte Drittel des vierten Jahrhunderts hinweist, 
so sehe ich nach den gegebenen Darlegungen doch 
noch keine genügende Veranlassung, aus äusseren 
Gründen zunächst den Aoyoq nqoq Evdygiov nicht als 
ein Werk des Gregorios von Nazianz zu betrachten, 
wie denn auch Leunklavius und Billius, zwei aus- 
gezeichnete Kenner der Sprache des Nazianzeners, nicht 
an der Echtheit gezweifelt haben* Der so besonnene 
Ulimann hat in seinem „Gregorius von Nazianz, der 
Theologe" (Zweite Auflage. Gotha, Friedr. Andr. 
Perthes. 1867) S. 247 unbedenklich die Schrift als eine 



y 



H.0 Gregorios von Nazianz. 

echt Nazianzenische gebraucht. Ich muss freilich 
RyssePs Vorwurf, die Werke anderer, anders urthei- 
lender Forscher, wie Petavius, Tillemont, der Bene- 
dictiner, nicht eingesehen und berücksichtigt zu haben 
(Jahrb. f. pr. Theol. VII, S. 567. 568), ruhig hinnehmen, 
da ich hier in der kleinen holsteinischen Stadt des Asmus 
allein auf die älteren, oben genannten Ausgaben der 
Werke des Nazianzeners angewiesen bin, welche mir die 
Stadtbibliothek des benachbarten Hamburg bietet, und 
ich gebe ihm mit Vergnügen zu (a. a. 0. S. 573), „wie 
leicht man Wichtiges übersehen kann, wenn man 
irgend ein Buch nicht zur Hand hat." Aber ich glaubte 
in diesem Falle mich weiterer Nachforschungen einiger- 
massen überhoben erachten zu dürfen, weil der so über- 
aus gewissenhafte Ullmann in der Vorrede seines 
Werkes S. IX ausdrücklich erklärt: „Benutzt habe ich, 
nachdem ich mir die Sache vorher unbefangen aus den 
Quellen entwickelt hatte, hauptsächlich Tillemonts, 
Le Clercs, Schröckhs, Baronius', Clemencets 
Lebensbeschreibungen Gregors. Die vollständigsten 
Materialien liefert ohne Zweifel Tillemont, aber er 
ist überreich, vor der Masse der Einzelheiten ver- 
schwindet bei ihm der Totaleindruck, und seine übrigens 
reine und ungeheuchelte Frömmigkeit lässt ihn nicht 
immer die erforderliche Kritik üben." .... „Nicht so 
gelehrt und noch weniger unbefangen, als die Biographie 
von Tillemont, ist die, welche sich von Baronius 
in den Actis Sanctorum findet; allein sie zeugt doch 
auch von vieler Belesenheit in den Schriften Gregors. 
Eben dies versteht sich in noch höherem Grade von 
den biographischen Notizen, welche der Benedictiner- 
ausgabe der Werke Gregors vorangestellt sind; sie 
enthalten sehr brauchbare Untersuchungen, aber sie 
bilden kein Ganzes.'* Ich sehe nicht ein, warum ich 
nach der obigen Anführung Ullmann's aus dem Brief 
an Euagrios und diesen seinen Versicherungen „kein 
Recht'* haben soll (a. a. 0. S. 568), „Ullmann als 
Gewährsmann für die Echtheit anzuführen." „Dass 
der fragliche zweite Band der neuesten Ausgabe der 



Gregorios von Nazianz. 111 

Werke des Nazianzeners allerdings erst 15 Jahre nach 
dem Erscheinen der ersten Auflage von Ullmann's 
Schrift herausgegeben worden ist," erscheint mir völlig 
unerheblich. Denn wenn in dem 1840 von Caillau ver- 
öifentlichten zweiten Bande der Benedictiner-Ausgabe 
der Schriften des Nazianzeners, wie Eyssel a. a. 0. mit- 
theilt, der Brief an Euagrios geradezu (S. 196) als „dubia, 
vel potius supposititia". bezeichnet wird und Caillau 
einfach nichts weiter aussagt als: „A Gregorio Nazian- 
zeno scriptam hanc non esse epistolam sat est cum viris 
doctis affirmare," so haben wir an diesen Sätzen zunächst 
nichts als einseitige Behauptungen, die, so ohne Beweis 
hingestellt, keine Ueberzeugungskraft haben, auch wenn 
Overbeck in seiner Besprechung des Eysserschen 
Werkes (Theol. Litteraturztg. 1881. Nr. 12, S. 284), dem 
Urtheil Caillau's beipflichtend, unsere Schrift an Eua- 
grios als „in Hinsicht auf Echtheit schon längst preis- 
gegeben" bezeichnet. 

Ich hoife mit triftigeren Gründen als jene Gelehrten, 
auf welche Caillau sich bezieht und. auf deren von 
Eyssel angeführte Urtheile ich im Verlauf meiner 
Untersuchung noch zurückkommen werde, das Gegen- 
theil zu beweisen. Auch EysseTs folgende Behauptung, 
dass „seitdem auch neuere Kirchenhistoriker, wie z. B. 
Dorner, an der Echtheit der Schrift nicht festzuhalten 
gewagt haben", erscheint mir nicht völlig zutreffend, 
da Dorner in seiner „Entwickelungsgeschichte der 
Lehre von der Person Christi" (Berlin, Gustav Schlawitz. 
1851) Theil I, S. 904 und 905 die Schrift an Euagrios zwar 
als eine „vielleicht unächte" bezeichnet, dennoch sie aber 
an der genannten Stelle sowohl wie später S. 936 und 937, 
wo er einfach anführt: „Vgl. Gregor. Naz. Ilgog Evd- 
YQiov (lovaxov TtsQl S-eoTijTog ed. Basil. S. 193", als eine 
echt Nazianzenische gebraucht und verwerthet. Wahr- 
scheinlich ist sein Urtheil, da er die Schrift als Epist. 
243 bezeichnet, eine Zahlangabe, welche mit keiner 
der mir vorliegenden älteren Ausgaben stimmt, eben 
das der Benedictiner, Combefis, Clemencet und 
Caillau, deren kostbare Ausgabe mir zu verschaffen 



112 Gregorios von Nazianz. 

« 

icli nicht in der Lage war. Wir haben somit an diesen 
einseitigen, in keiner Weise bis jetzt genügend begrün- 
deten Urtheilen nur die Wiederholung jenes schon in 
Handschriften vereinzelt auftauchenden Zweifels, welcher 
in der vorher angeführten Randbemerkung sich kund 
giebt: ^Idxiov ori xara rtvaq o Xoyog ovtoq d/jcpißdXksTai. 

Aber bei der bisher gewonnenen Sicherheit der 
äusseren Bezeugung der Schrift dürfen wir selbstver- 
ständlich nicht stehen bleiben. Wir müssen einen 
Schritt weiter gehen und einen anderen äusseren Um- 
stand in's Auge fassen, den uns gleichfalls die Ueber- 
lieferung an die Hand giebt; vielleicht gelingt es, ihm 
ein Zeugniss für die Abfassung der Schrift durch Gre- 
gorios von Nazianz zu entlocken, ich meine die Ueber- 
schrift. Dieselbe lautet: IlQog Evdy^iov fi6va%ov 
TTSQi x^soTTjTog XoyoQ. Wcuu Ejsscl (Jahrb. f. prot. 
Theol. Vn. S. 569) mittheilt, dass von den erwähnten 
älteren Greschichtsforschern und ausgezeichneten Kennern 
des christlichen Schriftthums, welche die Schrift dem 
Nazianzener absprachen, „keiner eine bestimmte Ver- 
muthung ausgesprochen", und dazufügt, dass dies „bei 
dem Mangel irgend eines Anhaltspunktes auch ebenso 
haltlos wie unnütz gewesen wäre", so muss ich dem 
letzteren Satze widersprechen. Einen Anhaltspunkt 
haben wir entschieden zunächst ander Ueberschrift, 
und es muss, denke ich, von Wichtigkeit sein, die 
Beantwortung der Frage zu versuchen, ob der Eua- 
grios, an welchen die Schrift gerichtet ist, für uns 
heutzutage noch eine geschichtlich erkennbare, greifbare 
Persönlichkeit ist. 

Der erste Euagrios, bei welchem eine Verbindung 
mit Gregorios von Nazianz nachweisbar ist, dürfte der- 
jenige hochgestellte Mann sein, an welchen dieser 
seinen 153. Brief gerichtet hat. Gregorios spricht dem- 
selben seine Freude aus über das Lob, das ihm wegen 
der Unterweisung des Sohnes im Christenthum von dem 
Vater zu Theil geworden, indem er sein eigenes Ver- 
dienst hierum, sowie seine Lehrgabe überhaupt in de- 
müthiger Bescheidenheit sehr niedrig veranschlagt 



Gregorios von Nazianz. 113 

Dass er dem Sohne Gottesfurcht und Verachtung der 
Dinge dieser Welt eingeflösst, das glaubt er hervor- 
heben zu dürfen, und zwar mit dem Wunsche, allein 
in der weiteren gedeihlichen Entwickelung des Jünglings 
im Christenthum sich für die demselben gewidmete 
Sorgfalt dereinst belohnt zu sehen; er schliesst mit 
dem Danke gegen den Vater, dass er seiner sich in so 
freundlicher Gesinnung und mit so werthvoller Freund- 
schaftsgabe erinnert habe.^) — Bei der hohen Stellung, 
welche dieser Euagrios einnimmt, und bei dem achtungs- 
vollen Tone, den Gregorios in dem Briefe an ihn an- 
schlägt, scheint mir die Annahme völlig ausgeschlossen, 
dass er der Empfänger jenes Xoyog negl S^eoTfjTog sei. 
Dort verhandelt Gregorios, wie der Eingang zeigt, 
mit einem Manne der theologischen Wissenschaft, und 
zwar auf gleichem Fusse, über eine Frage, die einem 
vir consularis oder sonstigen hohen kaiserhchen Be- 
amten selbst in jenem theologischen Zeitalter denn 
doch nicht so geläufig gewesen sein dürfte, wie die 
Schrift von dem Empfänger uns anzunehmen nöthigt. 
Anders liegt die Sache bei einem zweiten, theo- 
logischen Zeitgenossen des Gregorios, Namens Eua- 
grios. Dieser erscheint als Freund und Studiengenosse 
des Johannes (Chrysostomos). Früher als dieser ver- 
• liess er den Unterricht des hochgefeierten Rhetors 
Libanios und des Philosophen Andragathios, um sich, 
fem von dem Getümmel des Forums und dem Gezänk 
der streitenden Parteien, dem beschaulichen Leben zu 
widmen. Johannes (Chrysostomos) folgte bald seinem 
Beispiel, indem er sich im Verein mit seinen Mitschülern 
Theodoros, dem späteren Bischof von Mopsuhestia, und 
Maximus, nachmalig Bischof von Seleucia in Isaurien, 
in die Einsamkeit zurückzog. Als Leiter und Vorsteher 
des mönchischen Lebens, dem jene sich widmeten, 
werden uns Diödoros, der spätere Bischof von Tarsus, 



') Epist. 153 am Schluss: rj ds a^ nutortju nda« /«V*^» ''" *"* 
fiffxyijo^a* ^fuäy a^^oig xal Toig vTiofLiyij/Liafft Ti/udy rijg (fiki'ag, äntq 

D r ä B e k e , Ges. patrist. Untersuch. ° 



114 Gregorios von Nazianz. 

und Karterios genannt (Socrat. Hist. eccl. VI, 3). Eua- 
grios wandte sich bald wieder dem lebendigen kircli- 
lichen Leben zu. Wie aus einem Briefe des im Jahre 
379 gestorbenen Basileios an Eusebios von Samosata 
hervorgeht, war Euagrios in den siebziger Jahren 
Presbyter; *) als solchen nennt ihn auch Hieronymus 
im Chronikon des Eusöbios, indem er ebendaselbst zu- 
gleich von seiner edlen Abkunft berichtet: „Zenobia 
apud Immas haud longe ab Antiochia vincitur. In qua 
pugna strenuissime adversus eam dimicavit Pompeianus 
dux, cognomento Erancus : cuius familia hodieque apud 
Antiochiam perseverat, ex cuius Evagrius presbyter 
carrissimus nobis stirpe descendit." In der kirchlichen 
Würde war Euagrios somit seinem erst später in den 
Dienst der Kirche getretenen jüngeren Studiengenossen 
Johannes (Chrysostomos) vorauf. Denn während dieser 
erst von Bischof Meletios noch zu Antiochia zum Dia- 
konen geweiht wurde, war es Euagrios, der nach des 
Meletios plötzlichem Ableben zu Konstantinopel im 
Sommer des Jahres 381 ^) und nach den durch 



*) *0 TiQfüßvTfQog KvdyQiog 6 viog nofinrfiavov lov ^Avtio^etag o 
cvvanaqag nors inl njy dvG&v rw fJUtxaQita Evafßim. 

^) Söcrat. Hist. eccl. VI, 3: Mtra Tavra df Mthriov tv Ktav- 
aravnvovnokd' Tfkfvr^ffayrog (tXH yccQ naQayfyovft d&a njy FQfjyoQtov 
Tov Na^iccp^tjyov xard<naütv) ava/tog^aag ^Imdvvrjg Tuiv M(kfnav<ay, xal 
fiiJTf Jlavktvia avyxo&ytx)y(oy inl TQetg okovg ivuivrovg ijav/tog dt^yfV 
vatfQor ds Jlavkipov Tfkftmjaavrog vno Evaygiov tov diadf^afufvov 
Ilavkivoy /fi^QOToyfTTttL ngfcßvifgog. Ueber den Zeitpunkt, in welchem 
Kaiser Theodosius den Gregorios von Nazianz in die Hauptstadt 
einführte und den Orthodoxen die bisher von den Arianem behaup- 
teten Kirchen übergab, sind wir sehr genau unterrichtet. ^Erog di 
TovTo >yV — sagt Sozomenos (Hist. eccl. VII, 5) — ip ta FQaT&avdg t6 
nifiTTTov xal Sfodoa&og ro ngcÜToy vndnvov TtaaccQaxoinoy dt, d(f>* ov 
T(äv IxxkriGKbv IxQdrriGav ol dno lijg IdQtCov alQtantig. Für letztere 
Thatsache hat Valesius das Jahr 339 nachgewiesen, für die erstere 
ergiebt sich also — und das ist auch das erste Consulatsjahr des 
Theodosius — das Jahr 380 und zwar der Monat November, wie uns 
Sokrates (Hist. eccl. V, 9) noch genauer berichtet: (die Arianer) vnfl- 
fjkd^oy tijg 7i6k((og tv vnccTft^ rgaTiayov t6 nifiirrov xal Sfodoaiov tov 
Avyotxnov ro uq^tov, fitjvl roffißQiov fixddi' ^xtij. Um diese Zeit also 
war der greise Meletios bereits anwesend in der Stadt, wie auch aus 
Sokrates' Ausdruck an der Stelle, wo er von den Theilnehmem 



Gregorios von Nazianz. 115 

Paulinus' Wahl entstandenen, erst mit dessen Tode 
beendigten Misshelligkeiten zum Bischof erwählt wurde 
und als solcher im Jahre 386 seinen jüngeren Freund 
Johannes (Chrysostomos) zum Presbyter weihte. Hiero- 
nymus, der im Jahre 392 seine Schrift „de viris illu- 
stribus" abschloss, nennt ihn unter den noch lebenden 
Bischöfen und verzeichnet von ihm (Cap. CXXV) fol- 
gende Werke: „Euagrius, Antiochiae episcopus, acris 
et praestantis ingenii, cum adhuc esset presbyter, di- 
versarum vTto^iasfinv tractatus mihi legit, quos necdum 
edidit; vitam quoque beati Antonii de graeco Athanasii 
in nostrum sermonem transtulit." — Da in den Schrift- 
werken jener Zeit sich nicht die geringste Andeutung 
findet, aus welcher geschlossen werden könnte, dass 
Gregorios von Nazianz mit diesem Euagrios von Anti- 
ochia in irgend einer Verbindung gestanden habe; da 
femer Euagrios zu der Zeit, als Gregorios, fem von 
dem Getriebe der Welt, aus der Stille seines väter- 
lichen Landgutes zu Arianz — worüber sogleich noch 
Genaueres zu sagen sein wird — durch grössere Briefe 
und dogmatische A.bhandlungen auf Männer, die ihm 
werth waren, zu wirken suchte, d. h. nach dem Jahre 
381 nicht mehr Mönch war, sondem im Dienste seiner 
heimathlichen Kirche zu Antiochia als Presbyter wirkte, 
in Folge dessen die Aufschrift des Schreibens, vA 
welches es sich handelt, nQoq Evdygiov nova%ov, falls 
es an ihn gerichtet, nicht mehr am Platze gewesen 
sein würde : so werden wir auch diesen Antiochenischen 
Euagrios als Empfänger des Schriftchens TtsQt S-sorfjTog 
nicht in Anspruch nehmen dürfen. 

Aus allem, was wir gelegentlich über die äusseren 
Lebensumstände des Gregorios von Nazianz erfahren, 

der Sjmode berichtet (V, 8), deutlich erhellt: MtUnog ds t| Uynoxftcig 
Tidkai nuQ^v, on did t^v FQifiyoQiov xceratnaaty fiftftrraktj. Da er nun, 
der wackere Verfechter des ofjLoovciov und erste Vorsitzende der im 
Mai 381 eröffneten Synode, in dem von Theodosius am 30. Juli des 
Jahres 381 von Heraclea aus erlassenen Kirchengesetz unter den 
orthodoxen, zur Verwaltung von Kirchen zuzulassenden Bischöfen 
nicht mehr genannt wird, so ist es wahrscheinlich, dass er inzwischen 
(Mai bis Juli 381) gestorben ist. 

8» 



116 Gregorios von Nazianz. 

ist das Eine ersichtlich, dass nicht bloss seine Eltern, 
sondern er selbst auch nach deren Tode sich in recht 
wohlhabenden Verhältnissen befand. Einen lehrreichen 
Einblick in dieselben gewährt uns besonders sein 
Testament, welches er im Jahre 381 als Bischof von 
Konstantinopel unter dem Consulat des Eucherios und 
Syagrios ^) aufsetzte, eine Urkunde, die nach den ge- 
wichtigen, von Brissonius, Baronius, Tülemont u. A. 
vorgebrachten Gründen nicht für echt zu halten durch- 
aus kein Grund vorliegt. In demselben wird von Gre- 
gorios, und das ist es, was uns in diesem Zusammen- 
hange angeht, ausser anderen Geistlichen und Laien, 
die hauptsächlich in seiner kappadocischen Heimath 



®) Diese Namen der Consuln des Jahres 381 sind überall in den 
griechischen Texten herzustellen. Als Zeitbestimmung wird nämlich 
in der Ueberschrift des Testaments angeführt: vnaTHff ^kccßiov Ev/e- 
qCov xal 4>kaßiov EvttyQiov rdiv kcifiTiQordTiav n^o fii>«g xakavOüiy 
'lavovciQiwy. Unerheblich ist die sich aus Sokrates (V, 8) ergebende 
Abweichung in den Namen der Consuln, welche derselbe an der ange< 
führten Stelle, wo er von dem Beginn der Synode redet, Eucharios 
und Euagrios nennt (avyi^k&ov ovy iy önarft^ Ev/ce^iov xai Evay^iov 
T(p fiai'ta /uijvi); auffallend aber das Wort 'layovaQitav , denn Ende 
December war Gregorios von Nazianz nicht mehr Bischof von Kon- 
stantiitopel; als welchen er sich gleich im Eingang des Testaments 
bezeichnet, und hatte überdies die Stadt längst verlassen. Dft das 
Wort nur in einem Codex Vatioanus, nicht dagegen im Codex des 
Brissonius, noch in dem Codex Palatinus sich findet, so hat 
Baronius' Vermuthung sehr viel für sich, dass hier eine Verderbniss 
vorliegt, und dass statt ^lavovagCtov zu schreiben ist ^lowitav, eine 
Aenderung, durch welche der Eingang des Testamentes mit den son- 
stigen Zeitumständen auf das Beste in Einklang tritt. Betreffs der 
Namen der Consuln herrscht in den griechischen Texten einiges 
Schwanken, welches jedoch durch einen Blick in die lateinische 
üeberlieferung sofort beseitigt wird. Die von Theod. Jansen, ab 
Almeloveen in dem ' seiner Zeit überaus verdienstlichen Werke 
„Fastorum Eomanorum congularium libri duo. Editio II. Amstelaedami 
MDCCXXXX" p. 435 zum Jahre a. u. c. 1134 gegebenen Nach Wei- 
sungen lauten: 

Postumio Syagrio. I. Occid. 

Mavio Annio Eucherio. Orient, 
zum Jahre a. u. c. 1135: 

Postumio Syagrio. II. Occid. 

Fl. Antonio. Orient. 



Gregorios von Nazianz. 117 

iliin nahe gestanden haben, ein Diakon Euagrios ge- 
nannt. Evccyg^o) tm diaxovo) — sagt er — noXXd fioi 
(TvyxafiovTi xat (SvvextpQovxCüavTi, did nXsiovwv ts t'^v 
svvoiav naQafSrriöavTi, XfXQiv ofxoXoyiS xat iul Qeov xat 
int dvS'QwnwVy worauf, unter dem Hinweis auf den von 
Gott dafür zu erwartenden Lohn, von dem Erblasser, in 
der Absicht, den Freund nicht ohne kleine äussere 
Gaben der Liebe zu lassen, die Anzahl der diesem 
letztwillig vermachten Gewände und eine Summe baaren 
Geldes genannt wird. Dieser Euagrios ist uns ge- 
nauer bekannt. Sozomenos berichtet (Hist. eccl. VI, 30) 
von seiner Herkunft und seinem Lebensgange Folgendes: 
^Eyiv€To d€ TW fi^v yivet ^Ißi^Qcov noXecaq jtQoc rtS xaXov- 
liivto Ev^sCvoi novToy itpiXotSotpfföe di xat Inatdev-d-ri vno 
rQTjyoqCM TM imaxoTVco Na^iav^ov '^ovg hgovg Xoyovg. fjvCxa 
de iTveTQOTtsvs ti^v Iv KwvGTavri^vovnoXei, ixxXfj(f(av, dQ%i- 
didxovov el%ev. Als Gregorios im Sommer des Jahres 
381 die Stadt, in der er so viel Herzeleid erfahren. 



Zu ersterem Namen setzt Almeloveen an zweiter Stelle die 
Bemerkung: „AI. Euagrio", offenbar damit die griechische Ueber- 
lieferung berücksichtigend; sodann folgt der Nachweis: „Cod. Theodos. 
Libr. I. t. 2. 1. 6. Cod. Justin. Libr. VIII. t. 3. 1. 6. verum in ea lege 
vitiose legitur Antonino pro Antonio, ubi tamen Contius maluit 
Eucherio". Wir würden bei der paläographisch ja so nahe liegenden 
Verwechselung der Namen EYArPI02 und ^YAFPIOJS auf Ver- 
muthungen angewiesen und wiederum, mit Rücksicht auf den ersteren, 
an die Ursprünglichkeit der in der üeberschrift des Testamentes des 
Gregorios und bei Sokrates überlieferten Form ßi;«;/(>*o? zu glauben 
geneigt sein, wenn nicht die gesammte lateinische üeberlieferung 
dagegen zeugte. Es ist ja eine reiche Fülle von Gesetzen, welche 
gerade aus jenem Jahre 381, ja im Besonderen auch, wie das in der 
vorhergehenden Anmerkung erwähnte, von Heraclea aus erlassen, im 
Codex Theodosianus und Justinianus uns erhalten sind. Jenes Gesetz 
nun ist im Codex Theodosianus (Corpus leg. ab imperat. rom. ante 
lustin. lat. rell. CoUegit G. Haenel. Lipsiae, Hinrichs. 1857 — 1860) 
lib. XVI. tit. I. 0. 3.p. 1478 mit der Unterschrift versehen: „Dat. III. 
Kai. Aug. Heraclea, Eucherio et Syagrio Coss." Dieselben Consuln 
werden in allen anderen Gesetzen des Jahres 381 genannt, desgl. im 
Codex lustinianus ed. P. Krüger (Berlin, Weidmann. 1873 — 1877), 
wo sich auch für das Jahr 382 die oben von Almeloveen verzeich- 
neten Consuln Antonius und Syagrius finden. Auch Caesar 
Baronius (Annal. eccl. tom. IV. Colon. Agripp. 1624. p. 477 ff.) und 
Henr. Valesius (in seinen Anmerkungen zu Sokrates p. 61, in dessen 



118 Gregorios von Nazianz. 

für immer verliess, folgte ihm Euagrios niclit nach 
Kappadocien, sondern bheb, wenn wir dem Zeugniss 
des ihm befreundeten Palladios in seiner Historia 
Lausiaca Glauben schenken dürfen, noch in Kon- 
stantinopel als Diakon unter Gregorios' Nachfolger 
Nektarios. Lange aber kann dieser Aufenthalt nicht 
gedauert haben, da Sozomenos, in unmittelbarem An- 
schluss an die zuletzt gegebene Nachricht, von einer ihm 
damals drohenden Gefahr und dem wunderbaren Traum.- 
gesicht berichtet, welches Euagrios bestimmte, Kon- 
stantinopel schleunigst zu verlassen. Es zog ihn in 
die Einsamkeit, in die beschauliche Stille des Mönchs- 
lebens. Er begab sich zuerst nach Jerusalem, wo da- 
mals der treffliche Kyrillos noch wirkte, und von da 
nach kurzer Zeit zu den Mönchen der sketischen Wüste 
bei Nitria, wo er, seines Herzens Wunsche folgend, 
für immer zu bleiben beschloss. Nach Palladios hielt 
er sich hier auf einem Berge zwei Jahre auf und zog 
sich darauf tiefer in die Wüste zurück. 

Und was war nun derjenige für ein Mann, der 
einst in der stillen kappadocischen Landstadt sowohl 
wie in dem glänzenden, aber von Hader und Partei- 
gezänk widerhallenden Konstantinopel mit seinem 
Freunde Gregorios Freude und Leid getheilt hatte 
und immerdar wohlmeinend und treu erfunden war? 
Es ist fürwahr ein ehrenvolles Zeugniss, das Sozomenos 
(VI, 39) dem Mönche ausstellt. Eväygiog o ao^oq, — 
sagt er von ihm — iXXoyifAog dv^q, vorjdaC ts xal ^qdcat 



griecliiscliem Wortlaut er Ev^dgiog und EvdyQtog hat) füliren, den 
erlassenen Gesetzen entsprechend, die Namen Eucherios und Sya- 
grios an. Dass die Bücher abschreibenden griechischen Mönche 
lieber einen mit dem ihnen geläufigen biblischen Worte /«(»»? gebil-' 
deten Eigennamen, also Ev/ägiog statt Ev/tQiog schrieben, und, wenn 
dieser mit EY beginnende Name voraufgegangen, den deutlich mit 
^Y folgenden gleichfalls lieber mit EY anlauten Hessen, scheint mir 
durchaus leicht erklärlich. Aus eben diesem Grunde wäre es gar 
nicht unmöglich, dass jener hochgestellte Mann, an welchen, wie oben 
erwähnt, Gregorios von Nazianz seinen 153. Brief schrieb , nicht EYA- 
rP102 hiess, sondern 2YArPl02 , und dass wir dabei etwa an den 
Consul des Jahres 381 zu denken haben. 



Gregorios von Nazianz. 119 

dsivoq xat inCßoXoq diaxQlvai rovg nqoq dger^^v xat xaxCav 
äyovrag koyt(ffiovg' xal Ixavog VTtoS-ifS&a^, ij XQV '^^^ f*^^ 
intTfjdsveiv, Tovg di fpvXd'^aa'd'ai. dXX* olog fiiv Ttegt 
Xoyovg fjv, iniöe^^ovtJiv al yga^aC, äg xariXinsv. ^) Die 
alten berühmten Erklärer der Werke des Gregorios 
von Nazianz sowie auch neuere haben, wie ich oben 
bereits hervorhobt, ihren gelehrten Fleiss der Schrift 
ÜQog EvdyQiov (Jbovaxov negil -d-eoTfjtog nicht zugewandt; 
wenn aber irgend Einer, so ist es, meine ich, 
der Euagrios, von dem ich zuletzt geredet, 
an welchen die genannte Abhandlung ge- 
richtet zu denken ist. Er entspricht allen An- 
forderungen, die wir an den Empfänger dieser Schrift, 
über welche uns ein unmittelbares Zeugniss aus dem 
Alterthum nicht zur Seite steht, und deren Echtheit 
möglicherweise gerade deswegen oder sonst aus jeden- 
falls heute nicht mehr erkennbaren Gründen vereinzelt 
in Zweifel gezogen worden ist, zu stellen haben. Er 
ist ein langjähriger treuer Freund des Gregorios von 
Nazianz; er ist femer ein theologisch gründlich gebil- 
deter, sinnig forschender Mann, dem Gregorios am 
Schluss seiner Erörterungen getrost sagen darf: nXeiava 
likv ovVj Co Ttfi&oiTaTS, dvvoxov ^v €VQ€lv xoi nXsCova TiSv 
slQfjfiivcov nqog djTodsi^iv ivagy^ Ttig dvayxaiordTfjg na- 
TQog xal vlov xal dyCov nvsvfiaTog igcoTi^ifscog, ov tqotvov 
i^siv avTijv V7ioXafißdp€iv der dXX* ineiö^ aoC rs xal xolg 
<Sol 71 aQanXniaCoig ^aov i^ oXfycov rd nXslfSta xarafiav- 
'd'dvstv^ TovTov xaQiv ivraV'd'a tov tvsqI tovtov (fr^aai rov 
S'SiüQ^lia'vog dCxaiov wij'd'fiv Xoyov — : er ist endlich, wie 
die alte Ueberschrift angiebt, fjovaxog. 



^) Von den hauptsächlich für Mönche bestimmten Werken des 
Euagrios redet Gennadius in seiner Fortsetzung der Schrift des 
Hieronymus „de viris illustribus^' c. XI (Herding's Ausgabe, Leipzig, 
Teubner 1879. S. 75). üeber die zahlreichen, in arabischen und 
syrischen Handschriften der Vaticana in Uebersetzung erhaltenen 
Schriften des Mannes giebt der gelehrte Assemanus in seiner An- 
merkung zu dem 40. Kapitel des „Catalogns librorum omnium eccle- 
siasticorum" von Ebedjesu (Biblioth. Orient. Giemen tino-Vaticanal 
Tomi tertii pars I. Romae MDCCXXY. p. 45 und 46) genaue Auskunft. 



120 Gregorios von Nazianz. 

Der letztere Umstand gewährt uns auch, wie ich 
glaube, für die Bestimmung der Abfassungs- 
zeit des Schreibens einen zeitlichen Anhalt. Aus 
meiner obigen, auf Sozomenos und Palladios gestützten 
Darlegung ergiebt sich nämlich, dass wir den Anfang 
von Euagrios' Mönchsleben in Aegypten in die erste 
Hälfte der achtziger Jahre des Jahrhunderts zu ver- 
legen haben. Damit stimmt auch dasjenige, was der 
Verfasser der Lebensbeschreibung des Bischofs, den 
dieser in seinem Testament zum Haupterben einsetzte, 
der Presbyter Gregorios von der Thätigkeit des 
Nazianzeners in den letzten Jahren seines Lebens, d. h. 
seit der durch ihn, wahrscheinlich im Jahre 383, ver- 
anlassten Wahl des Eulalios zum Bischof von Nazianz 
und seiner darauf folgenden gänzlichen Zurückge- 
zogenheit auf dem väterlichen Landgute zu Arianz bis 
zu seinem 389 öder 390 eingetretenen Tode, berichtet. 
AvToq di — heisst es von Grregorios gegen Ende der 
Lebensgeschichte — iv dad^eveCa xQarovfJsvog iv l^giav 
^otg dviipvxev, odomoQfZv ovx eri olog re äv, in^öxsXXs 
KXrjöov^M TM TtQsdßvT^Qoi. dvdql S-sodeßfl xai S-egaTtom 
yvfja^M @€ov, xal irfgotc naCv, äcre /jitJ 7raQad^x^(f&ai top 
ko^fiov TTig alQidewc, rdc t€ ^eiQorovCac d^ereiv ^AnokXi- 
vaQi(ST(Sv wg dx^^(ffJovg xal dXXorqCag rijg xaS-okix^g ixxX^- 
aCag. ijörj öf ov fJ^XQi' tov xpiXfi diaiiaQxvQCa nqog avvovg 
X^caC^of*, dXXd xai öie^oöixoyreQov eygaipe, xa&* ev dva- 
TQ^nmv rd rijg dceßeCag ^AnoXXivaQCov dfjbßXtofiara. rotro 
dl df-ixvvovdv Ca(f(Sg a% ts Ttgog KXTjöoviov ovo ImdroXaC, 
ovx ^^^ö*^« ^^ ^«^ ol efjfjetQoi Xoyoi, ovg xaraXiXins. Diese 
Worte des Presbyters schildern Gregorios' reiche 
schriftstellerische Thätigkeit in der Stille von Arianz 
in sehr deutlicher und bestimmter Weise; sie reden 
einmal von seinen Dichtungen und deren auf die 
Vertheidigung der rechtgläubigen Lehre gerichteten 
Zwecken, sodann von einer gewissen Klasse von Briefen, 
welche dem Presbyter besonders wichtig schien. Von 
den sonstigen, nachweislich sehr zahlreichen Briefen 
des Gregorios gerade aus diesem letzten Abschnitt 
seines Lebens nimmt er keine Kenntniss, seine Theil- 



Gregorios von Nazianz. 121 

nähme erregen diejenigen, welche die Lehre der Kirche 
sicher zu stellen und gegen Irrlehre, besonders gegen 
die der Apollinaristen zu vertheidigen bestimmt waren. 
Er nennt da zuletzt auf gleicher Linie mit den dogma- 
tischen Dichtungen des G-regorios dessen zwei Send- 
schreiben an den Presbyter Kledonios in 
seiner Vaterstadt Nazianz. Gregorios hat nun aber, 
ebenfalls um dem ApoUinarismus, und zwar in Kon- 
stantinopel, entgegenzuarbeiten, noch ein anderes, jenen 
Briefen an Kledonios inhaltlich sehr verwandtes 
Schreiben an seinen Nachfolger Nektarios 
gerichtet, welches der Biograph nicht erwähnt. 
Dennoch aber, meine ich, hat er dieses Schreiben so- 
wohl wie die an Euagrios gerichtete Abhand- 
lung 71€qI x^fOTfjTog entschieden im Sinne gehabt, 
als er die Worte schrieb: eniaTeXXs Klfjdovi^M tm TtQsa- 
ßvT^Qü}. (xvSqI d-eodeßsl xal •d-fqdnovTi^ yvi](fCo} Qeov, xat, 

algiasijöq. Gerade dieser letztere Ausdruck erscheint 
mir, während ja im Folgenden die Beziehung der 
schriftstellerischen Thätigkeit des Gregorios auf den 
ApoUinarismus besonders hervorgehoben wird, der um- 
fassendere zu sein, durch welchen, da von mehreren 
{iriQoiq TKfCv) geredet wird, nach meinem Dafürhalten 
ausser Nöktarios auch unser Euagrios den der 
Verhältnisse kundigen Zeitgenossen deutlich genug 
bezeichnet worden ist. Mit der vom Schriftsteller im 
Allgemeinen angegebenen Absicht jener letzten Dich- 
tungen ®) und Briefe des Gregorios ste^t, wie mir 
scheint, auch der Eingang seines Schreibens an Eua- 
grios durchaus im Einklang. Denn wenn Gregorios 
beginnt: 2g)6dQa re 'd^av/jd^o) xal XCav ixTiX^troiiav tr^g 
vfi^aXioTfjTog, oTtcog toiovtcov x^ecoQrjficcTwv xal ttjXixovtohv 
^fjTi^aeoov a^Tiog xad-CfSxa^Sai^ talg dxqißidiv igooTi^dfaiv slg 

®) Gregorios selbst erwähnt diese Dichtungen am Schluss des 
ersten Briefes an Kledonios (p. 745): il de ot fiaxqot loyot xal vfn 
ijmXTiJQUc X(tl dvTCi^'d^oyya tto Jaßld xat »f ttöy fiitQwv /«^*? »? rgirri 
dKt&ijxtj vofiiCfTfa, xal i^jUfTg ipakuokoyijaojLifv xccl nokkd yQciil'O/Lify xai 
fifTQijao/Li(y. 



122 Gregorios von Nazianz. 

dvdyxfjv "^fiäg tov kfyeiv xal dywvCav dnods^swg nsQÜiPcaqy 
iQ(OTi^ü€ig dvayxa^ag xal xQfiüCfiavg ijfAlv indycov : — so spriolit 
er damit unverhohlen eine gewisse' Besorgniss aus, er 
ist bestürzt über den Weg und den Gang, welchen 
das Denken des Euagrios, der, so lange er seinem 
Lehrer im Kampfe gegen die Arianer treu zur Seite 
stand, sicherlich die gleichen dogmatischen Ueber- 
zeugungen wie dieser hegte, dort in Aegypten ge- 
nommen. Hatte ihn die tiefe Stille und das erhabene 
Schweigen der "Wüste, über welcher am Tage der 
Himmel azurblau sich wölbte, Nachts der Sterne fun- 
kelnde Pracht sich ausbreitete, von den spitzfindigen 
Unterscheidungen des grübelnden Menschengeistes hin- 
weggerufen und ihm die hehre Einfachheit des uralten 
mosaischen Satzes: Der Herr, unser Gott, ist ein 
einiger Gott — mit überwältigender Ueberzeugungs- 
kraft gepredigt? Oder war Euagrios durch fremdes 
Denken beeinflusst worden? Darauf wird die fernere 
Untersuchung noch ausführlicher zu antworten haben. 
Jedenfalls sah sich Gregorios, da Euagrios gefragt, 
wg Tiva TQOTtov äv €1^ noTQog rs xal vlov xal dyCov nvsv- 
fiarog ^ y)V(Sig .... noTsqov aTtkij t*$ ^ (tvvS'STog, und, 
indem er sich für das Erstere entschied, zu der Fol- 
gerung fortgeschritten war: Ttsgirr^ twp ovofidTwv «/ 
d-iatg, wie er es selbst ausdrückt, in die Nothwendig- 
keit versetzt, zu reden, Zeugniss abzulegen und sich 
der Mühe des Gegenbeweises zu unterziehen. 

Hier dürfte es zunächst am Orte sein, einige 
Aeusserlichkeiten des von Victor Eyssel für die 
Abfassung der Schrift durch Gregorios von Neocäsarea 
geführten Beweises heranzuziehen. Wir werden dabei 
dem Inhalte der Schrift allmählich näher zu treten 
genöthigt sein. 

Nach der von Eyssel zum ersten Male in's 
Deutsche übertragenen syrischen Uebersetzung der 
Schrift lautet der Titel: „An Philagrios über die 
Wesensgleichheit." ßyssel hält sich (Greg. Thaum. 
S. 114) zu der Annahme für berechtigt, „dass der 
Name Philagrius aus Porphyrius verderbt 



Gregorios von Nazianz. 123 

sei, was um so eher als möglich erscheint, da auch 
sonst in den syrischen Schriften griechische Namen 
bis zur Unkenntlichkeit entstellt vorkommen." Die 
auf diesen Punkt bezüglichen Erörtenmgen Eyssel's 
hält Bäthgen in seiner Anzeige von Eyssel's ^Gre- 
gorius Thaumaturgus" (Gott. gel. Anz. 1880. Stück 44. 
S. 1404) für verfehlt. Derselbe beseitigt (S. 1400) den 
in der Erwähnung des Leukippos (Eyssel's Uebers. 
der Schrift „An Theopompos über die Leidensunfahig- 
keit u. s. w." S. 88), des Führers der Aetoler, der sich 
hat tödten lassen, „damit nicht die Aetolier gefangen 
weggeführt würden," Hegenden Anstoss durch den 
Nachweis der Verwechselung dieses Namens mit dem 
in Bruchstücken des Polybios, die, von Blass dem 
Berichterstatter mitgetheilt, a. a. 0. abgedruckt sind, 
und bei Livius mehrfach genannten Lykiskos. „Aber 
solche Corruptionen," urtheüt Bäthgen»), „sind doch 
nur bei seltener vorkonmienden Namen häufig, während 
der Philosoph Porphyrius den Syrern wohlbekannt war." 
Ein äusseres unmittelbares Zeugniss sieht Eyssel in 
der von Assemanus im dritten Bande seiner Bibliotheca 
Vaticana aus einer von dem syrischen Uebersetzer 
Athanasios von Balad (gest. 587) zu der mit einer 
Lebensbeschreibung des Philosophen versehenen Isagoge 
des Porphyrios verfassten Vorrede mitgetheilten Stelle : 
„Hie ab iUis, qui ibi (i. e. Tyri) degebant, culpabatur. 



^) Bäthgen's Anzeige des Byssel'schen Werkes zeichnet sich 
Tor den beiden anderen, im Literar. Centralbl. von G. Lechler 
und in der Deutsch. Literaturztg. von H. Holtzmann — letzere 
merkwürdigerweise von Eyssel in seinem Aufsatze „Zu Gregorius 
Thaumaturgus^' in den Jahrb. f. prot. Theol. VII, S. 565 und 566 gar 
nicht erwähnt — erschienenen dadurch aus, dass sie werthvoUe 
sprachliche und sachliche Ergänzungen und Berichtigungen zu 
BysBel's Schrift bringt. Es werden neue exegetische Bruchstücke 
des Gregorios Thaumaturgos abgedruckt (S. 1398), zu Gregorios* Mfjcc- 
q>Qaa&g fig rov 'ExxlTjmaanjy Sokofjuovjog für die Textberichtigung der 
LXX nicht unwichtige sprachliche Beobachtungen mitgetheilt (S. 1394 
bis 1396) und zu Byssel's Uebersetzung auf das richtige Verständniss 
des Syrischen bezügliche Bemerkungen und Verbesserungen gegeben 
S. 1401—1403 und 1406—1408). 



124 Gregorios von Nazianz. 

eo nempe, quod ausus fuisset sacruin evangelium im- 
pugnare, quod tarnen eins opus a Gregorio Thauma- 
turgo oppugnatum est." Trotzdem sich eine Bemerkung 
ähnlichen Inhaltes bei keinem der alten Schriftsteller 
findet, wir also auf blosse Vermuthungen angewiesen 
sind, die, besonders bei der Mangelhaftigkeit der Ueber- 
lieferung der schriftstellerischen Hinterlassenschaft des 
Grregorios von Neocäsarea auch nicht den mindesten 
Werth haben, erscheint Ryssel „dieses Zeugniss des 
Athanasius von grosser "Wichtigkeit, weil dieser be- 
rühmte Uebersetzer griechischer Werke in der christ- 
Kchen Literatur dieser Sprache wohl bewandert gewesen 
sein muss." Die Thatsache zugegeben, kann nicht 
Athanasios eine Schrift gemeint haben, von der wir, 
ebensowenig wie wir bisher von der Schrift „An Theo- 
pompos über die Leidensunfähigkeit und Leidensfiähig- 
keit Gottes" eine Ahnung hatten, heutzutage auch 
nicht das Geringste wissen? Warum soll denn gerade 
die in Rede stehende Schrift gemeint sein, deren ganzer 
Inhalt mit dem Evangelium unbedingt nichts zu thun 
hat? Trotz des Mangels an weiterer Bezeugung jener 
Bemerkung erscheint es B,yssel femer „gar nicht un- 
möglich, dass Athanasius die syrische Uebersetzung 
unserer Schrift kannte und aus ihrem Inhalte schloss, 
dass sie gegen Porphyrius gerichtet war, möglich auch, 
dass die Handschrift, in welcher er die Schrift fand, 
noch den Kamen Porphyrius in unentstellter Form 
enthielt ; vielleicht hatte er sogar das griechische 
Original noch vor Augen." Es kann selbstverständlich 
nicht meine Absicht sein, Hyssel auf das im Vor- 
stehenden von ihm betretene Gebiet haltloser Ver- 
muthungen zu folgen, die griechische Ueberlieferung giebt 
uns glücklicher Weise festeren Boden unter die Füsse. 
Nur Eins: hatte Athanasios wirklich die griechische 
Urschrift der Abhandlung noch vor Augen, dann fand 
er in der Ueberschrift eben nicht „den Namen Por- 
phyrius in unentstellter Form," sondern den desEuagrios; 
kannte er dagegen nur die syrische Uebersetzung mit 
dem Namen des Gregorios Thaumaturgos in der Ueber- 



Gregorios von Nazianz. 125 

Schrift, der für mich überhaupt weiter nichts bedeutet 
als die Vermuthung irgend eines syrischen Gelehrten, 
so hatte er durchaus keine Veranlassung, aus dem In- 
halte der Schrift auf Porphyrios als Empfänger der- 
selben zu schliessen, noch viel weniger aber konnte 
er in derselben die Gegenschrift des Gregorios von 
Neocäsarea gegen die von Porphyrios wider das Evan- 
gelium erhobenen Verleumdungen erblicken. Mit diesem 
auf rein äusserliche und so überaus anfechtbare Um- 
stände gestützten Nachweis RysseFs, Porphyrios als 
Empfänger des Schreibens zu denken, ist es, wie mir 
jeder Unbefangene zugeben wird, sehr misslich bestellt. 
Sehen wir zu,* ob denn mit dem syrisch überlieferten 
Philagrios gar nichts anzufangen ist. 

„Schon an und für sich" — meint Eyssel S. 113 — 
„könnte mit dem Philagrius der Ueberschrift keiner 
der uns bekannten Männer dieses Namens gemeint sein ; 
denn weder der Philagrius, an welchen Gregor von 
Nazianz mehrere noch erhaltene Briefe richtete (vgl. 
Fabr. Bibl. Gr. XIH, 364), noch auch der Zeitgenosse 
und Landsmann desjenigen Kappadociers Gregorius, 
der 338 als Bischof seinen Einzug in Alexandrien hielt 
(gest. 346), wo der erwähnte Philagrius auch seit 339 
ßector und Exarch von Aegypten war, könnten wegen 
der beträchtlich apäteren Zeit gemeint sein.^ Letzteres 
Bedenken war natürlich für ßyssel in dem bisher an- 
gedeuteten Zusammenhange der Frage ein sehr gewich- 
tiges; ich dagegen kann, von der sicheren Ueber- 
lieferung des griechischen Wortlauts aus, demselben 
keinen Werth beilegen. Die Frage lautet jetzt einfach : 
Wie ist der Name Philagrios in die Ueber- 
schrift der syrischen Uebersetzung gekom- 
men? Nach meiner Ueberzeugung liegt die Sache so : Die 
syrische Uebersetzung stammt (B;yssel, S. 135) jeden- 
falls aus der klassischen Zeit des syrischen Schrift- 
thums, genauer aus der ersten Hälfte des sechsten 
Jahrhunderts. Der Uebersetzer, und sei er ein so be- 
rühmter Gelehrter wie Athanasios von Balad selbst 
gewesen, war ebensowenig wie andere Sterbliche im 



126 Gregorios von Nazianz. 

Stande, die verwischten oder sonst durch äussere Ur- 
sachen unleserlich gewordenen Worte einer griechischen 
Vorlage mit unfehlbarer Sicherheit zu ergänzen. Offen- 
bar aber war der Name in der Ueberschriffc 1IP(}2 
EYArPION in seinen ersten Buchstaben nicht mehr 
deutlich erkennbar. Er schrieb daher, was paläo- 
graphisch ja so überaus nahe liegt, entweder ohne 
"Weiteres nP02 (DIAArPION, weil er so aus den vor- 
handenen Spuren die zu den letzten sechs Buchstaben 
nothwendige Ergänzung richtig gefunden zu haben 
glaubte, oder er setzte auf Grund seiner gelehrten 
Kenntniss der Kirchen geschieht e vermuthungsweise 
den Namen Philagrios. Und da er nach dem Masse 
seines Verständnisses den Zusatz „über die Wesens- 
gleichheit" hinzufügte,' so ist es mir durchaus nicht 
zweifelhaft, dass er damit in das klassische, theologische, 
d. h. das vierte Jahrhundert, dem auch aus äusseren 
Gründen die ihm vorliegende griechische Handschrift 
zuzugehören scheinen mochte, mit seinem lebhaften 
Streit über die Wesensgleichheit des Sohnes, geblickt, 
dass er insbesondere an Gregorios von Nazianz 
und seinen oben von Ryssel als Empfänger des Schrei- 
bens beanstandeten Freund Philagrios gedacht hat. 
Dass hier, wie auch G. Lechler, RysseFs Beurtheiler 
im Literar. Centralbl. (1880. Nr. 20, S. 641—643), hervor- 
hebt, jener jedenfalls nicht ursprüngUche Zusatz „über 
die Wesensgleichheit" dem Inhalte nicht entspricht, 
und dass der uns griechisch überlieferte, ebensowenig 
ursprüngUche, TtsQl ^sorfjrog unbedingt der zutreffendste 
ist, scheint mir völlig unerheblich ; ^®) viel wichtiger ist 

^^) Bäthgen, welcher (Gott. gel. Anz. S. 1403) Ryssel's Unter- 
suchung über die Echtheit der beiden von ihm aus dem Syrischen 
übersetzten Schriften (S. 100 — 124) „für den gelungensten Theil der 
Arbeit" hält und ebenso wie G. Lechler (Literar. Centralbl.) und 
H. Holtzmann (Deutsche Literaturztg. 1. Jahrg. No. 11, S. 361) glaubt, 
„dass die Autorschaft Gregors durch Herrn Eyssel's Untersuchungen 
für beide Schriften in der That gesichert ist," bemerkt bezüglich der 
Ueberschrift unseres Briefes an Euagrios (S. 1399): „Das o/ioovtr*©? der 
Ueberschrift ist bekanntlich um die zweite Hälfte des dritten Jahr- 
hunderts sabellianisch und wurde in dem Synodalbeschluss von An- 



Gregorios von Nazianz. 127 

jener dem Inhalte der Schrift nicht entsprechende 
Zusatz in der Ueberschrift „über die Wesensgleichheit" 
in T^erbindung mit dem Namen Philagrios. Auf diesen 
gerathen zu haben, ist für die Belesenheit des syrischen 
Uebersetzers kein geringes Lob. Bei genauerer Prü- 
fung alles dessen aber, was wir gerade durch Gregorios 
von Nazianz von ihm wissen, leuchtet die Unmöglich- 
keit ein, ihn zum Empfanger eines solchen Schreibens 
zu machen, wie die Abhanc^lung nsgl ^eoTijroc; ist. 
Gregorios richtete an Philagrios zahlreiche Briefe (Edit. 
Colon, epist. 40. 41 [al. 30. 31] und epist. 64—70 [al. 
58 — 64], aus denen, hervorgeht, dass Beide Studien- 
freunde waren. Schon im zweiten Briefe (41 al. 31), 
kurz nachdem sie sich nach Vollendung ihrer wissen- 
schaftlichen Vorbereitung von einander getrennt, ist 
Philagrios krank, und, wie es scheint, recht schwer 
krank, er grübelt dabei forschend mit seinem Freunde ; 
aber welcher Art diese Unterhaltung gewesen, zeigt 
der 64. Brief, worin Gregorios über die mangelhafte 
Aristotelische Begriffsbestimmung der GlückseUgkeit 
und die in diesem Punkte richtigeren Anschauungen 
der Stoiker und den sittlichen Muth und die Seelen- 
ruhe eines Anaxarchos, Epiktetos, Sokrates redet. 
Gelegentlich bittet der Kranke von seinem Schmerzens- 
lager den Freund um Bücher, worauf dieser ihm (Brief 
70 al. 64) etwas von Demosthenes schickt, die Ilias 
aber nicht senden zu können bedauert, weil er sie 
nicht besitze; alle übrigen Briefe aber enthalten fast 
nichts als Tröstungen ernster und erhebender Art, um 
den ^edauemswerthen und oft Verzagenden aufzurichten 
und ihm seine Leiden lindern zu helfen. Philagrios 
war nach diesem Allem nicht der Mann, der so ernsten 
und schwierigen Forschungen sich hingab, wie der 



tiochia 269 verdainmt. Die (nicht ganz feststehende) Anwesenheit 
Gregors auf dieser Synode würde kein entscheidendes Zeugniss gegen 
die ürsprünglichkeit jener Ueberschrift sein, nur wäre die Schrift 
sicher vor 269 verfasst. Andererseits erklärt sich aus Inhalt und 
Ueberschrift leicht, wie die Schrift über die Wesensgleichheit schon 
früh im Original verloren gehen konnte." 



128 Gregorios von Nazianz. 

Empfänger der Sclirift nsQt ^eoTfjrog, als welchen wir. 
ja Euagrios genauer kennen gelernt haben. Jeden- 
falls erscheint mir die im Syrischen erhaltene 
Ueberschrift^anPhilagriosüberdie.Wesens- 
gleichheif deshalb von besonderem Wer the, 
weil gewissermassen die der griechischen 
Urschrift mittelbar dadurch bestätigt wird. 
Doch wir würden Ryssel Unrecht thun, wenn 
wir bei seiner durch die besprochenen äusseren Um- 
stände gestützten Vermuthung, die Schrift sei an P o r - 
phyrios gerichtet zu denken und habe auch ursprüng- 
lich dessen Namen in der Ueberschrift aufgewiesen, 
stehen bleiben wollten; auf Porphyrios schloss Ryssel 
vielmehr aus dem Inhalte der Schrift. Diesen 
werden wir darum jetzt näher in's Auge zu fassen 
haben. Gleich von vornherein möge bemerkt werden, 
dass einige eigenartige, gerade aus dem Wortlaut der 
Uebersetzung der Schrift gezogene Schlussfolgerungen 
RysseFs ihre Bedeutung verlieren, wenn der schlichte 
und deutliche griechische Wortlaut zur Entscheidung 
aufgerufen wird. 

RyssePs Untersuchung über die Echtheit der 
Schrift von der Wesensgleichheit (S. 100 ff.) weist zwei 
Theile auf, einmal sucht er zu beweisen, dass der Ab- 
fassung der Schrift durch Gregorios von Neocäsarea 
nichts im Wege stehe, sodann schreitet er, unterstützt, 
wie er meint, durch äussere Zeugnisse, deren Werth 
ich oben bereits geprüft habe, dazu fort, für die feind- 
liche, gerade gegen den Philosophen Porphyrios ge- 
richtete Absicht der Schrift den Beweis zu erbringen. 
Da die in die erste Klasse gehörigen Beweisstücke von 
vornherein in einer bestimmt erkennbaren Beziehung 
zum Schlussergebniss stehen, so werden wir am besten 
gleich hier auf dieselben Rücksicht nehmen können. 

Ein wichtiges Zeugniss für die Echtheit der Schrift 
erbhckt R y s s e 1 • (Greg. Thaum. S. 101) in der That- 
sache, „dass in ihr alle Merkmale einer spä- 
teren Abfassungszeit fehlen." Er findet in Inhalt 
und Fassung der Schrift weder einen Wiederschein -der 



Gregorios von Nazianz. 129 

christologisclieii Streitigkeiten des fünften Jahrtunderts, 
noch der arianisclien der vorausgetenden Zeit. Q-ewiss, 
^von dem Verhältnisse der beiden Naturen in Christo 
ist nirgends die Rede" ; es würde aber auch zu viel 
verlangt sein, in einer Abhandlung von so beschränktem, 
äusserlich doch den Eahmen des Briefes innehaltendem 
Umfange, deren scharf gefasste Aufgabe die Frage 
enthält, Sg riva tqottov är sVij nazQog rs xat vlov xal 
dyCov 7tv€Vficctog ^ (pv(Sig, . . . noteQov dnX^ ri$ ^ (Svv- 
d'srog — derartige Erörterungen zu erwarten. Die 
während des arianischen Streites aber behandelten 
Fragen sollten in der Schrift nicht erkennbar sein? 
Ist denn, wenn „das Verhältniss des Sohnes zum Vater ** 
„nicht in der näher präcisirten Fassung zur Darstellung 
gebracht" wird, „welche durch die arianischen Streitig- 
keiten zur einzig berechtigten erhoben worden war," 
damit irgend ein zeitlicher Anhalt gegeben? Und ist 
der Inhalt des letzten Relativsatzes ein so allgemein- 
gültiger, dass er als Richtschnur zur Beurtheilung von 
Schriftwerken mit Sicherheit verwendet werden könnte ? 
Ich muss das entschieden in Abrede stellen. Die reiche 
Mannigfaltigkeit des Inhaltes, die Fülle der theologischen 
Fragen, welche zur Zeit des Streites mit Areios und 
den mehr oder weniger von diesem beeinflussten Eu- 
nomianern, Macedonianern, ApoUinaristen z. B. von 
Gregorios von Nazianz in seinen Reden und grösseren 
dogmatischen Briefen behandelt wird, zeugt lebhaft 
gegen eine solche nüchterne Einschnürung des dogma- 
tischen Triebes. Im Einzelnen erklärt es Ryssel 
(S. 101) von Bedeutung, „dass die Ausdrücke ovaCa und 
^viSig noch nicht in der scharfbegrenzten Bedeutung 
verwandt werden, die sie seit dem arianischen Streite, 
und besonders durch die drei grossen Kappadocier als 
Termini der philosophischen Kunstsprache der Dogma- 
tik haben." Wie in aUer Welt kann aber Ryssel 
sich entschliessen, in der Verwendung des Wortes 
^vatg zur Bezeichnung des göttlichen Wesens, der gött- 
lichen Substanz, wofür ja der Ausdruck ovaCa der all- 
gemein übliche ist, „ebenfalls ein wichtiges Zeugniss 

Dräseke, Ges. patrist. Untersuch. 9 



130 Gregorios von Nazianz. 

für das höhere Alter der Schrift zu sehen," wenn er 
mit Recht doch nicht glaubt verschweigen zu dürfen 
(S. 102), „dass noch Gregor von Nazianz mit den Aus- 
drücken ovaCa VLudi fv(fiq abwechselt?" Ryssel beruft 
sich hier auf TJllmann's "Werk über Gregorios von 
Nazianz. Die dort (2. Auflage, S. 247, Anm. 2) ange- 
führten Stellen hätten gerade zur genauen Bestätigung 
des üher die Entwickelung des Sprachgebrauchs der 
Worte ovaCa und yucig ausgesprochenen allgemeinen 
Satzes dienen können. In beiden Stellen nämlich, 
welche Reden entnommen sind, die Gregorios zur Zeit 
seiner bischöflichen Wirksamkeit gehalten, bedient er 
sich zur Bezeichnung des göttlichen Wesens des Wortes 
(fvaiq. Im ersten Briefe an Kledonios dagegen, den 
er nach dem Jahre 383 von seinem stillen Landsitz 
zu Arianz aus schrieb, braucht er (Edit. Colon, p. 739), 
um dieselbe Sache auszudrücken, das Wort ovaCa. Die 
Stelle unserer Schrift an Euagrios lautet in Ryssel's 
Uebersetzung S. 66 : (Es handelt sich um die Frage,) 
„in welcher Weise es sich mit der Natur des Vaters^ 
des Sohnes und des heiligen Geistes verhält; wofür 
(d. i. für „Natur") man genau ausgedrückt meistens 
Wesenheit (ovcr/a), oder auch Natur {^pvctq) sagt." Hier 
ist der Syrer nicht genau genug. In der griechischen 
Urschrift machen die Worte einen etwas anderen Ein- 
druck. Dort heisst es : to nqoaevexd-^v iQoirfjfjia naqd aov 
Toiovds xal TteQi rovde fjv, Sg riva TQonov av sXri navQog re 
xal vlov xal dyCov TtvfVfiarog ^ fpvüig, ijv av ng ogS-cSg ovtsCav 
näXXov fj (pv(fiv xaXoCfj, tzotsqov ankrj rig ij <svv&€tog. Gre- 
gorios stellt, ehe er seine Erörterungen beginnt, die von 
Euagrios aufgeworfene Frage mit den an sie geknüpften 
Schlussfolgerungen klar und bestimmt in abhängiger 
Rede voran. Die abhängige Doppelfrage mit nozs- 
Qov — fl nimmt offenbar die voraufgeschickte Frage 
big Tiva TQonov av sYtj nargog re xal vlov xal äyCov Ttvev- 
fiavog iy ^v(fig wieder auf, indem sie deren Inhalt 
bestimmter fasst. Unterbrochen wird dieser klare 
Zusammenhang durch den an ^,v(ng angeschlossenen 
Relativsatz ^V av ng oQd^cSg ovcCav fiaXXov ^ ^vciv xa- 



Gregorios von Nazianz. 131 

Xo^fj. Derselbe enthält eine Berichtigung des Ausdrucks 
(pvatg, die jedenfalls der ursprünglich wohl in directer 
Form von Euagrios gestellten Frage fremd gewesen 
ist; wir haben ohne Zweifel darin eine berichtigende 
Zwischenbemerkung des Gregorios zu sehen, ein Ver- 
hältnisse welches mir auch Billius in seiner Ueber- 
setzung durch Anbringung eines Schaltsatzes ange- 
deutet zu haben scheint, indem er die Stelle so giebt: 
„Quaestio igitur abs te proposita erat huiusmodi: Quo- 
nam modo esse queat Patris et Filii et Spiritus sancti 
natura (quam tamen essentiam rectius, quam naturam, 
quispiam vocaverit) simplex, an composita?" Liegt aber 
die Sache so, dann dürfte diese Bemerkung des Gre- 
gorios uns mit zur Bestätigung für die oben aus äusseren, 
der geschichtlichen Ueberlieferung entnommenen Grün- 
den erschlossene Thatsache dienen, dass Gregorios 
auch den Brief an Euagrios in der letzten 
Zeit seines Lebens, d. h. nach dem Jahre 383 
von Arianz aus geschrieben hat. 

Statt also zunächst bei den von UUmann gegebenen 
Nachweisungen über den Gebrauch der Worte ^va$g 
und ovWa und im Besonderen gerade bei den dort 
(S. 247, Anm. 3) aus dem Brief an Euagrios angeführten 
und soeben von mir behandelten "Worten stehen zu 
bleiben und diese einmal genau mit der eigenen TJeber- 
setzung zu vergleichen, geht Ryssel sofort zur Beant- 
wortung der Frage über, von welcher Seite die Einwendun- 
gen kamen, denen der Verfasser der Schrift entgegentritt. 
„Da es darauf ankommt," sagt er S. 102, „die Einheit 
Gottes gegenüber der Behauptung, dass die Verwendung 
dreier Namen die Annahme dreier dem Wesen nach 
von einander verschiedener Personen nach sich ziehe, 
zu vertheidigen und zu rechtfertigen, so können weder 
die Monarchianer noch die Sabellianer der damaligen 
Zeit (d. h. des dritten Jahrhunderts) in Betracht kommen. 
Noch weniger aber ist an die Tritheisten des sechsten 
Jahrhunderts zu denken.'* Eyssel hat mit diesem 
We'der-noch entschieden Eecht, wovon ein aufmerk- 
samer Blick in die Schrift selbst überzeugen kann; 



\9 



^ 1^32 Gregorios von Nazianz. 

aber die Sicherheit dieses Ergebnisses wird dadurch 
nicht erhöht oder bekräftigt, dass von dem Gegensatze 
der Tritheisten zur Kirchenlehre nicht die Rede ist, 
noch dass „die Existenz eines symbolischen Ausdrucks 
derselben irgendwie vorausgesetzt** wird. Was soll 
dies Fahnden auf einen symbolischen Ausdruck ? Gewiss, 
wären beliebte und bekannte dogmatische Schlagworte 
in der Schrift zu finden, so würde der Versuch, aus 
dem Inhalte allein der Schrift zeitlich ihren Platz an- 
zuweisen, ungemein erleichtert werden. Allein aus 
dem Nichtvorhandensein symbolischer Ausdrücke folgt 
zunächst zeitlich gar nichts. Es würde, wenn nicht 
andere äussere und innere Zeugnisse dazu kämen, um 
manche schöne Rede des Gregorios von Nazianz, wie 
z. B. um die XXXTTT. und XXXIV., die ersten beiden, 
inhalthch unserer Schrift nahe verwandten, theologischen, 
d. h. vom Wesen Gottes handelnden, zeitlich überaus 
missHch bestellt sein, wenn wir den obigen Grundsatz 
Ryssel's wollten massgebend sein lassen. Nirgends ist 
da von der „Kirchenlehre die Rede, noch wird die 
Existenz eines symboUschen Ausdrucks derselben irgend- 
wie vorausgesetzt." Daraus nun sofort allein die Mög- 
lichkeit zu folgern (S. 103), „dass die Einwände von 
heidnisch-philosophischer Seite aus ergangen waren,'' 
erscheint mir sehr unbesonnen. Warum ist Ryssel 
den Spuren des Gregorios von Nazianz, auf welche 
er stiess, nicht weiter nachgegangen? Es liegt mir 
hier durchaus fem, den Vertheidiger des Thaumaturgos 
irgendwie der bewussten Nachlässigkeit zu beschuldigen, 
ich schenke seiner Versicherung (Jahrb. f. prot. Theol. 
Vn, S. 573), dass hier nur ein Versehen vorliegt, unbe- 
dingt Glauben und gebe zu, dass ein solches bei einer 
Arbeit, die ihn länger als sechs Jahre beschäftigte und 
„während dieses Zeitraums auf ganze Jahre unter- 
brochen worden ist, wohl als möglich und entschuldbar 
erscheint"; aber von meinem Standpunkte aus bleibt 
mir die Annahme höchst wahrscheinlich, dass die noch- 
malige Prüfung der aus des Nazianzeners Werken an- 
geführten Stellen ihn vor dem Ergebniss bewahrt haben 



Gregorios von Nazianz. 133 

würde, „dass die Schrift in einer Zeit verfasst sein 
muss, welche den innerchristlichen arianischen Kämpfen 
noch vorausging." 

Die gegnerische Ansicht also, an welcher Kyssel, 
ohne sie genauer zu beachten, vorübergegangen ist, 
liegt in der Mitte zwischen den beiden von ihm ge- 
nannten, .d. h. im vierten Jahrhundert. Welches sind 
denn die Einwände desEuagrios, welche Gregorios 
die Nöthigung auferlegen, aus der Stille seines Arian- 
zenischen Aufenthaltes eine laute, kraftvoll zeugende 
Antwort nach Aegypten zu senden? Die vorher schon 
in ihrem ersten Theile wiedergegebene Stelle ist, wenn 
wir in diesem Punkte völlig klar sehen wollen, wichtig 
genug, tun hier vollständig mitgetheUt zu werden. Kat 
vvv toCvvv To 7tQoC€V€X'^^v igtoTi^fia Ttagd aov — berichtet 
Grregorios einleitend — roiovös xal negl Tovde ^v, Sg 
xtvtt TQonov av effj nargog re xal vlov xal dySov nvsv- 
liaxog «/ ^vCig .... notsqov dnk^ ng ^ (Svvd-sxog. ei fiiv 
ydq ccTtk^ y näg tov tqslg inidi^erai tcSv nqosiQfniivwv 
dqi'd'iiov] TO ydq dnXovv fiovoeidig xal dvagt^fiov' to 8k 
dg^'d'fiolg vno7t(nTov dvdyxfj Ti^vs(Sd'ai, xav ^iy aQ&S'fioZg 
vno'ßdkfjTai' t6 dk refAVofAsvov ifATva-d-ig' nd-d-og ydg ^ 
TOfifj. el ToCvvv dnXtl tov xQeCrvovog iy yvCi^, TisgitTi^ reSv 
ovofAaTwv iy d'i(Si>g, xal deZ xolg ov6fAa(X& nsC-d'SiSd'at , to 
fjiovoeiökg xal dnXovv svd-vg ixTtodcov ofx^rat. rCg ovv av 
effj TOV TtQdyiiaTog jy q^vCig, TavTa ngog "^fiäg t^adxeg. 
Das ist des Euagrios an Gregorios gerichtete Frage 
und die daran geknüpften Schlussfolgerungen. Wenn 
ich vorhin versuchte, aus mehr äusserlichen Einwir- 
kungen die eigenthünüiche, in den obigen Worten des 
Euagrios sich kundgebende Wendung in seinem Denken 
zu erklären oder vielleicht doch verständlicher zu machen, 
so möge jetzt hinzugefügt werden, dass er sich mit 
denselben in Bahnen bewegte, welche, wie uns gerade 
Gregorios bezeugt, vielfach in jener Zeit betreten wur- 
den, und zwar von den Arianem und Eunomianern, 
zum Theil auch den Macedonianem. Erstere besonders 
machten es den Anhängern des Athanasios zum Vor- 
wurf, dass sie, da sie die Gottheit und Persönlichkeit 



134 Gregorios von Nazianz. 

des Vaters, Sohnes und Geistes behaupteten, drei 
Götter einführten und damit die Einheit Gottes, 
jene Grundlehre des Christenthums,« zerstörten. ^^) In 
seiner berühmten XXXVII. Rede {Hegt rov dyCov nvsv- 
fiaTog) kommt Gregorios auf diese Frage zu sprechen, 
von der er (Edit. Colon, p. 600) seufzend beklagt, oti 
TtdXat Tsd-vrixdq ^"^vfjfia xal rrj nCfStei naQaxdOQ^dav vvv 
dvaxatvCZexai. „Wenn Gott und Gott und Gott ist," 
sagt er dort aus dem Sinne jener Gegner, „sind dann 
nicht drei Götter? — Wer spricht so? Die, welche es 
auf den höheren Grad treiben mit der Gottlosigkeit 
(Arianer und Eunomianer), oder die, welche noch auf 
einer mittleren Stufe stehen, ich meine diejenigen, 
welche noch eine bessere Ueberzeugung vom Sohne 
haben (Macedonianer)? . . . Den letzteren sage ich: Was 
werft ihr uns Dreigötterei vor, da ihr selbst den Sohn 
verehrt, wenn ihr auch vom Geiste abgefallen seid? 
Findet bei euch nicht Zweigötterei statt? ... (p. 601). 
Dieselben Gründe, womit ihr euch gegen Zweigötterei 
vertheidigt, können auch uns zur Ablehnung der Drei- 
götterei dienen. . . . Aber wie vertheidigen wir uns nun 
gemeinschaffchch gegen Beide (Arianer und Eunomianer)? 
Wir bekennen einen Gott, denn es ist eine Gott- 
heit. Wenn wir auch drei glauben, so werden doch 
auf Eines die zurückgeführt, die aus ihm (dem Einen) 
den Ursprung haben ^^iv slq d-soq, oti^ ^(a S-soTfjg' xat 
nqog Sv tu i^ avTov ti^v äva^ogav €X€i, xäv rqCa nits- 
Tsvfjvat), Denn keineswegs ist das eine mehr, das an- 
dere weniger Gott, das eine früher, das andere später; 
auch ist kein Unterschied im WoUen, keine Thei- 
lung in der Macht, und es findet hier überhaupt 
nichts statt, was einer Trennung ähnlich 



^*) Mit besonderer Schärfe weist auch Gregorios von Nysaa 
den T rith eis m US zurück, 80 in seiner Schrift über die Dreieinigkeit 
Tom. IL p. 446 der Pariser Ausgabe von 1615, ferner Contra Euno- 
mium orat. VI. p. 198; VII. p. 223 fi. ; VIH. p. 230; XII. p. 328 ff. und 
in der Schrift „Quod non sint tres Dil" Tom. II. p. 456, wo er nach 
einer längeren Erklärung über das Wort -S-foTfjg sagt: OuTMg ovd^ 
TQeTg S-fol xccm n^v dno&e&ofjihvvjv j^g S-toTJjrog a^fiaaittv. 



Gregoriog von Nazianz. 135 

wäre, sondern ungetheilt ist in den getheilten 
(d. h. in den verschiedenen Personen) die Gottheit («AA' 
dfiigiüTog Iv (iffisQKffi^voig ^ -d-eoTfjg) und wie in drei 
mit einander vereinigten Sonnen eine Mischung des 
Lichtes.'^ Euagrios hat, was Grregorios ausdrücklich 
anerkennt, bis jetzt zwar sich ablehnend verhalten ge- 
gen die oberflächliche Lehre jener mit der Dreizahl 
Missbrauch treibenden Gegner, t^v ovaCav ofiov rtj toSv 
ovofjtdrwp vTtfjyoQ^a nd-d'oq diaiQ^(T€cog vnoiiivsiv , er hat 
den 'Vorwurf des Tritheismus noch nicht ausgesprochen, 
aber doch die Bezeichnung der Gottheit durch drei 
Namen, in einseitiger Betonung der Einheit, schon für 
überflüssig erklärt. Nichtsdestoweniger glaubt Gre- 
gorios, der des erprobten Freundes Ueberzeugungen 
wanken sieht, ihm die gleichen Gründe zu Gemüthe 
führen zu müssen wie jenen. "O toCvvv iart Qeog, ttqo- 
T€Qov vTtoiftfjaofisS^a — SO beginnt er, und, den Erörte- 
rungen in der XXXVII. Rede genau entsprechend, er- 
klärt er: drcXtl ndvnag itsrl xat dfi^QKTvog ovüCa, t6 dnXovv 
Kai d(f(afiaTov ix ^vftsong Ixrvy^dv. dkX* i'fSoog — damit 
nimmt er des Euagrios Bedenken auf — xal o v^g diai- 
^(Tsdog rdSv orofidrcov avTiTrCntsi fioi^ Xoyog^ r« tqsIq dgi^fio) 
t6 tov XQsCvcovog fiovoeidig d^aiQovfisvog. ag ovv did to 
ftpvos&dig Ix^ivyelv '^fiäg t^v ofiokoy^av Ttargdg xal vlov xal 
dyCov 7tV€V ficcTog lndvayx€g\ fi'^ y^roiro, riyv yccQ dfisQ^ tov 
xQsCTTovog evoDCiv ov xaraßkaipei twv orofidrcov ^ 'd-idirg. 
In der Reihe der rein geistigen, nur mittelst des Den- 
kens zu erfassenden Dinge, wie ipv%7i und Xoyog^ be- 
zeichnet es Gregorios zwar als unmöglich, völlig zu- 
treffende Bezeichnungen zu finden; doch hält er trotz- 
dem die Namengebung {ovofiaaCd) für nützlich did to 
dvayxaZov elg InCyvoiav "^fiäg dyovca twv voijtcSv. Ebenso 
wie in der oben angeführten Stelle aus der XXX VII. 
Rede klagt nun Gregorios über den Missbrauch, der 
von gegnerischer Seite mit der Bezeichnung des einen 
göttlichen Wesens und den drei Namen, Vater, Sohn 
und Geist, getrieben wird: Tiv^g di Talg nqoüfiyoQCatg 
ofiov xdt T'qv ov(SCav naxvfjieqäg (SwdiaiQsiad'ai do^d^oPTsg, 
dvd^ia TtawanaiSi 'd'sCoav Talg iaVTwv IvvoCaig do^a^ovctv. 



136 Gregorios von Nazianz. 

— ein Ausspruch, de/n er sofort entgegenhält: sidivat 
dk dxoXoV'd'ov '^fiäg, rovg r^g dk^^sfag imyvwfiovag, — - 
und offenbar schliesst er bei dieser bedeutungsvollen 
Zusammenfassung der rechten Lehre vom Wesen der 
einheitiich und doch trinitarisch zu denkenden Gottheit 
in dem ^fjiäg sich deutHch und bestimmt mit seinem 
Euagrios zusammen, der ebenso wie er selbst ein Ken- 
ner der Wahrheit**) ist — eog ddtcUQsrog i&v^ xal fiopostdi^g 
jy S'sCa T€ xal dfi€Q^g rov xQ^Cvcovog ovü(a, TiQog d^ ro 
XQ^fftfiiov T^g '^iieriqag rwv xpvx^v (TcoTfjQ^ag xal lAegiZ^d-d-a^ 
ralg ovoiiatSCaig doxeZ xat d&a$Q^(f€(og dvdyxri v^CtSraff-d-at, 
xa-d-fjog eq)afi€V. 

Es dürfte an dieser Stelle angebracht sein, noch 
auf eine anderweitige Nachricht über Euagrios hinzu- 
weisen. Dass nämlich die in dem inhaltlich erörterten 
Schreiben von Gregorios von Nazianz behandelten Ge- 
danken und Bedenken hinsichtlich der Gotteslehre 
wirkHch genau die des treuen und bewährten Freundes 
des Nazianzeners sind, bestätigt, was besonders im Hin- 
blick auf Lüdemann 's Zweifel (Theol. Jahresbericht IE 
[1883], S. 10) hervorgehoben zu werden verdient, u. a. 
in vorzüglicher Weise Sokrates, der von Euagrios 
Folgendes mittheüt (HI, 7): Evdygiog d^ iv rtS Mova- 
%ix& TtQonsrSg (liv xal dneQiaximwg -d'SoXoyslv dnotxvfjir 
ßovkevsi, oQi^sad-at tag dnXovv ro S-etov TtdvTfj dTtayo^ 
Q€V€t' tfSv yaQ iSvV'd'iTwv elvat rovg oQovg yiyo/v" o Öi 
avTog xal ravra xaxd ki^iv Siddffxeir. „ndda nqoraCig/^ 
(priüCv, „fj yivog ex€i xavtjyoQovfievov ^ sldog ^ dta^oqdv fj 
Vd&ov ^ (TVfißsßfjxog ij ro ix tovtodv fSvyxeCfievov, ovdkv di 
inl Tiyg dy£ag rgiddog tcSv eiQ^fiiviav l(frl Xaßslv. C^cött^ 
TtQo(Sxvv€C(S'd-(o To äQQfjTov" TavTa fikv ovv o EvdyQioq, 



**) Diese, wie mir scheint, nicht unwichtige Beziehung tritt in 
Ryssel's Uebersetzung nicht hervor, denn es heisst dort (S. 68): „Es 
folgt daraus, dass wir als die erkennbaren Momente (29) der Wahr- 
heit das erkennen müssen, dass das göttliche Wesen des Höchsten 
unzertrennbar und einzigartig und untheilbar ist." Demnach ist 
vielleicht, wenn anders der Syrer seine griechische Vorlage richtig 
wiedergegeben, Ryssel's Anm. 29 auf Seite 149 einer Berichtigung 
bedürftig. 



Gregorios von Nazianz. 137 

Wenn dort Euagrios die Einzelbezeiclinungen der Gott- 
heit durchaus abzulehnen geneigt ist: thut er hier in 
der von Sokrates aufbehaltenen Stelle nicht thatsäch- 
lieh dasselbe, wenn er empfiehlt, vor dem Geheimniss 
der heiligen Dreieinigkeit in anbetendem 
Schweigen sich zu beugen? 

Durch diese meine Nachweisungen ist Kyssel's 
weitere Frage (S. 103) : „Entspricht der Inhalt der 
Schrift dem Lehrtypus des dritten Jahrhunderts?** 
eigentlich schon erledigt. Er findet, dass die Auffas- 
sung derselben „nicht erst in das vierte Jahrhundert 
oder in eine noch spätere Zeit verlegt werden darf", 
ohne im Geringsten den Versuch zu machen, die Ab- 
lehnung des vierten Jahrhunderts wirMich zu begrün- 
den, er bleibt fort und fort bei dem dritten Jahrhun- 
dert stehen. Nur Weniges wird hier noch der Erörterung 
bedürfen. „Auch die praktische und von jeder specu- 
lativen Fassung freie, rein ökonomische Auffassung des 
trinitarischen Verhältnisses der göttlichen Personen, wie 
wir sie in unserer Schrift ausgesprochen finden, ent- 
spricht," meint er S. 103, „ganz der angegebenen Zeit". 
Zunächst kann ich nicht zugeben, dass die Auffassung 
des trinitarischen Verhältnisses eine „von jeder specu- 
lativen Fassung freie" ist; ganz in nämlicher Weise 
redet auch Gregorios von Nazianz in seinen grösseren 
Reden von der Gottheit. Ueberaus misslich aber er- 
scheint es mir, „die praktische, rein ökonomische Auf- 
fassung" der Trinität in der kleinen Abhandlung zu 
einem zeitlichen Bestimmungsumstand zu machen. Wo 
findet denn Ryssel diese „rein ökonomische Auffas- 
sung"? „Es heisst" — sagt er S. 103, Anm. 4 — „S. 68, 
Z. 16: Insofern das göttliche Wesen (welches an sich 
einzigartig und untheilbar ist) zur Erlösung unserer 
Sünden dient, erscheint es auch durch Zunamen ge- 
theilt." Auch hier ist es wieder wichtig, den urschrift- 
lichen griechischen Ausdruck zu vergleichen. Die be- 
treffende, vorher schon mitgetheilte Stelle lautet in dem 
hier in Betracht kommenden Abschnitt : (^' d-sCoc ovifCa) 



138 Gregorios von Nazianz. 

xat /jL€Q^^€Cfx^ai Talg ovofiad^aig doxel xat diaiQideiaq dvdyxfj 
vfpCdTaad^ai. Offenbar sagt der Ausdruck d^r Ueber- 
setzung „Erlösung unserer Sünden", mit to xqti- 
ü$fiöv T.ilq f] (j €T^Qag xäv xpvx^v fSfaTfiqCag verglichen, 
zu viel aus. Ich gebe zu, dass auch bei Betrachtung 
des griechischen Wortlauts der Ausdruck „praktisch" 
zulässig ist, sehe aber nicht ein, wie wir um des einen 
„praktischen" Ausdrucks willen innerhalb eines durch- 
aus übersinnlichen Gedankenzusammenhanges gerade 
auf das dritte Jahrhundert zu schliessen genöthigt 
sein sollten. Dem Gregorios von Nazianz sind 
innerhalb seiner doch, gewiss sehr tiefsinnigen, und ge- 
rade so viel von trinitarischem Denken erfüllten Reden 
derartige praktische Bemerkungen ganz geläufig. Ich 
führe nur zwei Beispiele an. T( rcSv ovrwv dva^tiog ; — 
fragt er Orat. XXXVI {lleQl vlov Xoyog devtsQog) p. 578 
— Antwort: x^sovfjg' ovöslg ydg ahCav elnelv l^f^ Qsov, 
^ TOVTo dv eVfj 0€ov 7tQ€aßvT€Qov. vCg di T^g dvS-QcoTto- 
TfjTog, ^v 6 i' 1^(1 dg vn^iTzfj Qsog, ahCa\ to (ScO'&^vair 
ndvTug i^fidg' tC ydg evsQov] — die folgende, der 
XXXVIII. Rede entnommene Stelle ist ausser der in 
ihr trotz des tiefen Gedankengehaltes deutlich hervor- 
tretenden praktischen Richtung des Gregorios auch des- 
wegen lehrreich, weil die' Häufung der göttUchen Bei- 
namen des loyog hier eine ganz ähnKche ist, wie die 
der göttlichen Eigenschaften am Schluss des Briefes an 
Euagrios: Avtog 6 Qeov Xoyog — sagt Gregorios a. a. 
O. S. 620 — o TtQoamviog, 6 doQurog, 6 dneQCXrimog, o 
affcifiavog, ^ ix T^g ^QX^^ ^QXVf "^^ ^^ '^^^ yxorog y)dSg, 
^ Ttfjyfj Tflg ^üoij g xal r^g dd-av a<sC ag, to ixiiayelov 
Tov dqxsTvnov xdXXovg, fj fi'^ xivovfi^Vfj C^pqayCg, ^ dnaq- 
dXXaxTog slxdv, 6 tov nuTQog oQog xal Xoyog int ti^v 
IdCav €1x6 va %(jdq€1 xal üdqxa tpoQsl did t^v üdqxa, xal 
ipvx^ vosQa 6 id Tfjv i fifjv tpvx^P fifyvvTai, tcö ofioCm 
TO ofioiov dvaxax^aCQoov i xal ndvTa yCyvsTai nX'^v T^g 
dfiaQT^ag ap^Qcojrog. Noch mehr Beispiele hier zu häufen, 
hat keinen Zweck, mir kommt es nur darauf an, zu 
zeigen, wie gewagt es ist, an einen einzigen Ausdruck 
so weittragende Schlüsse zu knüpfen. 



Gregorios von Nazianz. 139 

Nach, alledem, was ich bereits für die Abfassung 
der Schrift im vierten Jahrhundert angeführt, glaube 
ich davon absehen zu können, auf alles dasjenige noch 
ausführlicher einzugehen, was Eyssel aus der Lehre 
der vorangehenden Jahrhunderte zum Vergleich heran- 
gezogen hat. Besonders lehrreich ist der Hinweis auf 
TertuUianus (S. 104 und 105), der hauptsächlich in 
der Schrift gegen Praxeas mancherlei den Lehren un- 
serer Schrift Verwandtes zeigt. Die Bilder aber, ,deren 
sich TertuUianus zur Bezeichnung des trinitarischen 
Verhältnisses innerhalb der Gottheit bedient, sind bei 
genauerer Betrachtung, wie ich auch gegen Bäthgen 
(Gott. gel. Anz. 1880. No. 44. S. 1403) behaupten muss, 
nicht unwesentlich verschieden von denen im Briefe 
an Euagrios. Auch den Versuch RyssePs, aus dem 
Gebrauch des Wortes oiioovaioq, dessen zugehöriges 
Substantivum ofioavaCa sich freilich nach der syrischen 
Uebersetzung nur in der Ueberschrift findet, für die 
Zeitansetzung des Schreibens ein festes Ergebniss zu 
gewinnen, glaube ich nach meinen, oben über diesen 
Punkt gegebenen Auseinandersetzungen, trotz Rys sei 's 
Meinung (S. 105), dass „der Inhalt für die Ursprüng- 
lichkeit der Ueberschrift ein beachtenswerthes Zeugniss 
ablegt", übergehen zu dürfen. Bemerk enswerth erscheint 
mir noch, was Eyssel S. 106 und 107 über das Ver- 
hältniss der Schrift zu Origenes sagt; ich kann dem 
ohne Rückhalt beistimmen. „Dass die Schrift in der 
That von einem Schüler des Origenes sein kann, ergiebt 
sich mit Sicherheit daraus, dass wir zu allen einzelnen 
Punkten unserer Schrift Parallelen aus den Werken des 
Origenes nachweisen können." Diese Thatsache ist 
richtig und bleibt bestehen, gleichviel ob man mit 
Kyssel den Neocäsarienser für den Verfasser der Schrift 
hält, oder, wie ich behaupte, den Nazianzener. Auch 
der letztere ist ja in hervorragendem Sinne, wenn auch 
nicht ein unmittelbarer, persönlicher, wie jener, so doch 
ein geistiger Schüler des grossen Origenes. Auch hier 
sind die von ßyssel beigebrachten Parallelen sehr 
lehrreich und anziehend und zum Erweis jenes von ihm 



140 Gragorios von Nazianz. 

angeführten Satzes vollkommen ausreichend. Aber wir 
haben weit schlagendere Parallelen in den Schrif- 
ten des Gregorios von Nazianz selbst. 

Es sind im Ganzen vier Gleichnisse, welche im 
Briefe an Euagrios in breiterer Ausführung gegeben 
werden, um das Verhältniss des Sohnes und Geistes zu 
Gott dem Vater, innerhalb des einen, durch keine jener 
Bezeichnungen eine Trennung erleidenden göttlichen 
Wesens, zu veranschaulichen. 

An erster Stelle führe ich das folgende an: «e 
yccQ ovx €(JT& fista^v vov xal ivS'V /Jbi^ (fewg xal ipvx^ ^ 
diaCQcüiv iTtivofjd-^va^ t$vcc xal rofii^v^' ovroog ovö^ rov dyCov 
Ttvsvfiarog xal rov (^(or^Qog xal rov TtaTQog iv fiiffo) rofji^v 
1] dtaiqsatv iTttvotj^^va^ nore' diort rcov voijtoSv, cSg ig)afi€p, 
ddtaCqevog ^ fvdig. Denselben Gedanken giebt der Na- 
zianzener in der XIII. Rede (Edit. Colon, vol. I. p. 211) 
in ähnlicher Fassung wieder: ovtco q>Qovovfi€v xal ovrcog 
ixofiev, waT€ .... avTol (di) fi^av xal r^v avr'qv etdivai 
y)va&v ■d'SOTfjTogy dvägxM xal yervi^ffsp xal TtQooöa) yvwQi^- 
^6fi€Vov' wg VW T £ iv ijfiiv xal Aoy« xal nvev fiar &, 
ocfov elxdcai xolg alcd'rirotg rd vofjrd, xal rolg fi&XQolg rd 
fifyiara. Es unterliegt keinem Zweifel, dass hier vovg, 
Xoyog, nvevfia genau dasselbe bezeichnen, wie dort vovg, 
ivS"üiJt>fjatg, tpv%ri, imd dass der Sinn beider Stellen der 
gleiche ist. 

Unmittelbar nach jenem ersten aus dem Briefe an 
Euagrios mitgetheilten Gleichniss geht Gregorios zu 
einem anderen über: ^' xal ov tqotvov ovx oiov te ndX$v 
ofio^cag iv fiiaco xvxkov xal rijg dxrivog diafQ€(fiV 
evo^cd-at, 8id t6 dnaS'ig xal dcfofiarov dnXovv re xal 
d(i€Qig, dkV fj fiiv dxrlg aw^nrai rw xvxXio, tov^a- 
naXiv di o xv xkog oiov r&g o ^^^akfio g Ttorafjbtjdov 
iinxsZ TW navxl rdg dxTivag, xaraxkvafiovg SiSn^Q rtvag 
fpwTog i^filv iQya^6[jL€Vog xal nekayi^cov d-d-qooag ri^v 8ia- 
xoc^MflCiv' ovroü di^ xal olwv€^ rivsg tov TtavQog dxrZveg 
dne&vdkfjdav iy)' '^fidg, o ts (psyycoöfjg ^Ifjoovg xal to nvevfia 
To ayiov. Im Bilde bleibend und dasselbe weiter aus- 
deutend ßihrt Gregorios unmittelbar fort : Saneq ydq al 
TOV qxüTog dxTlvsg, dfi^qictov Ix^vca* xard ^viSiv ti^v 



Gregorios von Nazianz. 141 

TiQog aXXfjXa cyii^Stv, ovxe rov yxorog x^Q^^owat ovts dXXij- 
Xmv dicorifivovTai xal fJ^^XQ^^ i^ficSv r^v %ciqiv rov giaarog 
dnodriXXovCt' tov avrov rqonov xal 6 ccot^q o ^/jb^TSQog 
xal To nvevfia ro a^&ov, fj didvfiog rov jtarQog dx%(g, aal 
liiXQig i^fiiSv diaxov€tTa& r^g dXri&e^ag ro fcSg xat TfS itccrgi 
aw^vcorat. In der XXXVII. Eede des Gregorios findet 
sich dasselbe Gleioliniss fast mit denselben Worten. 
Es ist das diejenige Bede, in welcher Gregorios, frei- 
lich immer im Bewusstsein der Unzulänglichkeit, das 
Verhältniss der Dreieinigkeit in Bildern auszudrücken 
versucht. Den obigen Ausführungen entsprechend sagt 
er hier (Edit. Colon, vol. I. p. 611. 612): ^X&op ive&vfi^- 
^fjv xal dxTtva xat ^dg. Zunächst ist festzuhalten, dass 
an der ersteren Stelle xvxXog von der Sonnenscheibe 
zu verstehen ist, wie es scheint, ein aus dem älteren 
griechischen, besonders dichterischen Sprachgebrauch 
entlehnter Ausdruck, der also gleichbedeutend ist mit 
^X$og, was übrigens H. Savilius in der obigen Stelle 
vermuthete. Bei diesem Gleichniss äussert aber Gre- 
gorios sofort die doppelte Befürchtung, TtQwrov ^liv, (jti^ 
aiv'&scCg rtg inivofjTat r^g dawS-irov q>vcf€cog, SicnsQ '^XCov 

Xal TcSv Iv '^XCoy Ö€VT€QOV Öi, fJLfl TOV nCCTiQU fliP OVCTlCö- 

aafAsv, xaXXa öi fi'^ vnocrfjcfwfifv, dXXd dvvdfisig Qeov 
Ttoi^aoDfJsv IvvTtaQxovüag, ovx v^ecrdaag. ovts y^Q dxvlg 
ovT€ (jpc?g aXXog ^Xiog, dXX' '^XiaxaC rtvsg dnoQQotut xal 
noiOTfiTcg oviSiddeig. 

An jenes zweite Gleichniss aus dem Briefe an Eua- 
grios schliesst sich folgendes dritte: ov tqottov di 
xdno ttvog vSarmv n^jy^g vexzagmösg dfp-d-ovaag ngol'e fiiv f^g 
vdmQ <svfißa/v€i' ^€Vfid t* nafinXij-d'ig xal ^eld'qov dxccr- 
dax^tov elg norafiovg dvo tcw ^sviiavi Tifived&at, fiCav 
i^ Ivog o^^aXfiov r^g nfjy^g t^v ^oi^p i^ dgx^g ^cr/iyxoe, 
dCqqvTov öi tcSv noraficSv oxijficcrtC'd'ivToov xolg el'dect, 
ßXaßäv dk ofiwg ovöiv slg rijv ov(SCav ix Tvlg diaiQ^aswg . . . 
naganXfjcf^fog ovv xal 6 twv dyad^wv dnavTcov Oeog, 6 v^g 
dXfi'd'eCag nqvtavig xal tov acor^gog nar^Q, to ngdoTov 
a^T&ov rilg ^do^g xal to Tf^g dd^avaaCag fVTov, ^ Ti^g 
dsi^wCag nTjyi^, öCqqvtov Tiva tov t€ vlov xal tov dyCov 
nvBVfhaTog ti^v vo^ti^v- €ig "^fiäg dnofSTsCXag xag^v, ovt 



142 Gregorios von Nazianz. 

avTog Ti ninovd-ev €ig ti^v ovdCav ßXaßsCq {ov yccQ iieCmCiv 
vniCtTi tipd ötd T'ijv €ig fjfiäg IxsCvünv äg)^^$v), xal ^ixQig 
^fAcSv nQO(Ss%(aQriüav, xai tov nar^og ovdiv ^rrov dxcoQiCToi 
xa&ecfT'^xafTiv. dfisQ'^g yaQt wg €y)(Xfi€V i^ «ß%^5^ ^ fi^fSv 
xQstTTovcdv (ßvcfig. Weit kürzer als hier äussert sich 
Gregorios in der XXXVII. Eede (a. a. 0. S. 611): 
o^-S-akfiov ri^va xal nfjyi^v xal Ttotafiov ivevofjfTa, xal 
ydq xal aXXot, — wobei er gewiss an Origenes (vgl. 
Ryssel, S. 107), vor Allem aber wohl an Athanasios, 
sein bewundertes Vorbild (Expos, fidei c. 2, p. 100) und 
seine kappadocischen Freunde denkt — fi^rmfiiv oTtar^Q, 
TtS di o vlog, rw öi ro nvsvfia ro ayiov dvaXoywg ?;jf«/' 
ravra ydg oms XQ^^V ^*^ö''^^^*^ ovre akki^Xonv dniqQVXTa^ 
rij (SvvsxsCa xav öoxtj ncog TQ^alv IdtorriGt T^fivecf&ai. Aber 
auch hier steigt dem Redner sofort die doppelte Be- 
sorgniss auf, es möchte dadurch die Darstellung eines 
immer wandelbaren Fliessens der Gottheit und der Be- 
griff der Zahleinheit eingeführt werden, weil die be- 
zeichneten Dinge der Zahl nach eins und nur der Form 
nach verschieden sind. — Beachtenswerth ist, dass der 
sehr seltene und für des Gregorios von Nazianz Sprach- 
gebrauch höchst bezeichnende Ausdruck ofpd^aX^og, 
dessen er sich in dem zweiten Gleichniss aus dem 
Schreiben an Euagrios schon vergleichweise bediente, 
auch im dritten Gleichniss und zwar in beiden Parallel- 
steUen vorkommt. Das erscheint mir nicht zufäUig, son- 
dern mit ein Zeugniss für die Thatsache, dass Gregorios 
von Nazianz der Verfasser des Briefes an Euagrios ist. 
Dass auch dem sprachkundigen und sprachgewandten 
Elias von Kreta der ungewöhnliche Ausdruck oy- 
^aXfiog in dem Zusammenhange der XXIXVII. Eede 
entschieden aufgefallen iät, zeigt seine zu der betref- 
fenden Stelle gemachte Bemerkung : ^O^d^aXfiov bedeute 
T^g Ttfjy^g t'^v aQx^v, riyV TtQoiTTjV ßXv(fip . . . ^? ^g, &an€Q 
an o^d'aXiAov rn'og (pdog, to vdcoQ ßkvffrdvei dvadidofievov 
(Eliae Comment. in Greg. Naz. ed. A. Jahn, S. Ö45 A). ^^) 



^^) Diese Stelle in lateinischer Fassung in der Kölner Gregorios- 
Ausgabe, Bd. II, S. 978, in der Baseler S. 207. üebrigens verweist 



* Gregorios von Nazianz. 143 

Ehe wir weiter gehen, möge hier noch eine kurze 
Bemerkung stehen über die ausserordentlich verschie- 
dene Behandlungsweise der drei im Voran- 
gehenden aus dem Briefe an Euagrios und 
der XXXVIL Rede des Grregorios mitgetheilten 
Gleichnisse in beiden Schriften. In der vor zahl- 
reichem' Volk in Konstantinopel gehaltenen Rede wirft 
aregorios seine Gleichnisse in überaus knapper, schärf- 
umgrenzter Form, leuchtenden Gedankenblitzen gleich, 
in die Seelen seiner Zuhörer, um sofort, wenn der grü- 
belnde Verstand es unternommen, die an die Dreiheit 
der Bezeichnungen sich knüpfenden Vorstellungen zu 
zergliedern und zu verbinden, mit kurzgefassten, schla- 
genden Gründen ihre Nichtigkeit darzuthun: in dem 
Schreiben an den gelehrten theologischen Freund führt 
er die Gleichnisse mit aller Behaglichkeit und Breite 
aus, ohne ein Wort der Beurtheilung wie dort hinzu- 
zufügen. "Welches ist der Grund dieses Verfahrens? 
Offenbar der: Vor der buntgemischten Menge in der 
Basilika der Hauptstadt, wo Leute von dem verschie- 
densten Alter, Beruf und Bildungsgrad, auch böswillig 
lauernde Gegner, zu seinen Füssen sitzen, glaubt Gre- 
gorios, der Schwierigkeit sich wohl bewusst (Orat. I. 
Edit. Colon, vol. I. p. 17 = Orat. XXI. Edit. Basil. 
p. 404), „gerade das Wort zu finden, das Alle zu er- 
greifen und mit dem Lichte der Erkenntniss zu durch- 
dringen vermag'^, da, wo es sich um die höchste christ- 
liche Frage, um das Wesen der Dreieinigkeit handelt, 
jeden der Missdeutung fähigen, weil von irdischen Ver- 
hältnissen entnommenen Ausdruck sorgfaltig meiden oder 
doch mit den nöthigen Schranken umgrenzen und seine 
Unzulänglichkeit nachdrücklichst betonen zu müssen; 
da kann er (in jener XXXVIL Rede, unmittelbar nach 
den angeführten Gleichnissen p. 612) nicht umhin, es 
schliesslich für das Beste zu erklären, „die Bilder und 
Schatten als trügerisch und von der Wahrheit ab- 



A. Jahn hier auf Arcan. III, 60 ff., eine Stelle, auf die ich im Folgenden 
noch zu sprechen komme. 



144 Gregorios toxi Nazianz. 

führend fahren zu lassen, und dafür fest an dem frommen 
Sinn zu halten, bei wenigen Ausdrücken stehen zu 
bleiben, und unter der Führung des heiligen Geistes 
die von dorther empfangene Erleuchtung als die beste 
Begleitung und Unterstützung bis an's Ende zu be- 
wahren: auf diese Weise durch die Welt mich hin- 
durchzujiämpfen imd Andere nach Kräften dahin zu 
bringen, den Vater, Sohn und heiligen Geist als eine 
Gottheit und Kraft anzubeten." Anders dem theolo- 
gischen Freunde und Forscher gegenüber. Da ist Gre- 
gorios vor Missdeutung seiner Worte sicher; dem kann 
er die Ergebnisse seines theologischen Denkens ohne 
Biückhalt in ausgeführten Gleichnissen enthüllen, ohne 
es nöthig zu haben, auf das im letzten Grunde Unzu- 
treffende jeglichen menschlichen Sinnbildes besonders 
hinzuweisen. Ja er kann den zweifelnden Freund, der 
ja mit ihm, wie er es selbst bezeichnet, ein r^g dXfj^s^ag 
intyvwfiwv ist, unmittelbar auffordern, die von ihm im 
Gleichniss dargelegte Anschauung auch zu der seinigen 
zu machen {ovtco fioi voei ^*) xal tov vlov tov natQog fi^ 
XdoQt^fTd-ivTa ndnoTSy xal tovtov di naXiv ro nvevfia ro 
ayiov, ofioCvag iv tm vm ti^v ivS'VfAfjatv)] er kann, die 
Untersuchung abbrechend, zum Schluss an seine tiefe, 
geistige Begabung sich wenden {iitsidij öoC t€ xat rolg 
aol TtaQaTtkfjcf^o&g ^aov i^ olfy(ov tcc nXelcta xarafiav- 
S'dvsiv) und eben deswegen sein Schreiben schliessen. 
Doch zurück zu den Gleichnissen. 

Es ist bekannt, dass Gregorios, nachdem, er sich 
gänzlich vom öffentlichen Leben zurückgezogen, in 
der seinem durch die Kämpfe mit der rauhen Aussen- 
welt erschütterten und verschüchterten Geiste so wohl- 
thuenden Stille und Einsamkeit seines väterlichen 
Landgutes zu Arianz, sich theils mit der Abfassung 
zahlreicher Briefe (zu denen wir ja hauptsächlich die 
grösseren dogmatischen Sendschreiben an Kledonios, 



^^) Auch diese Beziehung tritt in RysseTs Uebersetzung nicht 
hervor, indem es dort (S. 69, Z. 6) heisst: „so bin ich der Ansicht, 
dass u. 8. w. " 



Gregorios von Nazianz. 145 

Nektarios und Euagrios rechnen mussten), theils mit 
der Abfassung religiöser, zumeist dogmatischer Dich- 
tungen befasste, letzteres hauptsächlich in der Absicht, 
dadurch dem schädlichen Einfluss mehrerer bedeutender 
Ketzer, wie Areios und Apollinarios, die gerade durch 
die dichterische Form, in welche sie ihre Lehren klei- 
deten, diese in den Mund und Sinn des Volkes zu 
bringen verstanden hatten, wirksam zu begegnen. 
Lehrreich ist nun für die uns beschäftigende Frage, 
dass alle die Gedanken, welche wir bis jetzt im Schrei- 
ben an Euagrios und in den zur Vergleichung heran- 
gezogenen Theilen der XXXVIL Rede gefunden, femer 
auch fast alle jene Gleichnisse und Schlag worte, von 
Gregorios 'in gedrängter Form und Fassung in seinem 
Gedichte IleQl tov dyCov nvsv^aTog (Arcanorum carm. 
ni. Edit. Colon, vol. 11. p. 163—165) vereinigt sind. Es 
heisst dort V. 61 ff. : 

jEx fiovädog rgtaq idri xal ix rgiddog fiovdg avS-ig, 

ovT€ TtoQog, Ttfjy^, Ttorafiog fi^yag, ev re ^ie-d-qov, 

iv TQifSTolat TVTioKSiv iXavv6fi€vov xazd ya^rjg, 

ovT€ di TcvQxai'^g Xa^indg ndXiv slg ev lovca, 

ovT€ koyog tcqoI'üov T€ voov xal evdo&t fitfivcov, 65 

ovT^ Ttg i^ vddrcov xivi^fiadip '^Xi^axoiCi 

fiaQfiaQvy^, ToC^oiav TCSQiTQOfxog, daraz^ovaa, 

tvqIv TtsXdaai <p€vyovaa, jiaQog (pvyisiv neXdovca' 

ovdä ydg aCxaTog i(STi S-eov ^vaig, i^i ^^ovauj 

i^i ndXiv cwtovaUf t6 d' siinedov iiSri^ S-solo. 70 

dXX' ood' av fpqoviwv xaS-agov ^vog IväoS-t ^^^oig^ 

iv TQiöToig (pa^€<f<fiv l'a (pvtfig it^T^Qixrat. 

otTS fiovdg v^Qtd-fAog, inst tqicIv l'crrar' iv iad'Xolgy 

ovT€ TQidg TioXvasTtTog, insl fvdtg edr dxiqafSTog' 

^ fiovdg iv S-eoTfjTt, rd d' (6v S-soTijg TQKSdQifd-fia» 75 

Hier ist das oben erwähnte dritte Gleichniss in 
Vers 62 und 63 wiedergegeben, indem Gregorios für 
das dort gebrauchte, metrisch nicht gut verwendbare 
ofp^aXfiog (Quellloch) das, wie auch Niketas (bei Jahn 
a. a. 0.) anerkennt, sachlich genau dasselbe bezeichnende 
TtoQog (Oeffnung, Gang, Röhre) einsetzt. Dass in den 

Drftseke, Ges. patrist. Untersuch. 10 



146 Gregorios von Nazianz. 

Versen 66 — 70 eine bis auf den Ausdrück überein- 
stimmende Wiederholung des schönen Gleichnisses ent- 
halten, welches Grregorios in jener XXXVII. Rede an 
letzter Stelle anführt, ist natürlich für unsern Nach- 
weis von keiner Bedeutung; — wohl aber scheint mir 
Vers 65: 

OVT€ Xoyog TVQol'civ T€ VOOV Xal evÖo-d-l fJL^flViOr 

beachtenswerth. Ich sehe darin die Wiedergabe 
des vierten Grieichnisses im Briefe an Euagrios, 
welches dort den anderen voraufgeht. Es hat folgen- 
den Wortlaut: ov TQonov di xal 6 TCQotpoQixdq ovrocl xal 
xoivog aTva(t&v 7]fitv Xoyog ddia^Qcrog [liv icvi rijg TtQoa- 
sveyxaiiivrig tpvx^g, xal Talg ipvxatg di tcov dxQocofiipoip 
ovdiv fivcov iv ramm xa&Catarai, xdxsCvrig fi^ )i(»)Qti,6ii€vog 
xdv TovToig €v^i(Sx6 (i€Vog^ evcot^iv ää iiaXXov rj diaCQsdiv 
avTciv T€ xal rdov '^^etigtav ifjvxdSv Igya^ofievog' ovrco fioi. 
voei' xal Tov vlov rov TtaTQog fifj x^QKSd-ivTa ndnove, xal 
TovTov da TtdXiV t6 jtvevfjia ro ayiov, o^oCwg Iv tm vm t^v 

Doch wir haben uns bei diesen Gleichnissen viel- 
leicht schon zu lange aufgehalten. Das Eine, denke 
ich, haben meine Nachweisungen zur Genüge klar und 
anschaulich gemacht, dass die im Briefe an Euagrios 
enthaltenen dogmatischen Vorstellungen, besonders so- 
weit sie sich in den zur Veranschaulichung des inneren 
Verhältnisses der Dreieinigkeit gewählten Gleichnissen 
kundgeben, sachlich und sprachlich so vollkommen mit 
den uns sonst bekannten Anschauungen des Gregorios 
von Nazianz übereinstimmen, dass wir gerade in ihnen 
die werthvollste Bestätigung der zuvor schon aus an- 
deren, zumeist äusseren Gründen erwiesenen Thatsache 
der Abfassung des Schreibens an Euagrios durch 
den Nazianzener erblicken müssen. 

Eine andere, an dieser Stelle sich aufdrängende 
Beobachtung dürfte das bisher gewonnene Ergebniss 
durchaus zu stützen und zu bestätigen geeignet sein. 
Ich führte im Vorhergehenden schon des Athanasios 
''Exd'saig 7tC(ST€fidg c. 2 (p. 100) an. Dort braucht der 
grosse Alexandriner gleichfalls das Gleichniss von der 



Gregorios von Nazianz. 147 

Quelle und dem daraus hervorgehenden Strome, denen 
das Wasser gemeinsam ist: cSg /ccq ovx edTiv ^ Ttriyri 
jtoTafiog ovöi 6 novafjiog nriy^y dfiq)OT€Qa di er xat Tavrov 
iffT^v vdeoQ t6 ix T'qg Jtfjyijg eig top Ttorafiov fisroxersvo- 
jjisvov, ovToag r; ix tov TtarQog sig rov vlov S-eoTfjg dqQsvC- 
T(äg xal ddtaiQivfag xvyx^'^^'" Athanasios war nicht der 
Erste, der dieses Gleichniss anwendete, derselbe schloss 
sich vielmehr in dieser Beziehung an das kirchliche 
Herkommen an, wie er denn in seiner „Epistola de sen- 
tentia Dionysii" c. 18, p. 256 aus dieses seines Vorgän- 
gers Schrift ^'Eksyxog xal dnoXoyCa eine Stelle mittheilt, 
worin dieser dasselbe Gleichniss von der Quelle und 
dem Strome schon in demselben Sinne verwendet. Auch 
das Bild von der Sonne {^Xiog) und ihrem Ab glänz 
(dnavyaafia) , als deren gemeinsame Wesenheit das 
Licht {(pöog) bezeichnet wird, findet sich ebenfalls 
schon bei Athanasios, der es (Contra Arianos III, 
€.4, p. 553) also fasst : xal yaQ xal t6 dnavyaüiia ycöc 
iCTiV, ov devTSQov Tov '^XCov ovdi stsqov cpcSg ovdi xard 
^sravcCav amov, dXX" oXov l'diov avrov Yivvriiia, ro d^ 
TotovTov Yivvriiia i^ dvdyxrjg ev ic^Ti yicog^ xal ovx av ng 
€&7toi' ovo cpüSva slvai Tama, dXXd ovo fji^iv ^Xiov xal dnav- 
yaCfia, Sv d^ to i^ ^^XCov cpcSg iv roy d7iavyd(TfiaTi^ ^oot^^ov 
td Ttavraxov. ovtoo xal iy rov vlov ^soTrig tov naxQog 
iüTiv, oS-sv xal ddiatqsTog iüriy xal ovTa)g eig ^eog, xal 
ovx e&viv aXXog nX^v avTov. ovtco yovv ev avtcov ovrcov 
xal fiiäg avT^g ovtffjg rijg S-eori^Tog rd avrd k^yerai tcsqI 
TOV vlov, o(fa 'kiyexaif xal ttsqI tov naTQog, xoiqlg tov X(- 
Y6(ix^ai naTtiQ. Es ist aus diesen Stellen klar und wird 
durch viele andere hinreichend bestätigst, dass Atha- 
nasios darin nur das durch die Arianer in Frage ge- 
stellte Verhältniss des Sohnes zum Vater im 
Auge hat, vermisst dagegen wird darin noch 
völlig die Beziehung auf den heiligen Geist. 
Denn da „jenes Streben, die Lehre vom Sohne festzu- 
stellen^ zuerst sein Ziel erreichen musste und darüber 
fast die ganze Lebenszeit des von Gott zu dieser Auf- 
gabe berufenen Mannes verging, so musste er es zum 
Theil anderen Zeugen der Wahrheit überlassen, die 

10* 



148 Gregorios von Nazianz. 

Lehre vom heiligen Geiste an dasselbe Ziel zu fördern, 
zu welchem er die Lehre vom Sohne geführt hatte^ 
und mit dieser noch über dasselbe hinaus zu entwickeln. "^^) 
Bekannt ist, dass in erster Linie Apollinarios von 
Laodicea und nach ihm gerade die Kappadocier^ 
besonders Basileios und Gregorios von Nazianz 
es waren, welche die Lehre vom heiligen Geiste, insbe- 
sondere der Beziehung des Geistes zum Vater und 
Sohne dogmatisch entwickelt und weitergebildet haben. 
Wenn wir also in den vorher aus des Nazianzeners all- 
gemein als echt anerkannten Schriften sowohl, wie 
auch aus dem durch Eyssel in das dritte Jahr- 
hundert gerückten Briefe an Euagrios nsgl ^eoT^^rog 
angeführten Gleichnissen, welche das innertrinitarische 
Wesen Gottes veranschaulichen sollen, die bei Athana- 
sios sich noch nicht findende Beziehung auch auf 
den heiligen Geist bestimmt und deutlich ausge- 
prägt sehen, so werden wir auch aus dieser Beobach- 
tung den allgemeinen Schluss ziehen dürfen, dass der 
Brief an Euagrios dem Ende des vierten Jahr- 
hunderts angehört. 

In der Einleitung dieser Untersuchung wies ich 
darauf hin, dass wir, um voUe Klarheit in der Ab- 
fassungsfrage zu gewinnen, die Pflicht hätten, den 
Brief an Euagrios, was seinen dogmatischen Gehalt an- 
langt, mit den unzweifelhaft echten Schriften des Gre- 
gorios von Neocäsarea, dem ja Ryssel die Ur- 
heberschaft zuschreibt, zu vergleichen, und zwar, wie 
dieser S. 107 will, darauf hin, „ob der Inhalt unserer 
Schrift der trinitarischen Ansicht Gregors und seiner 
Ausdrucksweise entspricht.'^ 

Ich muss gestehen, dass mir, nachdem ich bis hierher 
den Nachweis für die Abfassung der Schrift durch Gre-. 
gorios von Nazianz erbracht habe, RyssePs Hinwei» 
auf des Neocäsariensers Schriften völlig 
bedeutungslos erscheint. Es ist in der That zu 



^^y Heinrich Voigt, Die Lehre des Athanasius von Alexandrien. 
Bremen, Müller 1861. S.81. 



Gregorios von Nazianz. 149 

wenig, was da überhaupt herangezogen werden kann, 
und dies Wenige beschränkt sich auf so allgemeine 
Ausdrücke, dass nach meinem Dafürhalten damit nichts 
zu machen ist. Eyssel führt zunächst (S. 107) an, dass 
in des Neocäsariensers Rede an Origenes „vor allem 
eine praktische Auffassung der göttlichen Oekonomie" 
hervortritt. Das ist richtig; aber was fangen wir mit 
einer so wenig eigenthümlich dogmatisch gefärbten Aus- 
drucksweise an, wie wir sie in dem von ihm angeführ- 
ten vierten Kapitel des Panegyrikos auf Origenes 
finden? Dort sagt G-regorios nämlich: „Aber die Lob- 
sprüche und Jubelrufe gegen den Beherrscher und 
Erhalter des Weltalls (tcSv ndvrcov ßadi^X^a xccl xfjdefiova), 
der die unerschöpfliche Quelle alles Guten ist (r^r 
diaQx^ nriYviv ndvxtöv dyad'mv), wollen wir an denjenigen 
richten, der. auch hierin unsere Schwäche heilt (tw xdv 
TovTM T^V dfsd-ivsiav "^ficov ioofi^vo}) und allein das Feh- 
lende zu ergänzen vermag, den Führer und Erlöser 
unserer Seelen, sein erstgeborenes Wort, den Schöpfer 
und Lenker des Weltalls (rw jtQodTdvTi rcSv fjfisr^Qcor 
t//v%cöv xat (fcor^Qi, tco 7tQ(OToyov€l avrov Xoyo), tw TidvToov 
dijfitovQyo) xal xvßeQvi^Tfj). Er allein vermag sowohl für 
sich selbst als auch für Alle und zwar für jeden ein- 
zeln so gut wie für die G-esammtheit zumal fortwährend 
und unausgesetzt seinem Vater den Dank darzubringen, 
weil er selbst die Wahrheit, sowie die Weisheit und 
Kraft des Allvaters ist (on avxoq fj dli^d-eia cSv xal ri 
avTov Tov TiuTQog tcjSv oXwv xal (So(pCa xal divaiiiq) und 
weil er in ihm ist und mit ihm vollkommen geeinigt 

bleibt [Iv avTM cSv xat ngog avrov aVf/vcög i^vcofi^vog) 

Er allein vermag am vollkommensten den ganzen Zoll 
des Lobes darzubringen, das demselben gebührt; 
von ihm, den der Allvater selbst mit sich Eins gemacht 
{ovTiva avTog 6 nSv oXwv narriQ €V jtQog avrov Ttoifjtsd- 
fAsvog), indem er durch ihn sich nahezu selbst über- 
troffen hat, von ihm muss er auch durchweg in gleich 
hohem Grade gewissermassen wieder Ehre entgegen 
empfangen; und dazu ist zuerst und einzig unter allen 
Wesen befähigt sein Eingeborner, Gott das Wort, das 



150 Gregorios von Nazianz. 

in ihm ist (o fiovoyevi^g avtov, 6 Iv avzM Qsog Xoyog).^ 
Mit den hier angeführten Ausdrücken können die in 
dem schwungvollen Schluss des Schreibens an 
Euagrios in einer einzigen Stelle auf Gott gehäuften 
Bezeichnungen, 6 rcSv dyaS-cSv ccTrdvrwv Qeoq, o r^g dXf^" 
d-sCag TiQVTapig xal tov (Tcot^Qog naf^Q, t6 tvqcStov afnov 
T^g ^(a^g xat ro xrig dd-avadCag fpvvov, fj Tfjg dei>^w£ag 
TtTiYri, gar nicht verglichen werden, noch weniger der 
von der Ungetheiltheit der Dreieinigkeit in des Neocäsari- 
ensers überaus kurzer ^Ex^€(t&g r^g TtCavswg (in 
Migne's Patrol. graec. tom. X. S. 985 — 987) gebrauchte 
Ausdruck: Tqtdg reXeCa, öo^tj xal dl'dioTTjTt xai ßaCiXeCa, 
fi^ (ji€Qi^ofi^pfj fifjdl djraXXoTQiovfi^vfj. Denn die Unzertrenn- 
lichkeit, Einzigartigkeit und Untheilbarkeit des gött- 
lichen Wesens, worauf als auf den Hauptinhalt der 
Schrift an Euagrios Ryssel S. 108 noch besonders 
hinweist, wird von dem Nazianzener, wie wir zum 
Theil im Vorhergehenden zu sehen Gelegenheit hatten^ 
noch viel öfter, viel ausführlicher, viel schlagender und 
packender im Ausdruck behandelt. Wie wenig die 
Angabe des Zweckes der durch die Zunamen be- 
wirkten Zertheilung in Personen, nämhch ro xQfjatiiov 
T^$ ^liExiQctg Twv \pv%(Sv (TcorrjQ^ag, zu einem ßückschlus» 
auf die ersten christlichen Jahrhunderte, auf welchen 
ßyssel auch in diesem Zusammenhange (S. 108) zurück- 
kommt, berechtigt, habe ich oben bereits nachgewiesen. 
Als ein Zeugniss für die Urheberschaft des Gre- 
gorios von Neocäsarea verwendet Eyssel (S. 109) 
auch noch den Umstand, „dass die Beweise aus der 
heiligen Schrift in unserem Schreiben fast ganz zurück- 
treten.'^ Zunächst ist der Ausdruck „fast ganz'^ hier 
nicht richtig, denn irgend ein Zeugniss aus der 
heiligen Schrift ist in dem Briefe überhaupt 
nicht vorhanden, ßyssel stützt seine Beweisführung 
auf seine Uebersetzung. Dieselbe lautet an der be- 
treffenden Stelle, unmittelbar nachdem des Euagrios 
Frage und Schlussfolgerungen von Gregorios übersicht- 
lich berichtet worden sind, S. 66 : „Dies hast Du uns 
gesagt, und die wahren Beweise dafür bietet 



Gregorios von Nazianz. 151 

Dir in der That die Schrift, da es ja keine Ein- 
bildung ist, durch welche der unbeweisbare Glaube — 
weil es weder einen Beweis, den die Schrift Dir 
bietet, noch durch die Zeugnisse alter Sentenzen giebt — 
die Schwachheit seiner Zuversicht zu verbergen sucht, 
sondern eine genaue, mit Einsicht und Pietät unter- 
nommene Untersuchung (^^Tfjffig), indem die Reflexion 
die Zuverlässigkeit der Theorie klar darlegt. Es möge 
nun deshalb die Schrift zu uns kommen und 
uns sagen, wie es sich geziemt über Gott zu denken, 
was von beiden er wohl ist: einfach oder dreifach zu- 
sammengesetzt.'^ . EigenthümHch ist es, dass, obwohl, 
wie Ryssel S. 109 anerkennt, „Gregor den Haupt- 
werth darauf" legt, „dass seine Ueberzeugung gegründet 
sei auf eine mit philosophischem Nachdenken ange- 
stellte Untersuchung (S. 43, 22 ff.)," der schriffcgemässe 
Nachweis, den man nach dem Ausdruck der Ueber- 
setzung nothwendig erwarten müsste, nirgends sich 
findet. Eyssel meint zwar, „das einzige Citat (S. 45, 
21 f.) hat Gregor nur deshalb beigefügt, weil es ihm 
nach S. 43, 23 (vgl. Z. 19) darauf ankam, seinem Gegner 
jeden Vorwand zu entreissen" ; allein auch hier irrt 
eben die Uebersetzung, wenn sie in dieser Fassung 
auftritt (S. 69 a. E.) : „so sind (Z. 21 und 22) auch unser 
Erlöser und der heilige Geist Zwillingsstrahlen des 
Vaters und bis zu uns wird das Licht gebracht: denn 
„ich bin das Licht und mit dem Vater geeint"" — und 
in Folge dessen auch der Uebersetzer, wenn er zu den 
Worten die Anmerkung fügt: ^Die zwei coordinirten 
Sätze Z. 21 und 22 sind Schriftstellen (vgl. 43, 23), und 
zwar sind sie aus Joh. 8, 12 („ich bin das Licht der 
Welt") und aus 10, 30 („ich und der Vater sind eins") 
entnommen." Die Urschrift lautet ganz einfach: tov 
avrov TQOTtov xal 6 (Soht^q 6 '^iiirsQoq xal to nvedfia to 
ayiov, ^ dCdv^oq tov nargog dxrCg, xal [i^XQ^g "^fiäv diaxo- 
veZtai Tfjg dXfi'd'BCag to (pdog xal t(S tcoxqI (fw^rwrai, Ist 
so die einzige Schriftstelle, welche Eyssel in dem 
Schreiben gefunden zu haben glaubte, wie die vor- 
stehenden Zeilen deutUch zeigen, einfach beseitigt, 



152 Gregorios von Nazianz. 

SO fragt es sich nunmehr: Was hat denn Gregorios in 
der vorher in EysseFs Uebersetzung aus dem Syrischen 
wiedergegebenen Stelle wirklich gesagt? Tavra nqoq 
^fiäi; e^aaxsq — so schloss Gregorios seine einleitenden 
Bemerkungen über Euagrios' Frage und Schlussfol- 
gerungen ab — : cö^ %dq dnodeCl^siq — fährt er un- 
mittelbar fort — o TTiq dXfj^s^.ag dxQißcSg nagaa^'^aei 
Xoyoqj ov nCüTswq dvaTtode^xrov ^tavtaaCav dnoQCcc z^g 
dTtodsd^soDq dXoyiaq jiQol'dxofisvogy ovdi fiv^tov naXaicav 
fiaQTVQ^atg to üax^Qov z^g 7r87Totx^'^(f€€og lavvov xakvTCzeir 
7t€iQ(S fjisvog, dXXd ^fjri^aeiag dxQißovg xazavo'qcei xaX Xoyi(f- 
ficSv oQ&oTfjTi T'^v Tov -d-BooQriiiaTog TT/CrcöCiv sig Tovfjb^avig 
TtQOTiS'^fisvog. ays d^ XoiTtov ^fiiv o Xoyog ivT€V- 
'd'sv &ia(!€viT CO , xal ncog Ö€l to x^sIop V7ioXafißdv€iv 
(paffx^Tdo, noTSQov dnXovv ^ TQinXexig, Der ganze Ab- 
satz zunächst ist, was die Fassung und Darstellung 
anlangt, durchaus klar und ebenmässig und von unver- 
kennbar rhetorischem Gepräge. Gerade mit Rücksicht 
auf diese Stelle, die freilich nach Ryssel's Uebersetzung 
als ein grosses und schwerfälliges Satzgefüge erscheint, 
behauptet derselbe (S. 109), „dass auch der Stil, soweit 
wir ihn noch aus der syrischen Uebersetzung heraus- 
fühlen, einer Autorschaft Gregorys (des Neocäsariensers) 
nicht ungünstig ist." Eyssel führt aus unserer -Schrift 
nur noch jenes oben von mir mitgetheilte, grossartig 
angelegte und ausgeführte Gleichniss von der Quelle 
und den Strömen an, das nur durch eine Einschaltung 
von wenigen Zeilen durchbrochen wird. Im Uebrigen 
ist von den „grossen und schwerfalligen Perioden, die 
für seinen Panegyricus charakteristisch sind," in diesem 
Schreiben an Euagrios nichts zu finden. Auch in seinem 
Aufsatz „Zu Gregorius Thaumaturgus" (Jahrb. f. prot. 
Theol. VII, S. 570) kommt Ryssel auf diese äussere, 
wie mir scheint, bisher nicht genügend beachtete Seite 
der Frage zurück. Er sieht, trotzdem er doch jetzt 
nach der griechischen Urschrift zu urtheilen in den 
Stand gesetzt ist, in den „von den oben erwähnten 
Gelehrten gegen die Abfassung von Gregor dem Nazi- 
anzener geltend gemachten Bedenken," in der „Schwer- 



Gregorios von Nazianz. 153 

fälligkeit des Stils, die völlig mit der eleganten Ausdrucks- 
weise des Nazianzeners constrastirt," ein unmittelbares 
Zeugniss, welches für die Abfassung der Schrift von Seiten 
des Gregorios Thaumaturgos spricht. Ich kann mich 
wiederum hiermit nicht einverstanden erklären. Wie 
durchaus allgemein sind die Urtheile jener Männer, welche 
Ryssel mittheilt; wenn Combefisius sagt: „epistola 
paullo est intricatior nee iis luminibus nitet, quibus G-re- 
gorii reliqua," oder Petavius: „tum styH dissimilitudo, 
tum pedestris illius ac plebeius sermo, minimeque Nazian- 
zeni elegantiam et granditatem redolens," und endlich 
Tillemont: „les mots . . . ne sont point des ele- 
gances de saint Gregoire; aussi le raisonnement qu'il 
emploie est tres-faible" ! Ich behaupte im Gegentheil, 
es findet sich keine Spur hier von jenen Mängeln, die 
Isaak Casaubonus an des Neocäsariensers Stil in 
seinem Panegyrikos rügt; nichts von der „occurrens 
subinde compositionis asperitas," welche Bengel an 
demselben Schriftwerk bemerkt; nichts von der Unbe- 
holfenheit und Schwerfälligkeit des Ausdrucks, die auch 
in des Gregorios . kanonischem Briefe (vgl. die von mir 
im Anhang meiner Schrift „Der Brief an Diognetos" 
[Leipzig 1881], S. 173 fi". gegebene berichtigte Fassung 
der Schrift, besonders Z. 92 — 106) unverkennbar sich 
zeigt. Im Briefe an Euagrios ist Alles klar und durch- 
sichtig, die "Wortstellung sinnreich und durch rhe- 
torische Gesichtspunkte bestimmt, die Sätze sämmtHch 
geschickt gegliedert und stilistisch wohl abgerundet, 
oft schwungvoll dahineilend in schöner, mehrfach dich- 
terisch gefärbter und an Platon's klassische Ausdrucks- 
weise erinnernder Sprache : alles dies Eigenschaften 
der Anordnung und der Darstellung, welche in so 
hohem Masse Gregorios von Nazianz, dem gefeierten 
Redner, eigen sind, als dessen Werk ja eben auch gerade 
wegen der Schreibweise der Brief an Euagrios so be- 
deutenden Kennern der Sprache des Theologen, wie L e u - 
venklaius und Billius unbedenklich gegolten hat. 
An dieser Stelle wird es nöthig sein, mein Urtheil 
über die sprachliche Seite der Schrift genauer 



154 Gregorios von Nazianz. 

ZU begründen. In hervorragendem Masse ist der Aus- 
druck derselben dichteriscli gefärbt. Dahin gehört in 
erster Linie die kühne dichterische Wendung ^filv o 
Xoyoq x^iaaev^Tdo, das Verbum S-tatSsveiv von den bak- 
chischen Festaufzügen entnommen, hier auf die freu- 
dige Führung der leitenden Vernunft in wissenschaft- 
licher Untersuchung bezogen. Dichterisch sind femer 
die Ausdrücke xvxXoc, von der Sonnenscheibe, ein den 
Tragikern geläufiges Wort, og^S-alfidg, in dem Sinne 
von „Quellort, Quellloch", (psyyaoöfjg, strahlend, glänzend, 
von Jesus gesagt, vdcoQ vexTagiiSdeg, das Duften, die 
Lieblichkeit und Anmüth des Göttertranks auf das .hell- 
sprudelnde Quellwasser übertragen, Qeog, 6 r^g dXi^&eCaq 
TtQVTavi^g, letzteres Wort bei Pindaros und Aeschylos 
vielfach vorkommend für „Fürst, Herrscher" und das 
Homerische to ^vtov „^sliuxi^ in dem Epitheton Gottes 
To Tfig d-9'avaaCag ^vtop. 

Dass Gregorios von Nazianz ebenso wie Basileios 
in seinem Denken und demzufolge auch im sprach- 
lichen Ausdruck durch den Piatonismus beeinflusst 
worden ist, dürfte eine besonders seit Albert Jahn's 
grundlegenden Arbeiten auf diesem Gebiete bekannte 
Thatsäche sein. Auch ih dem Schreiben an Euagrios 
stossen wir wiederholt auf platonische Spuren, wäh- 
rend im Uebrigen der Sprachgebrauch sich auf das engste 
mit dem in den anderen Schriften des Nazianzeners 
sich findenden berührt, wie dies theilweise vorher schon 
hervorgehoben ist. Beides möge durch einige Beispiele 
veranschaulicht werden. Gleich im Anfange des Schrei- 
bens (p. 717) heisst es: TTjhxovToov ^fjTi^iTecov aiTiog xa- 
x^^CüTaaai y womit zu vergleichen die bei Piaton be- 
sonders beliebte Verbindung aSriog Tivog mit dem Dativ 
der Person, der in unserer Stelle vielleicht nur des- 
wegen ausgefallen, weil sofort sich daran anschliesst: 
Talg dxQißiöiv iQcoTi^tTsaiv sig dvdyxrjv ^ fiag tov Xfyeiv . . . 
TteQüardg: so Plat. PoL II, p. 380, B. : xaxcSv . , . aVrioy 
(pdva& S'cov rnn yfyvedx^ai u. s. w. Platonisch ist die eben 
erwähnte Wendung eigdvdyx'fjpTTßQil'atdvai in der 
transitiven Bedeutung „versetzen in'*, vgl. Axioch, 



Gregorios von Nazianz. 155 

p. 370, D : elg tovvuvtCov fis rw koyw neQiiaraxaq und 
den vorzüglichsten Nachahmer Platon's, Methodios nsql 
Tov avT€^ov<SCov p. 449, 5. 6 ; iy y^Q di^atpoqd toSv . yeyovo- 
Twv eig Totavtfjv fie 7t€Qi^(fTfj(fiv i^^raaiv rovds rov Xoyov. 
Platonisch sind die Ausdrücke auf p. 717 : to yccQ dnXovv 
fiovoeidäg xat dvägi'd'fiov und auf p. 718 : (Gott) ccTti,^ 
TtdvTtog iarl xat d fi^Q$(TTog ovtsCa^ gerade das Wort 
liovoeiö'^g fast stehend bei Piaton zur Erklärung der 
göttlichen Natur, vgl. u. A. Theaet. p. 205, D : («/ ahCa) 
Tov [lovostdig Ti xat dfi^Q^tfrov avto elvat, desgl. Method. 
TtSQt T. avT€^. p. 307, a. 11. 12: ei . . . aTvX^ rig Irvyxcc- 
V€V jy vXfj xat (j,ovo€td^g. Platonisch ist ferner die von 
der Gottheit neben ro S'siov gebrauchte Bezeichnung 
To xQciTTov p. 718: dXX* JcTcog xat o r^g diaiQitSswg rmv 
orofidtdov dvTifTcCmsi fiot Xoyog, tm TQcig dgiS-fico t6 rop 
xQsCrTpvog fiovosiöig d^aiQov fxavog und Ta xQsCxrova p. 720: 
dfi€Qfjg yaQ, oSg ^^afi€v i^ ^QX^^y V '''^'^ xge^TTovoav ^vtSvg ; 
platonisch das Verbum Sol^di^siv p. 719: nv^g . . . 
drd^&a v£v ■d'eCtav Talg iavrcSv ivvoCaig dol^d^ovüiv, vgl. 
Ast, Lex. Plat. I, p. 556 ff. ; platonisch der Gebrauch 
des Wortes äiax6afifj(fig in der Bedeutung „die An- 
ordnung der Welt", dann „die kunstvoll geordnete 
Weif* p. 720: oyyS^akfiog TtorafifjäSv ini^xel tm Ttavrt Tag 
dxTlvag . . . neXay^^cov dd-qowg t^v di^axoGfiriCiV, vgl. 
Method. ap. Epiph. p. 555, A. 556, C, Basil. de spir. s. 
c. XVI : ^ dk r^e IxxXfja^ag diaxoü/itiifig ovxt (fa^cSg xat 
dvavTiQQ^Tttig dtd tov nvevfiaTog IvegyelTai ; — Ausge- 
bildet ist dieser Sprachgebrauch besonders durch Piaton 
Phaedr. p. 246. E., Tim. p. 37, D. 53, B. 69, C, der sich 
darin schon dem Anaxagoras anschloss, vgl.^Phaed. p. 97, 
C: dxovtsag fiiv nors ix ß^ßXCov Tivog, cSg f^fj, l^va^ayo- 
Qov dvayiyvcidxovTo^ xat XiyovTog, (ag äga vovg itPrtv o 
diaxoCiiwv TS xat ndvT(av aVttog desgl. Grat. p. 400, A. 413, 
C; platonisch ist endlich die Verpersönlichung 
des Xoyog in der schönen, oben erwähnten Stelle 
p. 718 : ay€ d^ XoiTtov iljfilv o Xoyog ivTsv-^ev -d^taasviTw 
xat Tiäg dsi t6 ^eiov vjtoXafißdve&v fpaaxirm, vgl. Plat. 
Phileb. 35, D : dnodsdiag . . . o Xoyog, im Folgenden 
dann o Xoyog algel und ipa(v€Tai ßovXsfSd^ah dijXovv 6 Xoyog, 



156 Gregorios von Nazianz. 

Anderen Ausdrücken und Wendungen als den zu- 
vor schon aus der Schrift ngog EvdyQiov behandelten 
begegnen wir in derselben Fassung- und Bedeutung 
wiederholt in den El e d e n des Grregorios. Zu p. 717 
'd'€WQfj fj^drcov aJV^og und p. 718 t'^v rov -3- €wqi^ fiaro g 
nCdTduaiv, also -S^ecoQfjitia = quaestio, vgl. or. XXXIV, 
p. 545: iv roig -d-scoQi^fiarfiP^ slre S-eCoig sVts xat dv- 
•d-QoanCvoig. Zu p. 717 aVriog xa&((fra(rai (auctor) vgl. 
or. XXIX» p. 490 : S-soTfjvog oSv aVriog v^g iv vl(S xal 
TtvevfiaTi ^ewQovfi^vfjg, ebendaselbst: dgx"^ ydq vlov na- 
TfJQ cog aVnog. Zu p. 717 (es handelt sich um die 
Natur des göttlichen Wesens) tvotsqov dnXij r^$ ^ fSvv- 
•d^sxog vgl. or. XXXV. p. 574: (die erhabeneren Aus- 
sprüche der Schrift sind auf die göttliche Natur — 
^iV(Sig — zu beziehen) xd 8h xansivoTeqa rm (Svvd-irop 
xal TcS ötd ah xsviad-ivTi xal (TaQXcoS'ivTir. Zu p. 718 : 
Tva-d-og d laiQ^aewg vito^iivstv und ndS-og yaQ ^ rofii^ 
vgl., or. XXIX. p. 489 : TraQairovfjbevoi xal r^^ dTOTtcor^gav 
d ia^Q€(fiv y or. XXXIII, p. 532: T^ yivvrja&v axavei 
S-sov . . . xal To fiTjv xal öia^gsaiv, or. XXXV. p. 567 : 
xardßaX^ aov rag ^svcsig xal rdg diaiQ^ae ig xal rdg 
TOfidg. Zu p. 719 ^ d-sCa ts xal dfisQrjg tov xQsCtTovog 
ov(SCa . . . iisgCL^edS-at tdlg ovofiaa^aig doxsl vgl. or. 
XXXV. p. 564: (G-regorios redet vergleichsweise von 
dei: menschlichen Abstammung aus Vater und Mutter) 
ij dfiipolp "ijfistg, ov% ivog, Sars fisQ^t^aS'ai, xal xax 
oXCyov dv&QcoTroi, xal olov (i'^ T€'d'sX^ fi€^a u. s. w. Zu 
p. 718 r^v ydq dfisQ^ rov XQ€^TTovog evotxfiv ov xaraßXd- 
xpei TOdv orofidrcov iy ^^aig vgl. or. XXXVII. p. 602: 
dvaiQslg i^ficSv ti^v svcoatv, Epist. I. ad Cledon. p. 740: 
did Ti^v TTQog TOP ovQdpiop BPonaip , Epist. n. ad. Oledon. 
p. 749: xarrjyoQovaip i^fJoSp Mg . . . fisQi^oPTcop ti^p vnsq- 
(pv^ xal S-av^iatsCap epoDüip. Zu p. 718 xvqiop opofia 
Tcop poijtcSp t€ xal daco fidrcop ovSip vgl. Epist. I. ad. 
Cledon. p. 741 : ovdh ydg, sl'nsQ (foDfiarixciSg cxonslg, dyyel- 
op ydq fisdtfjipalop ov %(aQri(S€i difiiöifipop, (Svöi adfjbaTog 
ipog TOJtog ovo ^ nXeCm üd^ara, sl dh cog pojit d xal 
d (fco fiara , üxoTtsi ori xal ifjvx^p xal Xoyop xal povp 
xal Ttpsv^ia ayiop 6 avrog ixcoQfjCa. Das entschieden 



Gregorios von Nazianz. 157 

seltene Wort dgQevo^fjXvg in der Stelle p. 719 Ao- 
yog . , . (XQQSvixdv fiiv €x^^ rovvofia, Ttdcffjg di xal avrog, 
eog ^a^iiv, aQQsv oS'iqXvoq ixxog ifTTi (fcofjharoTfjrog findet 
sich wieder or. XXXVII. p. 596 : MaQxC(ovog xal BaXev^ 
tCvov S-sog aQQsvo d-fiXv g, rov rovg xaivovg altSvag dva- 
TVTTcoffavTog. Endlicli zu p. 720 ^ fiiv dxzlg awriTtTat 
TW xvxXoy (in dem herrliclien, oben erwähnten Gleich- 
nisse von der Dreieinigkeit) vgl. or. XXXIV. p. 536: 
(A(S%€ . . . iiCav ix rrlg fiidg S'eoTfjTog y€V^(!'3'ai' Tfjv eXkafi-^ 
ipiv ivtxfSg öiaiQovfiivfjV xal (XvvaTiTOfi^vfjV diatgeTcSg, o 
xal naqddo^ov, und Epist. I. ad Cledon. p. 739: EY rtg 
ofg iv jrQofp^Tfj Xfyo& (von der Trinität) xard xdqi^v ipfjQ-^ 
yi^xivat, dXXd fifj xaT^ ovcCav (fvv^^'d'a^ xs xal (Swamea^ 
■d'ai, BÜri xevog r^g xQsCxTovog ivsQyslag. 

Während so zwischen der Schrift an Euagrios und 
den übrigen Reden des Nazianzeners einerseits und 
dem auch sonst bei Gregorios stark hervortretenden 
Piatonismus andererseits zahlreiche Berührungen sich 
ergeben und innige Verwandtschaft sich zeigt, sehen 
wir uns in dem Panegyrikos des Pontischen Gregorios 
vergebens nach sprachlich ähnlich lautenden Stellen 
um, aus denen auf die Abfassung des Schreibens an 
Euagrios durch jenen geschlossen werden könnte. Die 
sprachliche Vollkommenheit tritt bei diesem sehr er- 
heblich zurück, und Isaak Casaubonus' Ur- 
theil über die Schreibweise des Neocäsari- 
e n s e r s bleibt als das. eines der urtheilsfahigsten älteren 
Gelehrten auch heute noch unumstösslich. Er sagt von 
dem Verfasser des Panegyrikos (in Greg. Thaum. Pa- 
negyr. ad Orig. ed. Bengel p. 134) : „Auetor huius ora- 
tionis scribit statim initio, se pridem abstinuisse ab 
omni studio dictionis excolendae : atque adeo per annos 
ipsos octo silentium Pythagoricum apud Origenem exer- 
cuisse. Addit etiam, ob positam operam in addiscenda 
hngua Eomana priusquam Origeni in disciplinam se 
traderet, Graecum sermonem prope se dedidicisse. Valde 
herum meminisse oportet inter legendum hanc oratio- 
nem. nam et in verbis et in dictione sive r^ avvS'iasif 
Tov Xoyov non pauca occurrunt, quae opus habeant ex- 



J58 Gregorios von Nazianz. 

cusationis. Putabam initio corrupta multa, quae postea 
depreliendi non corrigenda quidem, sed excusanda, ut 
ab bomine profecta dicendi insueto, et quasi tum primum 
nTSQvyC^ovTog. binc illa sunt xaivo7iQ€7t^, vel potius doXot- 
xoy>av^ non pauca, quibus obscuratum est hoc scriptum.'^ 
Doch kehren wir nach dieser sprachlichen Ab- 
schweifung zu der oben aus dem Briefe an Euagrios 
mitgetheilten Stelle zurück. Ich habe an dieselbe noch 
eine zweite Bemerkung zu knüpfen. Oflfenbar ist näm- 
lich daselbst von dem Worte der Schrift gar keine 
Kede. Wenn wir festhalten, dass Gregorios in dem in 
der Form der Selbstaufforderung den Inhalt des vorher- 
gehenden Satzgefüges zusammenfassenden Uebergange 
ays dfi XoATtov ^fiiv 6 Xoyoq IvreV'd'ev 'd'ia(Sevi'V(o xal 
TTcSg del ro S-stov vnoXaiißdveiv fpatfx^Tco das Wort Xoy og 
in der einzig möglichen Bedeutung ,,Vernunft" ge- 
braucht, so werden wir damit auch den Schlüssel für 
den richtigen Sinn des vorher gebrauchten Ausdrucks 
wv Tag ditoSsC^eig o rijg dXri'd'eCag dxQißtSg naqafSX'^- 
aei' Xoyog haben. Die Bezeichnung o r^g dXrix^sCag 
Xoyog bedeutet im Wesentlichen dasselbe, wie o Xoyog 
an zweiter Stelle, nur ist dieses noch näher bestimmt 
durch den die Stelle eines Adjectivs vertretenden G-e- 
nitiv rrlg dX^S-efag, in dem Sinne von „wirkliche, 
wahrhaft vernunftgemässe Untersuchung," 
ähnlich wie in der kurz zuvor angeführten Stelle Tijg 
dkrid^aCag ro ^cog steht, wofür ebensogut to ^<Sg ro dlfj- 
-d-ivov gesagt sein könnte. 

Werfen wir schliesslich noch einmal einen Blick 
auf den schon im Vorhergehenden beleuchteten Nach- 
weis ßyssel's, wonach Gregorios von Neocä- 
sarea, dem Beispiele anderer Schüler des Origenes 
folgend, die Schrift, von der wir handeln, gegen den 
Philosophen Porphyrios gerichtet habe. „Dass 
auch Gregor," sagt derselbe S. 111, „sich mit unserer 
Schrift gegen den Porphyrius wendete, dafür kann 
man einen Hinweis schon in folgender Einzelheit sehen. 
Porphyrius suchte in seiner Streitschrift vor Allem die 
Autorität der heiligen Schrift zu erschüttern, dagegen 



Gregorios von Nazianz. 159 

wollte er dem religiösen Glauben Ersatz schaffen durch 
allegorische Auslegung homerischer Mythen und durch 
Zusammenstellung alter Sprüche, in denen er göttliche 
Orakel sah." Hierauf bezieht Byssel die Stelle, 
welche ich zuletzt aus seiner Uebersetzung und im 
griechischen Wortlaut angeführt und behandelt habe. 
Er findet, die dort nach seiner Uebersetzung angege- 
bene Wendung auf die Schrift und auf die Zeugnisse 
alter Sprüche habe „nur einem Gegner gegenüber Sinn 
und Bedeutung, welcher neben oder vielmehr über die 
heilige Schrift alte Sprüche als beweiskräftige Zeug- 
nisse setzte, indem es hierbei dem Gregor darauf ankam, 
dem Porphyrius jeden Vorwand, auf den er sich stützen 
könnte, zu entreissen.*^ Es ist klar, dass, nachdem ich ge- 
zeigt, wie in dem ganzen Schreiben an Euagrios von der 
Schrift nicht mit einem Worte die Rede, die vermeint- 
liche Beziehung auf Porphyrios, der das Ansehn der Schrift 
zu erschüttern suchte, durchaus hinfällig ist. Auch die an- 
dere Beziehung auf Porphyrios' sinnbildliche Deutung ho- 
merischer Mythen wird dasselbe Schicksal theilen müssen, 
wenn wir uns erinnern, dass Gregorios, der — was ja einem 
philosophisch gebildeten Freunde gegenüber durchaus am 
Platze war — in jener Stelle, wo es sich rein um die ver- 
standesmässige Untersuchung der Gotteslehre handelt, 
die Aussagen des schlichten christlichen Bewusstseins wie 
auch die Zeugnisse alter Mythen zurückweist, gerade 
in Bezug auf letztere auch in der mehrfach angeführten 
XXXVn. Rede sich deutlich auslässt. O? ts yccQ naq 
''EXX^vcov (feßofisvoi 'd-soC rs xat daC^ovsq, — sagt er dort 
p. 601 — (aq avvol XiyoviSiv, ovökv ^ficov öiovrai xarfjyoQooVj 
dXXd ToZg Cfpwv avTcop aXCriTtovrai -S'SoXoyoK;, cog (i^v Ip- 
naS-eig, cSg da atatSKiöstg, otsiav di xaxcov yifJbovTtg xat (isra- 
ßoXoSv xal ov TtQog dXX^Xovg fiovov, dXXd xal nqdg rag TtQcorag 
ahCag dvrid-irwg ?/o)^fi$, ovg xal ^Qxeavovg xat TrjS-vag xat 
OdpTjtag xat ovx olöa ovg rtvag ovo^d^ovai, xat rsXsvralov 
Tiva 'd'eov iiifSorsxvov did tptXaqxCav, ndvtag xaraTtCvovTa Tovg 
aXXovg i^ dnXfidTCag, Xva y^vf^rai ndvxwv dvdqodv te S'ecov 
T€ navTiQ, äv(JTVX(Sg iad-iofAiviav xat ifjiovfji^vcüp, ei d^ 
ravTa (ivS'oi xat vnovotaC vivsgy cog avroC ^a(Ti, 



160 Gregorios von Nazianz. 

ro aiaxQor tov koyov öiadiÖQoiaxovTeg, tC ^^(fov(f& 
TiQog To TQiX'd'd öi ndvra didaaTui ; xal t6 aXkov oiXXt^ 
Tivl TcSv ovTdüv imaTaxelv, 6ii]Qfifiivovg xal xalq vXatq xal 
Toig dl^im^aüi] to di ^iiixeqov ov toiovtov. 

Endlicli geht Eyssel S. 112 nocli auf den Gegen- 
satz zwischen Realismus und Nominalimus 
ein, als dessen Urlieber jaPorpliyrios zu gelten hat, 
und vermuthet: ^Von diesem nominalis tischen Stand- 
punkte aus wird Porphyrius den Einwand erhoben 
haben, dass der Gebrauch dreier Namen auch die An- 
nahme dreier Götter involvire, — was ihm in der That 
Augustin zum Vorwurf macht, indem er sagt : praedicas 
patrem et filium et horum medium ... et more vestro 
appellas tres deos." Dem gegenüber verweise ich auf 
dasjenige, worin ich zuvor über diesen Vorwurf gegen 
die Dreieinigkeit, wie er gerade zu des Gregorios von 
Nazianz Zeiten von den Arianem erhoben und von 
diesem besonders schneidig zurückgewiesen wurde, aus- 
führlich gehandelt habe. Wie hätte aber auch der 
Verfasser unserer Schrift, wenn er sie an Porphyrios 
richtete, gerade nach Erwähnung seiner Irrlehre (r^v 
ovcCav ofiov T^ Tcov ovofAaTMV vniriYOQCa ndS-og dta$Q^(f€(M}g 
v7iofifv€iv), aus dessen eigenem Sinne sagen können: 
dXX' ixsCvovg fi^p, cSg avTog yiyc, iariov, dad'Qäg rw r^^ 
vnolfjifj€(og avT(Sv avvrjyoQovvTag öoyfiaTi — ? Ryssel 
kommt gleichwohl zu dem schliesslichen Ergebniss, 
„dass wir in der Schrift über die Wesensgleichheit ein 
polemisches Schreiben des Gregor gegen den Porphy- 
rius zu sehen haben und dass derselbe diese Schrift 
schrieb, um seinen Lehrer gegen die Angriffe des heid- 
nischen Philosophen zu vertheidigen." Nach Allem, 
was ich über die in dem Schreiben deutlich zu Tage 
tretenden persönlichen Beziehungen des Schreibers zu 
dem Empfänger desselben auseinandergesetzt habe, kann 
von einem feindseligen Gepräge der Schrift keine Rede 
sein, und es ist, wie auch G. Lechler (Literar. Cen- 
tralbl. 1880. No. 20, S. 641—643) richtig erkannt hat, 
durchaus klar, dass der Verfasser „einen so principiellen 
Gegner des Christenthums wie Porphyrius, unmöglich 



Gregorios von Nazianz. 161 

im Auge haben kann'^. Ryssel ist (Jahrb. f. prot. 
Theol. VII, S. 572) zwar nicht abgeneigt, Lechler dies 
Zuzugestehen, dennoch aber hält er sich „nicht für be- 
rechtigt, ohne Weiteres, dem Zeugnisse des wohlunter- 
richteten Syrers entgegen, von der Ansicht abzugehen, 
dass der Brief sich gegen Porphyrius resp. seine Lehre 
richtet". Nach meiner Ueberzeugung ist eben der Em- 
pfanger des Schreibens vielmehr der in der Ueberschrift 
genannte, erprobte Freund des Gregorios von Na- 
zianz, der Mönch Euagrios.^^) 

Nachdem ich so die äusseren, durch die Ueber- 
lieferung gebotenen Umstände, sowie den Gedanken- 
gehalt und die Form der Schrift genau untersucht, 
beide mit den Werken des Nazianzeners und des Neo- 
cäsariensers verglichen und RyssePs für den Erweis 



^^) Zu der auf S. 117 genannten Heimathsstadt des Euagrios, 
Ibera in Pontus, für welche, in der Form Ibora, Valesius in s. 
Anmkg. zu Sozom. Hist. eccl. VI, 30 sich auf Kaiser Konstantinos 
Porphyrogennetos (911 — 959) als ältesten Zeugen beruft, möchte 
ich nachträglich noch aus einer Schrift eines älteren Gewährsmannes, 
des Mönchs und Presbyters Epiphanios, welcher nach C.Reuter 
(Epiphanii mon. et presb. edita et inedita. Cura Alberti Dressel. 
Parisiis et Lipsiae, apud Brockhaus et Avenarius MDCCCXLIII, im 
Index rerum S. 85 und 87) im 9. Jahrhundert, zur Zeit Ludwig's des 
Frommen lebte und in seinem Leben des Apostels Andreas (a. a. 0. 
S. 45 — 82) aus persönlicher Kenntniss und Erfahrung schätzbare geo- 
graphische Nachrichten über Land und Leute an den Gestaden des 
Pontos Euxeinos niederlegte (vgl. Dressel's Praefatio p. VII), die Form 
des Volks- und Landschaftsnamens anführen. Epiphanios redet S. 49 
von der Umgegend der Stadt Sebastopolis oder Dioskurias und des 
Phasis-Flusses und sagt da: ^vS-a oixovmv "ißtjQtg xal JSovgoi xcel 
'PovOTot xvcl IdkctvoC' S, 55 heisst es: ^ExHxhfv ccnctQccg dg 'IßfjQtcct/ 
(fitTQiipfy und S. 67 : ol df kotnol duQ/ofifyot mg noktig . . . xctrjjk&oy 
(lg 'IßrjQittv xccl dg lov 'Päciy. Schon Pomponius Mela (unter 
Caligula oder Claudius) erwähnt I, 13 (Kec. C. Frick. Lipsiae, Teubner 
1880) „super Caspium sinum" neben „Comari, Massagetae, Cadusi, 
Hyrcani" die „Hiberi", desor], III, 41 (perque Hiberas et Hyrcanos). 
Vielleicht von Mela in den Nachrichten über diese asiatischen Land- 
striche abhängig ist der Gothe Jordanis (gegen 555), der in seinem 
Werke „De origine actibusque Getarum" c. 5 (S. 7 der Ausgabe von 
A. Holder, Freiburg i. B. und Tübingen, J. C. B. Mohr 1882) als 
Grenzbestimmungen Scythiens angiebt: „ab arcto, id est septentrio- 
nali, circumdatur Occano, a meridie Persida, Albania, Hiberia, Ponte. ^' 

DrAseke« Ges. patrist. Unteriach. 11 



162 Gregorios von Nazianz. 

der Urheberschaft des letzteren vorgebrachten Beweis- 
mittel sorgfältig geprüft und zurückgewiesen, glaube 
ich überzeugend gezeigt zu haben, dass nicht Gregorios 
von Neocäsarea, der Schüler des Origenes und Zeitge- 
nosse des Porphyrios, sondern, wie die handschriftliche 
Ueberlieferung, soweit ich darüber urtheilen kann, über- 
wiegend bezeugt, und ein Theü der gelehrten Forscher 
bis jetzt übereinstimmend angenommen hat, Gregorios 
von Nazianz der Verfasser der Schrift nQog Evd- 
YQiov fiovaxov ncQl S'SOTfjrog ist. 

Anders liegt die Frage bei der zweiten von R y s s e 1 
in deutscher Uebersetzung aus dem Syrischen (a. a. O. 
S. 71 — 99) mitgetheüten Schrift „An Theopompos 
über die Leidensfähigkeit und Leidensun- 
fähigkeit Gottes'^. Ryssel hat in seinem Nach- 
weise, dass' die Schrift an Theopompos als ein echtes 
Werk des Gregorios von Neocäsarea anzusehen ist 
(S. 118 ff.), wie von allen Beurtheilern seines "Werkes 
anerkannt ist, unbedingt das Richtige getroffen; doch 
bleibt — darüber mögen zum Schluss einige kurze 
Bemerkungen gestattet sein — (S. 123) ein letzter 
Punkt unerledigt, nämlich die Frage, gegen wen sich 
wohl die Schrift richtet und was es mit den genannten 
Personen Theopompos und Isokrates für eine 
Bewandtniss habe. Auch ich vermag zwar gleichfalls 
nicht einmal eine Vermuthung darüber auszusprechen, 
wer der Theopompos war, an den die Schrift ge- 
richtet ist, wohl aber glaube ich betreffs des in der- 
selben Verbindung genannten Isokrates dazu im 
Stande zu sein, wodurch dann auch vielleicht auf Ziel 
und Absicht der Schrift, wie auf Gregorios' bischöf- 
liche Thätigkeit ein etwas helleres Licht fallen möchte. 

Eyssel hebt gerade auch S. 124 den Umstand 
hervor, dass „die griechischen Eigennamen in den 
syrischen Schriften häufig in veränderter oder gänzlich 
verstümmelter Gestalt überliefert werden". Er selbst 
erwähnt S. 88 die Verunstaltung des Namens K o d r o s 
zu Theos; Bäthgen hat, wie ich zuvor erwähnte, 
den ebendaselbst genannten Leukippos in seiner 



Gregorios von Nazianz. 163 

Besprechung von EysseTs Werk (Gott. gel. Anz. 
1880. S. 1400) sehr geschickt zu Lykiskos wieder 
hergestellt ; aus ähnlicher Vernachlässigung der griechi- 
schen Vorlage oder gelehrter Verbesserung von Seiten 
des syrischen TJebersetzers habe ich im Vorhergehen- 
den die Verwand elung des ursprünglichen Euagrios 
in Philagrios erklärt. Derselbe Grad der Verderb- 
niss muss nun aber auch, wie ich meine, bei dem Na- 
men Isokrates angenommen werden. Dieser ist 
einfach verschrieben aus Sokrates, worin die Kenner 
des Syrischen hoffentlich keine Schwierigkeiten sehen 
werden, während der andre in der Schrift (Ryssel, 
S. 98, 20 u. Anm. 87) erwähnte Isokrates, wie Nestle 
(ZDMG, Bd. 35, S. 786) nachgewiesen, aus Hippo- 
kr a t e s (gemeint ist der bekannte Arzt aus Kos, geb. 460, 
gest. um 370 v. Chr.) verstümmelt ist. Die sachlichen, bis- 
her vorhandenen Dunkelheiten nämlich erfahren durch 
jene Verbesserung, nach meinem Dafürhalten, eine Auf- 
hellung, durch welche das Verständniss der Schrift wenig- 
stens in etwas gefördert werden dürfte. Der von Gregorios 
erwähnte Sokrates ist unzweifelhaft jener Gnostiker, 
dem wir in des Adamantios Jidkoyog nsql ttjc, elg S^sov 
oQ^^g nCar€wg Sect. I. ^^) begegnen. Adamantios macht 
da seinem Markionistischen Gegner Megethios den Vor- 
wurf, er sei gar kein Christ, da er den Namen Christ 
verschmähe und sich Markionist nennen lasse. Mege- 
thios weist in seiner Entgegnung auf den seinem Geg- 
ner sammt dessen Gesinnungsgenossen eignenden Na- 
men Katholiker hin, woraus ja folgen würde, dass 
weder Katholiker noch Markionisten Christen seien. 
Als nun Adamantios sich auf des Apostels Warnung 
an die Korinther beruft, sich der Parteibezeichnungen 
nach den Namen der Lehrer zu enthalten, verwahrt 
sich Megethios gegen dies Verfahren, ihm willkürlich 
einen Namen beizulegen. ^Eyoi XQKSziavog Xfyofjai^ wie- 
derholt er, und fährt dann fort: xal ydg coöe X^yovxai 
^(jüXQaxiavoC xivsg. Megethios will offenbar das ein- 



^*) Origenis öpera ed. Lommatzscb. Vol. XVI. S. 264, 

11* 



164 Gregorios von Nazianz. 

seitige Verfahren des Adamantios damit zurückweisen, 
gerade den Markionisten den Christennamen abzu- 
sprechen; dasselbe, meint er, müsste ja dann auch den 
Sokratianem widerfahren. Dieser Schlussfolgerung 
sucht sich Adamantios zu entziehen, indem er erwidert : 
^Eyci To ^odXQaTovg ovofia uQVov^ai, ovx eldcoc tC<; laziv, 
und als der Schiedsrichter Eutropios bei diesem Streben 
der Streitenden, sich gegenseitig verdächtigende Na- 
mensbezeichnungen beizulegen, die Nothwendigkeit 
betont, sich beiderseits derartiger Namen zu enthalten, 
wiederholt Adamantios seine Versicherung: Ovrs olöa 
tC(; laviv ^coxQccTfig' und fügt die Frage hinzu: dqvelTat 
xal ovTog MuQxCwva ; — Aus diesen Worten geht her- 
vor, dass Adamantios Genaueres zwar über Sokrates 
nicht weiss, wohl aber dürfte die angeknüpfte Frage 
zu dem Schlüsse berechtigen, dass Sokrates ein späterer 
. Anhänger des Markion war, der durchaus nicht so wie 
Megethios gelegentlich seines Meisters Namen ver- 
schmähte, sondern desselben sich ohne Einschränkung 
oder Verwahrung, etwa mit Berufung auf den allein 
ihm zukommenden Christennamen, bediente. Soviel ich 
weiss, ist dies die einzige Stelle, aus welcher' über den 
Gnostiker Sokrates und seine Anhänger irgend etwas 
Genaueres entnommen werden kann. Denn Epipha- 
n i o s erwähnt zwar im Eingange des II. Bandes seiner 
Ketzerwiderlegung (Dind. II, S. 4) unter anderen Namen 
der Gnostiker auch derer, welche in Aegypten 2'r^a- 
TioDTixoi und Oißi(javiTat heissen, Iv 3i rolg dvwTSQixolc 
fiiQ6(Si ^hxovvöiavoC, iv aXXoK; de ii^qbCi, ^coxQUTiTai : aber 
er muss ebensowenig wie der vor ihm unter Kaiser 
Constantinus schreibende Adamantios ^^) über das Haupt 
der Sekte, Sokrates, auch nur das Geringste gewusst 
haben, da er in der weiteren Ausführung der in der 
Einleitung gegebenen allgemeinen Uebersicht, in Haer. 



^^) So De la Bae in Lommatzsch*s Ausg. desOrigines, Bd. XVI, 
S. 250 : Bationi magis consentaneum fuerit duos disÜDguere Adaman- 
tios, Adamantium Originem Leonidae martyris iilium, et alterum sim- 
pliciter dictum Adamantium, huius Dialogi auctorem, qui 
imperante Constantino Magno vixerit. 



Gregorios von Nazianz. 165 

25, S. 32 und Haer. 26, S. 38 ff. und besonders S. 42 mit kei- 
nem Worte auf die Sokratianer oder Sokratiten — wie er 
eben die Anhänger des Sokrates, ihren Namen in der ihm 
eigenen "Weise gestaltend, nennt — wieder zurückkommt. 
Diese Unkunde beider Schriftsteller ist bezeichnend 
und findet in Verbindung mit der doch wohl aus des 
Gregorios syrisch erhaltenen Schrift an Theopompos 
zu folgernden Thatsache, dass Sokrates, als dessen 
Schüler Gregorios (Kap. 6, S. 77) seinen Theopompos 
bezeichnet, in der Provinz Pontus selbst oder 
doch allgemein in den am südöstlichen Bande 
des schwarzen Meeres sich ausdehnenden 
Ländern, auf welche dann auch des Megethios wös 
X^yorrat ^coxQariavof rtveg bei Adamantios als dessen 
Heimath hinweisen möchte, lebend und wirkend 
zu denken ist, vielleicht eine gewisse Erklärung. Ich 
habe in anderem Zusammenhange darauf aufmerksam 
gemacht, dass das Schweigen des Eusebios über 
Gregorios von Neocäsarea, den grossen Schüler des 
Origenes, über welchen sonst der Vater der Kirchen- 
geschichte alles irgend Benlerkenswerthe und ihm Be- 
kanntgewordene sorgfältig zu verzeichnen nicht unter- 
lässt, in der abgeschiedenen Lage und schwierigeren Zu- 
gänglichkeit der an den stillen Gestaden des dem 
grossen "Weltgetriebe mehr entrückten Pontes Euxeinos 
gelegenen, gebirgigen Provinz Pontus hauptsächlich 
seine Erklärung findet, indem schon die sonst recht 
ausgedehnten Verbindungen des Alexandrinischen Bi- 
schofs Dionysios, aus dessen reichem, alle Begeben- 
heiten seiner Zeit berührendem Briefwechsel Eusebios 
das siebente Buch seiner Kirchengeschichte zusammen- 
gestellt hat, nicht bis in jene äusserste Nordostecke 
des römischen Reiches reichten. ^®) Wenn nun selbst 
für den Zeitgenossen des glaubenswüthigen Ketzer- 
richters Epiphanios, den Nyssener Gregorios, 
der zugleich aus dem benachbarten Kappadocien 
stammte und nach Neocäsarea Familienbeziehungen 

**) „Der kanon. Brief d. Greg. v. Neocäs." in meiner Schrift 
„Der Brief an Diognetos", S. 181. 



166 Grefi^orios von Nazianz. 

hatte, die üeberlieferung über den grossen Gründer 
der dortigen Christengemeinde schon so getrübt war, 
dass er das Leben und Wirken desselben nur im 
Schimmer der frommen Sage seinen Zeitgenossen zu 
schildern vermochte, so dürfen wir uns nicht wundem, 
dass Epiphanios und vor ihm Adamantios über 
Männer und Verhältnisse des entlegenen Pontus nichts er- 
fahren haben und darum auch nichts mitzutheilen wissen. 
In Pontus Schüler und Anhänger des grossen 
Pontischen Gnostikers Markion zu vermuthen, sind wir 
durch Epiphanios wenigstens nicht verhindert. Denn 
die Sekte der Markionisten wurde nach dessen aus- 
drücklicher Angabe (Haer. 42, S. 303) noch zu seinen 
Lebzeiten, ausser in Rom und Italien, Aegypten und 
Palästina, Arabien und Syrien, Cypem und der Thebais, 
'„auch in Persien und an anderen Orten gefunden". 
Wenn unter diesen Ortsangaben sich auch Palästina 
findet, so kann ich doch Rys sei's Vermuthung nicht 
theilen (a. a. 0. S. 124), dass Gregorios in Cäsarea „noch 
unter den Augen seines hochverehrten Lehrers diese 
Schrift über die Leidensunfähigkeit Gottes verfasst 
haf^. Dem widerspricht einmal, dass wir von dem 
Vorhandensein des Gnostikers Sokrates und seiner An- 
hänger in Palästina oder Syrien — und für diesen 
Fall ist das Schweigen des aus Syrophönicien stammen- 
den und lange Jahre in Palästina gewesenen Epipha- 
nios ein werthvolles Zeugniss — nicht das Mindeste 
wissen. Sodann spricht gegen RyssePs Annahme 
der Umstand, dass Gregorios nach seiner eigenen Dar- 
stellung von Theopompos als „weiser Lehrer" (Kap. 2, 
S. 74) angeredet wird, und er selbst diesen in der An- 
rede „geliebter Freund" (Kap. 2, S. 74) nennt: Bezeich- 
nungen, welche deutlich auf die bischöfliche Stellung 
des Gregorios hinweisen. Wohl aber stimme ich 
Eyssel darin bei, dass, wenn wir „die eigenthümliche, 
an die Lehrmethode des Origenes erinnernde Durch- 
führung in's Auge fassen, dass nämlich Gregor eine 
Keihe von Beispielen aus dem klassischen Alterthume 
wählte, um zu zeigen, welcher Selbstverleugnung und 



Gregorios von Nazianz. 167 

Opferwilligkeit der Mensch fähig ist", wir ^u der Annahme 
berechtigt sind, Q-regorios habe die Schrift „noch unter 
dem frischen Eindruck der Lehrmethode des Origenes" 
geschrieben. Wenn nun etwa Grregorios im Jahre 240 
Bischof in seiner Vaterstadt wurde, und Markion um 
165, spätestens um 170 starb, ^®) so haben wir für So- 
krates' Wirksamkeit eine passende Zeitbestimmung 
gewonnen, die in Verbindung mit den vorher beleuch- 
teten, für die Pontonsländer ganz besonders hervor- 
tretenden ungünstigen Bedingungen hinsichtUch einer 
allgemeineren Theilnahme an den geistigen Bestrebungen 
der übrigen christlichen Welt griechisch-römischer 
Bildung, ausreichend erscheint, um meiner Vermuthung 
als Stütze zu dienen. 

Ob sich mehr, als ich im Vorstehenden einer schmalen 
Ueb erlief erung abzugewinnen gesucht habe, wird er- 
mitteln lassen, kann zweifelhaft sein und dürfte nur 
von den genauen Kennern des gesammten der Ketzer- 
bestreitung gewidmeten Schriftenthums entschieden 
werden. Doch möchte ich auf E y s s e 1 ' s Versuch zur 
Beantwortung der Frage, gegen wen sich wohl 
die Schrift des Gregorios richte, noch einen 
Blick werfen. „Gegen christliche Irrlehrer '^ — meint 
derselbe a. a. 0. S. 123 — „kann Gregor schon um 
deswillen nicht kämpfen, weil von Anhängern des 
christlichen Glaubens die Möglichkeit zu leiden der 
Person Christi überhaupt nicht abgesprochen werden 
konnte". Wenn ich mit meiner Annahme das Richtige 
träfe, so könnte sie allerdings gegen christliche Irr- 
lehrer gerichtet sein. Wie schon Justinus berichtet, 
(Apol. I, 7, S. 56 D u. I, 26, S. 70 B), wurden die An- 
hänger des Markion ganz allgemein Christen genannt, 
und noch zu Adamantios' Zeit beanspruchten sie, wie 
ja Megethios a. a. 0. ausdrücklich erklärt, für sich den 
Namen Christen, und in unserer Schrift an Theopompos 
ist doch nicht die geringste Andeutung enthalten, dass 
Gregorios seinen Gegner Theopompos, den Anhänger 



^^ Lipsias, Die Quellen der ältesten Eetzergeschichte. S. 251. 



168 I Gregorios von Nazianz. 

oder Schüler d^s Gnostikers Sokrates, nicht für einen 
Christen gehalten, ß y s s e 1 findet es wahrscheinlicher, 
dass die Ausführungen der Schrift sich „gegen heid- 
nische Angriffe richten, welche das Leiden Gottes als 
sinnlos und der Vorstellung von Gott widersprechend 
verwarfen'^, und möchte in dem Umstände eine Be- 
stätigung dieser Annahme sehen, „dass gegen Ende 
der Schrift (S. 60, Z. 27 ff.) auch die epicuräische An- 
sicht widerlegt wird, dass Gott in unthätiger Biuhe 
sei". Doch diese Lehre, dass Gott seit Ewigkeit seinem 
Wesen nach in unthätiger ßuhe verharre und sich um 
die Menschen nicht kümmere, tritt nicht nur so ver- 
einzelt, wie es nach der Anführung R y s s e 1 ' s scheint, 
in der Schrift auf, sondern nimmt innerhalb der be- 
sprochenen und von Gregorios widerlegten Ansichten 
des Theopompos eine hervorragende Stelle ein. Von 
ihr ist die Rede im Anfang des 19. Kapitels (S. 88), 
Anfang des 24. Kap. (S. 93), im 26. Kap. (S. 95), sowie 
im 28. und 30. Kap. (S. 96, 97), und ich trage nach 
dem jetzt gewonnenen Ergebniss kein Bedenken, diese 
Lehre als eine Besonderheit des den Theo- 
pompos beeinflussenden Gnostikers Sokra- 
tes zu betrachten. Mehr ist aus der Schrift kaum 
zu entnehmen, und der Mangel an weiteren Nachrichten 
verbietet es unbedingt, über den etwaigen Zusammen- 
hang dieser aus gnostischem Kreise stammenden Gottes- 
ehre, welche Verwandtschaft mit Epikuros verräth, 
wie ja die Gnosis in ihrem zweiten Entwickelungsab- 
schnitt sich mehrfach durch den Piatonismus, Neu- 
Pythagoreismus und Stoicismus beeinflusst zeigt, init 
Markion oder der Gnosis in ihrer Annäherung an die 
katholische Kirche veitere Vermuthungen aufzustellen. 



V. 



Zwei Gegner des Apollinarios, 



In der reichen schriftstellerisclien Hinterlassenschaft 
des Athanasios haben von jeher diejenigen beiden 
Bücher eine eigenthümliche Stellung eingenommen, 
welche wider Apollinarios vonLaodicea gerichtet 
sind. Schon das Schwanken der Ueb erlief erung hätte 
von vornherein zu einiger Vorsicht mahnen sollen. Beide 
Bücher werden auf der sechsten allgemeinen Kirchen- 
versammlung zu Konstantinopel im Jahre 680 nach 
Ausweis der bei Mansi aufbehaltenen Verhandlungen 
derselben in einigen besonders beweiskräftigen Stellen 
als Zeugen angeführt, das erste als nsQt r^g ivav^Qco- 
7Tij<f€cog koyog xat xard ^AnoXXivaQCov, das zweite als d«v- 
TSQoq Xoyoq xard ^AnoXXtvaQCov, Der Damascener Jo- 
hannes dagegen bezeichnet (De orthod. fide III, 6) 
ersteres einfach als Xoyog xard AnoXXivuQCov, letzteres 
(in, 23) als XoyoQ ttsqI aaQxcoastog und (IV, 6) als Xoyoc 
negl T^g üoDTfjQicodovg ini^avsCaq. Dieselbe Verschieden- 
heit in den Aufschriften zeigen die Handschriften. Cod. 
Basil. und Cod. Anglic, denen die Benedictiner Lopin 
und Montfaucon in ihrer Pariser Ausgabe vom Jahre 
1698 folgten, bieten beim ersten Buche nsql r^g aaQxci- 
(Sswg Tov %Qi(Srov xat xard ^AnoXXivagCov (im Basil. fehlt 
nur xa*), während der Zusatz xat xaxd ^ATtoXXivagCov in 
anderen Handschriften fehlt; beim zweiten hat Cod. 
Basil. einfach Xoyog xard ^AnoXXivaqCoVy in anderen Hand- 



1 70 Zwei Gegner des ApöUinarios. 

Schriften findet sich die von den Benedictinem wieder- 
gegebene Aufschrift ttsqI r^g acoTrjQioidovg ini^^avsCag tov 
XQK^Tov xat xard IrinokhvaQCov.^) Vereinzelten Zweifeln 
gegenüber behaupteten die Benedictiner die Echtheit 
beider Schriften. Von neueren .Forschern schlössen sich 
ihnen, um nur einige hervorzuheben, V o i g t , Hagen- 
bach^). Dorn er und Kölling^) an. Dem erstge- 
nannten^) erscheint des Athanasios Brief an Epiktetos 
gegen den Apollinarismus in weiterem Sinne gerichtet, 
er erklärt dann aber: „Aus diesem Grunde haben auch 
die beiden Briefe, welche Athanasios gegen die Lehre 
des ApöUinarios und was sich mit oder ohne Grrund an 
sie anschloss, um das Jahr 371 schrieb, ohne ApöUi- 
narios und seine Anhänger zu nennen, wahrscheinUch 
sehr bald nach dem Tode des Verfassers (373) die Auf- 
schrift 7t€Ql aagxcoaecog xov xvqCov xard \4noXkivaQCov 
empfangen." Ich kann dieser Vermuthung Voigt' s 
nicht beipflichten und noch weniger verstehe ich, wie 
Dorner^) dazu kam, von der Gestalt der Lehre^ wie 
die beiden Bücher sie aufweisen, einerseits zu behaupten, 
man sehe ihr an, dass sie durch ApöUinarios' Theorie 
hindurchgegangen sei, anderseits es für das Richtige 
zu erklären, dass „diese Bücher, nach Proklos geschrieben 
nach des ApöUinarios Tod", sich mit seiner Schule 
überhaupt beschäftigen, „die in verschiedene Eichtungen 
auseinandergegangen war." . . . „Manches daher, was 
Athanasios in diesen Büchern bekämpfte, fllUt dem 
ApöUinarios selbst nicht zur Last, wohl aber kann man es 
zur kirchlichen Erscheinung des Apollinarismus rechnen." 
Diesen Ausführungen zufolge müsste ja ApöUinarios 

*) Ich benutze die Schriften in der Ausgabe Thilo 's: Biblioth. 
patr. graec. dogmat. Vol. I. Athanasii opera dogmatica sei. Leipzig 
(T. 0. Weigel) 1853. S. 860— 937. 

*) Hagenbach, Dogmengeschichte. 5. Aufl. 1867. S. 225. 

^) Kölling, Geschichte der Arianischen Häresie. Bd. II. Güters- 
loh (Bertelsmann) 1883. S. 321. 

*) Voigt, Die Lehre des Athanasius von Alexandrien. Bremen 
1861. S, 308. 

*) Dorn er, Entwickelungsgeschichte der Lehre von der Person 
Christi. Bd. I, S. 984, Anm. 7. 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 171 

schon vor Athanasios, d. h. vor dem Jahre 373 gestorben 
sein, eine Aufstellung, welche mit sicher überlieferten 
geschichtlichen Thatsachen in unlösbaren Widerspruch 
tritt. Mir selbst schienen früher®) im Anschluss an 
Böhringer'^) weder die Lehren, die hier bekämpft 
werden, apoUinaristisch, wiewohl es einige allerdings 
sind, noch Athanasios der Verfasser der Schrift zu sein, 
wiewohl einige Wendungen ganz athanasianisch klingen, 
in anderen Athanasios ganz und gar nicht zu erkennen 
ist. Auch hinsichtlich der Urheberschaft der Schrift 
erklärte ich mit Böhringer, „dass ein Schüler des 
Athanasios der Verfasser derselben, die nur theilweise 
gegen den Apollinarismus gerichtet ist, sein möchte, 
mit Benutzung athanasianischer Ideen, ganz besonders 
des Briefes an Epiktetos.'^ Dass mit diesen Worten 
Böhringer's das eigen thümliche schriftstellerische 
Verhältniss der beiden Bücher im wesentlichen richtig 
gekennzeichnet ist, glaube ich auch heute noch; doch 
scheint es mir, als ob wir in einigen Punkten noch 
darüber hinaus, bezw. zu einer in etwas vielleicht be- 
stimmter zu fassenden Ansicht gelangen könnten. 

Ich behaupte erstens: Beide Schriften rüh- 
ren nicht von einem und demselben Verfasser 
her, so, dass das zweite Buch, wie die vorher mitge- 
theilte Anführung in den Verhandlungen der sechsten 
allgemeinen Kirchenversammlung anzunehmen nöthigt, 
die Fortsetzung des ersten wäre. Dafür spricht einmal 
der Umstand, dass das erste Buch an einen be- 
stimmten Mann gerichtet ist, der im Eingang 
wie am Schlüsse mit Geliebter {dyanfiTi) angeredet wird, 
während eine solche Beziehung im zweiten Buche 
durchaus fehlt; jenes hat eine besondere, die Veran- 
lassung und den Zweck®) der Schrift deutlich bezeich- 



«) Zeitschrift für Kirchengesohichte. Bd. Vn, S. 134. 

^) Böhringer, Athanasius und Arius. Stuttgart 1874. S. 568 
und 575. 

®) I, 1 (S. 862) : dkk' intidiq xonoKny ßaQViceTtjy cv^aduig iv rolg m 
avTcc Uyiiy doxovciy i^Qonviaag ntql lijg tV »f/iiV m'crtiog, xai rCg 9* 



172 



Zwei Gegner des Apollinarios. 



\ 



nende Einleitung, sowie einen auf diese Einleitung 
ausdrücklich Bezug nehmenden Schluss^) dieses lässt 
weder zu Anfang noch am Ende etwas Aehnliches 
erkennen. 

Verschiedenheit der Verfasser anzunehmen nöthigt 
femer die Beobachtung der Art und Weise der 
Ankündigung, wie in beiden Schriften der Gegner 
Gründe geprüft werden soUen. Wenn nämUch ein und 
derselbe Schriftsteller beide Werke verfasst hätte, so 
würde er sich höchst wahrscheinUch mit einer einmaligen 
Ankündigung der massgebenden Gesichtspunkte be- 
gnügt haben, nach welchen er seine Gegner zu beur- 
theilen gedenke. Es finden sich aber derartige An- 
kündigungen in beiden Schriften. Ich stelle sie einfach 
nebeneinander : 



1,3(8.864): TavTu lanv 
avTcSv Tcc üo^Caiiara xal Tfjq 
TcaQaTQOTtijg tu vor^iaTa .... 

TtQOx^dSfJLSV roCvVV TOVTOig r^$ 

Tov 'd'sov svdoxCag t^v S-i- 
krjatv, äfioiSe ydg, fpfjcC, xvQioq 
xal ov fisTafiekrj-^-^üerai, xat 
TTiq aXfi-d-eaTccTfig olxovofiCag 
T'^v (SVfinXriQoaaiv xal Trjq 
TekeioräTfjg evegyeafag ttiv 
xdqtv, dvT€Qa)Ti^aavT€g tov- 
TCDV TCC vori^ara, el Tolg TtQo- 
^ririxolg fjrjvvfiafti (f wa- 



ll, 4 (S. 908): ^ijTfj 
idrlv Vfi(Sv 17 xhoXeQci dva- 
TQonri , ijv norC^ere rovg 
dv'd-Qwnovg xal ii€^v(Sx€T€ 
TtQoxeCad-iß ToCvvv 
TcSv algerixcSv rd doy fla- 
va xal Tfig Vfiexigag tpqo- 
vi^(f€(og iy yvtofifi xal Trjg 
'^fiexiqag nCaTswg X6- 
yog xal tov evayyeXCov 
oQog xal TcSv divo- 
(fTokcov To x^Qvyfia xal 

TCOP TtQOfpVJTWV 1^ fiaQTVQfa 



cchtamg Ttöv tQ&tjg ffQoysty vofit^ovifaVf oV nytg dfXhjQif^i nokk^ t« 
aS-fGfxcc ti^(yy6fKvoi> ov dtdoCxacip .... otg inaynv xccm dvyufAiy tov 
^ktyxov inayccyxfg, Yva ^ nytg ttVTtöy ayttytjipccyrtg diaßkfifKoaty ^ äXkovg 
ctTKcmy fit] dvytjyrca, 

®) I, 22 (S. 900) : TttVTcc tygaiffa, ayaniju, x«y on fialiarrct ovdsy 
nkfoy ^dd yQC((f>Hy, ttvmgxijg ydg iq tvayythx^ nccQadoffig, dkk* tnndtj 
^QüJTtjactg ntql Ttjg iy rjfjuy n£<n(tag, xal (ytxd y( itäy iQtaj^fkny ßov- 
kofÄtyioy Ttttg i(f(VQfafa& xal ov koyi>^ofA^yü)y on 6 ix rcSy iditoy kakmy 
TO ifftvdog kakfi. 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 



173 



vofi^ag ^ xccTGcvoTjaig. 



öov(fiv, ei %olq dnoGroXixolg 
diddy/iia(Siv dxoXovS-ovütv, el 
Tolg T(Sv TtaT^QCüV nagayy^k- 
fiadi CToixovdiVf si Tag iva- 
TtodsCxTovg Tov dsaTioTov gxö- 
väg ovx d-d-iTova&v, IV ix 

TtöV nQOfpfJTlXCOV flfjVVfJbdTCOP 

xai T(Sv dnoüToXixfSv diday 
fiaToav xal t(6v vno tov xv 
qCov 7iXriQ(a^ivT(av ngay/j^d- 
TCDV yfyvfjTcci Tilg dXrid^eCag 
1^ o^oXoyCa xal Tfjg nkdvijg 
7j eXsy^ig. 

Schwerlich wird man diesen Aufstellungen gegen- 
über die Einheit des Verfassers beider Schriften auf- 
recht erhalten können. 

Nicht minder ist es auffällig, dass derselbe Gedanke, 
womit der Verfasser der ersten Schrift am Schlüsse, 
von der Unmöglichkeit überzeugt, durch alles Dichten 
und Grübeln des menschlichen Geistes Christus erfassen 
zu können, einfach auf das Festhalten an derUeber- 
lieferung der h. Schrift verweist, auch am Schlüsse 
der zweiten Schrift zum Ausdruck kommt. Man 
vergleiche: 



I, 22 (S. 900): ovrs ydq 
xdXXog ovT€ do^av dcofiaTog 
XgiaTOV ItpixTov öidvoCa dv- 
d-QWTiov il^aineXv , dXXd ys 
xalrd y€vdfi€va cogyfyQaTVTai' 
ofioXoyelv — und wenige 
Zeilen vorher: ovdev nX^ov 
tdei YQd(p€iVy avTdQXTjg ydq 
fj svayyeXix'q ntxQdöoaig. 



II, 19 (S. 936): dQxel di 
7ciüT€Vüai Tolg yeyQaii^^voig 
xal yevoij/voig, £g ffjaiv 6 
IlavXog' xad-' onoioxKixa xard 
ndvxa %ü)Qig diiaqtCag, xal 
IliTQog 6(' Xqkttov ovv 
7ia&6vTog vniq i^fjcüv CaQxl 
xal vfi6lg ffjv avvriv l'vvoiav 
onXCüaaS-e, xal fii^ TifQaiT^Qco 
IxTeivo^iivovg dd^trelv dXfj- 
S-siav. 



In beiden Schriften sodann werden z. Th. dieselben 
Gegenstände behandelt. Greifen wir nur ein be- 
zeichnendes Beispiel heraus, da die Aufzählung aller 



174 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 



^ch eng berobrender, in beiden Schriften behandelter 
gegnerischer Lehrsätze viel zu weit führen würde. Es 
ist die im Gegensatz zur apoUinaristischen Anschauung 
von dem dreigetheilten Wesen des Menschen gestaltete 
Lehre von der Höllenfahrt Jesu, die als Beweisstück 
anzuführen völlig ausreichend sein dürfte. 



I, 13 (S. 886); neCa&riTB 
ovv, ort o fdoüd-sv ^fidSr äv- 
S-QfiDTCog idTiv iy V^i^X^> tovto 
xat Tfiq TrQciTfjg nXaGeoDq 
ds$xvvov(irig xat r^g devr^gag 
dtakvffscog dfjkovaijgf ov [jovov 
i(p' i^fiiv Tovrcüv dsixvvfi^vwv, 
dXXd xat iv avTco rw -O-avccToy 

TOV XqiCTOV iÖsCxVVTO, TO 

iy 6^ fi^XQ'' tidov diaßäaa, 
diaiQ€Tcov di ovvwv rcov 
Toncov ttoXXm TW fi^TQO), xal 

TOV fl^V Td(pOV CCOfiaTlXI^V 

i 71 löexofi^vov T^v inCßaatv 
{Ixslae TTaQ^v to (fcSfid), tov 
d^ adov dtsoofiuTov. (14) ncog 
Ixel naQcov 6 xvQiog d(Twfid' 
Tcog (iSg dvd-Qwnog ivofi^ad-fj 
vno TOV d-avdTov, %va Jpvxcclg 
Talg Iv Ö€(ffioig xuTexoiiivaig 
liOQfp^v IdCag ipvx^g dvsnC- 
dsxTov cog dexTixriv tcov deafjcov 
TOV d-avuTov TtaqaCTiqüag, na- 
Qovactv naQovdaig, diaggilj^ij 
Td deCfid xpvxcov t(jov Iv uöri 
xaTsxoii'ivwVf TOV Tflg dva- 
ötdü€cog 6ia7Trj^dfi€Vog oqov, 
Lva nXdüTi^g xal noirjT'^g 
TOV dv^Qcijtov xal xaTadCxri 
TovTov vnoßaXiüV avTog na- 
Qoov iXsvd-SQoiüri dl' laVTOV 



11,14(8,926): vfislgdiTo 
ffinaXiv XiyeTs cSg ao^o)T€Qot 
Twv dnoOToXiav xal iiviJTt- 
x(aT€Qoi TcSv TiQOipriTwv xal 
l^ov<Tia(JTix(aT€Qoi TfSv Bvay- 
ysXidTcSv ij xal av&evTixci- 
Tcqoi TOV xvgCoVy iipsviffi^vti 
vfiwv svcpriiiCa dnagvovfievot 
fiiv Tfiv aXfi-d-siav, xaTd öi 
Tf^g x^soTfjTog (fd-eyYOfisvoi, 
Tfjg olxovofjXag Catpag xal 
inl TOV (STavQov dsixvvfj^vfjg, 
Iv fxiv TTQoßoXfl aifj^aTog (Saq- 
xog ßeßaiovfi^vfjg, (pcov^g df 
yevofjL^vfjg xal ipvx-^g (^fjfJiai- 
vofj^vijg, ov x^Qi'^^l^ovd-eoTrjTog 
dfjXovarjg, dXXd viXQooaiv Cw- 
fjLaTog (Srifjaivovdfig, [ji^ts TTJg 
•d-soTfiTog TOV (^cofiaTog Iv t(S 
Tatpo) aTtoXifjTravofi^vfjg, fii^T€ 
Tijg ipvx^g tv TM adfj x^^Q^' 
Zofj^^vfjg ... (15) öid TOVTO 
iv fiev ipvxfj d-sov iy xQdTtjGig 
TOV d-avdTov iXv€To xal 17 * J 
adov dvdavafTig lyCvsTo xal 
Talg ipvxaig evrjyyeX^^BTo, Iv 
8k (fcüfiaTi XQicfTov ^ q)x^0Qd 
xaTfjQysiTo xal iy dfpd-aQCCa 
Ix Td(pov ideCxvvTo. SicfTf. ovx 
äv'd'QooTtogS'eov Ixo^qC^bto ovtb 
S'Bog TTQog dvd-Qianov lyxard- 
Xsiiptv difjyBlTO^ ovT€ ^ vi- 



Zwei Gegner des Apollinarios. 



175 



i^ oXoxXi^Qov Tov avd-Qwnov XQox^tg xal rov Tivevfiarog 
Iv fJ^oQy)rj Tfj lavrov ; dnoxMQfjf^ig d-eov dno aco- 

tpvx'ijg dno acüfJUTog xft>g*or//oc, 
ydg "^fj^^regog ixet Sieygdg^eTo 
'O-dvarog. el di o -d-sog ixoa- 
QCad^ri TOV acofxarog xal ovTwg 
^ v€xQwaig löf^xvvTOy noyg to 

(Sdö^xa XMQldd-äv TOV dfpd'dQTOl) 

x^sov Tijv dfpd-aQdCav inedeCx- 
vvTo; Ttwg d^ xal o Xoyog 
Tfjv slg aöov tnCßadiv iTtoifj- 
üaro; 
Hier sind die sämmtlichen um jenes Lehrstück sich 
ordnenden Gedanken in beiden Schriften so vollständig 
zusammengedrängt und doch wieder in manchen Einzel- 
heiten so verschieden gestaltet, dass die Annahme un- 
möglich erscheint, es habe ein und derselbe Verfasser 
nach jener ersten Darstellung in der als Fortsetzung 
der ersten gedachten zweiten Schrift eine nochmalige 
Erörterung desselben Gegenstandes anstellen zu müssen 
geglaubt. 

Endlich scheint mir gegen die Einheit des Ver- 
fassers auch noch ein anderer Umstand zu sprechen. 
In der ersten Schrift wird (Kap. 2) die Gesammtheit 
der apoUinaristischen Lehrsätze vorangestellt und aus 
derselben bis Kap. 12, wie schon Voigt (a. a. 0. 
S. 329) richtig gesehen, nur die Lehre von der Leib- 
lichkeit Christi, von Kap. 13 — 21 vornehmlich die Lehre 
von der Stellvertretung des menschlichen Geistes durch 
den göttlichen Logos behandelt. Im zweiten Buche 
wird eine solche Uebersicht über der Gegner Lehren, 
wie sie I, 2 zu lesen ist, nicht gegeben, sondern der 
Verfasser führt ständig mit denselben Wendungen 
{nmg Xiysrs 5, dXXd X^ysxs 6, dXXd naXiv X^ysrs 7 und 8, 
ähnlich 9, 11, 16, TtcSg ovv ysyqd^ars 14, eigi^xare yuQ 16 
immer neue apoUinaristische Sätze vor, die er Schritt 
für Schritt bekämpft und zurückweist. 

Haben diese Beobachtungen zu dem Ergebniss ge- 



176 Zwei Gegner des Apollinario8. 

führt, dass die Möglichkeit, beide Schriften seien von 
einem und demselben Kirchenlehrer verfasst, nicht auf- 
recht erhalten werden kann, so gehe ich einen Schritt 
weiter und behaupte zweitens: 

Beide Schriften können nicht von Atha- 
nasios herrühren. Sehen wir zunächst auf die 
äusseren Gründe für diese Behauptung. 

In einer auf der zweiten Kirchen Versammlung zu 
Konstantinopel im Jahre 553 gehaltenen Eede erwähnt 
Proklos, Athanasios habe verschiedene Briefe an 
Apollinarios als einen Gesinnungsgenossen gerichtet 
und dennoch später, nach dem Tode des Apollinarios, 
nachdem er von dessen in Schriften ausgesprochenen 
Lästerungen Kunde erhalten, sogar ganze Bücher wider 
ihn geschrieben, und so hätten Apollinarios die 
früher an ihn als einen rechtgläubigen Mitstreiter ge- 
richteten Briefe des Athanasios nichts genützt. Auf 
den auffälligen geschichtlichen Irrthum, der in diesen 
Worten des Proklos steckt, habe ich zuvor schon hin- 
gewiesen. Danach müsste Apollinarios schon 
vor Athanasios, d. h. vor 373 gestorben sein. 
Dem widerstreitet die Ueberlieferung. Genau 
zwar wissen wir nicht, wann der Laodicener abberufen 
wurde. Aus welchem Grunde sich Caspari^*^) und 
Voigt (a. a. 0., S. 307) gerade für das Jahr 390 ent- 
schieden haben, vermag ich nicht zusagen, da Hiero- 
nymus (Vir. ill. CIV), soviel ich weiss, der einzige 
Zeuge, nichts weiter darüber meldet, als „sub Theodosio 
imperatore obiit". Diese Angabe würde uns gestatten, 
fast bis auf das Jahr 392 herunterzugehen. In diesem 
nämlich, dem vierzehnten des Kaisers Theodosius, schloss 
Hieronymus seiner eigenen Mittheilung zufolge (Vir. 
ill. CXXXV), sein Schriftwerk ab. Aber sollte vielleicht 
Proklos die beiden Apollinarios, Vater und Sohn, mit 
einander verwechselt haben? Auch der ältere ApoUi- 



*^) Gas pari, Alte und neue Quellen zur Geschichte des Tauf- 
symbols und der Glaubensregel. Christiania, 1879. S. 90, Anm. 38. 



Zwei Gegner des Apollinarios. 177 

narios wird von Sokrates (III, 16) als bedeutender 
Schriftsteller gerühmt und starb, da von seinem Sohne 
ausdrücklich überliefert wird, dass er ein sehr hohes 
Alter erreichte, sicher vor Athanasios. Wie dem aber 
auch sein mag, das Eine scheint mir aus Proklos' 
Worten geschlossen werden zu dürfen, dass zu seiner 
Zeit die beiden Bücher wider Apollinarios 
der Sammlung der Schriften des Athanasios 
bereits beigesellt waren, und dass Proklös zunächst 
wohl nur infolge dieses Sachverhältnisses zu jener seiner 
eigenthümlichen, mit unanfechtbarer Ueberlieferung 
nicht vereinbaren Darstellung der Urheberschaft ge- 
langte. Ueber die wahren Verfasser dieser Schriften 
war ihm nichts mehr bekannt, ebenso wenig dem unge- 
fähr gleichzeitigen^^) Leontios. SicherUch hatte es, 
wie auch Montfaucon (a. a. 0. S. 861) anerkennt, 
seine Schwierigkeit, in der Menge der unter Athana- 
sios' Namen überlieferten Schriften die echten von den 
unechten zu sondern. Dass nun Schriftsteller, welche 
fast durch zwei Jahrhunderte von dem grossen Alexan- 
driner getrennt sind, in Fragen der schriftstellerischen 
Herkunft überlieferter Werke sich eines solchen Irrthums 
schuldig machen konnten, ist daher nicht verwunder- 
lich und durchaus nicht unerhört. Wusste doch der 
örtlich und zeitlich den fraglichen Schriften so viel 
näher stehende Nachfolger seines Oheims Theophilos 
auf dem erzbischöflichen Stuhle von Alexandria, Ky- 
rillos (412 — 444), mit der schriftstellerischen Hinter- 
lassenschaft seines grossen Amtsvorgängers Athanasios 
so wenig genau Bescheid, dass er — und wohl durch 
ihn bestimmt auch die Kirchen Versammlung zu Ephesus 
431 — das christologische Bekenntnis des Apollinarios 
in dessen Briefe an Kaiser Jovianus, das zu seiner Zeit 
schon von apoUinaristischen Fälschern aus dem Briefe 
herausgenommen und mit des Athanasios Namen ver- 
sehen war, als ein von diesem herrührendes echtes 



*^) Friedrich Loofs, Leontius von Byzanz. Leipzig (Hinriche) 
1881. S. 297—301. 

Dräseke, Ges. patrist. Untersuch. 12 



178 Zwei Gegner des ApoUinarios. 

Schriftstück ansehen konnte* „Hat sich derselbe 
Bischof von Alexandria doch auch durch den Titel des 
Briefes an Prosdokios Tov iiaxaqCov ^lovXCov aQxteni- 
(fxoTtov ^Pcofifjg TtQog ügoddoxiov iTtiarolilj und die Anfangs- 
worte Tm dsüTtorri fiov rw nod-sivoTaTM liQotfdox^M ^lovXioc 
%aCQ€iv dazu verleiten lassen, diesen Brief, der unmög- 
lich von Julius (336 — 352) herrühren kann (er verräth 
sich durch seine Lehre vom heiligen Geist und seine 
Christologie als ein Erzeugniss aus der Zeit nach 360 
und durch die letztere als ein Erzeugniss der Schule 
des ApoUinarios) für wirklich von dem alten römischen 
Bischof verfasst anzusehen (s. seinen Apologeticus pro 
XII capitibus adv. orientales episcopos, Coleti IV, 
1379)"^^). Wenn ein Kyrillos also so in die Irre gehen 
konnte, dann dürfen wir den hundert Jahre später 
schreibenden Proklos um gleichen Fehlers willen nicht 
schelten. 

Eine weitere Schwierigkeit, welche uns nöthigt von 
Athanasios abzusehen, liegt in der Schreibweise, 
welche die beiden Bücher aufweisen. Von vornherein 
wollen wir uns nicht verhehlen, dass derartige Schluss- 
folgerungen oft recht trügerisch sind. Dafür zeugt 
schon Montfaucon mit seinen Bemühungen, Atha- 
nasios als Verfasser darzuthun, während, wie er selbst 
mittheilt, von den Neueren einige das erste, andere 
das zweite Buch wider ApoUinarios für unecht erklärt 
haben. Um jeden Zweifel zu beseitigen, macht' er da- 
rauf aufmerksam, dass die Zurückweisung der Gegner 
I, 6 mit denselben Gründen und bisweilen mit den- 
selben "Wendungen erfolge wie in des Athanasios Brief 
an Adelphios, dass die Einwendung tC toCvvv ii^iapsad^e 
l^Q€iavoig u. s. w. (I, 10) fast mit denselben Worten 
eich im Briefe an Epiktetos finde, und dass jener 
Kap. 12 behandelte Vorwurf der ApoUinaristen, die 
Rechtgläubigen führten statt der Dreieinigkeit eine 
heilige Vierzahl ein, gleichfaUs dem Sinne nach im 
Briefe an Epiktetos aufstosse; kurz, wenn man die 



**) Caspari a. a. 0. S. 107, Anm. 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 179 

beiden Bücher wider ApoUinarios mit anderen Schriften 
des Athanasios, besonders mit den Briefen an Epiktetos, 
Adelphios nnd Maximus vergleiche, man eine solche 
Menge verwandter Stellen treffe, dass man an der Ab- 
fassung durch Athanasios nicht zweifeln könne. Ich 
erlaube mir diese Schlussfolgerung ernstlich zu bezwei- 
feln. Können denn die von Montfaucon aufgeführten 
Besonderheiten nicht auch anders erklärt werden? Was 
soll jenes r/ toCvvv fi^fitpsü^e l^QciavoZg? Auf so eine ein- 
zelne, unter gleichen'Verhältnissen bei anderen Schrift- 
stellern gewiss ebenso sich findende Wendung kann 
doch unmöglich ein Gewicht gelegt werden. Und wa- 
rum sollen wir bei der Zurückweisung der oben er- 
wähnten Beschuldigung der Apollinaristen betreffs der 
Vierzahl gerade auf Athanasios' Brief an Epiktetos 
blicken? Wehrt sich doch auch Gregorios von Nyssa 
gegen eben diesen Vorwurf in seinem ^Avtiqqi^tixoq 
xard ^AnoXXivagCov in weitläufigen Auseinandersetzungen, 
die er^^) mit den Worten beschliesst: Siare x^vdvvog 
l(fTiv ovöelg elg Tergada ^^filv top Tijq rgiddoc Xoyov TtXaxv- 
vscd-ai, xa^wg o ^ATCoXXivaQiog Xiysi. Für den von 
Montfaucon zuerst angeführten Fall wird sich un- 
schwer die Möglichkeit eines ähnlichen Abhängigkeits- 
verhältnisses, wie das zuletzt angedeutete, geltend 
machen lassen. Doch wie mir scheint, ist es gar nicht 
nöthig, darauf einen so sonderlichen Nachdruck zu 
legen. Ich halte es für weit unwahrscheinlicher, dass 
Athanasios selbst Wendungen und Beweisgründe aus 
seinen eigenen Schriften sollte einfach wiederholt haben, 
als dass andere kirchliche Schriftsteller, — Böhringer 
dachte mit Recht an Schüler des Athanasios — in 
Alexandria selbst als des grossen Meisters Zeitgenossen 
lebend und mit dessen gefeierten Schriften, ihrem Ge- 
dankengehalt wie ihrer Darstellung auf das innigste 
vertraut, diese beiden Bücher wider ApoUinarios in 
seinem Sinn und Geist verfassten. Das ist zunächst 
eine Möglichkeit, die damit, dass sie der anderen von 



") Kap. 42 in Zacagni, Gollectio monum. vet. Rom. 1698. S. 236. 

12* 



180 Zwei Gegner des Apollinarios. 

Montfaucon ^behaupteten Möglichkeit — denn als 
einen Beweis dürfen wir seine Behauptung selbstver- 
ständlich nicht gelten lassen — einfach mit dem An- 
spruch grösserer Wahrscheinlichkeit gegenübertritt, 
noch nicht die für einen wirklichen Beweis unbedingt 
nöthige zwingende Ueberzeugungskraft erlangt hat. 
Von einer genauen sprachlichen Vergleichung mit un- 
bezweifelt echten Schriften des Anathasios dürfen wir 
uns um des eben angeführten Abhängigkeitsverhält- 
nisses willen keinen besonderen« Erfolg versprechen. 
Auffällig erscheint mir in der ersten Schrift eine ge- 
wisse Schwerfälligkeit und Breite in der rednerischen 
Ausgestaltung der einzelnen Satzglieder, die wir bei 
Athanasios vergeblich suchen dürften. Ich nenne als 
Beispiel die vorhin schon aus dem dritten Kapitel der 
Schrift mitgetheUte Stelle. 

Wichtiger als die bedenkliche Beschaffenheit der 
äusseren Gründe und der Sprache und Darstellung er- 
scheint mir endlich noch ein anderer Umstand. Es 
ist, so behaupte ich, unmöglich, an des Atha- 
nasios Urheberschaft festzuhalten, weil in 
beiden Büchern auf Schriften des Apollinarios 
Bezug genommen wird, welche erst nach 
Athanasios' Tode geschrieben und bekannt 
geworden sind. 

Dieser Punkt ist nach meiner Ueberzeugung aller- 
dings ein sehr wichtiger, ja er ist geradezu der ent- 
scheidende und Ausschlag gebende. In der Unbestimmt- 
heit hinsichtlich der zeitlichen Anordnung der zum 
Beweise herangezogenen und in die Geschichtsdar- 
stellung verwebten dogmatischen Schriften des Laodi- 
ceners liegt ein wirklicher Mangel der sonst so treff- 
lichen Darstellungen Voigt 's und Böhringer's. 
Erst er er stellt nämlich apollinaristische Aeusserungen 
aus unseren beiden angefochtenen Schriften mit völlig 
gleichartigen und gleichlautenden bei Gregorios von 
Nyssa, von Nazianz und Theodoretos auf eine Linie, 
ohne zu beachten, dass die von den genannten Kirchen- 
lehrern widerlegten oder doch bekämpften Worte des 



Zwei Gegner des Apollmarios. "[gl 

Apollinarios grösstentheils Schriften desselben entnom- 
men sind, die nachweislicli erst verschiedene Jahre 
nach des Athanasios Tode abgefasst sind. Bö bring er 
dagegen führt bei der Darstellung der letzten Lebens- 
jahre des Athanasios Apollinarios' Lehren in ihren 
Grundzügen vor, um für die von Athanasios nach seiner 
Rückkehr aus der Verbannung im Jahre 362 abgehal- 
tene Kirchenversammlimg den nöthigen dogmatischen 
Hintergrund zu gewinnen. Auch dies Verfahren halte 
ich für nicht zulässig, weil auch Bö bring er es verab- 
säumt hat, auf den Umstand zu achten, dass die von 
ihm hervorgehobenen Lehrbesonderheiten des Apolli- 
narios zur Zeit der Alexandrinischen Kirchenversamm- 
lung eben durchaus noch nicht deutlich erkennbar her- 
vorgetreten waren* Hätten beide so verdienstvolle 
Forscher auf dieses wichtige Sachverhältniss ein stren- 
geres Augenmerk gerichtet, so müsste, meine ich, die 
über unseren dem Athanasios zugeschriebenen Büchern 
wider Apollinarios schwebende Streitfrage, was diesen 
Punkt wenigstens angeht, längst entschieden worden 
sein. 

Gewiss werden in des Athanasios Briefen an Epik- 
tetos, Adelphios und Maximus gar mancherlei wirre, 
ketzerische Lehren aufgezählt und zurückgewiesen, aber 
doch nur zum geringen Theile solche, die sich mit 
Apollinarios' Ansichten berühren. Von einem apolli- 
naristischen Streit und dessen Beilegung auf jener 
Kirchenversammlung kann eigentlich mit Fug nicht 
geredet werden. Apollinarios war daselbst durch Ab- 
geordnete vertreten, und die Erklärungen, welche von 
diesen, offenbar im Zusammenhang mit der Erörterung 
von anderswoher eingetragenen Streitfragen, abgegeben 
wurden, wie sie aus des Athanasios B/undschreiben 
noch, deutlich zu erkennen, sind weit von ketzerischen 
Ansichten entfernt. Und wenn man dergl. in sie hin- 
eingedeutet oder gemeint hat, der vielgewandte Apol- 
linarios habe hier eine offene Aussprache seiner eigent- 
lichen Ansichten geschickt vermieden, so kann dies 
vor einer unbefangenen Betrachtung der für jenes Jahr 



182 Zwei Gegner des Apollinarios. 

in Betracht kommenden Zeugnisse nicht bestehen* 
Apollinarios hat in einem Schreiben an Serapion, den 
bekannten Gesinnungsgenossen des Athanasios, aus- 
drücklich sich zu dem Inhalt des Briefes desselben an 
Epiktetos bekannt, insbesondere die Ansicht derer, 
welche die Wesensgleichheit des Fleisches mit der 
Gottheit behaupteten, als Wahnsinn bezeichnet ^*). 
Auch der letzte der jüngst von mir als echt erwiese- 
nen Briefe des Apollinarios an Basileios vom Jahre 
362^^) dürfte hier als Zeuge angeführt werden können. 
Apollinarios klagt im Eingange über den Kampf, der 
gegen die Frömmigkeit sich erhoben und in welchem 
er selbst stehe, womit er unverkennbar jene ersten 
feindseligen Massnahmen des Kaisers Julianus meint, 
welche die Wiederherstellung des Hellenismus zum Ziel 
hatten. Sodann aber spricht er über das von den aus 
Aegypten zurückgekehrten Bischöfen und Mönchen, 
unter letzteren eben seine eigenen Vertreter auf der 
Kirchenversammlung zu Alexandria, mitgebrachte und 
in Umlauf gesetzte Schreiben, offenbar des Athanasios 
Synodalrundschreiben, das er anerkennend als avfifpoova 
naXaiolg yQdfifjtadv, Toig T€ -d-sCoig avTolg xal rolg xa^* 
ofio^iavCav toSv S-eCoav iv NixaCa yQUipelüiv bezeichnet. 
lAvayxa^a di — sagt er — tjp i^ fiev^ i^fiyi^(f€(og reSv avrwv 
(d. h. der nicänischen Glaubenssätze) tnavdkrixjjig did 
Tfjv ov% vyiii T^v xei^^vwv naQs^i^y7j(!iv, ijv slafjyov ol 
Ttdkai fiev ävTixQvg dvTiX^yovTsg, vvv di ti^v dvTiXoyCav 
l'^riyriaewg ax'tjficcTi iied-odevaaweg. Keine Andeutung 
ist in dem ganzen so werthvoUen Briefe davon zu 
finden, dass Apollinarios und seine dogmatische Ueber- 
zeugung etwa irgendwie Gegenstand der Erörterung 
und des Bedenkens seitens Athanasios' und der Theil- 
nehmer der Versammlung gebildet, auch nicht die lei- 
seste Spur von Unmuth über etwaige Vergewaltigung 



") Leont. Adv. fraudes Apollinarist, bei Mai, Spie. Rom. X, 2, 
S. 125 : ri/V cff tTiiarokijy ö'fffTioTov fxov Ttjv €ig KoQtvS-ov ccnoarakttacey 
Gffodga {cTifdi^ccfK^ce' nov &k (iTioyiiüy ofioovaioy &f(ö itjy guqxk nokk^y 
juceyiay xauyycofxfy. 

") Zeitschrift für Kirchengeschichte, Bd. VIII, S. 85—123. 



Zwei Gegner des Apollinarios. 183 

der eigenen Meinung oder irrige Darstellung derselben 
durch Athanasios. Im Gegentheil, nichts als Anerken- 
nung über die Thätigkeit der Kirchenversammlung und 
ihr lobenawerthes Festhalten an den alten, wohlerprobten 
nicäniachen Grundlagen. Und alles das mit Fug und 
Recht treu und ehrlich gemeint und nicht etwa in 
hinterlistiger, des eigenen Innern Zwiespalt sorgfältig 
verhüllender "Weise. Noch stand Apollinarios voll und 
ganz mit Athanasios auf demselben Boden dogmatischer 
Ueberzeugungen, Als bedeutendster Verfechter des 
Nicänums zog er damals gegen Eunomios in einer 
schneidigen Schrift zu Felde und trat dem ungerechten 
Gesetze des Kaisers Julianus vom 17. Juni 362 mit 
seinem schönen, wie ich erwiesen zu haben glaube '^), 
uns unter des Justinus Schriften überlieferten "Werke 
'VTiiq dXiiS-fiag ^ Xöyog naQatvfttxög UQog "E}.).ijvag ent- 
gegen. Seine ehrist ologischen Schlussfolgerungen aus 
der nicänischen Lehre, die ihn den alten Freunden 
mehr und mehr entfremdeten, hatte er damals hoch 
nicht gezogen. Das geschah erst, soweit wir dies heute 
noch den uns zu Gebote stehenden Quellen entnehmen 
können, ein ganzes Jahrzehnt später, wie ich das in 
einer besonderen Abhandlung „Zur Zeitfolge der dog- 
matischen Schriften des Apollinarios von Laodicea" "), 
auf deren Ergebnisse ich hier einfach zu verweisen mir 
erlaube, ausführlich und mit sorgfältiger Benutzung 
aller Ausschlag gebenden Nachrichten und Beweismittel 
dargethan zu haben glaube. Ich erwähne daraus nur 
kurz die Thatsachen, die für unsere Frage zunäch=: 
von Bedeutung sind. 

Im Jahre 373 weiss Basileios noch nichts V' 
irgend einer Lehr ab weichung des Apollinarios, no' 
nichts von irgend einer gegen ihn deswegen erhoben 
Anklage. Inzwischen hat sich Basileios, dessen früht 
freundschaftliche Verbindungen mit dem Laodicei 



■") Zeitschrift für Kirohengeacbichte, Bd. VII, S. 257—302. 
") Jahrbücher für protestantische Theologie, üd. XIII, S. 5i 




184 Zwei Gegner des Apollinarios. 

durch den von mir als echt erwiesenen Briefwechsel 
klar bezeugt werden, um verschiedener, besondera wegen 
Sabellianismus wider jenen erhobener Klagen willen 
^von dem grossen Lehrer abgewaudt, wiewohl noch im 
Jahre 376 die alte Liebe zu demselben in einem Briefe 
an Bischof Patrophilos (244 = 82) unzweideutig her- 
vorbricht. Dies Jahr 376 ist aber noch durch eine 
zweite hier in Betracht kommende Thatsache wichtig. 
Noch zu Anfang oder Mitte des Jahres 376 ist dem 
Epiphanios Genaueres betreffs der Lehrabweichungen 
des Apollinarios nicht bekannt. Er führt freilich 
(Haer. LXXVII, 2) aus dem Munde von Schülern des 
Apollinarios Lehrsätze desselben an, bezeichnet aber 
ihn selbst noch in höchst achtungsvoller Weise als 
„den ehrwürdigen und auch dem seKgen Vater Atha- 
nasios, ja allen Rechtgläubigen theuren Greis" und ist 
geneigt zu glauben, „dass die Schüler die tiefen Ge- 
danken eines solchen gelehrten und einsichtsvollen 
Mannes nicht verständen und sich selbst etwas aus- 
sännen, was er nicht gelehrt habe". Diese Aeusse- 
rungen des sonst so strengen Ketzerrichters sind nur 
erklärlich, wenn er Apollinarios' christologisches Haupt- 
werk, die ^Arvodfi^ig neQl r^g d^eCag aaQxooaeoog rtjc xaS-^ 
o^oCoöaw dvx^QWTtov, damals noch nicht gelesen hatte. 
Wir werden daher weiter schliessen dürfen, dass Apol- 
linarios dasselbe noch nicht geschrieben hatte, oder 
wenn doch, dass es nur im engsten Kreise der Schüler 
und Anhänger bekannt war. Genaues Achten auf an- 
dere zeitgenössische Kundgebungen wird uns einen 
Schritt weiter führen. Ende des Jahres 376 nämlich 
richtete Epiphanios an Basileios ein Schreiben mit der 
Bitte, ihm über die Lehre des Laodiceners, die damals 
in einigen Gegenden Beifall zu finden anfing, sein Ur- 
theil mitzutheDen, eine Bitte, welche dieser mit dem 
Hinweis auf seinen kränklichen Zustand sowohl wie 
auf die Fruchtlosigkeit endlosen Streites ablehnte. 
Schon vor Empfang des Briefes des Epiphanios hatte 
er einen anderen von zwei Mönchen aus dem Oelbergs- 
kloster erhalten, wo Apollinarios' Lehre Zwietracht ge- 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 185 

stiftet hatte. Die Bitte derselben, das Nicänum durch 
Zusätze über die Fleischwerdung des Logos zu ver- 
vollständigen, lehnte Basileios ab, ermahnte sie viel- 
mehr zum Frieden, indem er überaus milde über den 
Gegenstand des Streites urtheilte, hauptsächlich aus 
dem Grunde, weil sie ApoUinarios und einige seiner 
Aussprüche so vertheidigten, dass Verkehrtes daraus 
keineswegs folgte. Aus der Bitte jener beiden Mönche 
um rechtgläubige christologische Zusätze zum Nicänum 
scheint mir hervorzugehen, dass die Beunruhigung der 
Gemüther, von der ja gleichzeitig auch Epiphanios 
anderswoher Kunde erhalten hatte, und der Zwist unter 
den Mönchen im Oelbergskloster unmittelbar auf die 
nächste Wirkung der christologischen Hauptschrift des 
Laodiceners, des „Erweises der Fleischwerdung nach 
dem Bilde des Menschen'^ zurückzuführen ist. Basileios 
scheint sie damals noch nicht gekannt zu haben, er 
würde sonst schwerlich so milde geurtheilt haben. Wir 
werden, wenn wir Basileios' eben nur kurz angedeutete 
Mittheilungen mit denen des Epiphanios richtig ver- 
binden, auf das Jahr 376 geführt, in welchem der Lao- 
dicener jene seine christologische Hauptschrift verfasst 
haben muss. Wenn wir nun die beiden Atha- 
nasios zugeschriebenen Bücher wider Apol- 
linarios erfüllt sehen von deutlichen Bezug- 
nahmen hauptsächlich auf dieses Werk des 
ApoUinarios, so ist es unmöglich, dass Atha- 
nasios, der 373 starb, jene beiden Schriften 
verfasst haben kann. 

Für diese Beziehungen möge nunmehr der Beweis 
erbracht werden. Aus den eben gegebenen geschicht- 
hchen Ausführungen erhellt mit voller Deutlichkeit 
auch die andere Thatsache, dass von einer eigentlichen 
Schule des ApoUinarios gleichfalls erst etwa von dem 
Jahre 376 an die Rede sein kann. Von diesem Jahre 
her schreibt sich der eigentliche apoUinaristische Streit 
in der Kirche, von da an begannen sich in besonderer 
Weise Schüler und Vertheidiger der Lehre ihres Meisters 
zu sammeln und mit Wort und Schrift hervorzutreten. 



186 Zwei Gegner des Apollmarios. 

Voigt liat (a. a. 0. S. 335) richtig hervorgehoben, dass 
die der ersten Hälfte der ersten Schrift angehörige 
„Bekämpfung der apollinaristischen Lehre von der Leib- 
lichkeit des Herrn nicht als eine gegen Apollinarios 
selbst, sondern vielmehr als eine gegen die sich um ihn 
lagernde weitere Partei gerichtete anzusehen ist." Da- 
hin sind besonders die Sätze zu rechnen : ofioovaiov t^v 
accQxa rijg S-soTriToq Xfyetv inix^tgelrs (I, 9) oder ofioavüiog 
y^yov€ Tov Xoyov ^ cfäg^ (1, 10) und noSg vfietg ndXiv 
X^ytTs i^ ovQavov t6 acofia (I, 7). Das sind Sätze, wie 
sie schon Athanasios in seinem, die in Korinth vor- 
nehmlich hervorgetretenen wunderlichen Lehrbildungen 
berücksichtigenden Briefe an Epiktetos zurückgewiesen, 
dem, wie wir gesehen, Apollinarios in seinem Schreiben 
an Serapion ausdrücklich zustimmte. Thatsache ist, 
dass selbst bei hervorragenden Kirchenlehrern Unklar- 
heit darüber herrschte, wie weit gewisse Lehren auf 
Apollinarios selbst zurückgingen, oder nur von Schülern 
oder ihm ferner Stehenden aus dessen Sätzen gefolgert 
wurden. Ja Thatsache ist, dass z. B. die beiden Gre- 
gorios im Eifer der Widerlegungen sich hier und da 
Folgerungen aus den Lehren des Laodiceners erlaubt 
haben, welche dieser nimmer zugegeben haben würde 
und gegen welche er mehrfach Veranlassung nahm sich 
zu verwahren. So steht es z. B. in dem vorliegenden 
Falle. Apollinarios' Lehre erhellt u. a. aus folgender 
Stelle der Gegenschrift des Gregorios von Nyssa. Dieser 
erklärt Kap. 19, S. 166: [iv %olg tiqo tovtov cpfjtfC, tov 
ZaxccQ^ov r^V ^^aiv (Sach. 13, 7: Schwertl mache dich 
auf wider meinen Hirten und wider den Mann, den ich 
mir zugesellte) jtQog t6 doxovr iQfifjvevMV, cog ix nQoadnov 
TOV nuTQog JtfQi tov vlov Xbybav eiQ'^rTS'ai t6 „av^ipvXov'' 
(bei Tischendorf nok^TTjv), oneq IütI avfi(fv^ ts xal ofioov- 
Ciov* */ fiev ovv oQ&dSg ij fifj tovto v7i€(Xij(p8V, It(qov Xoyov. 
o (J' ovv xaTaax€vd^€i, tovto icTiv] ^rjXol [ffjf!^] did vov- 
T€ov 7tQoq)fjTix6g Xoyog, 6t i ov xard ti^v adgxa ofioovCiog 

TM -d-SM dXXd XUTd TO TtVfVflCC, TO '^vdlJitVOV T^ (SUQXC. 

Jene beiden oben der ersten Schrift wider Apollinarios 
enthobenen Sätze weist ApolHnarios ganz ausdrücklich 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 187 

in seinem ersten Briefe an Dionysios^®) zurück: fifjdiv 
naq ifiov, sagt er, xaivov ^fjT€^ra> rig vvv, fifjd' dnoamni^' 
üiv Tifq uXrid-sCaq dnairsiriA, cog ix Tavr^g eigi^vtiv xaraa- 
xevdl^dav' oV* da ijfiip ovdslg indyeiv dvvarai ravTa tu 
»ard Tipcov keya^sva, d^Xov iativ i^ mv dsl y€yQdg)afi€V, 
ovT€ T^v (sdqxa tov (TcoriJQog i^ ovqavov k^yovreg, ovre 
ofioovciov TW -d-ecS TijV adgxa, xad-^ o i(tTi' (XaQ^ xal ov 
d-sog, d'sog da xad-^ ocfov elg ev TtgoacoTtov ^vcozai rrj S-eozfjTt, 
Besonders scharf ist seine darauf bezügliche Aeussening 
im Briefe an Terentius (a. a. 0. S. 130): El di Tig ^ ovo 
nQoawna Xiyst tov vlov, ^ t'^v (Sdgxa 6iioov(ii>ov tm S-tiS 
xal Ttl "^iisT^Qa (SaqxC, ^ i^ ovqavov xaTäßsßrixvCav, xal 
^ T(S i^ ovqavov nqoasiXTjiJfi^vfjv, na&fjTijv X^yoDV t^v 
S-soTfjTa^ dvaS^€fiaTiZ^aS^(o. Und die schneidige Fassung 
der wiederholt abgewiesenen thörichten Ansicht in 
einem Bruchstück aus einer syllogistischen Schrift (a. 
a. 0. S. 131), auf die ich hier nur verweise, lässt an 
Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig. 

Hatten wir es hier mit der Abweisung von theo- 
logischen Lehrsätzen zu thun, die der apollinaristischen 
Schule in weiterem Sinne eigenthümlich gewesen zu 
sein scheinen, so finden sich doch auch innerhalb des 
ersten, vorwiegend auf jene Sätze Bezug nehmenden 
Theiles der Schrift schon ganz bestimmt gefasste An- 
schauungen und Aeusserungen, die sich zwar nicht als 
wörtlich den Schriften des ApoUinarios entnommen, — 
darin unterscheidet sich diese Streit- und Friedensschrift 
durchaus von der des Gregorios von Nyssa — wohl aber 
als solche kennzeichnen, die aus der Bekanntschaft mit 
des ApoUinarios christologischer Haupt s chrift , dem 
„Erweis der göttlichen Fleischwerdung nach dem Bilde 
des Menschen" vom Jahre 376 und anderen ungefähr 
gleichzeitigen geflossen sein müssen. 

Ich hebe nur das Bezeichnendste als für diesen 
Nachweis ausreichend hervor. 

„Wenn ihr" — so wendet sich im 12. Kapitel der 



^^) Leont. Adv. fraudes Apollinarist. bei Mai, Spicil. Rom. X, 
S. 129. 



188 Zwei Gegner des ApoUinarios. 

Verfasser an die Gegner — ^das Fleisch, welches ge- 
litten, in derselben Weise wie den Sohn und den heiligen 
Geist für gleichen Wesens mit dem Vater erklärt; 
warum werft ihr uns dennoch vor, wir lehrten eine 
Vierheit statt der Dreiheit {xat tC I'ti. ^fiäg fi^fi^sa&e wg 
Tstqdda dvtl TQidöoq XfyovTag); während ihr selbst doch, 
obschon wider Willen, eine Vierheit statt der Dreiheit 
bekennen müsst, indem ihr das Fleisch für gleichen 
Wesens mit der Dreieinigkeit erklärt?" Nach des Gre- 
gorios von Nyssa Zeugniss hat Apollinarios selbst in 
jener seiner Hauptschrift den Rechtgläubigen diesen 
Vorwurf gemacht: £aT€ xCvdvvog iaviv ovdetg — s^igt 
derselbe in seinem ^ivriQQfjTixoc Kap. 42, S. 236 — €lg 
TSTQccöa "^filv TOP T^g TQiddog Xoyov nXatvvetsd-ai, xa&cig 
6 ^AnoXXivdQiog Xfyei. Anderseits ist jener oben ausge- 
sprochene, dem Apollinarios vielleicht zuerst von den 
Antiochenern in eben jenen siebziger Jahren gemachte 
Vorwurf in der, wie es scheint, etwa gleichzeitigen 
Kard iiiqog nCarig von dem Laodicener mit dürren 
Worten zurückgewiesen (Lagarde, S. 110, 19 ff.; Migne, 
Patr. gr. X, S. 1117): Kai iarl S^sog dkfj^ivog o äaagxog 
iv daqxl ipavsQwd-eCg, r^Xsiog rrj dXfid-tvH xat S'sCa tsXsio- 
TfjTt, ov 8vo TtQoata/ra ovdi dvo ipvC€ig' ovök ydg ricaaga 
TiQoaxvvelv ['^fj^dg] }.^yofi€V, S-€ov xal vlov -S-eov xat ard-gfa- 
nov xal TTVsvfJia ayiov. 

Eine ähnliche Stellung wie der eben behandelte 
Lehrsatz nimmt schon in dem 3. bis 6. Kapitel ein 
anderer ein. „Antwortet,'^ — so redet der Verfasser 
Kapitel 3 seine Gegner an — ^die ihr ein neues Evan- 
gelium erfunden haben wollt, woher habt ihr den Auf- 
trag, das Fleisch ungeschaffen zu nennen {adQxa axt&ai;ov 
X^y€iv)j so dass ihr entweder von einer Verwandelung 
des Logos in Fleisch träumen oder das Werk des Lei- 
dens und des Todes Christi für einen Schein halten 
müsst?" Daran schliesst sich wenige Zeilen später die 
Frage: „Wie nennt ihr denn das üngeschaffene leidend 
oder das Leidende ungeschaffen?" Und Kapitel 4: „Ihr 
sagt, durch Vereinigung mit dem Ungeschaffenen sei 
das Fleisch zu einem ungeschaffenen geworden" {dXXd 



Zwei Gegner des Apollinarios. 189 

X^ysTE OTi äxTicfTog Yiyovs trj Ivwdsi Tri ^Qog tov axTKTrov). 
Dass hier Sätze des Apollinarios nicht richtig verstan- 
den oder als aus dem Zusammenhang gerissen vorge- 
tragen und danach zurückgewiesen werden, wie ganz 
derselbe Sachverhalt mehrfach bei Gregorios von Nazianz 
und von Nyssa zu beobachten ist^^), kann zum Grlück 
noch durch Apollinarios' eigene Darlegungen bewiesen 
werden. Er hat den. Antiochenem Flavianus und Dio- 
doros gegenüber seinen Standpunkt gewahrt, und e& 
ist für unseren Beweis wieder von Wichtigkeit, das& 
die betreffenden Aeusserungen Schriften 
angehören, die erweislich nach 373 ver- 
fasst sind. 

In der an Flavianus gerichteten Schrift^®) giebt. 
Apollinarios dem oben von gegnerischer Seite einseitig 
gefassten Satze die Ausführung: ^Hdrj ä^^ararai to aeSfja 
Tov TtXaöTov €lvai xat iv fioQ(prj dovXoV dkXcc dsdo^aötai 
Tfj TiQoq axTiarov Ivdaet g)V(Tixrj, xat xar avT^v rriv y^vvfj- 
atv T'qv ix r^g TtaQ&^vov xat xard tovto ov ^sr^Ttsdev Ik 
TOV TtXaüTov elvai' slg to axTitSTov £lvai, dXX* ^vcoTai ro> 
dxT£<ST(a' xat S-eog wv xard TTfr tov -d-eov kvcocfiv uxtiütov 
lüTiv fj S-eog' xat ijtstd^ tov naTQog ovx äv y^voiTo (fdSfia, 
ov ydg (^cofiaTovTai tvut^q, xaTa tovto ovx dyivvfjTor ^fj^s^rj 
noT^, ovT€ löCa (pvüst dyivvTjTov , SianeQ vlog xat y^wr^ia 
Tfl TTQog TOP yevvfjTov vlov ivwdei cfvtxix^ ts xat i^ dgxijg, 

Aehnlich ist seine Begründung in der Schrift ge- 
gen Diodoros, die in der Stelle bei Leontios (a. a. 0.) 
als erste nach der über die Dreieinigkeit und damit 
zeitlich ziemlich genau bezeichnet wird: L-/AAa TavTa 
(pXvaQiSVf XeyiTia mZg rw 19-^« xad'" IvoTfjTa TCQotfcoTtov 
ffvvacpv^iv ov%t S-eog avv avTM] ncog to tw dxTCüvo^ xad-' 
IvoTt^Ta ^(OTiX'^v ivooS-iv ovx axTidTov Cvv avTw'j €& ydg ov 



^®) Dahin gehört z. B. der von den beiden Gregorios ebenso wie 
in der oben angeführten Stelle und auch in der zweiten Schrift 
Kap. 16 gegen Apollinarios erhobene Vorwurf, dass er die Gottheit 
leiden und sterben lasse. Vgl. dazu Voigt 's sehr verständige Aus* 
führungen a. a. 0. S. 322 ff. 

***) Leont. Adv. fraudes Apollinarist, bei Mai, Spicil. Rom. X,, 
2, S. 143 und 144. 



190 Zwei Gegner des Apollinarios. 

xoiv^ 1^ l7t(jdVV[ACa, ovdiv ovrcog iffrai to cvyxsxgaii^vot^' 
ndvToav d' dloycoraroVy sl roig fiiv tov aoofiarog ovondao^ev 
TO d(fcifiaTov, XiyovTsg adgxa y€y€V^C'd'a& tov Xoyov' tm d^ 
TOV dffcdfidTov fii^ 7tQo<fayoQ€V(fofji€V TO acSfia, xuTa t'^v evcaaiv 
fi^VTOi Ti^v ngog txeivo' xal et -d-avfid^ei Tvoog to xtkstov 
sig Tfiv tov dxTCüTov nqodfiyoQCav IvovTai , noXXm fidXXov 
ST€Qög -d-aviidasi ötxaiwg, rcfSg to dxTi<STov Ttj 7tQO(TfiyoQ^cc 
Tfjg xTKiTflg aagxog fjvcoTa^. 

Der zweite Theil unserer ihrem Verfasser nacli 
unbekannten Schrift dreht sich fast ausschliesslich um 
einen Satz, der allerdings auf Apollinarios selbst zu- 
rückgeht, und den der Verfasser im 13. Kapitel gleich 
in folgender Fassung voranstellt: „Ihr sagt, statt des 
inneren Menschen, der in uns ist, sei in Christus vovg 
IrtovQdviog gewesen." Auf den Ausdruck kommt es hier 
ebenso wenig wie vorher an, sondern auf den wesent- 
lichen Gehalt des apollinaristischen Satzes. Und diesen 
hat der Verfasser, Apollinarios und seine ganze An- 
hängerschaft im Auge habend, daher fort und fort die 
Menge derselben in der zweiten Person der Mehrzahl, 
niemals Apollinarios selbst anredend, unzweifelhaft der 
christologischen Hauptschrift des Laodiceners entlehnt. 
Merkwürdigerweise kommt in des Gregorios von Nyssa 
Widerlegung, welche, wie die zahlreichen anderswo uns 
erhaltenen Bruchstücke aus Apollinarios' Hauptschrift 
und Gregorios' eigene gelegentliche Erklärungen anzu- 
nehmen nöthigen, des Laodiceners Gedanken durchaus 
nicht erschöpft, dieser Satz gar nicht vor, er wird ganz 
zum Schlüss nur flüchtig gestreift in folgender Weise: 
Ilwg — sagt Apollinarios bei Gregorios (Kap. 56, S. 277) 
wörtlich — d-eog ävS'QcoTtog yCv8Tai, fiij fisTaßXfjd'elg dno 
TOV €lvai S^eoc, el fii^ vovg tv dvS-QcoTro} xaT^fTTtj', Dazu 
bemerkt Gregorios (in demselben Kapitel S. 278) : ovxovv 
l'fSog 6 dvd-Qwnivog vovg i(JTi t^ S-eoTfjTi, sl'jtsQ, xax^Mg 
ipflCt o ^AnoXXi^vdQiog, vovg dvd-Qianov iy S-sCa (pvcfig iy^i^cTo. 

Dass der Laodicener aber von der Ersetzung der 
menschlichen Seele Jesu Christi durch den göttlichen 
Logos an dieser Stelle wirklich ausführlicher geredet, 
darf mit voller Sicherheit aus Gregorios von Nazianz 



Zwei Gegner des Apollinarios. 191 

geschlossen werden, von welchem ich nachgewiesen 
habe^^), dass er höchst wahrscheinlich nur zwei grössere 
Schriften des Apollinarios gekannt hat, nämhch die 
^von der Dreieinigkeit '^ und den „Erweis der göttlichen 
Fleischwerdung nach dem Bilde des Menschen". Von 
ersterer kann aus naheliegenden Gründen hier nicht 
die Rede sein, die letztere ist es, aus welcher heraus 
Gregorios in seinem Briefe an Nektarios im Anschluss 
an die von Apollinarios in seiner Schrift ausführlich 
behandelte und gedeutete Stelle 1 Kor. 15,47^^) sich 
so ausdrückt: eha xaradxevd^st' tov av-d'Qwnov ixslvov 
^ov ävood'ev ijxovra tov vovv fi^^ *^Z**^> dXXd r^v S-eoTfjTa 
TOV fJbovoyBvovq, xriv tov vov ^ivdiv dvanXriQdiSaaav fiiqoq 
yeriad-at tov dv-d-Qt^nsCov avyxQafiaTog to TQiTrjfioQiov, ipvx^Q 
T€ xal öcifiaTog xaTa to dvd-Qiimvov ttsqI avTov ovtcov, 
vov di fifj ovTog, dXXd tov txeCvov Tonov tov S-eov Xoyov 
4xva7tXf^QovvTog, Der Ausdruck in der Schrift unseres 
Unbekannten ist gewiss von Apollinarios selbst 
gebraucht. Dafür spricht die oftmalige Erwähnung 
des aus jener Stelle des Korintherbriefs geflossenen 
üvd-Qmnog InovQav vog\ ferner die in einem Bruch- 
stück bei Leontios (a. a. 0. S. 141) aufbehaltene Zusam- 
menstellung: ZiSv 8k XqiüTog (ScSfAa S-eortvovv xal nvsv^a 
iv üaQxl •d'si'xov, v ov g ov Qav iog^ ov fieTa(S%€iv evxoiie-d-a 
xuTd TO „^fieZg di vovv XgicfTov b%o[X€v^^ u. s. w.; und 
ebenso die ganz gleiche Wendung in dem seinem Briefe 
an die verbannten ägyptischen Bischöfe in Diocäsarea 
vom Jahre 377 angefügten Glaubensbekenntnisse: ""Hfisig 
cfiokoyovfiev, ovx elg avx^Qoonov ayiov iTtidedTjfifix^vai tov 
TOV -d-eov XoyoVy onsQ rjv iv ngotpriTaig, dXV avTov tov 
Xoyov (tuQxa yeysvfjtf^ai, fijj dvs^XfjfOTa vovv dv&Qdn^vov, 

vovv TQ€7t6[l€VOV XUl at^flCcXoDTl^OfiePOV XoyiÖfJUOlg ^VTtUQOlg, 

dXXd 'S'slov ovTu vovv Stqstctov ovgdvtov. 

Soviel von der ersten Schrift wider Apollinarios 
und ihrer Abhängigkeit von Schriften des Apollinarios, 
die durchaus jenen Jahren — d.h. 376 und ff. — ange- 



") Zeitschrift für Kirchengeschichte, Bd. VI, S. 531. 532. 
") In Greg. Nysa. Antirrh., Kap. 11, S. 146 ff. 



192 Zwei Gegner des ApoUinarios. 

hören, in welchen eine christologische Sonderlehre von 
ApoUinarios entwickelt und durch zahlreiche Anhänger 
und Schüler in verschiedenen Theilen der morgenlän- 
dischen Kirche verbreitet wurde. Dass auch die zweite 
Schrift wesentlich denselben Gedankenkreis berücksich- 
tigt, geht zum Theil schon aus der Art der Benutzung 
hervor, welche Voigt von ihr gemacht hat. Er folgte 
bei der Darlegung der Bestreitung des ApolUnarismus 
dem Inhalte des ersten der beiden Bücher und schaltete 
aus dem zweiten nur das ein, was ihm als Ergänzung 
des ersten erschien. Insofern bedarf es eigentlich für 
das zweite Buch keines ins einzelne gehenden Nach- 
weises; was vom ersten bewiesen, gilt ganz allgemein 
auch vom zweiten. Nur einiges Wenige sei zum Be- 
weise angeführt, dass der Verfasser der zweiten Schrift 
thatsächlich nach des Laodiceners Hauptschrift ge- 
schrieben und diese ganz offenbar berücksichtigt hat. 
Unter denjenigen Stellen, in welchen diese ßück- 
beziehung auf ApoUinarios' „Erweis der gött- 
lichen Fleischwerdung'^ zu Tage tritt, erwähne 
ich zunächst die in Kap. 4. Hier finden sich unter 
verschiedenen apollin aristischen Lehrsätzen von Jesus 
Christus die Aussagen: ^ ävx^QonTtov (fcavQoa&^vra xal 
xvQiov r^g do^fjg ovra, ^ avS-gcoTtov dxovovra „xd-d-ov ix 
de^icov fiov'^ ^ avd-Qwnov tqxoiievov xqCciv xqlvai. Die 
hier berücksichtigte Psalmstelle (110, 1) ist nun aber 
von. ApoUinarios in den von Theodore tos 2^) unter der 
Ueberschrift ^Ex rov neql aaQXfiasoaq i.oyi'dCov aufbehal- 
tenen Bruchstücken, die, wie ich bewiesen habe^*)^ 
sämmtlich der eben erwähnten christologischen Haupt- 
schrift des Laodiceners zugehören, ganz besonders be- 
handelt und für seine Zwecke gedeutet worden. Der 
unbekannte Verfasser der zweiten Schrift kommt auf 
diese Stelle im 15. Kapitel noch einmal zurück und 
zwar in einer Weise, welche zeigt, dass er ApoUinarios' 
Darstellung unmittelbar dabei im Auge gehabt hat. Eine 
einfache Gegenüberstellung wird dies veranschaulichen. 

") Dialog. II, in Schulze's Ausgabe, Bd. IV, S. 172 ff. 
") Jahrbücher für prot. TheoL, Bd. IX,- S. 299 ff. 



Zwei Gegner des Apollinarios. 



193 



yj 



yy 



Apollinarios. 

Td fiiv ovv ^yKd^ov ix 
deS&ear fiov" (aq Ttgog avx^Qco- 
71 ov Xiyst' ov yuQ rm dst 
xad-riiJbivof int d-Qovov öo^^g, 
xa-d'O ^sog Xoyog, efQfjrai iiexci 
T^v ävodov T^v ix y^g' äXXd 
TW vvv elg ri^v inovQaviov 
vifJoa-d-ivTi do^av xax^o äv-d'^oa- 
nog, <ag ol dnoiHokoi Xfyovoiv' 
y,Ov yaQ Jaßld dv^ßfj elg 
Tovg ovQavovg' Xiysi de avTog^ 
Elnev o xvqiog tm xvqCw fiov, 
xd-d-ov ix de^icSv fAov*% dv-d-Qw- 
Tiov fJbev t6 TtQoarayiia, dqxfjv 
Tfj xa-d'idQa didovv' -d-elov di 
10 d^^cofAu t6 dvyxa-d-^d'&ai' 
-d^ew, (n XenovQyovfSiv al xCXtai 
XiX&ddeg xal naqaCT'^xovctv 
al iivQiat fiVQidöeg. [xal fier' 
oXfya.] Ov ydg cSg S-eä vno- 
vdaaet tovg ix-d-Qovg, dXX' tag 

dv&QüOTTfM)' &(STe TOV aVTOV 

elvai xal S'eov ogwfievov xal 
dvd-QfOTtov, 

Auf gleicher Linie, dünkt mich, steht u. a. auch 
noch die " Rückbeziehung des Verfassers auf die von 
Apollinarios in seiner Hauptschrift vielfach gewendete 
und in besonderem Sinne ausgelegte Stelle 1 Kor. 15, 47, 
deren vorher schon Erwähnung geschah. Gerade seine 
Deutung scheint mir gegen die betreffende Stelle der 
Schrift des Apollinarios gerichtet, die freilich a. a. 0. 
nur in wenigen wörtlichen Aeusserungen erhalten ist. 



Anonyraos. 

^Aüv (ifpwvog ToCvvv ralg 
dyCaig ygatpalg o ogog vfAcov, 
xal dvdqiioGTog r^g nXrjQco- 
S-e^cffjg oixovo^Cag r] yvoifi'ij 
VfidSv. xal t6 „Kdd-ov ix de^icSv 
fiov'^ ovx dv^Qüinov [lev «?/- 
(ü^a, dXXd x^eov. dXV ineid'^ 
To Tov d'eov d^^oofia dvd-Qw- 
710V d^^oofia yiyovev, Xva to 
TOV dv^QcoTCov d^^oofia -d'eov 
d^^oofia TtKtTevS'rl , eiQfjTa& 
Kdd-ov ix de^iwv fiov'^ xal 
J6^a(y6v fie, 7tdT€Q, Tfj dl'd^o) 
do^fj^'. ov xtaQiüd-elg TTig do^fjg 
TOVTO X^yei, dXX^ iv ddo^w 
aoofiaTi yeyopcog, Xva de^^rj ov 
XcoQi^ofi^VfjV TVig -d-eix^g dortig 
Ti^v TOV dovXov fiogqi^v, dXXd 
TavTrjv iTudeixvv^ivfiv. 



Apollinarios. 

(Bei Greg. Nyss. a. a. 0. 
S. 142) : To d^ 7ivevfia, tovt- 
iOTif TOV vovv -d'eov ex(ii>v o 
XqKSTog iieTd ipvx^ig ^"* ^^~ 

Dräseke, Ges. patrist. untersuch. 



Anonymos. 

• (Kap. 16): ^E7iovQdviog ydq 

ävd'QeoTtog 6 xvQiog, ovxl i^ 

ovQavov Ti^v adgxa i7Tidei^d- 

fxevog, dXXd tiJv ix y^g iTtov- 

13 



194 Zwei Gegner des ApoUinarios. 



Qccviov (JV(tTfiad(i€Vog. dio xal 
ovoq ijTovQccviog, toiovtoi xal 
ol InovQcivtoi^ xcerd t^v avTov 
fi€Toxi^v ^^5 dyiOTjjTog, dio 
xal olxsCwrai xd tov cTco- 



fiarog sixorcog ävS-QcoTtog i^ 

ovQavov X^yszai. (S. 145): 

Kai Uavkog tov TtQc&vov 

\4ddfi ipvxriv xaXsl ^istd (fco- 

fiaTog ovdav. (S. 146): ^AXXd 

o dsvTSQog avd-QOüTTog l^ ovqa- fiarog. 

vov TTVsvfiarixog X^ysrai . . . 

olog ydg o inovQdviog, toi- 

ovroi xal ol ircovQdvioi. 

Mit diesen meinen Nachweisungen ist, denke ich, 
die bisher vereinzelt immer noch bei beiden Schriften 
festgehaltene Urheberschaft des Athanasios ein- für 
allemal beseitigt: Athanasios kann der Verfasser 
der beiden Bücher wider ApoUinarios nicht 
sein. Gehen wir noch einen Schritt weiter. Ich be- 
behaupte drittens: 

Beide Schriften stammen aus Alexandria. 
Stillschweigend angenommen ist dies schon von 
allen früheren Forschem, als ganz selbstverständlich 
von denen, welche, wie die im Eingang genannten G-e- 
lehrten, Athanasios für den Verfasser halten, als nicht 
minder selbstverständlich aber auch von Bö bring er , 
der einen Schüler des Athanasios für den Verfasser 
ansieht. Auch bei den im Vorstehenden von mir mit- 
getheilten Ergebnissen der Forschung lege ich "Werth 
darauf, dass Alexandria als Entstehungsort der beiden 
Bücher festgehalten wird. Dies erscheint mir noth- 
wendig zunächst aus dem Grunde, weil, so lange die 
Schriften überhaupt angeführt werden und in der Kirche 
bekannt sind, ihre Ueberlieferung mit derjenigen der 
echten Schriften des Athanasios und keines anderen 
Kirchenlehrers auf das engste verknüpft erscheint. 
Nur so hat die Uebertragung der Urheberschaft auf 
Athanasios einen guten Sinn. Weil die Schriften im 
Zeitalter des Athanasios, wenn auch nach dessen Tode 
in Alexandria verfasst wurden und mit dessen letzten 
brieflichen Kundgebungen theilweise sich berührten, 
setzte, besonders um der gemeinsamen Ueber- 



Zwei Gegner des Apollinarios. 195 

lieferung willen*^), ein Späterer jenen beiden 
Büchern den Namen des Athanasios vor. Und es 
stimmte offenbar vortrefflich zn dem hohen und herr- 
lichen Bilde, dass die dankbare christliche Nachwelt 
von dem grossen, die Ketzer so wacker bestreitenden 
alexandrinischen Bischof bewahrte, wenn man auf ihn 
auch als Bekämpfer des letzten grossen Ketzerhauptes 
des vierten Jahrhunderts hinweisen konnte. 

Dazu kommt ein zweiter Umstand. 

Im 6. Kapitel der ersten Schrift führt der Ver- 
fasser aus: „Wenn eine Natur durch Verwandlung zu 
einer ungesohaffenen wird, so wird sie auch unsichtbar 
und unsterblich, und zwar nicht durch Auferstehung 
vom Tode, sondern weil sie des Sterbens überhaupt 
unfähig i«t. Wie starb dann aber der Herr, wenn er 
auf ungeschaffene Art auf Erden wandeliiß? Wie war 
er sichtbar und tastbar nach dem Schriftwort „Was 
wir gesehen haben und unsere Hände betastet haben" 
(1 Joh. 1, 1)? Wie nun behauptet ihr etwas, was 
nicht geschrieben stehet, noch zu denken verstattet 
ist?'* J(a(S€T€ yuQ — fährt der Verfasser nun fort — 
noiiSiv alQCTixolg Teard T'^v tov tvots keyofi^vov ^PfjTogCov 
ivvotav dcsßsöTa'criVy ov xal T'^v dtsißetav ll^sinsZv ipoßeqov. 
Das 7toT€ scheint die Nöthigung zu enthalten, an eine 
Zeit zu denken, welche schon mehr oder weniger er- 
heblich hinter des Schreibers eigenen Tagen zurück- 
liegt. Wenn nun ganz allgemein ein Schüler des Atha- 
nasios als Verfasser angenommen wird, so kann unter 
Ehetorios ein Zeitgenosse desselben schwerHch ver- 
standen werden. Unhaltbar ist daher Fabricius' 
Vermuthung, dass mit Rhetorios der Rhetor The- 
mistios gemeint sei, der an mehreren Stellen seiner 
Reden lehre, die Mannigfaltigkeit der Meinungen über 
göttliche Dinge beleidige die Gottheit so wenig, dass 



***) Gemeinsamer üeberlieferung zufolge sind ja auch in der 
Sammlung anderer Schriftwerke die merkwürdigsten Irrthümer unter- 
gelaufen. Ich verweise u.a. auf die Handschriften des Demosthenes 
(„lieber Halonnesos", „Ueber die Verträge mit Alexandres"), sowie 
die des Justinus („An die Hellenen" und „Brief an Diognetos").^ 

13* 



196 Zwei Gegner des Apollinarios. 

sie vielmehr sich daran erfreue. An Themistios, der 
388 starb, also unmittelbar Zeitgenosse des Verfassers 
der Schrift war, kann aus diesem Grunde daher nicht 
gedacht werden; ebenso wenig aber auch, wie mir 
scheint, an Rhetorios, des Didymos Sohn, den 
Libanios als seinen in den Rednern- und Dichtem 
wohlbewanderten, aber armen Schüler dem Dux von 
Aegypten Sebastianos brieflich (Br. 321) empfiehlt. Rhe- 
torios lehrte offenbar früher. Was jedoch seine Ansicht 
gewesen, werden wir aus der mitgetheilten Stelle allein 
kaum entnehmen können. Wir müssen zu einem etwas 
älteren Gewährsmann, Philaster von Br ixen (gest. 
nach 381) greifen, welcher (De haeresibus o. XCI) be- 
richtet: „Alii sunt inAegypto et Alexandria a Rhetorio 
quodam qui omnes laudabat haereses, dicens omnes 
bene sentire et neminem errare ex eis, sed ambulare 
bene omnes illos et male eos credere non sentiebat." 
Darin also muss des Rhetorios Gottlosigkeit {daißeia) 
bestanden haben, die unser Verfasser seinen Lesern mit 
dürren Worten darzulegen sich scheut, seine Andeu- 
tungen freilich im Zusammenhange der mitgetheilten 
Stelle rechtfertigen durchaus sein Urtheil und stimmen 
mit Philaster überein. Mit Augustinus, der höchst 
wahrscheinlich unsere Schrift nicht gekannt hat, jenen 
von Philaster angegebenen und ihm bei der Abfassung 
seines Werkes „De haeresibus" vorliegenden Lehrbestand 
als unglaublich zu bezeichnen, *^) ist besonders im Hin- 
blick auf unsere Stelle jedenfalls unzulässig. Wichtiger 
aber als die Ermittelung der besonderen Lehre des 
Rhetorios erscheint mir die Thatsache, dass wir durch 
Philaster bezüglich der Heimath des Rhetorios 
eben nach Aegypten und insbesondere nach Alexan- 
dria gewiesen werden. Und eben dahin führt uns die 
Fassung der obigen Stelle der Schrift, in 
welcher jene einmalige und ganz beiläufige Hervor- 



") August in. De haeres. LXXII (in Oe hl er 's Corp. haeres. I, 
S. 218): A Bhetorio quodam exortam haeresim dicit (Philaster) nimium 
mirabilis vanitatis, quae omnes haereticos recte ambulare et yera dicere 
affirmat; quod ita est absurdum, ut mihi incredibile videatur. 



Zwei Gegner des Apollinarios. 197 

hebung eines einzelnen Irrlehrers ganz einzigartig ist. 
Markion, Manichaxos, Areios, Paulus von Samosata 
werden gleichfalls genannt, aber wiederholt und zumeist 
als Vertreter ganzer Gruppen von ketzerischen Sätzen, 
welche mehr oder weniger mit den apoUinaristischen 
Lehren im Zusammenhange stehen, so dass diese aus 
ihnen gefolgert und dann zurückgewiesen werden. Jener 
Satz erscheint fast wie in der Form der praeteritio, der 
Mann, dessen Gottlosigkeit zudem ausführlich zu er- 
örtern entsetzlich ist {ov xal t^v d(Si߀iav i^eiTteZv ^oße- 
^v), und auf die gerade deshalb nicht weiter einge- 
gangen wird, war den Lesern, den ägyptischen Christen, 
sagen wir genauer den Alexandrinern, eben genau be- 
kannt. Unsere Schrift ist daher höchst Wahr- 
scheinlich in Alexandria geschrieben. 

Für die zweite Schrift steht uns allerdings kein 
so zweckdienliches inneres Merkmal für die Bestimmung 
des Abfassungsortes zu Gebote. Hier dürfte es im all- 
gemeinen genügen, auf Montfaucon's Bemerkung 
zu verweisen, dass das zweite Buch durchaus Athana- 
sios' Schreibweise zeige und dass dessen Echtheit weit 
weniger im Ernst beanstandet werden könne, als die 
des ersten, in dessen Eingange besonders doch auch 
den älteren, sonst an Athanasios als Verfasser festhal- 
tenden Forschern mancherlei von Athanasios Abweichen- 
des aufgefallen war. 

Es würde endlich noch erübrigen, einen Versuch 
zu machen, um die Verfasser beider Schriften 
in alexandrinischen Kreisen zu ermittelu. 
Denn dass die Verfasser zweier so hervorragender, auf 
Kirchenversammlungen als Zeugen angerufener Schriften 
gänzlich unbedeutende, in der grossen Menge christ- 
licher Schriftsteller spurlos verschwundene Männer sein 
sollten, ist von vornl^erein nicht als wahrscheinlich an- 
zunehmen. Die Thatsache vielmehr, dass die Verfasser 
zahlreicher anderer namenlos oder mit falschen Namen 
überlieferter Schriften des christlichen Alterthums durch 
genaue Feststellung ihres Lehrgehalts und ihrer Schreib- 
weise und durch richtige Deutung versteckter oder bis- 



198 Zwei Gegner des ApoUinarios. 

her falsch verstandener Beziehungen sich wirklich haben 
ermitteln lassen, ermuthigt gerade dazu, einen Versuch 
in dieser Richtung zu unternehmen. 

Gehen wir zu diesem Zwecke von dem Inhalte 
der beiden Bücher aus. Es ist früher schon be- 
merkt worden, dass sie nicht immer in erster Linie und 
ausschliesslich ApoUinarios' Lehren bekämpfen. Es wird 
eine ganze Reihe früher aufgetretener Irrlehrer ge- 
legentlich aufgeführt, mit ihren Lehrsätzen werden die 
des ApoUinarios in Verbindung gesetzt, theüs mit ihnen 
vergüchen, theüs aus ihnen gefolgert. Die Hauptsätze 
christUchen Glaubens, wie sie das vierte Jahrhundert 
fasste und im Kampfe gegen Irrlehrer zumeist phüo- 
sophisch begründete, werden so durchgegangen. Und 
zwar ist dieser Gesichtspunkt möglichster Vollständig- 
keit in der Vertheidigung christlicher Glaubenssätze 
offenbar der vorherrschende; nicht aber werden, was 
man nach dem Vorbilde der beiden Gregorios, beson- 
ders des Nysseners erwarten sollte, wenn in erster 
Linie eine Widerlegung des ApoUinarios beabsichtigt 
war, ApoUinarios* Ansichten im Anschluss an irgend 
eine seiner christologischen Schriften durchgegangen 
und widerlegt. In beiden Schriften ist dies in gleicher 
Weise der Fall; für beide würde sich daher die Auf- 
schrift IJegt doy/jbaTcov zur Bezeichnung des Inhalts, 
für die erster e vielleicht die Bezeichnung Hegt nCarenaq 
noch besser eignen. Erwünscht wäre es natürUch, wenn 
wir auch irgend eine Wendung innerhalb der Schrift 
aufzuweisen vermöchten, durch welche jene aus dem 
Inhalte muthmasslich erschlossene Aufschrift entweder 
wörtlich oder doch dem Sinne nach bestätigt würde. 
Dem Sinne nach, meine ich, liegt in der ersten 
Schrift diese Bestätigung in der Anfangserklärung des 
Verfassers, dass er auf die Frage des Jüngeren neQl 
triq iv ^filv nCazsixx; (Kap. 1) die Widerlegung der betreffs 
der wichtigsten Glaubenssätze vorgebrachten coipCa^ara 
xal T^g TtagargoTi^g vo'^fjiara (Kap. 3) der Gegner unter- 
nimmt und nach Vollendung seines Werkes auf des 
geUebten Schülers Frage zurückblickt (Kap. 22) : raira 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 199 

eyQaxpa, dyanrjTi, . . . iTteidtj ^QcoTfjtfag nsQl t^g Iv fjfitv 
nCaTSioq, xal evexd ys tcSp iQsdxsXelv ßovXofi(v(av Talg 
i^€VQiC€(Si xal ov Xoy&^ofi^vcov ort o ix toov Idionv XaXcSv 
t6 xfjsvöog XaXel. Doch, dürfte die Entscheidung über 
die etwa zu wählende Aufschrift schwieriger sein. Die 
zweite Schrift dagegen enthält in der Ankündigung 
ihres Verfassers deutlich die allgemeine Angabe des 
Inhalts der zu erwartenden Darlegungen, wie ich sie 
soeben kurz kennzeichnete (Kap. 4): nQoxsCa&od roCvvv 
ziSv alQSTixäv Tce doyfiaTa xal T^g vfisr^Qag y)Qovi^ dsiog ^ 
yvcüfjbfi xal T^g i^fier^Qag n(<STS(xig 6 Xoyog xal rov svayysXCov 
oqog xal rcSv dnodToXfav ro xriQvy^a xal rcSv nQo^fjTwv 
fj iiaqrvQCa xal Tiy$ nXriQw-d'sCiSifig oixovofJbCag iy xaravoriCig, 
Gerade in diesen Worten ist genau dasjenige enthalten, 
was man mit IIsqI dayfidrcov xal xazd ^AnoXXi- 
vaqCov bezeichnen könnte, eine Aufschrift, deren 
zweiter Bestandtheil allein {xal xard ^AnoXX^vaQCov) sich 
in der handschriftlichen Ueberlieferung der Schrift er- 
halten hat. 

Als Verfasser dieser letzteren Schrift würde sich 
unter den hier in Betracht kommenden Alexandrinern 
jener Ambrosios empfehlen, von welchem Hiero- 
nymus berichtet (Vir. ill. CXXVI): „Ambrosius Alexan- 
drinus, auditor Didymi, scripsit adversus Apollinarem 
Volumen multorum versuum ,de dogmatibus^'* An dem 
Ausdruck volumen multorum versuum brauchen wir 
keinen Anstoss zu nehmen; das Werk ist, nicht bloss 
mit dem Augenmass des Alten gemessen, ein ganz an- 
sehnliches Buch, in Thilo's Ausgabe 18 Seiten gr.-Oct. 
von durchschnittlich 36 Zeilen füllend, was etwa 23 — 25 
Teubner'schen Textseiten gleichkommen würde. Um 
einen besonders starken Umfang zu bezeichnen, bemisst 
z. B. Gennadius des Antiocheners Theodoros 
fünfzehn Bücher „de incarnatione domini" auf 15000 
versus {(StCxoi), Hieronymus die gesammte schriftstelle- 
rische Hinterlassenschaft des Gregorios von Nazianz 
auf etwa 30000 versus {(SxCxov), Die Stärke des erste- 
ren Werkes würde, mit genauer Berückwsichtigung der 
stichometrischen Gewohnheiten der Alten, etwa einem 



200 Zwei Gegner des ApoUinaHos. 

Teubner'sclieii Bande von 340 — 350 Seiten entsprechen, 
also, um ein Beispiel anzuführen, etwa der Ausgabe 
des Curtius Rufus von Vogel oder dem ersten Bande 
der Anthologia Latina von Riese gleichkommen. 

Als Verfasser der ersten Schrift könnte man ver- 
sucht sein, den blinden Didymos anzunehmen, von 
welchem Hieronymus (Vir. ill. CIX) gleichfalls be- 
richtet, dass er eine Schrift „de dogmatibus'* verfasst 
habe. Von diesem Werke jedoch ist uns leider ganz 
ausserordentlich wenig bekannt. Didymos selbst er- 
wähnt es nur einmal in seiner Schrift über den h. Geist 
in den "Worten (Hieron. opp. IX, S. 332): „Ex quibus 
ostenditur esse spiritum sanctum creatorem, ut iam in 
Dogmatum volumine breviter ostendimus.** Da nun eine 
solche wenn auch nur kurze Erörterung unserer namen- 
losen Schrift völlig fremd ist, so werden wir von ihrer 
Gleichsetzung mit der Schrift des Didymos IleQl doyiid- 
Tcov absehen müssen. Vielleicht aber dürfen wir den- 
noch an irgend eine ihrer genauen Aufschrift nach uns 
nicht näher bekannte Schrift des Didymos. denken. 
Hieronymus erwähnt nämlich neben „de dogma- 
tibus", „contra Arianos", „de spiritu sancto" und den 
zahlreichen Schrifterklärungen noch „multa alia, quae 
digerere proprii indicis est." Fabricius rechnete die 
von Mingarelli entdeckten und 1769 zuerst heraus- 
gegebenen drei Bücher über die Dreieinigkeit 
noch zu den verlorenen Werken des Didymos, und 
Harles trug den Fund und die auf die Würdigung 
der Bedeutung desselben und die Erörterung der Echt- 
heitsfrage bezüglichen Schriften in der von ihm besorg- 
ten neuen Auflage der Bibliotheca Graeca nur nach. 
Wenn nun Theodoretos (Hist. eccl. IV, 29) erklärt, 
gleichzeitig hätten Ephräm zu Edessa und Didymos zu 
Alexandria Schriften xard rwv avTinaXtav ri^q dkfj&sCag 
doyiidtoav verfasst, so kann damit des Didymos in seiner 
Schrift über den h. Geist (a. a. 0. S. 323 und 328) 
erwähntes „Sectarum volumen", das von Fabricius 
ohne triftigen Grund der Schrift „de dogmatibus" gleich- 
gesetzt wird, gemeint sein. Nothwendig ist dies aber 



Zwei Gegner des Apollmarios. 201 

nicht. Di d y mo s hat doch noch eine besondere Schrift 
gegen die Manichäer verfasst, die grösstentheils 
wenigstens uns noch erhalten ist. Kann nicht auch 
diese in jenen Worten mit verstanden werden und 
ausserdem vielleicht noch andere? Sollte der greise 
Didymos gerade Apollinarios, dessen von der Recht- 
gläubigkeit sich entfernende Sonderlehre sowie die da- 
durch in weiten Ejreisen hervorgerufenen Beunruhi- 
gungen und die besonders von Schülern des Laodicehers 
weiter geführten Streitigkeiten innerhalb der Kirche 
ohne besondere Entgegnung gelassen haben, während 
er in ^en Büchern über die Dreieinigkeit und der Er- 
klärung des ersten Johannesbriefes wiederholt, ohne 
Namen zu nennen, apoUinaristische Lehren zurück- 
weist P^'^) An einer von Mingarelli nicht beachteten 
Stelle des dritten Buches von der Dreieinigkeit (Kap. 41) 
sagt nämlich Didymos, nachdem er Montanus und seine 
Lehren beleuchtet: Toffavra TtQog rag aXXag alqidsiq, oSg 
ciov T€, (fco^Qovcog diafiaxofied-a. Dass mit dieser Aeusse- 
rung nicht etwa das Folgende gemeint ist, zeigen die 
nächsten Worte : ecr^ Sä ng xat äXkij yvfipi^ xs^akrj rij 
aXtf-d-eCa fiaxofJi^Vfj' ovdi avzfjv ^fiiv xaraXeintiov dvi- 
XeyTtTov — und daran schliesst sich dann die Wider- 
legung der manichäischen Lehre. Wir werden also 
schliessen dürfen, dass Didymos unter jenen anderen 
Irrlehren, die er in massvoller Weise bekämpfe, auch 
den ApoUinarismus verstanden und dass er ein auch 
auf diesen bezügliches Werk verfasst hat. 

Ambrosios, so könnte man weiter folgern, dürfte 
als Schüler des Didymos gerade durch seines Lehrers 
Vorbild veranlasst worden sein, auch seinerseits ein 



2^ Didym.De trin. III, 8 (Migne, Patrol. Gr. XXXIX, S.849): 
'Ex yccQ dl] Ttjg Toidadf dnoarohx^g (fQciafojg Ixßdkkoyrcc^ xal ofcTf ol 
atgsTixol xal oi XQivovrfg njv actQxa rov dftmowv i^ ovgavov, dkk' 
cvx dy&Q(on(tay jvy/dyny. — Enarr. in Epist. I. loh. C. IV (a. a. 0. 
S. 1796) : Sunt autem quidam haeretici, qui neque usque ad sermonem 
conseniiunt in carne venisse lesum, sed aut corpus coeleste eum detu- 
lisse putant, aut certe usque ad phantasiam hominem apparuisse 
confirmant. 



202 Zwei Gegner des ApoUinarios. 

ähnliclies Werk zu schreiben. Aus diesem gemuth- 
massten Zusammenliange würden sich die mancherlei 
sachlichen Berührungen zwischen der zweiten und ersten 
Schrift ziemlich einfach erklären. Für Ambrosios wei- 
tere Beweismittel beizubringen, erscheint bei dem 
trümmerhaften Zustande der Ue herlief erung völlig aus- 
geschlossen. Ein klein wenig mehr lässt sich vielleicht 
hinsichtlich der muthmasslichen Abfassung der ersten 
Schrift durch D i d y m o s sagen. Von einer sprachlichen 
Untersuchung, d. h. von einem Vergleich unserer Schrift 
mit den überlieferten, anerkannt echten Werken des 
Didymos kann ich mir freilich ebenso wenig Erfolg 
oder ein sicheres Ergebniss versprechen, als von einem 
solchen mit denen des Athanasios, wie ich zuvor schon 
bemerkte. Die von Mingarelli hervorgehobenen 
Eigenthümlichkeiten der Schreibweise des Didymos, die 
er bei einem Vergleich der Bücher von der Dreieinig- 
keit und vom h. Geist herausfand, treffen wir mehr 
oder weniger auch in unserer Schrift wieder. Dahin 
gehört z. B. der Umstand, dass der Verfasser mehrfach 
unvermittelt von einem Gegenstande seiner Unter- 
suchung zum andern übergeht, dass er in feiner dialek- 
tischer Weise mit seinen Gegnern streitet, endlich dass 
er — und dies scheint mir das Auffälligste — des 
Apollinarios Namen nirgends nennt ^®). Dagegen lassen 
sich einige andere allgemeine Beobachtungen 
anführen, die für Didymos als Verfasser zu 
sprechen scheinen. 

Von keinem Forscher ist bisher, soviel ich weiss, 
der eigenthümliche. Anfang der ersten Schrift besonders 
beachtet oder erklärt worden. Wenn nämlich der Ver- 
fasser beginnt: *^0 giiv rgoTtog rov evtfeßovg o äxojtog to 
aicoTcrj a^ßsiv ro näv^ dyaTtfjri, xal BvxaqCdToiq ßoalg 
ävvfivelv TOP evcQy^Tfjv d'sov, — so liegt hier offenbar 
ein Satz vor, der echt stoisch klingt. Wie ist der- 
selbe zu verstehen, oder, fragen wir vielleicht besser, 



*^) Mingarelli De Didymo comment. Üb. I, c. XXII, 2 bei 
Migne a. a. 0. S. 170 D, 171 A und 172B. 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 203 

wie kommt ein solcher hier in den Anfang einer christ- 
lichen Schrift? — Es ist eine längst bekannte That- 
Sache, die Wen dl and jüngst bezüglich eines einzelnen 
Falles besonders anschaulich gemacht hat^^), dass die 
hervorragendsten Lehrer gerade der alexandrinischen 
Schule, Pantänos, Clemens, Origenes, hauptsäch- 
lich aber Clemens stark stoische Philosophie 
getrieben und in beträchtlichem Umfange von stoischer 
Weisheit in ihren Schriften Gebrauch gemacht haben. 
Warum sollte Didymos, der letzte treue Nachfolger 
des Origenes, der nach Hieronymus' Zeugniss^®) 
„sicherlich in der Trinität sichre rechtgläubig** war, in 
dieser Beziehung eine Ausnahme machen? In den 
Büchern von der Dreieinigkeit wenigstens zeigt er, 
ähnlich wie ApoUinarios in seinem Aoyoq nagaive- 
Tixog TtQog ^'EXXfivaq, eine bedeutende Belesenheit nicht 
bloss in den hellenischen Dichtern (Homeros, Pindaros, 
Sophokles, Orpheus u. a.), sondern auch in den Philo- 
sophen, wie Piaton, Aristoteles und Porphyriös, aus 
denen er, ebenso wie jener, zur Stütze seiner eigenen 
Ansichten Stellen anführt. Ja, in seiner Schrift gegen 
die Manichäer^^) bedient er sich der seit Piaton übli- 
chen, besonders aber von den Stoikern mit Vorliebe 
verwendeten Viertheilung der Tugend zur Veranschau- 
lichung seiner Gedanken in einer Weise, die auf ge- 
nauere Vertrautheit mit stoischer Weisheit und eine 
gewisse Vorliebe für dieselbe schliessen lässt. Gerade 
jener Anfangssatz könnte darum sehr wohl für Didy- 
mos zeugen. Natürlich ist mit dieser Möglichkeit noch 
kein Beweis geführt; aber ich meine, die Andeutung 
dieser besonders durch Wendland's Hinweis auf die 
ausgedehnte Verwendung stoischer Philosophie 
von Seiten der alexandrinischen Lehrer eröff- 
nete Aussicht ist auch bei jenem Anklang an stoische 



^^) Wendland, Quaestiones Musonianae. De Musonio Stoico 
CJementis Alexandrini aliorumque auctore. Berolini 1886. 

*°) Hieron. adv. Rufin. II, 16: Quid, respondebis pro Didymo, 
qui certe in trinitate catholicus est? 

3*) Migne, Patrol. Graec. XXXIX, S. 1097. 



204 Zwei Gegner des ApoUinarios. 

Ausdrucksweise nicht so ohne weiteres von der Hand 
zu weisen. 

Nicht minder auffällig ist in der ersten Schrift die 
unverhältnissmässig häufige und eingehende Bezug- 
nahme auf Manichäos and seine Lehren (Kap. 
12, 14, 15, 21). Dieselbe erscheint, dünkt mich, weit 
erklärlicher und verständlicher, wenn wir uns daran 
erinnern, dass Didymos der Bekämpfung und Wider- 
legung des Manichäismus die eben erwähnte besondere 
Schrift gewidmet hat, wie denn gerade um jene Zeit 
der Manichäismus in Aegypten, und hauptsächlich in 
Alexandria stark verbreitet war und zahlreiche An- 
hänger hatte ^^). 

Beachtenswerth ist ferner vielleicht auch der Um- 
stand, dass die gesammten gegnerischenSätze, 
welche der Verfasser bekämpfen will, gleich 
im Anfange (Kap. 2) kurz und übersichtlich 
zusammengefasst sind, und danach die Ausfüh- 
rung einiger der wichtigsten im Einzelnen 
folgt, während in der zweiten Schrift von einer der- 
artigen Behandlung keine Spur sich findet. Sollten 
wir darin ein in den Verhältnissen begründetes Ver- 
fahren gerade des blinden Didymos erkennen dürfen, 
der aus der Fülle des ihm Vorgelesenen mit vorschau- 
ender Kraft des Geistes alles dasjenige, was er als be- 
zeichnend und unterscheidend scharf erfasst hat, ge- 
drängt zusammenstellt, um dann einige der wichtigsten 
Lehrstücke (im ersten Theile die apollinaristische Lehre 
von der Leiblichkeit Christi, im zweiten Theile die 
von der Stellvertretung des menschhchen Geistes 'durch 
den göttlichen Logos) herauszugreifen und dieselben 
in ihren Folgerungen mit der behaglichen Breite des 
Alters weiterspinnend zu widerlegen, von den zu An- 
fang zusammengestellten Sätzen aber nur hier und da 



^*) Der zuvor schon erwähnte Dax Aegyptens Sebastianos, an 
welchen Libanios mehrere Briefe richtete, war Manichäer. Das Vor- 
handensein zahlreicher Manichäer in Alexandria ergiebt sich aus 
Hieron. Epist. 82 ad Theophilum, Pal lad. Histor. Laus. 54 und 
aus Theodore t. Hist. eccl. II, 14. 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 205 

einen dem jeweiligen Zusammenhange einfügend und 
bestreitend? 

Noch deutlicher aber vielleicht verräth sich der 
Anhänger des Origenes an einer anderen Stelle. Hagen- 
bach'*) macht darauf aufmerksam, dass Gregorio» 
von Nyssa und Didymos den Gedanken des Ori- 
genes wieder erneuert hätten, „wonach die Wirkungen 
des Todes Jesu sich über die Erde hinaus auf das 
ganze Universum erstreckt haben^ und führt von Di- 
dymos die Stelle**) an: „Pacificavit enim lesus per san- 
guinem crucis suae quae in coelis et qua in terra sunt, 
omne bellum destruens et tumultum." Dem erscheint 
dem Grundgedanken nach entschieden verwandt, wenn 
auch, durch den Zusammenhang bedingt, nur bis zu 
einem gewissen Grade entsprechend, die Wendung de» 
5. Kapitels: dto r^g fiiv dfiaQTfag r^v xardxQKftv inl 
y^g InoifiaaTo, Tilg ^^ xaxaQag rfjv xa-d-aCQsCiv inl l^vXov, 
Trig dt ^-d-oQag Tfjv dnoXvTQoodiv Iv rw Tdqxo xal toP 
S'avdrov ti^v xa%dXv(SiV iv tw adfi, navrl inißdg tottm, 
Hva Tov (SVfiTtavtog dvS-QmTtov Tifv (fwTfjQ^av xaTeQydtyfjrai, 
IJbOQ^riv T^v i^fi€T^Qag slxovog iv iavrtS im^deixvvfisvog. 
Sollte diese Stelle, der nunmehr die drei zuerst mitge- 
theilten Beobachtungen bestätigend zur Seite treten 
dürften, nicht auf Didymos als Verfasser der Schrift 
unmittelbar hinweisen? 

Wie man sich aber auch zu diesen beiden Annah- 
men stellen möge, das Eine leisten sie uns, sie erklären 
einige der früher schon den Forschem aufgestossenen 
Erscheinungen besser, als dies bisher der Fall war. 

In dem mehrfach angedeuteten Verhältniss geistiger 
und zum Theü auch schriftsteUerischer Abhängigkeit 
beider alexandrinischer Verfasser von dem grossen Wort- 
führer gegen die Hauptketzer des Jahrhunderts, Atha- 
nasios, finden, wie mir scheint, die vielfachen, in beiden 
Schriften vorkommenden Anklänge an Wendungen und 



") Hagenbach, Dogmengeschichte. 5. Aufl. 1867. S. 289. 
") Erklärung zu 1 Petr. 3, 22 bei Gallandi, Bibl. PP. T. IV 



S.325, oder Migne a. a. 0., S. 1770B. 



206 Zwei Gegner des ApoUinarios. 

Beweisführuiigen des Athanasios ihre einfachste und 
nächstliegende Erklärung. 

Das Gleiche ist endlich hinsichtlich einer anderen 
Erscheinung der Fall. Dass Apollinarios persönlich in 
beiden Schriften gar nicht erwähnt wird, glaubte man 
früher auf schonende Rücksicht des Athanasios gegen 
den ihm fast während seines ganzen Lebens befreun- 
deten Laodicener zurückführen zu dürfen. Obwohl wir 
nun Athanasios als Verfasser durchaus haben aufgeben 
müssen, so bleibt doch gerade auch' bei Männern wie 
Didymos und Ambrosios derselbe Gresichtspunkt 
unverrückt bestehen. Beide lebten noch, als Hierony- 
mus sein Werk« ^De viris illustribus" abschloss, d. h. 
im Jahre 392, ja Didymos starb erst 395, während 
Apollinarios schon Anfangs der neunziger Jahre heim- 
gegangen zu sein scheint. Als Mitarbeiter oder G-e- 
sinntmgsgenossen des Athanasios hatten beide Grund, 
auch dessen langjährigen Freund, den „ehrwürdigen" 
Bischof von Laodicea, wie selbst Epiphanios ihn 
nennt, mit aller Schonung und Achtung zu behandeln. 
Sollte durch dieselben Rücksichten bestimmt nicht auch 
Hieronymus über gewisse Werke seiner als Erklärer 
der h. Schrift von ihm hochverehrten beiden Lehrer 
Didymos und Apollinarios, über des ersteren 
Schrift wider letzteren und über des letzteren christo- 
logische Werke, deren Sonderlehren ihn je länger je 
mehr den alten Freunden entfremdeten, absichtlich 
Schweigen beobachtet und im Hinblick auf jene sich 
mit dem einfachen Hinweis auf „multa alia, quae dige- 
rere proprii indicis est", begnügt haben? Dazukommt, 
dass zu alexandrinischen und in weiterem Umfange 
ägyptischen Kreisen — ich erinnere besonders an den 
grossen Theologen Dionysios von Ehinokolura 
und die ihm nahestehenden, theologisch bedeutenden 
Männer — Apollinarios und seine hervorragendsten 
Schüler mannigfache freundliche Beziehungen unterhiel- 
ten, worüber ich in der zweiten Untersuchung dieses 
Buches, über Dionysios von Ehinokolura, weitere An- 
deutungen zu geben versucht habe. 



Zwei Gegner des ApoUinarios. 207 

Werfen wir schliesslich noch einmal einen Rück- 
blick auf unsere Untersuchungen, so lassen sich die 
Ergebnisse derselben kurz dahin zusammenfassen: 

Die unter Athanasios' Namen überlieferten Schriften 
wider ApoUinarios sind 

1) nicht von einem und demselben Verfasser ge- 
schrieben ; 

ST) können nicht von Athanasios verfasst sein und 

3) stammen sicher aus Alexandria, vielleicht von 
Didymos und dessen Schüler Ambro sios. 



VI. 



Marcus Diaconus, 



Von welcher hohen Bedeutung die Stadt Gaza seit 
den ersten Anfängen von Städtegründungen an der 
Küste Palästinas bis in die spätesten Zeiten römischer 
Herrschaft in allen Beziehungen gewesen ist, davon 
giebt K. B. Stark in seiner schon im J. 1852 erschie- 
nenen Sonderdarstellung ,,Gaza und die phüistäische 
Küste" ein sehr klares, den überaus weitschichtigen 
Stoff erschöpfendes und anschaulich gestaltendes Bild. 
Das erste Buch, welches die Zeit orientalischer Abge- 
schlossenheit bis zur Eroberung Gazas durch Alexander 
den Grossen zum Gegenstande hat, führt uns, von der 
Urgeschichte des Volkes, der Stadt und der Küste aus- 
gehend, die politische Entwickelung der philifetäischen 
Städte bis auf Alexander, sowie die kulturgeschicht- 
liche Stellung der Philistäer vor; während der Ver- 
fasser in dem die Geschichte des Hellenismus an der 
philistäischen Küste bis zur Eroberung durch die Araber 
umfassenden zweiten Buche einmal die politische Ge- 
schichte der Stadt und der Küste unter der Diadochen- 
und Ptolemäer-Herrschaft, sodann die Zeit von Anti- 
ochos dem Grossen bis auf Pompejus' Erscheinen in 
Cölesyrien, ferner die politischen Zustände und Ereig- 
nisse der philistäischen Städte unter den Römern und 
endlich die hellenistische Kultur und das geistige Leben 
auf der philistäischen Küste behandelt. 



Marcus Diaconus. 209 

Schon derjenige, welcher nur die Berichte über 
das jetzige, hauptsächlich durch Seine Seifensiederei, 
Weberei und Töpferei ^) eine gewisse Bedeutung an der 
Küste Palästina's beanspruchende Gaza, welche G. Gatt 
in der „Zeitschrift des deutschen Palästina -Vereins" 
VII, 1 ff. veröffentlicht hat, aufmerksam liest, wird aus 
den genauen Mittheilungen desselben über die Funde 
von Säulenresten, Bruchstücken von Bildsäulen, z. B. 
einer des Zeus, den gewaltigen Umfang sowie die Mäch- 
tigkeit der bei Gelegenheit von Neubauten mühsam 
durchbrochenen Schuttlagen, über die hier und da zu 
Tage tretenden Beste der einst riesigen Stadtmauern 
(a. a. 0. S. 4)^) und die bedeutende Ausdehnung der 
rings um die heutige Stadt sich erstreckenden Trümmer- 
stätten ^): der wird, meine ich, ahnen und zu dem 
Schlüsse sich genöthigt sehen, dass wir dort vor einer 
Bildungsstätte von der hervorragendsten Wichtigkeit 
und dem höchsten Alterthum stehen. In welchem Jahr- 
hundert Gaza's Bedeutung und Blüthe am grössten ge- 
wesen, wann es mit allem Glänze griechischer Kunst ver- 
schönt und geschmückt worden, darüber werden theils 
die Ansichten sehr verschieden lauten, theils wird man auf 
eine sichere Ermittelung der in Betracht kommenden 
Thatsachen von vorherein zu verzichten haben. Eins 
aber ist sicher: eine Zeit ungeahnten künstlerischen 
und wissenschaftlichen Glanzes und^ Ruhmes beginnt 
für Gaza mit dem Siege des Christenthums in der Stadt. 
Reichlich fliessen seitdem die Quellen unserer Kenntniss, 
wir erhalten eingehende und zuverlässige Kunde von 
dem kostbaren künstlerischen Schmucke der Stadt, von 



^) Vgl. G. Gatt's Aufsatz „Industrielles aus Gaza" in der „Zeit- 
schrift des deutschen Palästina- Vereins" VIII, 69 ff. 

*) Als „muros ingentis operis" bezeichnet sie Curtius in seiner 
Histor. Alexandri Magni IV, 6, 7. 

^) Unter diesen ist z. B. das lange verschollene, von Plinius 
bestimmt als nördlich dicht bei Gaza liegend verzeichnete Anthedon 
von Gatt in dem noch heute von den Einwohnern „Theda" ge- 
nannten Trümraerfelde, innerhalb dessen der Mufti von Gaza einen 
.,Thedat" benannten Garten besitzt, mit Sicherheit wiedererkannt 
worden. Vgl. a. a. 0. S. 5ff. mit Guthe's Anm. S. 7. 

DrAseke, Ges. patrist. Untersuch. l'i 



210 Marcus Diaconus. 

den anmuthig in Marmor strahlenden Bildsäulen, welche 
die Vorhallen der Häuser, die Strassen, Plätze und Um- 
gebung der Stadt füllten, von den öffentlichen Anlagen 
und Bauten, den farbenprächtigen Gemälden, der kunst- 
vollen Uhr der Stadt und besonders den prachtvollen 
Kirchen. Vor allem sind es die "Wissenschaften, die 
Philosophie, die Redekunst und Dichtkunst, welche um 
jene Zeit in Gaza in hervorragendem Masse gepflegt 
werden und durch Männer vertreten sind, welche auf 
jenen drei Gebieten eine grosse Thätigkeit entwickeln, 
„für gewisse Zweige allein in ihrer Zeit stehen und 
auch in der Nachwelt eine bestimmte Anerkennung 
erlangen". Ich meine Prokopios, Chorikios,*) 
A e n e a s und Johannes von Gaza, Männer, deren 
Schriften bis jetzt nur zum Theil bekannt und gesam- 
melt sind, und durch deren vollständige, hoffentlich 
nicht mehr zu lange währende Veröffentlichung^) wir 
in den Stand gesetzt werden dürften, von jener Zeit 
des Glanzes Gaza's sowohl ein noch weit anschauliche- 
res Bild zu erhalten, als auch über den tiefgreifenden 
Einfluss jener Männer der Wissenschaft und der Kunst 
in den Zeiten der Kaiser Anastasius I. und Justinianus 
ein begründeteres Urth eil, als bis jetzt möglich, zu fällen. 
Diese Zeit ist in ihrem vollen Umfange für unser 
geschichtliches Erkennen und Urtheilen noch nicht ge- 
nügend erhellt, obwohl u. a. Stark auch über sie 
schon die schätzenswerthesten Andeutungen und Aus- 
führungen gegeben hat. Klar und deutlich tritt uns 



*) Vgl. u. a. Hans Malchin's Dissertation „De Choricii Gazaei 
veterum Graecorum scriptorum studiis". Kiel 1884. 

•'') Wie verlautet, haben wir von Förster in Kiel die Heraus- 
gabe von Werken der Männer aus der Schule von Gaza zu erwarten. 
Möchte vorerst doch der vollständige Chorikios, soweit dies heule 
noch möglich, recht bald an's Licht treten! Des Johannes von 
Gaza „Descriptio tabulae mundi" und „Anacreontea'' haben wir in einer 
neuen, 1882 zu Berlin erschienenen Ausgabe von Eug. Abel, sechs 
andere Schriften desselben stehen in Matranga's Anecdot. Graec. 
(Rom 1850) II, 575 — 641, ein JIuvijyvQvxog dg top ccvToxQaTOQcc tAya- 
Gidciov des Prokopios von Gaza in Yilloison's Anecdot. Graec. 
(Venedig 1781) II, No. 3. 



Marcus Diaconus. 211 

dagegen in der Ueberlieferung der Anfang dieser letzten 
Blüthezeit Gaza's entgegen, die eben mit dem Siege des 
Christenthums beginnt. Nirgends ist der Kampf des 
Heidenthums mit der neuen, frisch aufstrebenden Geistes- 
macht des Christenthums länger und erbitterter gewesen 
als in Gaza. Gaza erscheint in der Ueberlieferung als 
der letzte feste Hort des Heidenthums, mit der Zer- 
störung des Marneions, des weit über die philistäische 
Küste hinaus berühmten, prachtvollen Nationalheilig- 
thums, ist der Sieg des Christenthums entschieden. 

. Nicht plötzlich und unvorbereitet haben die Christen 
zum Sturm auf jene letzte feste Stellung des Heiden- 
thums zu schreiten vermocht. Ueber ein halbes Jahr- 
hundert seit der Anerkennung des Christenthums als 
Staatsreligion verging, ehe sie dazu im Stande waren. 
Zwar hören wir schon von Gaza und Askalon als 
Bischofssitzen in konstantinischer Zeit; die Bischöfe 
beider Städte erscheinen als Gesinnungsgenossen des 
Athanasios auf der Kirchenversammlung zu Nicäa. Aber 
die Christengemeinden sind ausserordentlich klein und 
unbedeutend. Die Wohlthaten, welche Constantinus 
verschwenderisch über diejenigen Städte ausschüttete, 
welche sich zum Christenthum bekannten, haben nach- 
weislich ja Tausende in den Schoss der christlichen 
Kirche geführt; geringfügig waren und blieben aber 
die Erfolge des Kaisers an der philistäischen Küste, 
besonders in Gaza. Auch die Verleihung besonderer 
Stadtrechte an die gazäische Hafenstadt Majuma,^) 
deren Bewohner in Massen plötzlich aus eifrigen Heiden 
Christen geworden waren, sowie die Errichtung eines 
Bischofssitzes daselbst blieb auf die Stimmung der zäh 



^) Ma'Cov^äg, heute noch in der Form „Maimas" erhalten („Zeit- 
schrift des deutschen Palästina- Vereins", VIII, 24S), schon zu Arria- 
nos' Zeiten, auch noch zu denen des Sozomenos (V, 3) 20 Stadien 
oder eine halbe Meile von Gaza entfernt, darum auch wohl >? via 
rdCa genannt, lag nach Gatt (a. a. 0. S. 4) an der Stelle des heutigen 
Hafenplatzes. „Die östliche Stadtmauer," sagt derselbe, „etwa zehn 
Minuten vom Hafen, war dort, wo ich sie beobachten konnte, an drei 
Meter dick und befindet sich mehr als ein Meter unter dem Sande." 

14* 



N 



212 Marcus Diacouua. 

an den alten Göttern festhaltenden Bürgerschaft von 
Graza ohne ersichtlichen Einfluss. Ja selbst die gross- 
artige Wirksamkeit des Einsiedlers Hilarion in un- 
mittelbarer Nähe Gaza's und die von ihm ausgehenden 
Klostergründungen im weiteren Umkreise der Stadt, zu 
Gerar, Kades, Bethelean, von denen die Bekehrung 
des Landvolkes in Angriff genommen wurde, vermochten 
das Heidenthum in Gaza nicht zu erschüttern. Viel- 
mehr schöpfte dasselbe unter Julianus neuen Muth und 
neue Hoffnung; Kirchen und Klöster wurden im Sturme 
wieder beseitigt, Majuma auf der Gazäer Klage nach 
des Kaisers eigener Entscheidung (Sozom. V, 3) diesen 
wieder zugesprochen. 

Der eigentliche Todeskampf des Heidenthums fällt 
ein ganzes Menschenalter später hauptsächlich unter 
des Theodosius Regierung. Noch einmal war die 
Gesammtmacht des römischen Reiches in einer that- 
kräftigen Hand vereinigt. Des Reiches Bestand durch 
wirksamen Schutz gegen äussere Gefahren und durch 
die Einheit des Glaubens im Inneren kräftig zu wahren ^ 
darin erblickte Theodosius seine Hauptaufgabe. In den 
Heiden sah er Abtrünnige; er griff darum mit Strenge 
zu den früheren Verordnungen gegen dieselben zurück. 
Noch heute zeugen die Rechtsbücher laut »von dem 
stetig sich steigernden Eifer des Kaisers, das Heiden- 
thum völlig zu beseitigen. Allmählich „wurden den 
Heiden die politischen Stellungen, Rechte, endlich die 
Privatrechte des Besitzes geschmälert oder genommen; 
die heidnischen Zeichen und Verbindungen entfernt 
und endlich die unmittelbare Zerstörung der heidnischen 
Mittelpunkte unterstützt". 

Als eine Hochbarg des Heidenthums stand bis da- 
hin unerschüttert und unangetastet der berühmte Wun- 
derbau des Serapeions zu Alexandria. Fromme 
Scheu umgab des Gottes Heiligthum mit einer Art von 
Unnahbarkeit; versicherte man doch zuversichtlich, dass^ 
wenn ruchlose Hand je des Serapis Heiligkeit versehren 
sollte, Himmel und Erde sofort in den trüben Wust 
des Uranfangs zurücksinken würden. So ragte das aus- 



Marcus Diaconus. 213 

zahlreichen Metallplatten kunstreich gefügte Bild des 
Gottes, die Mauern des Heiligthums ' an allen Seiten 
berührend, in der Haltung und Bedeutung dem. Zeus 
.ähnlich, unterschieden von ihm durch den korbartigen 
Kopfaufsatz und das sinnbildliche Ungethüm in seiner 
Rechten mit Kopf und dreigeschwänztem Leibe einer 
Schlange, dessen drei Enden in die Häupter eines 
Hundes, eines Löwen und eines Wolfes ausliefen. 
Schon war es zwischen Christen und Heiden in Alexan- 
dria zu blutigen Kämpfen gekommen; befeuerte doch 
jene der berüchtigte Gregner des edlen Johannes Chry- 
sostomos, Erzbischof The ophilos, nach Gibbon's be- 
zeichnendem Ausdruck „der beständige Feind des Frie- 
dens und der Tugend, ein kühner, ruchloser Mann, 
dessen Hände abwechselnd von Grold und von Blut 
befleckt waren". Da traf 391 der kaiserliche Befehl 
ein, welcher sofortige Zerstörung des Serapeions ver- 
langte. Der Sturm auf das Heiligthum brach los, mit 
wuchtiger Streitaxt zerschmetterte ein beherzter Krieger 
das Haupt des Gottes, ohne dass Erde und Himmel 
untergingen. Völlige Vernichtung des Götterbildes und 
die Zerstörung der oberen Mauern des Heiligthums 
folgten. Man verzweifelte an dem Schutz des Gottes, 
und massenhaft trat das Volk zum Christenthum über, 
auf der Trümmerstätte erhob sich bald eine christliche 
Kirche. Leider ward bei dem Werke der Verwüstung 
auch die kostbare Büchersammlung von Alexandria mit 
ihren unersetzlichen Schätzen geplündert und zerstört. 
Noch nach zwanzig Jahren sah Orosius^) die leeren 
Fächer dieses berühmtesten Sammelpunktes der schrift- 
stellerischen Hinterlassenschaft des Alterthums, und so- 
gar dieser Eiferer scheint zu bedauern, dass Christen 
die Zerstörer aller jener Geistesschätze waren. 

Der Fall des Serapeions rief im Morgenlande eine 
gewaltige Erschütterung hervor. Jetzt war es nur noch 
die Küste Palästina's, die bislang mit Erfolg an den 



^) Oros. VI, 15: Nos vidimus armaria librorum, quibus direptis 
exinanita ea a nostris bominibus nostris temporibus memorant. 



214 Marcus Diaconus. 

vaterländischen Göttern festhielt; aber fast noch ein 
Jahrzehnt zieht sich der Kampf um ihre Heiligthümer 
hin. Es sind die Tempel von Raphia, von Petra und 
Areopolis in Arabien, Heliopolis und Apamea, beson- 
ders aber die von Gaza. Das ist die Zeit, in welcher 
Hieronymus an Lata schreibt (Ep. VII. T. I, 35 ed. Fr.): 
„lam et Aegyptius Serapis Christianus factus est, Marnas 
Gazae luget inclusus et e Version em templi iugiter per- 
timejcit". 

Die Bedeutung und die häufigere Erwähnung des 
Gottes Marnas gehört, wie Stark nachgewiesen hat 
(a. a. 0. S. 577 ff.), ganz der Zeit des letzten Kampfes 
des Heidenthums an. Mit dem Namen Marnas, so be- 
lehrt uns derselbe Gewährsmann, ist die Gottheit an 
sich nur als Hauptgottheit bezeichnet, und zwar der 
Bedeutung und dem Begriff nach als wesentlich gleich 
dem herrschenden Bei oder dem griechischen Zeus. 
Demgemäss eignen ihm vorwiegend die Bezeichnungen 
des letzteren als Orakelgottes, femer als des Herrn und 
Spenders des Regens bei Dürre und Trockenheit (in 
griechischer Auffassung also Marnas als Zfvc dyQsvg, dqov- 
Qaloq), endlich als des Höhenzeus, eines Zsvq dxQalog, 
der Regen und Fruchtbarkeit von seiner wolkensam- 
melnden Spitze auf die Erde herabsendet. Dieses Gottes 
Tempel hielten die Gazäer für den ruhmvollsten und 
wichtigsten unter allen;®) jedenfalls war er in den Jahr- 
hunderten der christlichen Zeitrechnung der bedeutend- 
ste in ganz Syrien. Nachdem das Serapeion gefallen, 
die Tempel von Heliopolis und Apamea kurz darauf in 
Asche gesunken, war das Marneion zu Gaza des 
Heidenthums letzter Hort. 

Den entscheidenden Schlag gegen dasselbe führte 
ein Bischof, über dessen Leben und Wirken wir genauer 
unterrichtet sind als über das manches anderen, Por- 
phyrios. Es ist ein nicht zu unterschätzender Vor- 



») Marc. Vita Porph. 64, S. 199, 25: t6 Muqvhov, o thyop tlycu 

((7l€(yT(C/0V. 



Marcus Diaconus. 215 

zug, dass uns für diese Zeit und die geschicht- 
lichen Vorgänge derselben der Bericht eines Augen- 
zeugen, des dem Porphyrios eng befreundeten Diakonen 
Marcus vorliegt. Während den Früheren das von 
diesem verfasste „Leben des Porphyrios" nur in der 
schlechten, stellenweise ganz unverständlichen^) latei- 
nischen Uebersetzung des Grentianus Hervetus und in 
einem Auszug aus den griechischen Menologien zum 
26. Februar ^^) zu Gebote stand, erfreuen wir uns seit 
1875 durch Haupt's Bemühungen ^^) der in vieler 
Beziehung sorgfältig gereinigten griechischen Urschrift. 
Aus derselben treten uns die entscheidenden Vorgänge, 
welche zum Siege des Christenthums in Gaza führten, 
viel lebendiger und anschaulicher entgegen, als dies 
sonst der Fall war, so dass es sich der Mühe wohl 
verlohnt, an der Hand des schlichten, aber treuen ^^) 
und gar nicht ungewandt schreibenden Gewährsmannes 
jenen für Gaza so denkwürdigen Zeitraum, den Stark 
nur in grossen Zügen uns vor Augen führt, ein wenig 
eingehender zu schildern. 

*) Vgl. Stark, a. a. 0. S. 579, Anm. 5. 

^^) Acta Sanctor. Febr. III, p. 645—649. Ed. Antv. 1658. 

^*) Marci diaconi vita Porphyrii episcopi Gazensis edita ex 
codice Vindob. ms. bist. Gr. III a M. Hauptib (Ex comm. reg. acad. 
sc. Berol. a. 1874. Berol. typis acad. 1875). Dass übrigens Marcus ein 
Griecbe war und demzufolge seine Schrift ursprünglich griechisch, nicht 
aber, wie Gibbon (Kap. 32, in Sporschil's Uebersetzung Bd. VI, S. 178, 
Anm. 5) neben der Annahme ursprünglich griechischer Niederschrift noch 
für möglich hielt, in syrischer Sprache abfasste, geht aus seinen eigenen 
Worten hervor (Kap. 4, S. 173, 22) : x«t' Ixnvoy d( tov xMigoy avytßtj 
xccfjif ix T^g l4aic(g xajccTthvacct /«(>*^ tov TiQoaxvy^accir lovg afßccG/ntovg 
TüTiovg. Danach stammte Marcus aus der Provinz Asia, oder, wenn 
wir den neutestamentlichen Sprachgebrauch, insbesondere vielleicht 
den des Apostels Paulus (2 Kor. 1, 8. 2 Tim. 1, 15. 18) massgebend 
sein lassen, geradezu aus Ephesus. 

") Marc. Vita Porph. 3, S. 172, 29: «iVw d'f rovg turvyxnvovrag 
raidf no ffvyyQa^/Ltcen ufj (InicifTv roTg Ifyofiivoig' fcvTOTmjg ydg Tijg 
liQfTrjg tov (cyd()6g iyfyojtifjy Gvyoixtjaag xal GVf.i7ilfvang xui avyxaxov/t]- 
&fig avTtp tü)g rijg Tfksvnaag iqfiiQicg rijg iyd-d^f aviov i^taijg. Ueber 
Neander's Bedenken, wonach die ihm nur in der lateinischen Ueber- 
setzung bekannte Schrift des Marcus, „obgleich die Anordnung der 
darin enthaltenen Begebenheiten manche chronologische Schwierig- 
keiten giebt, zu sehr das Gepräge dieser Zeit" trägt, „als dass man 



216 Marcus Diaconus. 

Bischof Porphyrios von G-aza war durchaus 
der Mann, um das Werk voll und ganz und aller 
Hindernisse und Hemmungen, aller Schmach und 
Schande ungeachtet zu verrichten, in welches die Vor- 
sehung ihn gewiesen. Er ist ein hervorragender Ver- 
treter des Einsiedlerwesens und Mönchthums, dessen 
sittliche Berechtigung in jenem von politischen Stürmen 
so gewaltig erschütterten Zeitalter mit seinem natur- 
gemässen Gegensatz gegen die Ueppigkeit und das 
Afterwesen einer untergehenden Bildung einerseits und 
dessen tiefgreifende Bedeutung für die höhere, weit- 
abgewandte Haltung des ganzen geistlichen Standes 
der folgenden Jahrhunderte andererseits Burckhardt 
in seinem Werke „Die Zeit Konstantin^s des Grossen '^ 
(2. Aufl. Leipzig 1880, S. 383 ff.) so trefflich geschü- 
dert hat. Porphyrios erscheint als ein Mann, der alles 
Irdische mit Freuden dahin giebt, um es in den Dienst 
des Christenthums und seiner höchsten Aufgaben zu 
stellen, als ein Mann voll unermüdlicher Thatkraft, 
grosser Sanftmuth, herzlicher Demuth, höchster Be- 
sonnenheit und himmlischen Erbarmens (Marcus' „Leben 
des Porphyrios" 8, S. 175, 17 ff.); dessen inneres Leben 
aber ein so gesteigertes und lebhaftes ist, dass es zu 
Gesichten und den Körper auf das tiefste erregenden 
und zerrüttenden Verzückungen neigt. Sein Leben 
kann als ein anschauliches Beispiel jener ganzen Gat- 
tung von Menschen dienen, deren Thun und Treiben 
uns heutzutage oft so fremdartig anmuthet, ohne deren 
Vorbild aber die Kirche, d. h. die einzige Pflegerin 
alles geistigen Dichtens und Trachtens der damaligen 
Menschheit, früh völlig verweltlicht und im Kampfe 
mit der rohen Gewalt sicherlich erlegen wäre. 

Porphyrios stammte aus Thessalonike von ange- 
sehenem, reich begütertem Geschlechte. Inmitten alles 



sie nicht grösstentheils für echt halten sollte" (Johannes Chrysosto- 
mus II, S. 159) — setzen wir uns jetzt leicht hinweg. Schwierig- 
keiten in der zeitlichen Anordnung der Begebenheiten sind thatsächlich 
nicht vorhanden, alle übrigen Nachrichten des Marcus aber sind im 
höchsten Grade vertrauenswürdig. 



Marcus Diaconus. 217 

irdischen Ueberflusses ergriff ihn ein unwiderstehlicher 
Drang, die Heimath und den Glanz des Vaterhauses 
zu verlassen und sich zu den Einsiedlern der Wüste 
nach Aegypten zu begeben. Hier in Skete verweilte 
er bei den frommen Vätern fünf Jahre, mit heiligem 
Eifer allen geistlichen Uebungen und Kasteiungen sich 
unterziehend. Dann zog es ihn zu den heiligen Stätten 
Palästina's. Bald aber suchte er wieder die Einsamkeit 
auf; er ging in die Gegend am Jordan und wohnte in 
einer Höhle, indem er gleicher Weise auch hier fünf 
Jahre unter vielem körperlichen Elend zubrachte. In- 
folge der grossen Dürre und der Schwankungen in der 
Witterung jener Landstriche verfiel er in eine heftige 
Krankheit. Als er sich nun in der äussersten Gefahr 
sah, bat er einen seiner Bekannten, ihn nach Jerusalem 
hinaufzuschaffen ; er war schwer leberkrank und fieberte 
beständig. Trotz der Zunahme seines Leidens und trotz 
der unaufhörlichen Schmerzen, welche seinen Leib 
immer mehr dahinschwinden Hessen, hörte er nicht auf, 
obwohl gebückt und unfähig sich aufzurichten, auf 
einen Stab gestützt, die Auferstehungskitche Christi 
und die anderen Gebetsstätten täglich $u besuchen. 
Li solchem bejammernswerthen Zustande traf ihn einst 
Marcus, der um jene Zeit zu Schiffe von /Asien hinab- 
gekommen war, um die heiligen Stätten .zu besuchen, 
und der bei längerem Aufenthalt in JeruF^alem sich von 
seiner Hände Arbeit als Schönschreiber/ nährte. Por- 
phyrios befand sich auf den von Constaoitinus gestifte- 
ten Marterstufen und war nicht mehr irnj, Stande, seinen 
Fuss weiter zu setzen. Da lief Marcus/ herzu, streckte 
ihm seine Hand hin und bat ihn, sich (^arauf zu stützen 
und die Stufen hinanzusteigen. Er 5fiiber lehnte dies 
ab mit den Worten: „Es ist nicht recht, dass ich, der 
ich hierher gekommen bin, um Vergebung der Sünden 
zu erbitten, mich auf eines* anderen Hand stütze'' (Kap. 5, 
S. 173, 32 ff.). So schleppte er sich elend dahin, ja 
er verachtete sein Leiden so sehr, dass er, nach Marcus' 
Ausdruck, „seine Krankheit in fremdem Körper zu 
haben glaubte". Nur ein Umstand betrübte ihn, „dass 



218 Marcus Diaconus. 

sein Vermögen immer noch vorhanden und nicht dem 
Worte des Evangeliums gemäss verkauft und an die 
Armen vertheilt war". Als er vor Jahren seine Vater- 
stadt verlassen, waren seine Brüder noch Kinder ge- 
wesen. Zur Erledigung dieser Angelegenheit bat er 
Marcus, der ihm ein theilnehmender Freund geworden, 
nach Thessalonike zu schiffen. Dieser, mit Vollmacht 
verseheil, entledigte sich in drei Monaten seines Auf- 
trages und kehrte mit dem nicht unbeträchtlichen Ver- 
mögen des Porphyrios nach Jerusalem zurück. Aber 
wie erstaunte er, als Porphyrios ihn bei seiner Ankunft 
unter Fi'eudenthränen umarmte. Marcus kannte ihn 
nicht, so hatte er sich verändert; der vordem so Ge- 
brechlichem stand in blühender Gesundheit, frisch und 
fröhlich vor ihm (Kap. 6, S. 174, 8 ff.). Um den Grund 
dieser wunderbaren Wandlung befragt, theilte Porphy- 
rios einen Vorgang mit, der für des Mannes eigen- 
artiges Wesen zu bezeichnend ist, als dass ich ihn hier 
übergehen sollte. 

„Als ich mich vor- etwa vierzig Tagen," so erzählte 
er Marcus (Kap. 7, S. 174, 30 ff.), „nachtwachend in der 
Kirche befai id, befielen mich unsagbare Leberschmerzen, 
und da ich n meinen Schmerz nicht mehr ertragen konnte, 
ging ich we^ ; und legte mich nahe der h. Schädelstätte 
nieder. Infol ge des heftigen Schmerzes gerieth ich wie 
in Verzückung y und sehe den Heiland von Nägeln durch- 
bohrt am Krtmz und einen der Schacher mit ihm han- 
gend an eincLOi anderen Kreuz- und ich fange an zu 
schreien und o\es Schachers Wort zu rufen: „Gedenke 
meiner, o Herr, wenn du in dein Reich kommst!" Und 
es antwortete de^r Heiland und sprach zu dem hangenden 
Schacher: „Stei^^e herab vom Kreuze und rette jenen, 
der da liegt, so wie auch du einst gerettet wurdest.'' 
Und der Schacher stieg herab vom Kreuze, umarmte 
und küsste mich, reichte mir seine Rechte und richtete 
mich auf mit den. Worten: „Gehe zum Heiland!" Und 
sofort stand ich auf und lief zu ihm und sehe ihn, wie 
er herabgestiegen ist vom Kreuz und zu mir sagt: 
„Nimm dieses Holz und bewahre es!" Und ich nahm 



Marcus Diaconus. 219 

dasselbe werthe Holz und trug es und sofort kam ich 
von meiner Verzückung wieder zu mir, und von jener 
Stunde hatte 'ich keine Schmerzen mehr, ich wusste 
nichts mehr von dem Sitz meines Leidens." Seit jener 
Zeit schloss sich Marcus immer enger an Porphyrios 
an. Des von jenem ihm überbrachten Vermögens ent- 
äusserte sich Porphyrios gar bald; die Kleider wurden 
verkauft, das meiste Silbergeschirr zu heiligen Geräthen 
gestiftet, alles übrige Geld aber den Dürftigen nicht 
allein in der heiligen Stadt, sondern auch in anderen 
Städten, Dörfern und Klöstern, zumeist den dessen be- 
sonders benöthigten ägyptischen Klöstern überwiesen. 
Er entblösste sich so sehr von allen Mitteln, dass er 
bittere Noth litt und, als er zu dem wenig einträglichen 
Gewerbe eines Lederarbeiters griff, gleichwohl des mit 
reicheren Mitteln versehenen Marcus Vorschlag, mit 
ihm ein gemeinschaftliches Leben zu führen, ablehnte. 

Es konnte nicht ausbleiben, dass Bischof Pray- 
1 i o s von Jerusalem bald auf den strengen Süsser auf- 
merksam wurde, von dessen wunderbarem Begegniss 
in der Verzückung und daran sich schliessender Gene- 
sung ihm erzählt worden war. Er machte ihn trotz 
seines Widerstrebens zum Presbyter und Hüter des 
h. Kreuzes. Porphyrios war damals etwa 45 Jahre 
alt ; er setzte auch nach seiner Weihe sein beschwerliches, 
arbeitsames Leben mit Fasten und Nachtwachen fort. 

Drei Jahre nach seiner Wahl zum Presbyter — wahr- 
scheinlich im Jahre 395 — starb der Bischof Aeneas 
von Gaza, der seinen Vorgänger Irenion nicht lange 
überlebt hatte. Die Christengemeinde von Gaza, welche 
.damals an Zahl noch gering war, wandte sich, da in 
ihrem Schosse Streit und Eifersucht herrschten, an den 
Erzbischof von Cäsarea, Johannes, mit der Bitte, 
ihnen einen Bischof zu geben. Dieser bat brieflich 
Prayhos, ihm behufs Lösung einer Streitfrage der 
h. Schrift, worin Porphyrios ganz besonders bewandert 
war, den letzteren nach Cäsarea zu senden. In Beglei- 
tung des Marcus, eines jungen Dieners Barochas, und 
zweier Eseltreiber machte sich Porphyrios auf den Weg 



220 Marcus Diaconus. 

und wurde von Jobannes, wiederum gegen seinen Willen 
— er weinte heftig und behauptete, eines so hohen 
Amtes nicht würdig zu sein — zum Bischof von Gaza 
ernannt. Erfreut nahmen die gazäischen Abgeordneten 
ihren neuen Bischof und zogen über Diospolis, woselbst 
man übernachtete, nach Gaza, wo sie, von den mit 
Zweck und Bedeutung ihres Zuges durch das Gerücht 
schnell bekannt gewordenen Bewohnern der in der 
Nähe von Gaza liegenden Dörfer vielfach geplagt und 
unangenehm behelligt, glücklich um die dritte Stunde 
der Nacht eintrafen. Sie begaben sich sofort zur bischöf- 
lichen Wohnung, die vordem, freilich klein und beschränkt, 
Bischof Irenion^^) sammt der Irene-Kirche gegründet hatte. 

Einer an die grosse Vergangenheit der Stadt er- 
innernden örtlichen Ueberlieferung gedenkt bei dieser 
Gelegenheit Marcus. „Man erzählt nämlich," sagt er 
Kap. 18, S. 178, 29, „die Einwohner von Gaza hätten, 
als die Stadt von Alexander dem Macedonier erobert 
wurde, auf ein gewisses Zeichen dort den Kampf ein- 
gestellt, und seitdem heisse die Stätte Irene (Friede). 
Diesen Ort fand der selige Irenion geehrt von den 
Gazäern vor und gründete deswegen auf demselben die 
Kirche. Sei es nun der eben erwähnten Umstände, sei 
es um des Namens des Gründers willen blieb sie bis 
auf diesen Tag so genannt." 

Die ersten Zeiten der bischöflichen Amtsführung 
des Porphyrios sollten für die kleine, nach Marcus 
(Kap. 19, S. 180, 13) nur 280 Personen, Männer, Weiber 
und Kinder, zählende christliche Gemeinde gleich höchst 
bedeutungsvolle und wichtige werden. Die Ereignisse 
erinnern unwillkürlich an Vorfälle, die bereits etwa ein 
Menschenalter früher ebendort sich zugetragen hatten. 
Schon zur Zeit des Aufenthalts des h. Hilarion in der 
Nähe der Stadt war während der Circusspiele, bei denen 
ein christlicher Pferde Besitzer, durch des Heiligen Rath 
unterstützt, seinen dem Marnas ergebenen Gegner im 

*®) Irenion treffen wir 363 in Antiochia, wo er mit vielen 
anderen Bischöfen das von denselben an Kaiser Jovianus gerichtete, 
von Sokrates (III, 25) aufbehaltene Schreiben unterzeichnete. 



Marcus Diaconus. 221 

Rennen geschlagen hatte, der Euf erschollen: „Mamas 
ist von Christus besiegt!" Jetzt handelte es sich um 
die Abstellung empfindlichen Eegenmangels. Weder 
im Monat Dios (November) noch den Monat darauf 
hatte Mamas, dessen besondere Bedeutung hierfür in 
Aehnlichkeit mit dem hellenischen Zeus ich zuvor schon 
hervorgehoben, regnen lassen. Sieben Tage hinterein- 
ander hatten seine Verehrer Hymnen gesungen, waren 
zu der dem Gotte geweihten, ausserhalb der Stadt unter 
freiem Himmel gelegenen Gebetsstätte hinausgewall- 
fahrt, ohne etwas ausgerichtet zu haben. Da versam- 
melten sich die Christen, baten Porphyrios, mit ihnen 
vor die Stadt zu ziehen und inbrünstig um ßegen zu 
flehen, da man die Dürre und die infolge derselben 
bereits eingetretene Hungersnoth gerade dem Eintreffen 
des Bischofs in der Stadt schuld gab. Dieser kam der 
Bitte nach, wachte mit seiner ganzen Gemeinde die 
Nacht hindurch in der Kirche unter Gesang und Schrift- 
verlesung, und von da zogen alle insgesammt in feier- 
lichem Züge zu der alten, im Westen der Stadt gele- 
genen, einst, wie es hiess, von Bischof Asklepas ge- 
gründeten Kircjie, Von hier aus wandte man sich zu der 
ausserhalb der Mauern befindlichen Grabstätte des Märty- 
rers Timotheos und flehte Gott um B;egen an. Als endlich 
die Heimkehr zur Stadt angetreten wurde, fand man das 
Thor von den ^erbitterten Heiden verschlossen. Nach zwei- 
stündigem vergeblichen Harren erhob sich plötzlich ein 
starker Südwind, der Himmel bedeckte sich mit Wolken, 
und mit Sonnenuntergang begann unter Blitzen und Don- 
nern wolkenbruchartiger Regen herniederzuströmen, der 
drei Tage anhielt. Die armen Ausgeschlossenen achteten 
des kaum, vor übergrosser Freude hatten sie einander 
umarmt. Hier schien nun auch vielen Heiden die Hajid 
Gottes sichtbar zu walten, sie wurden gläubig, öffneten 
das Thor, mischten sich unter die Christen und riefen: 
„Christus allein ist Gott, er allein hat gesiegt!" In der 
That, Marnas hatte geschwiegen, Christus im Wetter 
geredet; Marcus durfte bei dieser Gelegenheit wohl an 
Elias und die Baalspriester auf' dem Karmel erinnern. 



222 Marcus DiacoLue. 

Diese göttliche Errettung aus Hungersnoth. führte 
an jenem Tage 127 Heiden der Kirche zu, andere 105 
folgten noch in demselben Jahre. Bei den Heiden aber 
nahm die Erbitterung ein immer drohenderes Gepräge 
an. Heidnische Archonten schädigten die Christen, wo 
sie nur konnten, insbesondere war der Bischof den 
lästigsten Plackereien ausgesetzt. Ja, der Diener des- 
selben, Barochas, wurde von Landleuten, als er zur 
Erhebung einer kirchlichen Abgabe in einem nahe bei 
Gaza gelegenen Dorfe erschien, so furchtbar zugerichtet, 
dass er halbtodt am Wege liegen blieb. Hier fanden 
ihn Christen zufallig am folgenden Tage und trugen 
ihn nach Gaza. In der Meinung, man habe einen Todten 
in die Stadt getragen, rotteten sich die Heiden, wüthend 
über den Frevel, zusammen, rissen den schwer verwun- 
deten Barochas von den Schultern seiner Träger her- 
unter, schlugen auf dieselben los, und bald erfüllte sich 
die ganze Stadt mit Lärm und Getümmel. Bischof 
Porphyrios eilte sofort mit Marcus und anderen Brüdern 
zur Stelle, und während er selbst den grössten Be- 
schimpfungen und Misshandlungen von Seiten der hass- 
erfüllten Heiden ausgesetzt war, gelang es den Christen, 
im Gedränge der für und wider den Bischof Partei 
Nehmenden, den unglücklichen Barochas in die Kirche 
zu retten, wo er die Nacht unter sorgsamer Pflege ver- 
brachte und erst ganz allmählich wieder -zu sich kam. 
Auch vor der Kirche erschien nun am nächsten Morgen 
noch einmal die wüthende Volksmenge, an ihrer Spitze 
der Schirmvogt der Bürgerschaft sammt den Friedens- 
richtern und den beiden Archonten Timotheos und 
Epiphanios, mit der Beschuldigung, die Christen hätten 
gegen die väterlichen Gesetze gefrevelt. Bischof Por- 
phyrios trat allein dem rasenden Haufen entgegen und 
versuchte vergeblich, unter Hohn und Spott von allen 
Seiten, sich Gehör zu verschaffen; ja seine Gehülfen 
Marcus und der Diakon Cornelius , die ihm zu Hülfe 
kamen, wurden gröblich gemisshandelt. Da erhob sich 
in wunderbarer Kraft und Frische Barochas von seinem 
Schmerzenslager, ergriff ein Holzscheit und hieb damit 



Marcus Diaconus. 223 

SO furclitbar auf die verblüffte Menge ein, dass sie in 
wilder Flucht auseinanderstob, von dem Simson Ba- 
rochas bis zum Marneion verfolgt (Kap. 19, S. 180, 2 bis 
Kap. 25, S. 183, 25). 

Diese Vorgänge in Verbindung mit der Beobach- 
tung, dass die von den Heiden gegen die Christen be- 
gangenen Frevel sich täglich mehrten, Hessen in lor- 
phyrios den Beschluss reifen, seinen getreuen, jetzt 
zum Diakonen geweihten Marcus nach Byzanz zu sen- 
den, um den Kaiser um Zerstörung der Götzentempel 
zu bitten. Denn, der Ereignisse in Alexandria unge- 
achtet ertheilten die Tempel zu Gaza, besonders ier 
des Marnas, nach wie vor Orakel. Mit einem Schreiten 
an Erzbischof Johannes (Chrysostomos) reiste Mar- 
cus "nach Konstantinopel. Dieser vertrat bei dem 
Cubicularius Eutropios, jenem missgestalteten, uner- 
sättlich habgierigen Verschnittenen, dessen schamloses 
Treiben Claudianus so vortrefflich geisselt, persönlich 
Porphyrios' Bitte und setzte bei dem damals allmäch- 
tigen Günstling des Arcadius die Ausfertigung eines 
kaiserlichen Befehls durch, „dass die Götzentempel der 
Stadt der Gazäer geschlossen werden und nicht me.ir 
Orakel ertheilen sollten" (Kap. 26, S. 184, 12). Bei 
seiner Heimkehr nach Gaza fand Marcus den Bischof 
krank liegen, die vielen Bedrängnisse und Beängsii- 
gungen von Seiten der Heiden hatten ihn auf's Kran- 
kenlager geworfen; jetzt machte ihn die Freude übir 
den Brief des Chrysostomos schnell gesund. Siebe n 
Tage nach Marcus' B,ückkehr traf der mit der Aui »- 
führung des kaiserHchen Befehles betraute höhet e 
Beamte, Namens Hilarius, sammt Vertretern des Cot - 
sularis und zahlreichen Schutzmannschaften aus Azoto s 
und Askalon in Gaza ein. Sofort nahm er die drc i 
Stadtältesten in Gewahrsam, setzte sie jedoch gegeg i 
ein Lösegeld wieder auf freien Fuss und eröffnete ihnei i 
nun den kaiserlichen Befehl, dass die Götzentempel voi i 
Gaza bei Gefahr des Lebens der Vorsteher selbigei : 
Stadt geschlossen werden sollten. Er Hess die Götter- • 
bilder in denselben stürzen und die Tempel schliessen, , 



224 Marcus Diaconus. 

das Heiligthum des Mamas jedoch tastete er, durch 
eine grosse Summe Goldes bestochen, nicht an; es 
blieb nach wie vor den Befragenden geöffnet (Kap. 27, 
S. 184, 15—27). 

iSo war der erste Versuch zur Beseitigung des 

Hei^ienthums in Gaza im wesentlichen fehlgeschlagen. 

Wa^in ist derselbe anzusetzen? In welches Jahr fällt 

Mafrcus' Reise nach Byzanz? Aus Marcus selbst 

ist (Gewisses darüber unmittelbar nicht zu entnehmen. 

Da I er jedoch Eutropios als noch im vollen Genuss 

seiijies unumschränkten Einflusses auf den Kaiser und 

diel Leitung der öffentlichen Angelegenheiten erwähnt, 

derlselbe aber nach vierjähriger schmachvoller Herr- 

schJaft im J. 399 gestürzt wurde, so muss dieses Jahr, 

waai auch aus dem Folgenden sich ergiebt, als der 

äug serste Zeitpunkt angesehen werden. Zugleich kann 

Ma rcus aber nicht vor 398 in Byzanz gewesen sein, 

wejil in diesem Jahre erst, am 26. Februar (Sokr. VI, 2), 

Jo! aannes Chrysostomos sein erzbischöfliches Amt in 

Kc »nstantinopel antraf. Die letztere Thatsache ist von 

Eberhard (Bursian's Jahresbericht III, S.. 544) nicht 

bei rücksichtigt, der des Marcus Sendung nach Konstan- 

tiu lopel zwischen die J. 395 und 399 fallen lässt. Es 

bl« 3iben somit nur die beiden J. 398 und 399. 

Die Verhältnisse hatten sich für die Christen in 
Gl iza nach Hilarius' Erscheinen in keiner "Weise ge- 
be ssert. Im Gegentheil, in Folge des stetigen Anwachsens 
de r christlichen Gemeinde steigerte sich der Hass und 
di e Erbitterung der Heiden dermassen, dass man die 
C] iristen sogar an der Ausübung ihrer bürgerlichen 
E echte hinderte. Aus Schmerz hierüber machte sich 
ei idlich Bischof Porphyrios zum Erzbischof Johannes 
m ich Cäsarea auf, um ihn zu bitten, persönlich mit ihm 
n{ ich Konstantinopel zu reisen und den Kaiser um Ab- 
st ellung der Schäden anzuflehen. Nach langem Sträuben 
w illigte Johannes trotz der Nähe der Wintersonnen- 
w ende in den Vorschlag, Porphyrios liess seinen Diakon 
]y [arcus nachkommen, und so trat man im December 
d es Jahres 400 die Seefahrt an. Nach einem kurzen Be- 



Marcus Diaconus. 225 

such bei dem damals berühmten Einsiedler Prokopios 
auf Rhodus, der die Bischöfe in sehr eingehender Weise 
mit den augenblicklichen Verhältnissen bei Hofe be- 
kannt machte, gelangten sie von da nach zehntägiger 
Fahrt glücklich nach Byzanz. 

Halten wir hier einen Augenblick inne, um auf 
unseres Gewährsmannes Führung einen prüfenden Blick 
zu werfen. 

Wenn Hase zur Kennzeichnung des eigenthüm- 
lichen Gepräges der deutschen Geschichte Lambert's 
von Hersfeld den treffenden Ausdruck gebraucht, er 
lasse die Geschichte der Welt und seines Volkes am 
kleinen, gemalten Fenster seiner Zelle vorüberziehen, 
so trifft dies in gewissem Sinne auch auf die Geschicht- 
schreibung des Marcus zu, nur dass der Gesichtswinkel 
in dessen „Leben des Porphyrios" noch bedeutend 
kleiner, der Gesichtskreis weit enger erscheint als der 
des deutschen Mönches. Es mangelt in seinem Werke 
zwar nicht angelegentlichen werthvoUen geschichtlichen 
und mythologischen Bemerkungen, dergleichen ich hin 
und wieder zuvor schon in meine Darstellung aufgenom- 
men, auch Zeit- und Wegemasse sind mehrfach mitlobens- 
werther Genauigkeit verzeichnet ; ^'*) aber es fehlt dem 
treuen Diakon durchaus der Blick für das Grosse und 
Bedeutende. Ausschliesslich bedacht auf die Verwirk- 
lichung dessen, worin seine Zeit das erstrebenswerthe 
Muster und Ziel alles christlichen Dichtens und Trach- 
tens setzen zu müssen glaubte, hat er kein Auge für 
die gewaltigen Ereignisse der Zeit. Er sieht nur das, 
was seinen bewunderten Bischof Porphyrios angeht. 
Gewiss sind wir ihm für so manche treu bewahrte und 



") Besonders die auf die Seefahrten bezüglichen Angaben in 
der Schrift, die Schilderung des Sturmes auf der Fahrt von Bhodus 
nach Gaza würden vielleicht auch für Breusing von Wichtigkeit 
gewesen sein, dem in seinem höchst verdienstlichen, mit beherrschen- 
der Sachkenntniss geschriebenen und den Stoff erschöpfend behan- 
delnden Werke „Die Nautik der Alten" (Bremen 1886) nach Ausweis 
des Verzeichnisses der von ihm berücksichtigten Stellen der Alten des 
Marcus „Leben des Porphyrios ' entgangen zu sein scheint. 

Drftseke, Ges. patrist. Untersuch. lO 



226 Marcus Diaconus. 

anschaulich geschilderte Einzelheit aus dessen Leben 
wie insbesondere auch hinsichtlich des grossen Chryso- 
stomos und des in seiner Schrift überaus deutlich in 
den Vordergrund tretenden Eänkespiels der obersten 
Hofbeamten zu Byzanz zu Danke verpflichtet. Wir 
suchen aber vergeblich nach einem einzigen Hinweis 
auf gewisse gleichzeitige geschichtliche Thatsachen, 
die, wenn anders Marcus nicht zu einseitig seines 
Bischofs Lebenszwecken hingegeben gewesen wäre, ihn 
nicht , unberührt hätten lassen können. Ich denke da- 
bei weniger an die seinem ersten Aufenthalt in Byzanz 
gleichzeitige Anwesenheit der gleichfalls zum Zwecke 
der Bitte um Erleichterung mannichfacher Uebel aus 
der Provinz Cyrenaica erschienenen Gesandtschaft, an 
deren Spitze der berühmte Synesios, der in seiner 
„Rede über das Königthum" vor Kaiser Arcadius kühner 
als je ein Hellene gesprochen zu haben sich rühmen 
konnte; weniger an das heftige Erdbeben vom Jahre 400, 
während dessen, um von Chrysostomos' Angaben ^^) zu 
schweigen, der zur Betreibung der Angelegenheiten 
seines Heimathslandes immer noch in Byzanz weilende 
Synesios, die allgemeine Bestürzung benutzend, sich in 
ein Schiff warf und, ohne bei Hofe und seinen Freun- 
den Abschied genommen zu haben, nach Kyrene zu- 
rückkehrte. Vielmehr vermissen wir einen Hinweis auf 
den besonders die hauptstädtische Bevölkerung in un- 
geheuere Aufregung versetzenden Sturz des Eutropios, 
der doch des Marcus Anliegen das erste Mal so eifrig 
gefördert hatte, und den dieser jetzt nun nicht mehr 
in Konstantinopel vorfand. Wir vermissen vor allem 
einen Hinweis auf die gewaltigen Ereignisse, welche 
das oströmische Reich in seinen Grundfesten erschüt- 
terten, die Verschwörung, die Niederlage und den Tod des 
Gothen Gainas im Jahre 400. Doch folgen wir zunächst 
wieder dem trotz aller dieser Mängel in den Angelegen- 
heiten seines Bischofs so wohl bewanderten und zuver- 
lässigen Gewährsmanne weiter. 

^5) Chrysost. opp. ed. Montfaucon, T. IX, S. 58 ff. Hom. VII in 
Act. Apost. und S. 311, Hom. XLI. 



Marcus Diaconus. 227 

Der erste Gang der Bischöfe am Tage nach ihrer 
Ankunft in der Hauptstadt führte sie zu dem gefeier- 
ten Erzbischof Johannes (Chry sostomos), um ihm 
ihre Angelegenheit vorzutragen. Dieser erkannte so- 
fort den Marcus wieder; er erinnerte sich der bereits 
früher gepflogenen Verhandlungen und sagte alsdann 
— die für des edlen Redners Muth so bezeichnenden 
und für seine damalige Stellung wichtigen "Worte dürfen 
wir als von Marcus getreu überliefert ansehen — : „Ich 
selbst bin nicht im Stande, mit dem Kaiser zu reden; 
denn es hat ihn die Kaiserin wider mich aufgebracht, 
weil ich ihr Vorwürfe wegen eines Besitzes gemacht, 
den sie, da sie seiner begehrte, gewaltsam an sich ge- 
bracht hat.^®) Ich selbst kümmere mich nicht darum, 
dass sie mir zürnt, noch bin ich deswegen besorgt; 
denn sie habien sich selbst geschädigt, nicht mich" 
(Kap. 37, S. 189, 5 ff.). Durch den bei der schönen 
Kaiserin Eudoxia in hohem Ansehen stehenden Käm- 
merling Amantios, einen eifrigen Christen, wusste er 
den Ankömmlingen einen Empfang bei derselben aus- 
zuwirken. Eudoxia war durch Amantios bereits von 
dem Eeisezweck der palästinischen Bischöfe unterrichtet 
und ihnen von vorherein gewogen. Aufgefordert, ihre 
Bitte vorzutragen, klagten sie, wie die Götzendiener 
ungescheut ruchlose Dinge trieben und dabei die 
Christen vergewaltigten, indem sie ihnen nicht gestatte- 
ten, ihre bürgerlichen Rechte auszuüben, noch ihre 
Aecker zu bestellen, von deren Ertrag sie doch dem 
Kaiser ihre Abgaben entrichteten. Reich beschenkt 
entliess Eudoxia dies erste Mal die Bischöfe, redete 
sofort mit dem Kaiser und bat ihn um die Zerstörung 
der Tempel in Gaza. Arcadius sträubte sich anfangs, 
so ohne weiteres hierauf einzugehen: er wusste den 
guten Willen und die "Wichtigkeit der Stadt als einer 
bedeutenden Steuerzahlerin wohl zu schätzen und fürch- 



^*) Höchst wahrscheinlich ist hier der Kaub des Weinberges der 
Wittwe des Theognostos gemeint, dessentwegen Chrysostomos jenen 
herrlichen, freimüthigen Brief an Eudoxia schrieb, den ihm]^die leiden- 
schaftliche Kaiserin niemals verzeihen konnte. 



15* 



228 Marcus Diaconus. 

tete von strengem Vorgehen gegen deren heidnische 
Bürgerschaft einen Rückgang in den Einnahmen. Ihm 
schien es sicherer, das Heidenthum allmählich zurück- 
zudrängen, die Anhänger desselben zunächst von obrig- 
keitlichen Aemtern auszuschliessen, sodann ihnen ihre 
bürgerlichen Rechte zu verkürzen, die Tempel zu 
schliessen und die öffentliche Befragung derselben zu 
verbieten. Arcadius hatte sich aber verrechnet, die 
schlaue und thatkräftige Kaiserin, deren beredter Zärt- 
lichkeit ihr Gemahl ernstlich zu widerstehen nicht im 
Stande war, wusste stets Mittel und Wege zu finden, 
um ihren Willen durchzusetzen. Beim zweiten Em- 
pfange am folgenden Tage theilte Eudoxia den 
Bischöfen zunächst den Unwillen des Kaisers mit, 
hiess sie aber trotzdem guten Muthes sein, mit dem 
Versprechen, selbst nicht ablassen zu wollen, bis sie 
das Ziel erreicht. In überströmendem Dankeserguss 
warfen sich die Bischöfe der Kaiserin zu Füssen, und 
jetzt verstieg sich Porphyrios, dem die Erinnerung an 
des Einsiedlers Prokopios Worte betreffs des Zustandes 
der Herrscherin durch den Kopf fuhr, zu dem weit- 
ausschauenden prophetischen Worte: „Zum Lohn für 
deine Mühe wird Christus dir einen Sohn schenken, der 
leben und herrschen wird, so dass du es erleben und 
dich dessen viele Jahre lang freuen wirst". Hochbe- 
glückt von dieser Rede, von holder Röthe übergössen^ 
die sie noch viel schöner erscheinen liess, als sie schon 
war — wie sogar Marcus bewundernd bekennen muss^ 
— empfahl Eudoxia sich selbst den Gebeten der from- 
men Männer und versprach, wenn Gott sie gnädig be- 
schirmt, nicht bloss ihre Bitte zu erfüllen, sondern mehr 
noch als das zu thun: mitten in Gaza eine Kirche zu 
erbauen. In täglichem Verkehr mit Johannes Chryso- 
stomos und dem Kämmerling Amantios, der hin- und 
herging, manchmal Antworten der Kaiserin bringend, 
manchmal die Gunst einer Unterredung, verstrich den 
Bischöfen die Zeit des Harrens. Da trat das freudige 
Ereigniss ein, „die Kaiserin gebar einen Sohn, und 
man nannte seinen Namen Theodosius nach dem Namen 



Marcus Diaconus. 229 

seines Gross vaters, des Spaniers Theodosius, des Mit- 
kaisers des Gratianus. Der junge Theodosius aber war 
im Purpur geboren, weswegen er auch seit seiner Ge- 
burt den Titel Kaiser führte". Die Kaiserin, welche 
unmittelbar nach der Geburt den Bischöfen den Dank 
für ihre Gebete und das erneute Gelöbniss der Erfüllung 
ihrer Bitte durch Amantios hatte übermitteln lassen, 
hiess dieselben in einem gleich nach ihrer Genesung 
ihnen bewilligten Empfange eine Bittschrift verfassen 
und diese, nachdem sie den betreffenden Hofbeamten 
in's Geheimniss gezogen, bei Gelegenheit der Taufe des 
jungen Kaisers dem Träger desselben überreichen. 
Nach wenigen Tagen sollte die Taufe des Prinzen 
stattfinden. Ganz Konstantinopel war festlich bekränzt 
und mit seidenen und golddurchwirkten Stoffen kostbar 
geschmückt, eine frohbewegte Menge in bunten, farben- 
prächtigen Gewändern durchflutete die Strassen der 
Stadt (Kap. 38—46). 

Auch hier wieder zeigt sich Marcus' Eigenart in 
der Berichterstattung. Er erklärt sich ausser Stande, 
den Glanz jener festlichen Ausschmückung der Stadt 
zu beschreiben; er überlässt das den B,edegewandten ; 
seine Theilnahme haftet gespannt an dem Festzuge. 
"War doch an die richtige Ausführung der Anordnungen 
der schlauen Kaiserin die Erfüllung sämmtlicher Hoff- 
nungen der Gazäer geknüpft. Zu sehen gab es ja auch 
so mancherlei, was der Ueberlieferung werth schien. 
Und so erhalten wir denn von dem schlichten Erzähler 
ein Bild von solcher Anschaulichkeit, wie es von heu- 
tigem Festgepränge etwa nur eine photographische 
Augenblicksaufnahme zu geben vermag. „Nachdem 
der junge Theodosius getauft war", so berichtet Marcus 
(Kap. 47, S. 193, 13 ff.), „und nun wieder aus der 
Kirche zum Palast kam, konnte man abermals die 
Pracht der zahlreich Voranschreitenden und den Glanz 
ihrer Gewänder schauen. Alle trugen nämlich weisse 
Gewänder, so dass die ganze Menge wie mit Schnee be- 
deckt schien. Voran schritten aber die Patricier, die 
Illustres und jede Klasse der Würdenträger sammt den 



230 Marcus Diaconus. 

Befehlshabern des Heeres, alle Wachskerzen tragend, 
so dass man glauben konnte, die Sterne leuchteten auf 
der Erde. In der Nähe desjenigen aber, der das Kind 
trug, schritt Kaiser Arcadius selbst mit heiterem Ant- 
litz, das mehr strahlte als der Purpur, mit welchem er 
umgeben; einer der Grosswürdenträger trug das Kind 
in leuchtendem Gewände. Wir aber wunderten uns, 
als wir solche Pracht sahen. Da sprach Porphyrios zu 
uns: „Wenn das, was nach kurzer Zeit verschwindet, 
solchen Glanz hat, wie viel mehr das Himmlische, das 
den Heiligen bereitet ist, das kein Auge gesehen, das 
kein Ohr gehört, das in keines Menschen Herz gekom- 
men ist?" Wir waren aber mit unserer Bittschrift in 
die Vorhalle der Kirche getreten, und als man nun 
von der Taufe herauskam, riefen wir laut: „Wir flehen 
deine Frömmigkeit an!" und hielten das Papier empor. 
Als aber der Träger des Kindes, der, von der Herrin 
unterrichtet, um unsere Sache wusste, dies sah, befahl 
er, das Papier ihm zu reichen, und nachdem er es 
empfangen, blieb er stehen. Er gebot Ruhe, öfl&iete 
es und las einen Theil, dann faltete er es zusammen, 
legte seine Hand unter des Kindes Kopf, liess den- 
selben ein wenig nicken und rief laut vor allen : „Seine 
Majestät hat befohlen, dass der Inhalt der Bittschrift 
geschehe". Alle aber, die es sahen, wunderten sich 
und huldigten dem Kaiser, indem sie ihn glücklich 
priesen, dass ihm die Gnade zu Theil geworden, bei 
seinen Lebzeiten seinen Sohn als Herrscher zu sehen; 
er freute sich aber, als er das hörte. Vorweg aber 
wurde auch der Kaiserin Eudoxia der Vorfall von ihrem 
Kinde gemeldet, welche sich freute und auf den Knieen 
Gott dafür dankte". 

Die List war gelungen. Obwohl ungern, musste 
Arcadius doch den Bitten der Kaiserin nachgeben und 
das Gesuch der Gazäer gleichfalls genehmigen. Die 
nächsten Anordnungen waren verhältnissmässig einfach. 
Es wurde im Namen beider Kaiser ein dem Lihalt der 
Bittschrift genau entsprechender Erlass ausgefertigt 
und mit de Ausführung desselben ein Rath aus dem 



Marcus Diaconus. 231 

Consistorium Namens Kynegios beauftragt, ein glau- 
benseifriger Mann, dem Eudoxia persönlich noch ganz 
besonders einschärfte, alle Tempel in Gaza bis auf den 
Grund zu zerstören und dem Feuer zu übergeben. Den 
übrigen Theil des Winters brachten die Bischöfe noch 
in der Hauptstadt zu. Erst nach dem Osterfest des 
Jahres 401 schickten sie sich zur Heimkehr an, nachdem 
sie von der Kaiserin auf das gnädigste entlassen und 
für den Bau der von ihr gelobten Kirche und einer 
daneben zu errichtenden, zur Aufnahme der in der 
Stadt weilenden fremden christlichen Brüder bestimmten 
Herberge mit reichen Geldmitteln versehen- waren, 
denen Arcadius bei einem besonderen Abschiedsempfang 
noch eine bedeutende Summe hinzufügte. Auf der 
Heimfahrt hatten die Bischöfe einen furchtbaren Sturm 
zu bestehen, landeten aber am fünften Tage, nachdem 
sie B.hodus verlassen, glücklich in Majuma. Ein herz- 
erfreuender Empfang ward ihnen hier zu Theil. Die 
Christen von Gaza zogen Psalmen singend ihnen ent- 
gegen, und die ganze Menge, verstärkt durch die noch 
weit zahlreicheren Christen der Hafenstadt, unter ihnen 
viele ägyptische Weinhändler, wandte sich, nachdem 
die Reisenden das Land betreten, zur Stadt, während 
die Heiden bei diesem Anblick vor Wuth knirschten, 
dennoch aber nichts zu unternehmen wagten, da sie 
gehört hatten, wie grosse Ehre die Bischöfe von den 
Kaisem erfahren. Die Nachricht vielmehr, dass die 
Tempel zerstört werden sollten, erfüllte sie mit Sorge 
und Angst. Als ein böses Vorzeichen musste ihnen 
gleich dasjenige erscheinen, was sich auf dem Wege 
zur Stadt ereignete. 

An der s. g. Tetramphodos, dem Kreuzungspunkte 
zweier Strassen zwischen Gaza und Majuma, stand 
oberhalb eines Altars ein Marmorbild der Aphrodite, 
nach Marcus' Beschreibung einer Anadyomene. Unserem 
Gewährsmann zufolge (Kap. 59, S. 198, 2 ff.) genoss 
das Bild der Göttin von allen Gazäem, besonders den 
Weibern, hohe Verehrung; bei nächtlichem Dienste zün- 
dete man ihr Lampen an und opferte Weihrauch. Vor- 



232 Marcus Diaconus. 

nehmlich hiess es, dass die Göttin denen, die zur Ehe 
schreiten wollten, im Traume Orakel ertheile. Mit den 
Kindern seiner Zeit schreibt Marcus alle diese Wirkun- 
gen den Dämonen zu; ein Dämon wohnt nach dem 
Glauben der damaligen Christen in der Bildsäule; Dä- 
monen sind es, welche das namenlose Elend der vielen 
durch jenen Aphroditedienst gestifteten Missehen ver- 
schulden. Als der über die glückliche Heimkehr des 
Bischofs und den über Erwarten grossen Erfolg der 
Reise desselben freudig gestimmte Zug der Christen an 
jener Stätte vorüberzog, stürzte das Marmorbild der 
Aphrodite um und zerbrach in viele Stücke, ein Wahr- 
zeichen für die als Zuschauer zahlreich herausgeströmten 
Heiden, dass es mit der Herrschaft der alten Götter zu 
Ende gehe, und eine ernste Mahnung, sich der christ- 
lichen Kirche zuzuwenden. Ein nicht unerheblicher 
Zuwachs der Gemeinde war die Folge dieses zufälligen 
Ereignisses. 

Bischof Johannes, dem gleichfalls von Arcadius 
alle gewünschten Vorrechte für seine Kirche bewilligt 
waren, kehrte nach zwei Tagen nach Cäsarea zurück. 
Wenige Tage später aber traf der kaiserliche Bevoll- 
mächtigte Kjrnegios ein, der den Consularis und den 
Dux und ein zahlreiches kriegerisches und bürgerliches 
Aufgebot mit sich brachte. Viele Heiden, besonders 
die reichen Bürger, die vorher davon Kunde erhalten, 
hatten die Stadt schon verlassen und sich theils auf 
die Dörfer, theils in andere benachbarte Städte ge- 
flüchtet; ihr Besitzthum ward von Kynegios eingezogen. 
Derselbe berief am Tage nach seiner Ankunft in der 
Stadt eine allgemeine Versammlung der Einwohner und 
theilte ihnen in Gegenwart des Dux und des Consularis 
das kaiserliche Schreiben mit, das den Befehl aussprach, 
die Götterbilder und deren Heiligthümer zu zerstören 
Tind dem Feuer zu übergeben. Als die Heiden., dies 
hörten, erhoben sie ein so lautes Wehgeschrei, dass die 
Behörden sich zu strengem Einschreiten veranlasst 
sahen, während die Christen jubelnd die Kaiser und 
die Behörden priesen (Kap. 63, S. 199, 9 — 21). 



Marcus Diaconus. 233 

Sofort brach mau jetzt zur Zerstörung der Tempel 
auf/ Nach Marcus (Kap. 64, S. 199/ 22 flP.) befanden 
sich damals acht öffentliche Tempel in der Stadt, der 
des Helios, der Aphrodite, des ApoUon, der Köre, der 
Hekate, das s. g. Heroon, der der Tyche der Stadt, das 
s. g. Tycheion und das mehrfach ermähnte Marneion. 
Dem letzteren galt der erste Sturm der von Kynegios 
zu diesem Zwecke mitgebrachten Soldaten und der 
Christen der Stadt. Hier stiess man aber auf unge- 
ahnten Widerstand. Die Priester des Marnas, von dem 
herannahenden Unheil benachrichtigt, hatten die Thore 
des inneren Tempels mit grossen Steinen verrammelt 
und in das innerste Heiligthum alle im Besitz des 
Tempels befindlichen kostbaren Geräthe geborgen; sie 
selbst waren mittels unterirdischer Ausgänge, die zahl- 
reich vorhanden sein sollten, geflohen. Man eilte daher 
zu den anderen Tempeln. Zehn Tage währte das 
Werk der Verwüstung; da wandte man sich wieder 
zum Mameion und berathschlagte, wie das Heiligthum 
zerstört werden solle. Auf den Ausspruch eines sieben- 
jährigen Knaben hin, in welchem man einen göttlichen 
Auftrag zu sehen meinte, wurde flüssiges Pech^ Schwefel 
und Schweinetalg gemischt, damit die inneren Thore 
bestrichen und Feuer daran gelegt. Sofort fing der 
ganze Tempel ringsum Feuer, hoch empor schlugen 
die Flammen. Kein Christ aus Gaza rührte von den 
Schätzen des Tempels etwas an, nur die Soldaten und 
die gerade anwesenden Fremden raubten aus dem 
Feuer, soviel sie an Gold, Silber, Eisen oder Blei er- 
raffen konnten. Der Brand des gewaltigen Bauwerks 
währte mehrere Tage. Danach fand eine Durchsuchung 
der Häuser statt; noch waren die Vorhallen und Höfe 
mit zahlreichen Götterbildern geschmückt. Alles auf 
das Heidenthum bezügliche Bildwerk wurde schonungslos 
zertrümxnert, theils dem Feuer übergeben, theils in den 
Koth getreten. Ein gleiches Geschick hatten die hei- 
ligen Bücher, die zu den Geheimdiensten und feierlichen 
Weihen gebraucht wurden (Kap. 65, S. 200, 4 bis 
Kap. 71, S.203, 11). 



234 Marcus Diaconns. 

Es ist erklärlich, dass eine beträchtliche Zahl von 
Heiden nunmehr die väterlichen Götter verliess und 
sich dem Christenthum zuwandte; erwähnenswerth aber 
ist, dass Bischof Porphyrios im Gegensatz zu den Eife- 
rern, welche die Massenübertritte der Heiden auf Furcht 
zurückführten und deshalb missbilligten, alle ohne Aus- 
nahme mild und freundlich wie ein liebender Vater 
aufnahm, sie gründlich unterwies, dann taufte und auch 
nachher sie zu belehren und im Glauben zu befestigen 
nicht abliess. An 300 Seelen, bezeugt Marcus, wurden 
in jenem Jahre der christlichen Gemeinde hinzugethan, 
und dieselbe erfuhr seitdem stetigen Zuwachs (Kap. 72, 
S. 203, 11 bis Kap. 74, S. 204, 14). 

Als das Mameion völlig niedergebrannt und die 
Stadt wieder zur Ruhe gekommen war, ging Bischof 
Porphyrios, der theils um auch nach Entfernung der 
Behörden die Ordnung aufrecht zu erhalten, theils um 
ihre Dienstleistung zu anderen Zwecken in Anspruch 
zu nehmen, die Hülfsmannschaften zurückbehalten hatte, 
mit der Gemeinde zu Rathe, wie der Bau der Kirche, 
zu welchem die Kaiserin ihn so reichlich mit Geld 
versehen hatte, auf der Stätte des ehemaligen Mar- 
neions zur Ausführung zu bringen sei. Es ist bezeich- 
nend für die Anschauungen der damaligen Christen, 
dass viele dafür stimmten, die Kirche in der Form des 
alten Tempels zu erbauen. 

Das Marneion war nämlich, wie wir von Marcus, 
und zwar nur von ihm, beiläufig erfahren, ein Rundbau, 
von zwei ineinandergefügten Säulenhaller* umgeben ; 
To di ^idsov avTov rjv dva(pv(57irix6v xißcoQiov xal dvarera- 
^ivov elg vipog, so lautet der Ausdruck des Marcus 
(Kap. 75, S. 204, 25). Was heisst das? Gentianus 
Hervetus übersetzt: „medium erat ad emittendos vapo- 
res constitutum septentrionaleque et extensumin altum". 
Hat derselbe den ihm vorliegenden griechiscksen Wort- 
laut nicht verstanden, vielleicht weil er durch Fehler 
der Abschreiber verderbt und entstellt war? Es hat 
durchaus den Anschein, als ob er statt xi/bJQiov etwa 
xal ßoQeiov gelesen habe. Stark wusste (a. ä. 0. S. 599, 



Marcus Diaconus. 235 

Anm. 5) demnacli ' mit dem dieser, selbstverständlich 
verderbten, Lesart entsprechenden „septentrionaleque" 
nichts anzufangen und entnahm der Uebersetzung für 
seine Darstellung Folgendes: „Das Heiligthum selbst 
(Adyton), mit starken ehernen Thüren versehen, erhob 
«ich hoch in der Mitte und hatte hier eine Deckenöff- 
nung zum Herauslassen des Kauches; es ist dies also 
die Pantheonform mit Kuppeldach, höchst wahrscheinlich 
nach dem in römischer Zeit ausgebildeten System des 
Kuppelbaues.^ Es ist klar, dass Stark seine Deutung 
des Kuppelbaues aus der lateinischen Uebersetzung 
nicht erschliessen konnte, sondern aus^ vergleichender 
Betrachtung anderer, in ähnlicher Weise mit ringsum- 
laufenden Säulenhallen versehener Tempelanlagen fol- 
gerte. Der griechische Wortlaut aber bestätigt meiner 
Meinung nach seine Ansicht durchaus; denn er enthält 
nichts weiter als die Angabe der Form des Mittelbaues. 
Dieselbe ist ein dem Pflanzenreiche entlehnter Vergleich 
und vielleicht zu übersetzen: „Der mittlere Theil des- 
selben aber war eine aufgeblasene Wasserrose" (oder 
genauer etwa „einer aufgeblasenen Fruchtkapsel der 
Wasserrose ähnlich", wiewohl man einen den Vergleich 
andeutenden Ausdruck vermisst) „und hoch sich er- 
hebend". Da haben wir eine ganz genau vorstellbare 
und bekannte Form, und gegen Stark's Kuppelbau 
wird kaum etwas einzuwenden sein. Nur müssen wir 
den von Gentianus Hervetus erfundenen Eauch 
und die dafür in der Mitte des Baues gelassene Oeff- 
nung als '^eitelen Dunst fahren lassen. 

In jener Form nun, meinten einige, sollte die Kirche 
erbaut werden, andere widersprachen mit der Behaup- 
tung, auch das Andenken an jene Form müsse vertilgt 
werden. Der Meinungsverschiedenheit machte ein 
Schre'ben der Kaiserin ein Ende, welches zugleich den 
Grunrb.^s der Kirche in Kreuzesform enthielt nebst 
dcMj. '^'ersprechen der Sendung von Marmor und kost- 
baren Säulen. Nachdem der Brandschutt des Tempels 
zwischeö den beiden rundumlaufenden Säulenhallen, 
die man hatte stehen lassen, entfernt war, und Por- 



236 Marcus Diaconus. 

• 

phyrios die Reste der für heilig gehaltenen Marmorbe- 
kleidung des Marneions zum Pflastern der Strasse vor 
dem Tempel hatte verwenden lassen, ein Verfahren, 
welches die Heiden besonders verletzte und sie, haupt- 
sächlich die Frauen, noch nach Jahrzehnten veranlasste, 
jene Stätte nicht zu betreten, wurde der Bau, unter 
feierlicher Theilnahme der ganzen Gemeinde und unter 
Leitung des Baumeisters Eufinus aus Antiochia (Kap. 78, 
S. 206, 5), nach dem von Eudoxia gesandten Grundrisse, 
in Angriff genommen. Derselbe schritt nun rüstig fort. 
Im folgenden Jahre sandte Eudoxia die versprochenen 
Säulen, 32 an der Zahl, aus smaragdgrünem karystischen 
Marmor (Kap. 84, S. 208, 4 ff.). Die Kirche, an pracht- 
voller Ausstattung bewundernswerth, ward von allen 
Kirchen damaliger Zeit die grösste. Sie erhielt nach 
dem Namen ihrer Stifterin den Namen Eudoxiana und 
wurde nach fünf Jahren am Osterfest von Porphyrios 
unter der Theilnahme von nahezu tausend Mönchen, 
zahlreichen Bischöfen, Klerikern und Laien mit grossem 
Gepränge eingeweiht (Kap. 92, S. 211 ff.). 

Der Sieg des Christenthums war damit äusserlich 
entschieden. Di-e innere Ueberwindung des Heiden- 
thums jedoch ging von jener Zeit an erst ganz allmäh- 
lich vor sich ; die grosse Menge der Bevölkerung Gaza's 
blieb noch lange Jahre den alten Göttern treu, deren 
Bilder und Tempel ihnen genommen waren. Bezeich- 
nend für diese Zeit des Ueberganges ist es, dass viele 
im Manichäismus Zuflucht und Trost suchten. Eine, 
wie es scheint, nicht gewöhnlich gebildete-^* Frau aus 
Antiochia, Namens Julia, vertrat mit Erfolg Mani's 
Lehren in Gaza und machte verschiedene der neuen 
Christen von ihrem Glauben abwendig. Marcus, den 
wir sonst schon als genauen Beobachter kennen gelernt 
haben, hat auch hier das Wichtigste und Unt'^rschei- 
dende der ketzerischen Lehre scharf erfasst. P^r Ma- 
nichäismus erscheint ihm eine aus den Meinungen ver- 
schiedener Sekten und aus hellenischen Glaubenssalzen 
zusammengebrachte Lehre. „Sie reden,'' sagt er (Kap. 85, 
S. 208, 24 ff.), „von vielen Göttern, um den Hellenen 



Marcus Diaconus. 237 

zu gefallen, sodann aber auch vom Ursprung, dem Schick- 
sal und der Astrologie, um ungescheut zu sündigen, als 
ob die Sünde nicht in uns läge, sondern aus Schicksals- 
nothwendigkeit stammte. Auch Christum bekennen sie; 
doch sagen sie^''), er sei nur zum Scheine Mensch gewor- 
den." Noch einmal auf die Mischung zurückkommend, 
spricht Marcus den eigenthümlichen Satz aus: „Indem 
sie Lehren des Bühnendichters Philistion und des 
Hesiodos und anderer s. g. Philosophen mit christ- 
lichen Lehren vermischten, haben sie ihre eigene Ketzerei 
zu Wege gebracht." Was Hesiodos in diesem Zu- 
sammenhange zu bedeuten, braucht kaum erläutert zu 
werden, dagegen weiss ich mit der Beziehung auf 
Philistion {(yxfjvixog)^ vermuthlich den in Rom unter 
Kaiser Tiberius lebenden berühmten Mimogrß^phen aus 
Magnesia (oder Nicäa), den Verfasser von biologischen 
Komödien, nichts anzufangen. Porphyrios, durch die 
Erfolge der Manichäer beunruhigt, lud Julia und ihre 
Anhänger zu einem Religionsgespräch, das, wie alle 
derartige Verhandlungen, erfolglos verlief, für die Sache 
des Christenthums dadurch aber zum Heile ausschlug, 
dass Julia, das Haupt der Manichäer, unmittelbar nach 
dem Gespräch mit Porphyrios ihren Gläubigen durch 
einen plötzlichen Tod entrissen und infolge dessen die 
grosse Menge der von ihr Irregeleiteten für die christ- 
liche Kirche wieder gewonnen wurde. Für die theo- 
logische Wissenschaft verdient eine andere Bemerkung 
des Marcus noch besondere Beachtung. Er theilt näm- 
lich mit, d^ss er selbst die umfangreichen Verhand- 
lungen zwischen Porphyrios und Julia, die in 
des Bischofs Auftrage zunächst der in den biblischen 
Beweisstellen besonders bewanderte Diakon Cornelius, 
von ihm und Barochas unterstützt, schriftlich aufzeich- 
nete, in einer eigenen Schrift zur Darstellung 
gebra « ^. i.be. Meines Wissens ist dieselbe bis jetzt 
niclif .viint sie irrt vielleicht ohne Namen oder unter 

^') Kap. 86, S. 208, 27: öoxijGft df (cvtov ^iyovaiv tyai'xhQion^aui, 
nach Eberhard 's richtiger Verbesserang statt des überlieferten 



238 Marcus Diaconus. 

fremder Aufschrift, wie so. manches derartige Schrift- 
stück, in dem weitschichtigen, der Ketzerbestreitung 
gewidmeten Schriftthum der alten Kirche umher oder 
harrt noch staubbedeckt in einem unbeachteten Winkel 
irgend eines griechischen Klosters des Morgenlandes 
eines glücklichen Entdeckers. 

Nach diesem Zwischenfall und der zeitweiligen 
Störung des Wachsthums der christlichen Gemeinde 
von Gaza, durchtobte nur "noch einmal ein von Seiten 
der erbitterten Heiden losbrechender Aufruhr die Strassen 
der Stadt. Sieben Christen, unter ihnen der furchtlose 
Barochas, wurden dabei getödtet. Der entfesselte 
Glaubenshass loderte derartig empor, dass nach Marcus' 
Ausdruck alle Christen nahe daran waren vernichtet zu 
werden (Kap. 95, S. 212, 16). Es war besonders auf den 
glaubenseifrigen Bischof Porphyrios abgesehen. Allein 
von seinem treuen Marcus begleitet, floh derselbe über 
die Dächer der Stadt, um der Wuth der heidnischen 
Menge zu entgehen. Einige Tage hielten sich die 
Flüchtigen verborgen; nächtlicher Weile wagten sie 
sich erst hervor, als die Gemüther sich wieder beruhigt 
hatten. Das strenge, thatkräftige Einschreiten des 
Consularis Clarus, der von Cäsarea starke Mannschaften 
in die aufrührerische Stadt entsandte und die Schuldigen 
vor Gericht stellte, benahm den Heiden für die Zukunft 
den Muth, mit Gewalt die unliebsame Thatsache des 
endgültigen Sieges des Christenthums in Gaza wieder 
aus der Welt zu schaffen (Kap. 95, S. 212, 6 bis Kap. 99, 
S. 214, 3). Von da an nahm die Ausbreitung des 
Christenthums einen ruhigen, durchaus friedlichen Ver- 
lauf. Dasselbe zeitigte, wie ich zuvor schon erwähnte, 
unter den Kaisern Anastasius I. und Justinianus die 
herrlichsten Blüthen. Es ist dies ein für die Entwicke- 
lung des Geisteslebens und der Wissenschaften hoch- 
bedeutsamer Vorgang, den jedoch völlig klar-^u über- 
sehen wir bei dem derzeitigen Zustande dej vlssen- 
schaftlichen Kenntniss von demselben, wie ich im Ein- 
gang gleichfalls schon hervorhob, vorläufig noch ausser 
Stande sind. 



Marcus Diaconus. 239 

Wichtig erscheint es mir, hier zum Schluss noch 
einmal einen Blick auf die Berichterstattung des 
Marcus zu werfen, der uns ja so überaus schätzbare, 
genaue und zuverlässige Nachrichten über den geschil- 
derten, für die Geschichte Gaza's und des Christen- 
thums so wichtigen Zeitabschnitt überliefert. Am Schluss 
seines „Lebens des Porphyrios" theilt Marcus mit, dass 
Porphyrios wenige Jahre nach der Einweihung der von 
Eudoxia gestifteten Kirche starb, „am zweiten Tage 
des Monats Dystros des Jahres 480 nach der Rechnung 
der Gazäer, nachdem er 24 Jahre, 10 Monate und 7 Tage 
Bischof gewesen war" (Kap. 103, S. 215, 25). Da 
Porphyrios wahrscheinlich im Jahre 395 sein Bisthum an- 
trat, so würden wir damit in das Jahr 419 oder 420 ge- 
wiesen sein. Nach diesem Zeitpunkt, aber wohl nicht 
sehr lange nach dem Tode des gefeierten Freundes, 
schrieb Marcus dessen Leben. Einige höchst auffallende 
Beobachtungen drängen sich auch hier wiederum auf, 
sie liegen auf derselben Linie, wie die zuvor schon ge- 
machten, nur erscheint jetzt des Marcus Schweigen 
noch viel wunderbarer, als dies vorher der Fall war. 

Eudoxia starb schon vier Jahre nach der Geburt 
ihres von den Bischöfen einstmals so sehnsüchtig er- 
warteten Sohnes, des jungen Theodosius (Herbst 404). 
Die überschwengliche Weissagung des Porphyrios, dass 
sie ihres Sohnes glückliche Herrschaft erleben und sich 
viele Jahre desselben freuen werde, war nicht in Er- 
füllung gegangen. Gibbon, der in seiner nüchternen 
deistischen f)enkweise ganz besonders wenig befähigt 
war, die tür jenes Jahrhundert und die Folgezeit so 
bedeutungsvollen geistigen Mächte des Einsiedlerwesens 
und Mönchthums richtig zu schätzen, lässt (a. a. 0. 
S. 178, Anm. 5 u. S. 179) Porphyrios durch den Auf- 
trag der "Kaiserin, die Tempel in Gaza zu zerstören, 
„in Ver7ii..kuiig gerathen" und zeiht ihn ob jener seiner 
Wortt .' „Dreistigkeit". Dies Urtheil ist jedenfalls 
zu hart. Wir werden die berechtigte Freude des 
schlichten, demüthigen Mannes, der sich plötzlich an 
dem Ziele aller seiner Wünsche sieht, milder beurtheilen 



240 Marcus Diaconus. 

müssen, und auch seine Weissagung wird uns, wenn 
wir die eigfsuthümiiclie, schwärmeriscli-religiöse Rich- 
tung des Porphyrios, sein fast bis zur Krankhaftigkeit 
gesteigertes Seelenleben gebührend berücksichtigen, in 
etwas anderem Lichte erscheinen. Auffallend aber ist 
und bleibt es, dass Marcus jene weissagenden Worte^ 
deren Nichtigkeit der frühe Tod der Kaiserin doch un- 
widerleglich dargethan, trotzdem in seine Darstellung 
aufzunehmen kein Bedenken trug. Jeder zeitgenössi- 
sche, mit den Thatsachen vertraute christliche Leser 
musste doch daran Anstoss nehmen, und die Schätzung 
des Porphyrios, dessen Reden und Thun überall in das 
rechte Licht zu stellen Marcus in seiner treuherzigen 
Berichterstattung zum alleinigen Zweck und Ziel hat, 
in den Augen der Leser unbedingt dadurch herabge- 
mindert werden. Doch wir urtheilen auch hierin viel- 
leicht zu streng, d. h. nach unserem heutigen G-eschmack 
in derartigen Fragen. Der des fünften Jahrhunderts 
war ein wesentlich anderer; man nahm eben dergleichen 
Dinge, zu denen ich auch die vielfachen Träume und 
Wundergeschichten in dem „Leben des Porphyrios" 
rechne, anstandslos hin, wo wir uns vielmehr nach- 
drücklich dagegen verwahren und auf die natürliche 
Erklärung der Vorgänge, die übrigens bei Marcus 
mehrfach sehr nahe liegt, nicht glauben verzichten zu 
dürfen. 

Nicht weniger auffallend ist es, dass Marcus weder 
des Kaisers Arcadius Tod, der am 1. Mai 408 er- 
folgte, noch den der Eudoxia auch nur^-mit einer 
Silbe erwähnt. Gebot es in diesem Falle nicht die 
Pflicht der Dankbarkeit, des gütigen Kaiserpaares ehr- 
furchtsvoll zu gedenken, durch dessen Gnade allein der 
letzte grosse Sieg über das Heidenthum in Gaza er- 
rungen war? Die von Eudoxia gestiftete Kirche wurde 
erst nach fünf Jahren vollendet und geweiht? die gnä- 
dige Kaiserin, deren Frömmigkeit und Leiu^elv^/keit 
besonders bei der Bischöfe Anwesenheit in Konötanti- 
nopel Marcus zu rühmen nicht müde wird, starb aber 
schon vier Jahre nach der Geburt ihres Sohnes Theo- 



Marcus Diaconus. 241 

dosius, liat also die Vollendung des von ihr in's Werk 
gesetzten und mit wahrhaft kaiserlicher Freigebigkeit 
geförderten Baues nicht mehr erlebt. War es, so 
müssen wir abermals fragen, bei der Schilderung der 
Einweihungsfeierlichkeiten nicht Pflicht' des Geschicht- 
schreibers, das Andenken der kürzlich Heimgegangenen, 
deren Namen doch der von Fremden und Einheimischen 
angestaunte Prachtbau in Gaza trug, in gebührender 
Weise zu feiern? Die Entschuldigung, welche wir für 
das ganz ähnliche Verhalten des Marcus anderen ge- 
schichtlich wichtigen Zeitereignissen gegenüber vorher 
glaubten aussprechen zu dürfen, ist in den zuletzt an- 
geführten Fällen doch kaum zulässig; sein Verfahren 
bleibt hier durchaus unbegreiflich. Wir müssen ihn 
einfach so hinnehmen, wie er ist. Er steht eben in 
seiner Leistung als Geschichtschreiber nicht höher und 
nicht tiefer als mancher andere ehrenwerthe christliche 
Schriftsteller jener Zeiten, und wir sind ihm trotzdem 
— das wird immer die Hauptsache bleiben — für so 
manche sonstige Vorzüge seines Werkes, ich meine 
vornehmlich den schlichten Wahrheitssinn, die Genauig- 
keit seiner Beobachtung und die Sorgfalt in vielen 
schätzenswerthen Einzelheiten entschieden zu ganz be- 
sonderem Danke verpflichtet. 

Ein Fall ist sogar vorhanden, wo uns Marcus' Be- 
richt entschieden in sehr erwünschter Weise weiter 
hilft, iadem er eine Unsicherheit beseitigt, die zvl 
widersprechender Auffassung Veranlassung gegeben hat. 
Es handelt ^ich um das auch im Vorhergehenden be- 
rührte Veriri ttniss Johannes Chrysostomos' zur Kaiserin 
Eudoxia. Jeep nahm in seinen übrigens sehr gründ- 
lichen nd verdienstlichen „Quellenuntersuchungen zu 
den griechischen Kirchenhistorikern" (Leipzig 1884) 
Aniass, gegen Neander scharfen Tadel auszusprechen. 
Bei Gek ^^[Qheit des Nachweises, dass Nikephoros Kal- 
listos X } /14 seine Nachrichten aus Sozomenos VIII, 
16, bez^v. Sokrates VI, 15 entlehnt hat, bemerkt er 
(a. a. 0. S. 102): „Von grösserer Bedeutung ist, dass 
im Anfang die Erwähnung des Weinbergs der Kalli- 

Dräseke, Ges. patrist. Untersuch. 1" 



242 Marcus Diaconus. 

trope, den sich die Kaiserin Eudoxia angeeignet haben 
sollte, aus Greorgios vit. Chrysost. genommen ist". Dem 
fügt er die Anmerkung bei: „Es wäre besser gewesen, 
wenn Ne ander. Der heihge Chrysostom., 3. Aufl. II, 
p. 115, diese alberne Anekdote bei Seite gelassen und 
sich nur an Palladius gehalten hätte, statt dessen Pla- 
giator und Verbrämer eines Wortes zu würdigen. 
Merkwürdig, dass auch in der Gegenwart noch immer 
in dasselbe Hörn gestossen wird, dessen Schall nur den 
Ruhm des Johanjies und die Niederträchtigkeit der 
schönen Eudoxia verkündet. Endlich sollte man doch 
einmal die Geschichte besser studiren". Was hat denn 
der gewissenhafte Neander gethan? In seinem „Jo- 
hannes Chrysostomus" (I. Aufl., Berlin 1822, S. 93) 
schreibt er: „Wie Chrysostomus sich früherhin den 
Hass des Eutropius zugezogen hatte, indem er sich 
den ruchlosen Handlungen desselben widersetzte, so 
gerieth er hernach mit der herrsch- und habsüchtigen 
Kaiserin Eudoxia in Streit, da sie ihre Günstlinge auf 
Kosten mancher unglücklichen Familien bereicherte. 
So soll sie, nachdem sie einen vornehmen Mann in 
Konstantinopel, Theognost, der Arglist seiner Feinde 
preis gegeben und in's Verderben gestürzt hatte, der 
unglücklichen Wittwe desselben das einzig ihr übrig 
gebliebene Besitzthum, einen in der Vorstadt gelegenen 
Weinberg, entrissen haben". Er stellt die Sache also 
als Gerücht dar, obwohl er sich (S. 96) auf Marcus' 
Bericht über Porphyrios' Unterredung mit Chrysostomos 
beruft. Letzterem scheint er also, wie ich zuvor schon 
von ihm hervorhob, noch nicht dasjenigvi' /Mass von 
Glaubwürdigkeit beigemessen zu haben, gas ihm un- 
zweifelhaft gebührt. Marcus ist für uns der älteste 
Gewährsmann, er ist wiederholt bei Chrysostomos ge- 
wesen, er hat mit eigenen Ohren die Worte gehört, 
welche dieser zu den Bischöfen sprach und hat sie, 
offenbar als hochbedeutsam für ihn und se ^ Reise- 
gefährten und deren Anliegen, mit liebevoller Sorgfalt 
überliefert. Sie lauten (vgl. zuvor S. 227) nach denx grie- 
chischen Text (Kap. 37, S. 189, öfi".) also: „Ich selbst bin 



Marcus Diaconus. 243 

nicht im Stande, mit dem Kaiser zu reden, denn es hat 
ihn die Kaiserin wider mich aufgebracht, weil ich ihr Vor- 
würfe wegen eines Besitzes gemacht habe, den sie, 
lüstern nach ihm, gewaltsam an sich gebracht hat. Ich 
kümmere mich freilich nicht darum, dass sie mir zürnt, 
noch auch bin ich deswegen besorgt, denn sie haben 
sich selbst geschädigt, nicht mich '^. Dass hier der Fall 
vorliegt, den Neander höchst vorsichtig mittheilt, 
scheint mir keinem begründeten Zweifel zu unterliegen. 
Denn wenn Chrysostomos sagt: Ich habe die Kaiserin 
getadelt, tvsxdXfCa avrrj xdqiv xri^fiarog ov ini-d'V^riaafSa 
d^flQTtaaBv, so ist damit die Gewaltthat der Eudoxia, 
die Aneignung eines fremden Besitzthums, deutlich ge- 
kennzeichnet, von welcher Jeep sie zu ungestüm hat 
entlasten wollen. Ich glaube, man kann die Geschichte 
in diesem Falle nicht besser studiren, als dass man auf- 
hört, jene Ueberlieferung als „alberne Anekdote" zu 
bezeichnen und sich daran gewöhnt, „den Ruhm des 
Johannes und die Niederträchtigkeit der schönen Eu- 
doxia*^ auch durch den schlichten, wahrheitsliebenden 
Marcus, dessen Jeep in seinen Untersuchungen merk- 
würdiger "Weise auch nicht mit einem Worte Erwäh- 
nung thut, verkündet werden zu lassen. 

Beiläufiger Bemerkungen zur Alterthumskunde ent- 
hält Marcus' Schrift eine ganze Reihe. Ich habe im 
Vorhergehenden schon die wichtigsten herangezogen 
und mitgetheilt. ^®) Es bleiben noch einige übrig, über 
die uns philologische Belehrung zur Hand ist. An die 
Stelle der -Reue der Pelagia" vom Diaconus Jacobus 
(Legenr^eh der Pelagia, Bonn 1879): 6 dk dyi^draroq fiov 
hnCüxo7to(; fjfraxaXstfdfievog rov olxovofiov r^g Ixxktjü^ag 
ivooTttov ctVTfjg fd(ox€v avTM vi^v i^ovfSCav nä(Sav TTjg 
ovaCac avTTJg — knüpft Usener (S. 47) die sachlich 
wichtige Erläuterung: „Den Oikonomos kennt und 

*^< ,i" bisher von Eberhard und Usener gemachten Vor- 
schläge zur ^Verbesserung des überlieferten Wortlauts der Schrift des 
Marcus habe ich nebst meinen eigenen in einem besonderen Aufsatz 
„Zu Marcus Diaconus' Vita Porphyrii episcopi Gazenzis" in Hilgen- 
feld's Zeitschr. f. wissenseh. Theologie XXXI, S. 352 ff. niedergelegt. 

16* 



244 Marcus Diaconus. 

definirt ein kaiserliches Resciipt vom. Jahre 398 c. 
Theod. IX, 45, 3 hi quos oeconomos vocant, hoc est 
qui ecclesiasticos consuerunt tractare rationes ; vgl. Ba- 
sileios' Brief 237, Marcus 212, 9. Die Institution eines 
Finanzamts neben dem Bischof tritt schon Conc. Gangr. 
Can. 7 hervor, erst durch das Concil von Chalkedon 
Can. 26 wird sie den Bischöfen zur Pflicht geuiachf^. . 
Die angezogene Stelle des Marcus (Kap. 95, S. 212, 9) 
zeigt die Einrichtung in Gaza als eine bestehende und 
den Oikonomos gerade in der Richtung der erwähnten 
Gesetzesstelle thätig ; er hat die der Kirche gehörenden 
Liegenschaften zu verwalten und geräth darob mit der 
städtischen Behörde zu Gaza in Streit: nori ydg dvri- 
ßoXfjq y€vofi^rfig xdqiv x^QCfav fieza^v tov oixorofjtov r^g 
ayCaq ixxki^a^ag xat ^Safiifjvxov tov TrQonTSVovtog. 

Von den zahlreichen Beamten, welche von Marcus 
erwähnt werden und deren Wirken und Obliegenheiten 
sicher zu ermitteln mit einigen Schwierigkeiten verknüpft 
ist, nenne ich hier nur den d^fi^xdtxdSv, j^des Raths und 
gemeiner Bürgerschaft Schirmvogt", den Marcus Kap. 25, 
S. 183, 9 ff. uns mit anderen vorführt. Einen Tag nachdem 
der halbtodt geschlagene Barochas von Christen unter, 
dem erbitterten Widerstände der Heiden, die ihn für todt 
hielten, in die Stadt getragen war, und Porphyrios ge- 
rade mit seinen Diaconen berieth, t^ xQV ^o^slv, y^vetat 
oQ&Qog xat iöov 6 dfjfiexdixfSv fisrä rdSv eiQtjvccQXfSr xcct TiSv 
ovo TiQcoTsvovTCüv Tifiod-^ov xot ^Etii^uvCov xr).. In seinen 
Beiträgen „Zur Geschichte des Patronats über juristi- 
sche Personen" (Rhein. Mus. VIII, 1853,^0^. 507 ff.) 
weist Ed. Philippi aus den juristischen ^i wt*u nach, 
„dass in der Zeit der späteren klassischen. \j/iristen die 
defensio der Stadt ein persönliches, nicht 'l)lf»^s von 
Vermögen abhängiges munus war, eine geior^'irf Last, 
welche man indessen, wenn nicht ein MangfcxVj^^ ^i. sen- 
den Leuten da ist, nur einmal zu übernehmeiv.r. i^i'sshte, 
und dass ferner zwischen dieser vorüber gebi*/ ^ wb Ver- 
tretung und der ein für alle Male bestellten Uiiiwalt- 
schaft ein Unterschied zu machen sei. Advokaten der 
letztern Art nannten die Griechen avvSixoi, die Defen- 



Marcus Diaconus. 245 

soren werden später ixöixoi rcov Ttokswp, der Patron 
7tQ0(fTdTfjg oder auch ttcctqcov genannt". „Der civitatis 
defensor lis^t", sagt Philip pi S. 509, „so weit seine 
Bedeutung überhaupt eine processualische werden kann, 
sich der Bürger und der Stadt im Ganzen anzunehmen", 
weswegen die von demselben S. 507 gebrauchte und 
oben (S. 222) von mir wiedergegebene Uebersetzung 
von d7ifA€xöixcov, „des B,aths und gemeiner Bürgerschaft 
Schirmvogt", eine sehr, passende ist. 

Anderer Art ist die Aufklärung, welche wir Haupt 
betreffs dep Sitte verdanken, bei Städte- und Gebäude- 
gründungen die Grundform der beabsichtigten Anlage 
kenntlich zu machen. Ich setze seine dem „Hermes" 
IV, 1869, S. 29 entnommene Bemerkung hierher: „Fu- 
turan urbis Alexandriae formam farina descriptam esse 
narrant Strabo XVII, 6 p. 792, Plut. in Alexandre 
cap. 26, Arrianus IH, 2, lason ap. Steph. Byzantium 
in Id^e^dvÖQeiat' indeque (quod Bernhardyum fugit) 
Eustathius in Dionysii v'. 254, lulius Paris in Epitome 
libri Valerii Maximi I cap. 5, Curtius IV, 8. 6, Am. 
Marc. .XXII, 16. 17, Pseudocallisth. I, 32, Itinerar. 
Alex. cap. 49. factum id esse propter inopiam levx^g 
y^c sive cretae dicunt Strabo Plut. lason Paris, ovx 
slvtti OTM T^v y^v i7tiyQ(iq)ov(fiv Arrianus, penuriam calcis 
fuisse Ammianus, pulverem defuisse Itinerarium, causam 
rei praeterit Pseudocallisth., solus Curtius narrat morem 
fuisse Macedonum ut urbis futurae mnros polenta de- 
stinarent. gypsi usum in describenda aedificii forma 
commemo^' -Marcus diac. in v. Porph. ep. Gaz. ^v di 
TiQorcQ^^a^s 9 c o iv cty^oig UoQcpvQiog 6 tniöxonog ^Pov(plv6v 
iiva dqyjri. ei'ct tx ti^g Idvxioxov , niüTov ärdga xal tni- 
aTi^fjo^' \ dt i:* y.i<f' ro dnav t^g oixodofi^g iTekeioix^fj. ovzog 
Xaß(ai 1 V i(^7^fifio)aaTo t'^p d-^aiv r^$ dyCag ixxXfja^ag 
xatd 1 ' ' /« rov 7t€(j(p&^VTog tsxaQ{<pov vno t^^ S-sofpi- 
/,€(jTü^ >. « , ovaTfjg Evdo^^ag/' — (206, 4 — 8.) „Es hatte 
aber ( * * Bischof Porphyrios einen Baumeister aus 
Antiot.» 'i, > i .finus, einen gläubigen und kenntnissreichen 
Mann, beaiucragt, durch welchen auch der ganze Bau 
vollendet wurde. Dieser gab mit Gyps die Lage der 



246 Marcus Diaconus. 

h. Kirche nach dem Vorbilde des von der gottgelieb- 
testen Kaiserin Eudoxia gesandten Grundrisses an." 

Ueber die Abfassungszeit der Schrift habe ich das 
Nöthigste vorher schon mitgetheilt. Vielleicht aber ist 
es nicht überflüssig auf gewisse Beziehungen auf- 
merksam zu machen, an die ich schon in anderem Zu- 
sammenhange, in der vorangehenden Untersuchung zu 
Dionysios von Rhinokolura erinnert habe. Bei der 
Einweihung nämlich der von Porphyrios in Graza auf 
der Stätte des alten Mameions mit Unterstützung der 
Kaiserin Eudoxia erbauten Kirche ging es nach Marcus^ 
Bericht ganz ähnlich zu, wie bei dem Kirchweihfest 
des Jahres 336 in Jerusalem, wohin ägyptische Bischöfe 
eine Wallfahrt unternahmen, nach des darüber berich- 
tenden Dionysios (De divin. nom. HI, 2) Ausdruck 
Inl Tfiv 'd'stav Tov Z^aQx^xov xal x)-€o66%ov druiaroq, d.- h. 
des Kreuzes Christi. Dort „beschloss man, dass die 
gesammten Hierarchen jeder nach seiner Fähigkeit die 
unbegrenzt mächtige Güte der urgöttlichen Schwach- 
heit preisen sollten" [iöoxsi (xecd Tfjp S-s^av v(ivii(Sai Tovg 
IsQccQxccg anavTag , cSg exaarog tjv txavog, t'^v. dneirQo- 
dvvafiov dya-d-orrixa Trjg x^sag^ix^g aG'd'eveCag), In Gaza 
„feierte der heiligste Porphyrios" — nach Marcus, 
Kap. 92, S. 211, 5 ff. — „das Weihefest am Auf- 
erstehungstage des h. Osterfestes mit grosser Pracht, 
keines Aufwandes schonend, sondern alle Mönche zu- 
sammenbringend, 1.000 an der Zahl, nebst anderen 
gottesfürchtigen Klerikern und Laien und Bischöfen, 
beging er alle Tage des h. Osterfestes in Freuden, xal 
ijv S-s d (fatt^ai dyy sXtxov g xoqo i c o r ^i 6%'ov Iv 
Tfj dxoXoV'd' Ca Tri ^ x^ckfj (fi^a(TT t x fj , d//.a %.id Iv raig 
6i/(»//«*c, fjvCxa lyivovTo. ov ^lovov y<'<> tjy f^ igaTTi^a 
alCx^fjTi^, dXXdxai nvsv^aTixri' fitrd ydqrö 'jij oy f^^} wo t/'CfA- 
fiog xal fi€Td ro nofia vfivog^\ Sollte der * '^ - y V rauchte, 
durch den Druck besonders hervorgehe »^ 'f • Ausdruck 
des Marcus, der einst um das Jahr 385 vo". nu^i Jalire 
bei den Vätern der Sketischen Wüste ^ v ilt liatt^, 
vielleicht eine Erinnerung an ihm wohlbekannte 
Ausführungen desDionysios in seiner „Himm- 



Marcus Dioconus. 247 

lisch en Hierarchie" sein ? Ueberraschend ist jeden- 
falls auch eine gewisse Aehnlichkeit zwischen P o r p h y- 
rios' Traum an der Schädelstätte (Marc. 7) 
mit der dem C a r p u s zu Theil gewordenen Erschei- 
nung, welche Di onysi OS (Brief VIII, 8) erzählt. Die 
Aehnlichkeit erstreckt sich auf mehrere Punkte und ist 
am auffallendsten in dem entscheidenden Eingreifen 
Christi, der dort vom Kreuze herabsteigt und Porphyrios 
das Kreuz zur Bewahrung übergiebt, worauf dieser, 
von seiner Verzückung erwachend, sich von seinem 
schweren körperlichen Leiden völlig geheilt fühlt, wäh- 
rend hier Christus, von seinem himmlischen Throne 
aufstehend, zu den Unglücklichen, welchen Carpus ge- 
flucht hatte, hinabgeht und sie liebreich stützt. Sollte 
diese Aehnlichkeit nicht gleichfalls auf eine gewisse 
Gedankenverbindung oder auch schriftstellerische Be- 
einflussung des für das hohe Urbild des mönchischen 
Weisen begeisterten Marcus durch die Darstellung des 
in ägyptischen Mönchskreisen za suchenden Diony- 
sios zurückgeführt werden dürfen ? Marcus Diaconus 
würde alsdann nach Grregorios von Nazianz. und 
Hieronymus der nächste kirchliche Schriftsteller sein, 
der in seinem „Leben des Porphyrios" eine gewisse 
Kenntniss der Sclyiften des Dionysios zu ver- 
rathen scheint. Doch gebe ich zu, dass hier bis über 
einen gewissen Schein der Wahrheit, d. h. Wahrschein- 
lichkeit, nicht hinauszukommen ist; zu einem bündigen 
Beweise versagen die ausgehobenen Stellen leider den 
Dienst. 



Druck der Verhi-rsanstalt und Druckerei A.-G. (vormals J. F. Richter) in Hamburg. 



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